Am Abgrund

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.
Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen der ersten Clue Writing Challenge.

Etwas versteckte sich in den Schatten und machte sich dazu bereit, Cara zu holen und mit sich in den unendlichen Abgrund zu reißen. Den tiefen Schuld, vor dem sie sich so sehr fürchtete, obwohl sie nicht wusste, was darin auf sie wartete, wenn sie auch überzeugt war, dass es nichts Gutes sein konnte. Verstört sah sie sich in dem von schweren, bordeauxroten Vorhängen verdunkelten Salon um, in den nur einige Streifen des matten Wintersonnenlichts fielen. Gleich wäre es Zeit für den Tee und Cara wartete darauf, dass Frederick der Butler eintrat, wie immer sein silbernes Tablett elegant balancierend. Diese regelmäßigen Rituale waren alles, was sie noch einigermaßen bei Verstand hielt und nicht in Verzweiflung versinken ließ. Alles, was ihre Familie noch zusammenzuhalten schien, war Essen, Trinken und reine Routine. Ihr Interesse an den sozialen Verpflichtungen, die ihr Status mit sich brachte, hatte sie längst verloren und es musste schon Ewigkeiten her sein, seit sie das letzte Mal das Haus verlassen hatte. Eine Vorahnung, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, ließ Cara seit geraumer Zeit nicht mehr los, irgendwas, das in der Finsternis lauerte, würde sie holen.
Ein scharrendes Geräusch riss Cara aus ihrem dumpfen, trägen Tagtraum und sie fuhr herum, darauf vorbereitet, dass Frederick eintrat und sie in seiner perfekt modulierten Stimme ansprach. Er gab wirklich sein Bestes, um sich seine Skepsis (oder war es Verachtung?) ihr gegenüber nicht anmerken zu lassen. Doch sie hatte schon vor langem begriffen, dass er wie alle anderen glaubte, dass sie nicht normal war. Ihre Mutter schämte sich für sie und ihre Schwester war besorgt, tat aber nichts. Cara sah Dinge, die niemand sonst sehen konnte, hörte Schritte und Geflüster und hatte Erlebnisse, die jeder Realität spotteten. Ursprünglich hatte sie geglaubt, dass sie unter Paranoia litt, doch als die Erlebnisse immer häufiger und intensiver geworden waren, war Cara zum Schluss gekommen, dass sie nicht krank sein konnte. Was sie sah war einfach zu real um ihrer Einbildung entspringen zu können.
„Frederick?“, rief sie mit unsicherer und leiser Stimme und ein ungutes Gefühl überkam sie, als ihr klar wurde, dass der Butler noch immer nicht eingetreten war. Im nächsten Moment sah sie sich bestätigt, als sich die langen Vorhänge bauschten und der Raum begann sich langsam zu verzerren. Ihre Welt drohte zusammenzustürzen und ein rasch tiefer werdender Trichter fing sich in der Mitte des Salons an zu formen. Die Möbel vibrierten, rutschen von selbst über den Boden und wurden schließlich in den immer schneller und stärker werdenden Strudel gerissen, erst das barocke Tischchen, dann sogar der große Ohrensessel, in dem Großvater