Aufbäumen

RahelAutorin: Rahel
Setting: Wachturm
Clues: Eisenherz, Echse, Miso, Introspektive, Erstickungstod
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Zwei Schienen führten hinein, teilten sich zu drei und selbst die, die rauskamen, blieben in Gedanken immer drinnen. Hans stand am Geländer seines Wachturms und blickte nach Südosten, weit hinaus in die Birkenwälder, die mit ihrem herbstlichen Gelb der Sommersonne nachtrauerten. Einer seiner Professoren hatte einmal nebenbei erwähnt, dass die Herbstfärbung einem letzten Aufbäumen vor dem Winterschlaf gleichkomme. Ein farbgewaltiger Kampfschrei der Bäume, der Schädlingen sagen soll: „Ich lebe noch!“ Hans hatte Professor Blumenthal zum letzten Mal vor einem Jahr gesehen, jedoch nicht im Vorlesungssaal, und er hoffte, dass sein letzter Aufschrei ein gewaltiger gewesen war.
„Hans!“ Günther klang ein wenig besorgt, drehte sich jedoch nicht zu ihm um, sondern starrte weiter über die Zäune, deren Betonpfähle wie enthauptete Schwanenhälse ins Innere des Lagers deuteten. „Was ist los mit dir?“, wollte er wissen und stellte sein Gewehr neben sich auf die Holzplanken, so wie er das immer tat, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Widerwillig wandte Hans sich um, drehte der stillen Friedlichkeit des Waldes den Rücken zu und rieb sich am Kinn. „Ach, das Übliche.“
Günther verstand sofort, schloss kurz die Augen und nickte. Der grosse Blonde hatte vor drei Wochen ein unwiderstehliches Angebot ausgeschlagen und Hans bewunderte ihn dafür nicht nur, sondern war seinem Freund über alle Massen dankbar. Was wäre aus ihm geworden, wäre Günther befördert worden, fragte er sich manchmal, obwohl er die Idee kaum ertrug. Man munkelte zwar, dass es viele wie sie gab, doch selbst der Herrgott persönlich hätte nicht dafür garantieren können, dass Günthers Nachfolger seine Ideologie teilen würde. Viel wahrscheinlicher wäre es gewesen, dass mit Günthers Aufstieg sein eigener Abstieg begonnen hätte.
„Lass es dir nur nicht zu sehr anmerken“, begann Günther mit ruhiger Stimme, als er sich ganz und gar nicht stramm an die Backsteinmauer des Wachhäuschens lehnte, „Sonst wirst du wieder zur Erholung in die Solahütte geschickt.“
Hans seufzte und wehrte sich mit aller Kraft gegen die Erinnerung. Dieser Ort, der die Schutzstaffel, wie alle anderen Freizeitangebote, bei Laune halten sollte, war für Hans nichts weiter als eine widerliche Farce. Fernab der Leichen und dem Leid frohlockten die Leute ausgelassen, doch er sah dort die Schrecken nur noch klarer, als wäre das Lachen der Mörder ein Vergrösserungsglas, das ihn zur gnadenlosen Introspektive zwang.
„Ich habe heute nur meine eigene Ration“, murmelte Hans, als er die Erinnerung endlich abgeschüttelt hatte. Auf eine perfide Weise freute er sich darüber, dass er vor Dienstbeginn immer besonders gründlich beäugt wurde, denn es gab ihm für einen kurzen Moment das Gefühl, er wäre nicht einer von ihnen. Jedoch wurde es ihm dadurch unmöglich, mehr als bloss das Notwendigste mitzuführen. Günther murmelte etwas Unverständliches, deutete ihm, seine Wachposition einzunehmen und verschwand ins Wachhäuschen. Wann immer es ging, vermied Hans es, über die die elektrischen Zäune zu sehen, doch half es ihm nur wenig, denn er konnte sie immer hören. An der Front war er mit seinen Kameraden in einen Hinterhalt geraten, doch noch nie hatte er sich so umzingelt gefühlt wie auf diesem Wachturm. Zögernd tat er in Günthers Abwesenheit das, was von ihm erwartet wurde. Links war die Kiesgrube, die vor der Sichtschutzwand einen Vorgeschmack auf die Gräuel dahinter bot. Geradeaus lag der Todesblock, der bequem nahe an der Versuchsstation und der schwarzen Erschiessungswand gebaut worden war. Nur hinter ihm war Freiheit, der sterbende Wald, der sich zum Zeichen seines unerschütterlichen Lebenswillens im gelben Gewand zeigte.
Nach einigen Minuten trat Günther wieder ins Freie, in der Hand einen Jutesack aus der Wäscherei. „Der Offizier wird in einigen Minuten in der Blockführerstube erwartet“, meinte er und studierte zur Sicherheit noch einmal die Zeiger auf seiner Dienstuhr. Hans steckte seine Ration in den Sack, die aus Brot, etwas Wurst und einer seltsamen Paste, die sich Miso nannte und die ihnen ab und an von den japanischen Freunden geschickt wurde, bestand. Darauf legte er eine alte Brille, Schuhe und Medikamente, die er aus dem Haus seines verstorbenen Grossvaters mitgenommen hatte und versteckte die Gaben schliesslich unter zwei verdreckten Uniformhemden. „Ich hoffe Isaak kommt heute.“ Sie hatten den grossgewachsenen Arzt seit Tagen nicht mehr gesehen, stattdessen war sein Neffe gekommen, der kein Wort mit ihnen sprach und stets eingeschüchtert zu Boden sah.
