Special zu Rahels zweihundertfünfzigster Story | Alteram Vicem

Das System wird gebootet, die Bioware-Treiber initialisiert und schließlich rahel3145.exe ausgeführt. Schlagartig öffne ich die Augen und starre an die Deckenkuppel meines Habitats, wo aktuelle Wetterdaten, Nachrichten und verpasste Mitteilungen eingeblendet werden. In Gelb hinterlegter Schrift zählt der Countdown zu Sarahs Ankunft hinunter: Zwei Tage, sechsunddreißig Stunden, zwölf Minuten und vierzehn, nein, dreizehn Sekunden. Achtundzwanzig Jahre ist es nun her, seit wir uns das letzte Mal in Fleisch und Blut statt via Direktübertragung gesehen haben. Wobei die Umschreibung ‚Fleisch und Blut‘ zumindest bei Sarah nicht mehr ganz korrekt ist, besteht sie doch vorwiegend aus mechanischen Teilen. Ich hingegen ließ meinen Originalkörper zurück, als seine Gebrechen umfangreichere Modifikationen bedurften. Einen sentimentalen Wert hatte er für mich ohnehin nie gehabt. Flink setzte ich mich auf und fummle am Morphokabel, ehe ich mich vom Schlafpod abdocke und zur Dusche schlendere. Früher benötigte ich nach dem Aufstehen eine Weile Ruhe, bis mein Gehirn in die Gänge kam, heute ist das mit dem Denken eine Sache vom Hoch- und Runterfahren der Software sowie sporadischen Updates und Wartungsarbeiten. Gewaschen und mit Regenerationscreme eingesalbt, trete ich vor den Schrank. „Com. Jagdausflug, ganztägig“, spreche ich ins Mikrophon, ein Piepsen ertönt und schon erhalte ich Empfehlungen für zu den gemeldeten Temperaturen passende Kleidung. Das Klima auf Alteram Vicem ist gewöhnungsbedürftig wenn man von der Erde oder der Mondsiedlung kommt, aber dafür gibt es ja Leute wie mich. „Com. Frühstück, reichlich“, instruiere ich die Habitatssteuerung, die mir blechern antwortet: „Nahrungsreserven kritisch, Auswahl eingeschränkt. Bitte füllen Sie den Bestand auf.“
„Ja, ja. Ich weiß!“ Seufzend streichle ich meinen treuen Gefährten, der zusammengerollt in seinem Pod liegt und schlurfe zum Essbereich, wo Haferschleim auf mich wartet. Meine bescheidene Hütte am Rand des Hideaki Kraterbergs war einst ein Pionierprojekt, das dritte seiner Art um genau zu sein. Gerademal vier Jahre wohnte hier die Siedlercrew der Musk-Mission, danach wurde mein Heim für ein moderneres und vor allem komfortableres Domizil aufgegeben und der Verwahrlosung überlassen, bis ich es achtzig Jahre später kaufte und schrittweise renovierte. Eine Geschäftsidee hatte mich nach Alteram Vicem gebracht und mich von der hochtechnologisierten Mondsiedlung in den Wilden Westen des Kosmos getrieben. Ich bin Akklimatisator für reiche Auswanderer, die sich die physische Angewöhnung an das stark wechselhafte Klima und die zweiundvierzig Stunden dauernden Tage sparen wollen. Anstelle davon, selbst anzureisen, kaufen sie einen neuen Körper, senden ihn mir in Kryostase zu und ich arbeite das gute Stück ein. Zu einem späteren Zeitpunkt werden die Besitzer via Datenübertragung gesendet und in die biologischen Speicher eingespeist. Ein gleichermaßen seltsamer wie lukrativer Job, der es mir erlaubt, meinen Kindheitstraum vom einsamen Waldleben zu erfüllen. Wobei Geld derzeit wenig Wert hat, auf einer verhungernden Welt hat man besser Nahrungsmittel auf der hohen Kante. Natürlich, jeder Auftrag beginnt mit ständiger Müdigkeit, Frösteln und Hitzezuständen, gleichzeitig erhalte ich so die Gelegenheit, mein Persönlichkeitsprogramm, rahel3145.exe, auf den teuersten und damit auch gesündesten Biorechnern laufen zu lassen. Das mag oberflächlich klingen, wer allerdings die Situation auf Alteram Vicem kennt, dem ist bewusst: Ein starker Leib ist unentbehrlich. „Aufstehen, du Schnarchnase“, flöte ich dem Beagle zu, der mich routiniert ignoriert.