immer gelesen hatte. Sie kippen in den bodenlosen Abgrund, kippten hinunter und wurden in tausende Stücke gerissen. Zitternd drückte sich Cara mit aller Kraft, die ihr noch blieb, gegen die Wand neben der verriegelten Balkontür, die sie nicht aufbekommen konnte. Ihr wurde klar, dass sie nicht mehr lange durchhalten konnte. Ein Würfel von dem Eile-mit-Weile-Spiel, das ihre kleinen Neffen gestern in einer Ecke liegenlassen hatten, hüpfte mit einer absurd anmutenden Leichtigkeit über den Boden an ihr vorbei und verschwand in dem Sog. Cara keuchte panisch, brachte jedoch keinen Schrei heraus, ein Teil von ihr wusste, dass es zwecklos war, nach Hilfe zu rufen, niemand nahm sie noch ernst, niemand glaubte ihr noch.
Langsam und ohne den Halt zu verlieren arbeitete sie sich der Wand entlang, hinter den trotz ihrem Gewicht wild flatternden Vorhängen hindurch auf den Kamin zu und fixierte den Scheuerhaken. Sie konnte sich nicht ausmalen, was auf dem Grund oder in der anderen Dimension auf sie wartete, doch sie brauchte eine Waffe!
Beinahe rutschte sie ab und wäre von der immer breiter werdenden Bodenlosigkeit verschlungen worden, doch sie bekam im letzten Augenblick die Fensterbank zu fassen und kämpfte gegen den mittlerweile pfeifenden Wind an. Sie durfte nicht loslassen, egal was am anderen Ende der Finsternis war, die sie zu verschlingen drohte, sie war überzeugt, dass es schlimmer war, als sie es sich je hätte ausmalen können. Schlimmer noch als damals, als der Gallenstein abgegangen war und sie sich vor Schmerzen gekrümmt hatte. Schlimmer als zu sterben oder niemals geboren worden zu sein.
Schwer atmend erreichte Cara den Kamin und langte nach dem Scheuerhaken, den sie nach mehreren vergeblichen Versuchen schließlich zu fassen bekam. Sie umklammerte ihre improvisierte Waffe mit festem Griff, sodass ihre Knöchel weiß wurden und schwor sich, nicht loszulassen, ganz egal, was geschehen mochte. Die schweren Vorhänge rissen sich von der Stange los und wurden in das schwarze Loch gesogen, dann konnte Cara sehen, wie die Fenster in ihrer Verankerung zu beben begannen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der ganze Raum, das ganze Haus einstürzte, doch so lange würde sie sich ohnehin nicht mehr am Kaminsims festhalten können. Ihr Puls raste und sie starrte mit angstgeweiteten Augen in den wachsenden Schlund, der bald ihre Füße erreichen würde. Bevor sie den Gedanken richtig zu Ende führen konnte, rutschte ihre verschwitze Hand ab und sie begann, vornüber auf den Abgrund zuzutaumeln. Mit ihrer verbleibenden Willenskraft hob sie den Scheuerhaken über den Kopf und machte einen Sprung voran. Wenn sie schon sterben musste, wollte sie dem Verderben ins Gesicht sehen. Im nächsten Augenblick, gerade als sie den Boden unter den Füßen verlor, erblickte sie eine verzerrte, diabolisch grinsende Fratze und sie schlug mit aller Kraft zu.