„Ich auch“, erwiderte Günther, nachdem er sein Gewehr wieder aufgehoben hatte. Es war schön für eine Weile so zu tun, als würde Isaak wiederkommen, obwohl sie beide wussten, dass der gute Mann längst verbrannt worden war.
Während sie warteten, beobachtete Günther über die Mauer hinweg die Geschehnisse im Hof. „Wieso tust du das? Wieso siehst du immer zu?“, fragte Hans, nachdem die Schüsse vorbei waren und die Juden damit begannen, ihre Brüder auf Schubkarren zu laden. Günther schwieg zuerst, schnäuzte sich und holte ein kleines Notizbuch aus seiner Hosentasche. „Diese Menschen haben es nicht verdient, einfach so vergessen zu werden. Wir sind Zeugen dieser Verbrechen, Hans, und wir haben die Pflicht hinzusehen.“ Er streckte ihm das geöffnete Buch hin, doch Hans konnte nichts Besonderes an den notierten Zeiten erkennen – es schien ein normales Wachbuch zu sein.
„Hier“, sagte Günther und deutete auf den leeren Platz hinter der letzten Spalte. Hans beugte sich vor, konnte jedoch nichts erkennen und zuckte fragend mit den Schultern.
„Unsichtbare Tinte“, erklärte Günther schmunzelnd, „Ich notiere alles, deswegen wollte ich auch auf diesem Wachturm bleiben.“
Hans brauchte einige Sekunden, bis er endlich verstand, was sein Freund ihm da gerade anvertraut hatte und starrte ihn dann fassungslos an. „Du, du meinst…“, stammelte er entsetzt, „Was, wenn sie dich erwischen?“
„Hanelore ist vor zwei Jahren gestorben, sie können ihr nichts mehr antun und ich habe nichts zu verlieren, ausser meiner Rechtschaffenheit“, begründete Günther lapidar die Tatsache, dass er sein Leben aufs Spiel setzte, um vielleicht irgendwann zur Gerechtigkeit beitragen zu können. Hans war sprachlos, sollte er die letzten Monate nicht nur neben einem guten Freund und barmherzigen Mann, sondern einem waschechten Prinz Eisenherz gestanden haben? Gerade als er etwas sagen wollte, als er seine tiefe Ehrfurcht vor Günthers Mut in unbeholfene Worte verpacken wollte, vernahmen sie das vereinbarte Zeichen.
Ein junger Mann Mitte zwanzig stand mit gesenktem Haupt dicht hinter dem Zaun und räusperte sich leise. Günther liess seine wachsamen Augen über die Anlage schweifen und vergewisserte sich, dass weder die Wachmänner auf dem nordöstlichen Turm noch die SS-Leute auf den Wegen zu ihnen hinübersahen. Dann warf er den Jutesack in einem hohen Bogen auf den Kies, wo ihn der abgemagerte Junge aufhob. Hans hatte ihn vor einiger Zeit dafür verspotten wollen, dass er die Säcke immer so schwungvoll zu Isaak hinunter stiess, doch Günther hatte das ganz und gar nicht lustig gefunden und ihm erklärt, dass ein Wachmann exekutiert worden war, weil er dabei erwischt wurde, wie er den Juden Essen und Kleidung gegeben hatte – sein Sack war wohl im Zaun hängen geblieben.
„Hey“, hielt Hans Isaaks Neffen zurück, der wortlos weitergegangen war, um den Beutel in die Wäscherei zu bringen, wo sie die Sachen aussortieren und in die Baracken schmuggeln würden. Er wollte ihn nach seinem Onkel fragen, doch als er die eingefallenen Gesichtszüge des Burschen erspähte, änderte er seine Meinung – in solchen Umständen war Ungewissheit manchmal ein Geschenk. „Meine Frau sagt, dass man die Echsen hier essen kann, kocht sie aber gut aus.“ Der Knabe nickte und machte sich dann davon und Günther klopfte ihm wissend auf die Schulter, als er ihm wehmütig nachsah.
Erneut fielen Schüsse und zum ersten Mal blickte auch er auf die Mauer, hinter der die schwarzen Wand war, sah nicht weg, als er hörte, wie einer nach dem anderen in sich zusammensackte und weggetragen wurde. Er hatte immer geglaubt, dass diese Hinrichtungen zumindest ein kleinwenig humaner wären als der qualvolle Erstickungstod in der Gaskammer, doch er hatte sich geirrt. Die Schreie und das klägliche Weinen kannte er, auch wenn er sich nie daran gewöhnt hatte und es ihm bis heute zutiefst bestürzte, doch die gelassene Körpersprache der SS-Männer war weitaus verstörender. Die Arbeit hier machte ihn nicht frei, sie zerstörte jede Faser seines Glaubens in die Menschheit und es gab nichts, das er lieber getan hätte, als sich die Augen und Ohren zu verbinden, um wenigstens ein wenig Frieden finden zu können. Doch Günther hatte Recht, es war ihre Pflicht hinzusehen, Zeugen zu sein und sich wie die Bäume im Herbst aufzubegehren, nicht aufzugeben und zu sagen: „Ich lebe und ich werde nicht kampflos aufgeben!“

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