Das Hoverbike ist beladen, nun warte ich bloß auf meinen überaus faulen Jagdhund, der gerne bis in die frühen Nachmittagsstunden schlafen möchte. „Komm, mach vorwärts“, murmle ich wenig motiviert in seine Richtung und beschließe Sarah rasch über meine Abwesenheit zu informieren. „Com. Direktübertragung, Sarah“, diktiere ich dem Com, das sogleich die Verbindung aufbaut. „Der Benutzer Sarah011235813 ist nicht erreichbar. Möchten Sie eine Nachr…“
„Com. Ja“, unterbreche ich die Ansage und wundere mich, ob das Passagierschiff wohl früher als geplant eintreffen wird, da der Verbindungsunterbruch im Asteoridengürtel C946 eigentlich erst in drei Tagen zu erwarten war. Grinsend winke ich für das Hologram und erkläre: „Heya Sarah. Ich hoffe deine Fahrt ist soweit gemütlich und du kommst mit deinem Roman ordentlich voran. Alles läuft wie gehabt und ich muss einige Tage raus, um die Reserven aufzufüllen.“ Ich halte meinen Jagdblaster hoch, bevor ich mit einem skeptischen Seitenblick auf meine armselige Hydrokultur und den verdorrten Garten hinzufüge: „Keine Sorge, die Enten tausche ich in Elontown gegen Gemüsepulver, damit mir hier keine Vegetarier verhungern. Voraussichtlich werde ich nicht immer am Netz sein, also melde ich mich, sobald ich zurück bin, dann können wir alles Weitere besprechen. Bis später und Tüdels. Com. Aus.“ An den gähnenden Beagle gewandt befehle ich: „So, vorwärts!“

Vernes Creek ist mein liebster Ort für die Entenjagd und weil er verhältnismäßig klein sowie fischarm ist, habe ich kaum Konkurrenz. Zudem ist das Terraforming vervollständigt, sodass keine lauten Besamer, so der äußerst unglückliche Name der Saatgutverteiler, meine Beute aufschrecken. Es ist knapp zwölf Uhr morgens, als ich vom Bike steige, den Hund losbinde und ihn mit einem enthusiastischen „Such!“ zum Spuren auffordere. Vor einigen Monaten war mir tatsächlich ein Hirsch begegnet, eines der ersten großen Säugetiere, die ausgewildert wurden. Man hatte es ursprünglich nicht für rentabel gehalten, mit der stetig wachsenden Siedlerpopulation war die Möglichkeit zur Selbstversorgung unerlässlich geworden. Jeder der dreihundertvierzehn Millionen Bewohner dieses Planeten erschaudert bei der Erinnerung an den Schwarzen Sommer. Die ausbleibende Ernte hatte das Schlimmste im Menschen hervorgebracht und wer überlebte, mit welchen grausamen Mitteln auch immer nötig gewesen waren, spricht nie darüber. Ich für meinen Teil jage bevorzugt Enten, obschon sie weniger Kalorien liefern als … Lassen wir das.
Da vernehme ich das Geheul meines Vierbeiners, der mit aufgestellter Rute auf eine kleine Bucht zu rennt. Die Wasservögel fliegen schnatternd empor, sie zu erwischen ist ein Leichtes. Insgesamt fallen drei zu Boden, eine davon gehört laut Tradition dem Beagle, der sich nicht zweimal bitten lässt und sofort zuschlägt. Während meine uralte Sonicrifle nachlädt, sammle ich das Gefieder ein und lege die erste Schicht meiner Thermoausrüstung ab. Sol II blinzelt hinter dem Horizont hervor, ich nehme mein Com aus der Innentasche meines Overalls und stelle zufrieden fest, dass die momentan minus dreizehn Grad bald auf angenehme zwanzig klettern. Und sofern mir das Weidmannsheil weiterhin hold ist, gelange ich vor der sengenden Hitze zu Hause an und kann im klimatisierten Habitat beobachten, wie die Dampfwolken bizarre Muster in Alteram Vicems blassgrünen Himmel zeichnen.

„Com. Direktübertragung, Sarah“, versuche ich es erneut, kaum habe ich mein Equipment verstaut und die Enten zum Abhängen in das Nebenhabitat gebracht. „Der Benutzer Sarah011235813 ist nicht erreichbar. Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen?“ Ich stutze. „Com. Aktuelle Position des Passagierschiffs Promise 141285.“
„Promise 141285 befindet sich auf Kurs nach Alteram Vicem, Raumhafen Elontown. Die aktuellen Koordinaten sind α4200 = 18h 29m 58.221s.“ Sie ist mindestens zwei Reisetage vom Asteoridengürtel entfernt, weshalb zum Teufel ist ihr Com ausgeschaltet?

Autorin: Rahel
Anlass: Rahels 250. Kurzgeschichte für Clue Writing
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