„Um Himmels Willen, wir müssen die Polizei rufen“, unterbrach Katie laut die Ruhe, die sich über den Salon gelegt hatte. „Mutter, bitte!“
Lady Worthington erhob sich von dem leblosen Körper ihres Butlers, der in einer kleinen, mit Tee und Porzellanscherben vermischten Blutlache auf dem Parkett lag. Die alte Dame sah zu ihrer Tochter auf und schüttelte bestimmt den Kopf. „Nein, es ist zu spät.“
Katie seufzte und wandte sich kurz ihrer älteren Schwester zu, die zusammengekauert auf dem Ottomanen hin und her wippte und dabei einen blutigen Scheuerhaken umklammert hielt, während sie unverständliche Sätze murmelte. Entrüstet fuhr Katie herum. „Es ist zu spät für Frederick, aber du weißt genauso gut wie ich, dass Cara wieder töten wird, wenn sie keine Hilfe bekommt, das war nicht das erste Mal!“
Lady Worthington trat zurück, bevor sie ihre Tochter anfuhr: „So sprichst du nicht mit mir, junge Dame! Du weißt, dass unsere Familie die Schmach nicht ertragen könnte, wenn etwas über Caras …“, sie stockte, wohl weil sie nach dem richtigen Wort suchte, bevor sie den Satz zu Ende führte, „Zustand erfahren würde. Wir müssen es verschweigen. Ruf deinen Bruder, er wird dir helfen, einen passenden Platz für Frederick zu finden.“
Cara hatte den Kopf gehoben, als sie ihren Namen gehört hatte, war aber gleich wieder in ihrer eigenen Welt versunken. Wutentbrannt stapfte Katie zum Fenster und riss die dunklen, schweren Vorhänge auf. Sofort fiel mehr Licht in den Raum und blendete sie, trotz dem dichten Nebel, der draußen vor dem Haus die Sicht auf den nahe gelegenen Wald versperrte. „Du bist ein kalter und selbstgerechter Mensch“, erklärte Katie überzeugt, nahm einen scharfen Atemzug und starrte ihre Mutter herausfordernd an. „Egal, was Cara getan hat, schuld bist alleine du, weil du dich geweigert hast, ihr Hilfe zu suchen. Hätte sie zur richtigen Zeit Medikamente bekommen und wäre in einem Sanatorium gewesen, wären wir jetzt nicht mitverantwortlich für den Tod von drei Menschen.“ Katies Stimme kippte in eine hysterische Verzweiflung als sie schrie: „Ich kann so nicht weitermachen!“
Lady Worthington trat vor Cara und musterte sie, bevor sie sich wieder ihrer anderen Tochter zuwandte. „Zuerst schützen wir den Namen der Familie, alles andere ist zweitrangig“, wiederholte sie überzeugt. „Cara muss mit der Verantwortung leben lernen, eine Worthington zu sein, ich habe genug von ihren Launen. Sie muss endlich begreifen, dass das Leben keine Spielwiese ist.“
„Verdammt, sie wird es nicht begreifen“, schrie Katie. „Sie ist eine wahnsinnige Serienmörderin! Wie dumm kannst du nur sein?“
Mahnend erhob Lady Worthington einen Finger und setzte dazu an, etwas zu sagen, doch sie kam nicht mehr dazu. Cara hatte sich mit einer unerwartet flüssigen Bewegung erhoben und ihr mit dem Schauerhaken auf den Kopf gehauen. Katie konnte ein schauriges Knacken hören und begriff, dass ihre Mutter tot war. Für eine kleine Ewigkeit herrschte Stille, während sich die beiden Schwestern gegenüberstanden, dann ließ Cara den Scheuerhaken fallen und murmelte leise: „Sie war böse zu dir.“
Mit etwas Überwindung löste Katie sich aus ihrer Starre und machte einen Schritt auf ihre Schwester zu. „Komm schon, setz dich etwas hin“, sagte sie unsicher und führte Cara zu dem alten Ohrensessel. Sie stand noch unter Schock und half ihrer Schwester, sich hinzusetzen. „Alles wird gut, Cara. Ich verspreche es dir.“
„Nein, nichts wird je wieder gut“, flüsterte Cara und schaute aus dem Fenster auf das Halo, das die Sonne in die Nebelschwaden und Wolken zeichnete. „Wir sind eine kaputte, kranke Familie.“
Katies Hand glitt langsam in ihre Manteltasche, zu dem kalten Stück Stahl, das sie nur aus einem Grund mitgebracht hatte. Sie war überzeugt davon, dass sie das tun musste und während sie Caras schweißverklebtes, dunkles Haar betrachtete, hob sie den Revolver und zielte auf ihren Hinterkopf. „Du musst nie wieder Angst haben, Cara.“ Für einen kurzen Augenblick zitterte ihr Finger am Abzug und sie musste sich überwinden, ruhig zu werden und die Träne in ihrem Augenwinkel wegblinzeln, dann drückte sie ab.

Autorin: Sarah
Setting: Salon
Clues: Paranoia, Interesse, Tablett, Würfel, Gallenstein
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2 Gedanken zu „Am Abgrund“

    1. Hallo Ann-Bettina,

      Vielen Dank, das Freut mich natürlich sehr zu hören (pardon, lesen) – vor allem so kurz vor Halloween! Und dabei war es noch nicht einmal das Halloween-Special ;)
      Liebe Grüsse und gutes Bloggen wünscht,
      Sarah

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