Special zum fünfjährigen Jubiläum | Fünf Jahre und ein Weltuntergang

Diese Geschichte spielt im erweiterten Universum „In ferner Zukunft“.

„Fünf Jahre ist es her, seit es seinen Anfang genommen hat. Die glühende Sonne ist auf- und untergegangen, der Wüstensand steckt jeden Tag in meinen verfluchten Schuhen und Jahreszeiten verwandelten sich in eine Erinnerung aus einer weit entfernten Epoche meines Lebens. Ich hätte mir einen schöneren Ort als diese Staubschüssel für mein Exil aussuchen sollen, doch dazu ist es zu spät, ich bin hier gestrandet.“
„Bist du ein Poet oder so?“, will der grobschlächtige Kerl wissen, der sich an die Bartheke lehnt. Ich gluckse müde und entgegne: „Nein, betrunken.“
„Ist dasselbe“, gibt er schulterzuckend zurück und stürzt seinen Agavenschnaps in einem Zug in die Kehle. „Alkohol macht uns alle zu Poeten.“
„Oder Proleten.“
„Sagte ich ja“, lallt er und ich bin mir unsicher, worüber wir uns unterhalten. Übers Ende? Davon spricht heutzutage ohnehin jeder, also eventuell auch wir. Glücklicherweise ist mein Denkapparat genug benebelt, sodass ich den Typen tatsächlich witzig finde. Zumindest, bis er fortfährt: „Was macht eigentlich ein Kerl wie du in diesem Loch?“
„Trinken.“
„Ach vergiss es, du bist schwer von Verstand.“ Er wendet sich ab und schnappt sich die Flasche von der Bartheke. Kaum hat der Fremde sein Glas gefüllt, widmet er sich wieder mir. „Ich heiße Anwar. Du?“
Ich zögere kurz, dann erwidere ich, entgegen meiner Gewohnheit, wahrheitsgetreu: „Josh.“ Wahrscheinlich sollten Leute, die etwas verbergen, weniger trinken. Aber nach fünf Jahren in der Pampa und mit dem Weltuntergang in greifbarer Nähe, habe ich die Nase gestrichen voll. Obwohl ich weiß, was für einen Ausrutscher ich mir damit leiste, ist es mir egal. Ich kann Anwar genauso gut die Wahrheit erzählen, denn in ein paar Tagen sind wir sowieso alle tot, verrotten irgendwo da draußen in der Savanne oder in den Straßen.
„Du bist von weit, weit weg.“ Keine Frage, sondern eine Feststellung. Als hätte er meine Gedanken gelesen, erklärt Anwar: „Dein Dialekt. Du sprichst sauberes Englisch, ohne den Akzent, den wir Einheimische haben. Du kommst von einem reicheren Ort, richtig? Was verschlägt dich zu uns?“
„Ja.“ Erst nach einigem Zaudern ergänze ich: „Ich war beim Militär, unehrenhafte Entlassung. Wo fängt man neu an, wenn man geächtet ist, seinen Freunden das Leben gekostet hat? Am Ende der Welt.“
„Oder auf einer Welt, die am Ende ist“, fügt er mit einem dummen Grinsen hinzu. Als ob ich im Wissen darum hergekommen wäre, dass eine Seuche die Bevölkerung auslöschen wird, bis es kein Entkommen mehr gibt. „Quarantäne“, behauptete die Regierung, als sie auf Flüchtlinge schoss. Ich glaube ihnen kein Wort. Niemand soll erfahren, wie machtlos sie dem Virus gegenüberstehen, der diese Stadt, diesen Kontinent, ja, diese ganze verdammte Welt dahinrafft. „Tja“, murmle ich und mustere abwesend mein leeres Glas. „Bleibt nix, außer zu trinken, was?“
„Prost“, keucht Anwar, sein ebenso leeres Glas hebend. Zuerst will man kämpfen, flüchten, sicher sein, irgendwas. Dann, wenn alle abhebenden Sterneschiffe als glühende Trümmer aus dem Himmel fallen, Kranke auf öffentlichen Plätzen zusammenbrechen und Geschäfte geplündert werden, will man lieber in einer Bar sitzen und der Welt beim Sterben zusehen.
„Weißt du“, beginne ich nachdenklich, „ich stellte mir das Ende anders vor. Fünf Jahre war ich im Exil, versteckte mich vor meiner Vergangenheit, schlug mich als Wächter in einer Fabrik durch und nun, wo uns bald der Himmel auf den Kopf fällt, denke ich mir, Sühne war die falsche Entscheidung.“
„Wie meinst du das?“
„Ich sagte mir, sobald ich für meine Schuld bezahlt habe, werde ich tun, wonach mir der Sinn steht. Wieder Freude verspüren, ich selbst sein. Und jetzt? Nie wieder eine Chance darauf. Ich verplemperte lediglich Zeit, bezahlt ist damit nichts. Ich hab’s vergeigt.“
„Du bist so ein Volltrottel“, bricht Anwar plötzlich in Gelächter aus. „Du bist freiwillig hier?!“
