Die allerletzten Eidgenossen

Fortsetzung und Schluss zu: „Die letzten Eidgenossen“.

Höhle, [Lage Geheim], Schweiz, 1. August 2083

„Ich sehe etwas, was du nicht siehst und das ist …“
Martin, dem das Spiel gehörig auf den Kieker ging, unterbrach seinen Kameraden: „Alles außer das, bitte!“
„Okay“, seufzte Basil und musterte die Dose, die er in der Hand hielt. „Bohnen. Ich sehe Bohnen.“
Martin starrte demotiviert in die Flammen des kleinen Feuerchens. „Und ich kann Bohnen nicht mehr sehen.“
„Ich hätte jetzt auch gern einen Beruhigungstee, nur ist das ein Luxus, auf den man als einer der letzten Soldaten wohl oder übel verzichten muss.“ Damit stellte er die geöffnete Dose aufs Feuer und beobachtete begierig, wie die Flammen sie langsam erhitzten. „Na ja, eigentlich sind wir keine Soldaten mehr. Soldaten brauchen eine Armee.“
„Ach, wie man das nennt ist jetzt auch egal, wir haben uns ein ganzes Jahr in den Bergen gehalten.“
„Deinen Optimismus möchte ich haben, bei dir ist das Glas immer halb voll.“
„Mit Dosenbohnen“, gab Martin demotiviert zurück, ehe er in seinem Rucksack zu wühlen begann. „Apropos Optimismus: Ich habe bei unserem letzten Ausflug noch ein Päckchen Zigaretten gefunden …“
„Du hast das Rauchverbot im Kopf? Beim Höhleneingang hing ein Schild“, gluckste Basil amüsiert, was seinen Kameraden dazu veranlasste, das Offensichtliche festzustellen: „Wir haben ein Feuer angezündet. Ist sowieso kein Feind in der Nähe.“
„Und kein Freund“, ergänzte Basil trocken. „Dafür Bohnen.“
„Du mich auch. Aber ich frage mich schon, ob die überhaupt noch kommen, oder ob die zu viel Angst vor unseren Todesstrahlen haben. Man müsste ja glauben, irgendwann greifen sie an.“
„Das glauben wir schon seit einem Jahr und nachdem wir ihre Bomber abgeschossen haben, war es das. Nichts!“
„Wir sind halt neutral und in einer Höhle in den Bergen, das macht uns weniger interessant. Vielleicht versuchen die bis heute herauszufinden, was ihren Fliegern widerfahren ist.“
„Kann sein – trotzdem habe ich so langsam die Schnauze voll vom Warten, Weltkrieg hin oder her.“
Martin zuckte fatalistisch mit den Schultern und lehnte sich an die Rückwand der geheimnisvollen Höhle. Er wusste nicht einmal, für was diese Anlage früher gebraucht worden war, als einfacher Rekrut hatte man ihm solche Details nie verraten. Er war in seinem früheren Leben ein Bankier gewesen, korrekt, täglich in Hosenanzug mit Krawatte gekleidet, bis das Undenkbare geschehen war. Jetzt saß er in einem Loch in den Bergen und wartete auf einen Feind. Alles, was den beiden Kameraden noch blieb, waren zwei Sturmgewehre, hundert Schuss und ein nahezu unerschöpflicher Vorrat an Dosenbohnen. Warum jemand auf die Idee kam, derart viele Dosen vom selben Lebensmittel zu bunkern, blieb Marin ein Rätsel. Er beobachtete, wie sein Kamerad in den Bohnen rührte und rief dann in die dunklen Tiefen der Höhle: „Claire, Essen ist fertig.“
Ta Gueule, schon wieder dasselbe“, wetterte die Physikerin mit ihren französischen Akzent, ehe sie trotz ihrer offensichtlichen Demotivation hinter einer Biegung hervorschlurfte. „Na gut, ich habe Hunger.“
„Weißt du, heute ist es ein Jahr her, seit wir …“, begann Martin, nur um von ihr unterbrochen zu werden. „Und wenn schon? Irgendwann werden mehr kommen, morgen, in einer Woche, in einem Monat … Und wir sind nur zu dritt.“
Martin nickte. Obwohl er ihre Meinung eigentlich teilte, versuchte er, die Welt etwas positiver zu sehen – wenn sie schon warten mussten, konnten sie genauso gut etwas anderes tun als Trübsal blasen. „Auch wenn Funkstille herrscht, unsere Befehle gelten noch“, meinte er. „Wir halten die Stellung.“
„Ich wette hundert Franken, niemand wird kommen“, lachte Basil und hielt einen Geldschein hoch. „Na, gut, eines Tages vielleicht schon, wenn auch nicht wegen uns. Die wissen nicht, dass wir Todesstrahlen haben.“
„Wir werden ja sehen. Außerdem hat das sowieso keinen Wert mehr.“ Claire machte es sich bequem, während Basil ihr einige Bohnen in einen metallenen Teller schöpfte. „Ist doch besser so: Lieber vergessen als in Feindesland.“
Nach dem, was wir wissen, ist das ganze Land Feindesland“, kommentierte Basil lustlos und aß, trotz seiner früheren Beschwerden, herzhaft. „Wohl bekomms!“

Martin saß am Eingang zur Höhle und betrachtete den sternenklaren Nachthimmel über ihnen. Gedankenverloren kramte er eine der wenigen Zigaretten aus seiner Jackentasche, die er sich für spezielle Anlässe aufgehoben hatte. Heute war einer dieser Tage, sinnierte er – ein Jubiläum. Das Aufflackern seines Feuerzeugs blendete ihn und er kniff die Augen zu, ehe er einen tiefen Zug nahm. Eigentlich hatte er in seiner Jugend mit dem Laster angefangen sowie kurz darauf aufgehört, nur, Krieg veränderte alles.
Mit seinen geschärften Sinnen konnte er Claire bereits kommen hören, als sie noch auf halbem Weg zu ihm war. Wortlos setzte sie sich neben ihn und er bot ihr eine Kippe an, die sie annahm. Als das Feuer aufleuchtete, konnte er ihre stoische Miene erkennen, sah, wie sie in das Tal unter ihr starrte. Er wusste selbst nicht, wieso, vermutlich folgte er einem Impuls, als er sagte: „Sie werden kommen – eines Tages.“
Claire gab ein zustimmendes Geräusch von sich. „Ja. Nur wer?“

Autorin: Sarah
Setting: Geheimnisvolle Höhle
Clues: Todesstrahlen, Beruhigungstee, Krawatte, Geldschein, Rauchverbot
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