„Und?“
„Und?“ Er grölt regelrecht. „Du bist weder Flüchtling noch Verbrecher, einzig deine Schuldgefühle verfolgen dich. Du suchst also Sühne und dazu vergräbst du dich in einem Loch, statt Ausgleich im Universum zu schaffen? Himmel, so überleg doch, hättest du einen gut bezahlten Job, könntest du wenigstens dein Geld für einen guten Zweck spenden, das wäre Sühne. Und dann brauchst du fünf Jahre und den sicheren Tod vor Augen, um zu begreifen, wie dämlich du bist?“
„Jep“, seufze ich trocken, keinesfalls böse, denn Anwar hat recht. Ich starre auf die staubige Bartheke, an der seit einigen Tagen niemand gestanden hat. Draußen, vor den vernagelten Fensterscheiben, höre ich ab und an Sirenen, panische Rufe, splitterndes Glas, noch weit entfernt. Anwar kann sich einen Kommentar dazu nicht verkneifen: „Welche Idioten machen sich die Mühe, zu plündern? Wenn wir sterben, können wir sowieso kein Gepäck mitnehmen.“
„Ja, man bricht besser in eine Bar ein und trinkt darauf, Logenplätze für die Apokalypse zu haben.“
„Gut, hat der Mensch viele Planeten besiedelt. So kann man immer mal einen Weltuntergang erleben“, meint Anwar demotiviert. „Wir sind bloß Versuchskaninchen für irgendeine neue Pest, das ist es auch schon. Fertig, Schluss, aus.“
Mechanisch nicke ich und bereue, die letzten fünf Jahre meiner Existenz als Nachtwächter in einer Fabrik vertan zu haben. Ich las mal etwas über die fünf Trauerstadien und wundere mich, ob man diese auf unsere Situation anwenden kann. Mangels anderer Optionen sind wir bei der Kapitulation und damit zwangsläufig der Akzeptanz angekommen. Aber aus einem Grund, der sich mir selbst nicht ganz erschließt, antworte ich stattdessen: „Wer weiß, vielleicht gibt es Hoffnung.“
Es dauert keine Sekunde, bis Anwar vehement den Kopf schüttelt. „Nein, das war es. Hast du das Gemunkel gehört? Es wird davon gesprochen, in manchen Städten würden die Infizierten bereits übereinander herfallen. Ob die im Delirium sind, sich um die letzten Medikamente zanken … Spielt keine Rolle mehr. Entweder du wirst krank oder totgeschlagen, vorbei ist vorbei.“
„Wir könnten auch …“ Ich unterbreche mich und denke an die fünf Jahre zurück, welche ich in einem selbstauferlegten Exil verbrachte, ohne dabei Sinnvolles zu tun. Ein Teil von mir protestiert, nein, schreit, dass das nicht alles gewesen sein darf. Fünf Jahre Selbstmitleid und dann der Weltuntergang, dem man apathisch in einer Bar herumlungernd begegnet. Großartig.
Anwar schweigt, ich schweige. Stäubchen tanzen im abendlichen Sonnenlicht, das durch die Ritzen der Bretter dringt. Der Tumult draußen wird lauter, kommt näher. Einzelne Schüsse fallen, hallen gespenstisch durch die Straßen. Und hier bin ich, der ehemalige Offizier, der seine Kameraden im Stich gelassen hat. Vom einst stolzen Soldaten ist wenig übriggeblieben. Nur … was bin ich nun?
Mit einem entschlossenen Ruck stehe ich auf, hebe mein Glas hoch und schleudere es auf den Boden. Das Klirren ist lauter, als ich erwartet habe, einige kleine Scherben landen auf meinem Stiefel. „Scheiß drauf.“
Anwar ist kaum zusammengezuckt, sieht hoch. „Hä?“
„Mir reicht’s. Ich bin lange genug herumgesessen, habe gejammert, mich selbst bestraft. Ich muss das ändern.“
Mein Trinkkamerad lacht lustlos. „Dafür ist es jetzt ein bisschen spät, richtig?“
„Nein, noch siechen wir nicht dahin! Und wer sagt überhaupt, wir müssen in diesem Loch rumhängen und das Ende abwarten?“ Meine Überzeugung und der Alkohol wirken zusammen, geben mir das Gefühl, eine flammende Rede zu halten. „Ich weiß, wo es in diesem Kaff Pferde gibt. Die klauen wir und reiten durch die Sierra so lange nach Norden, bis wir fruchtbareres Land finden, weitab von jeder Siedlung. Gehen wir dabei drauf, so sterben wir wenigstens kämpfend.“
Anwar erhebt sich ebenfalls und brummt gleichgültig: „Meinetwegen.“

Autorin: Sarah
Titelvorgabe: Fünf Jahre und […]
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