Bedingung(slos)

Alles im Leben kostet etwas und selbst das, was einem scheinbar gratis in den Schoß fällt, fordert früher oder später seinen Preis. Zumindest die Dinge, die von Bedeutung sind. Natürlich gibt es Leute, die das Gegenteil behaupten und die Meinung vertreten, die schönsten Sachen seien umsonst. Manchmal ist es schwierig, einen Lügner von einem Dummkopf zu unterscheiden, überlegte er den Katheterschlauch betrachtend.
„Herr Victor … Herr Viktor Victor?“ Ihr Gesicht blieb beinahe vollständig hinter dem Klemmbrett verborgen, auf dem sie seinen gedoppelten Namen ablas.
„Ja. Das bin ich.“ Der Geruch von kaltem Zigarettenrauch und viel süßlichem Parfüm juckte ihm in der Nase, erinnerte ihn an seine Tante, die vor einigen Jahren an derselben Krankheit verstorben war, die jetzt seinen Vater zu holen drohte. Die Schwester legte die Akte beiseite, griff sich das Desinfektionsmittel und rieb sich damit die Hände ein. Er zählte mit: Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwan… Nach nicht einmal einem Drittel der geforderten Zeit brach sie die Hygienemaßnahme ab, was er zähneknirschend zur Kenntnis nahm. „Herr Victor. Ich bin Madeleine Hugo und übernehme die Spätschicht. Darf ich Sie fragen, was Sie sich zum Frühstück wünschen? Wir haben eine …“
„Kein Frühstück“, unterbrach er Madeleine Hugo ohne den Blick vom Urin zu nehmen, der aus ihm herausgeschwemmt wurde. „Ich habe keinen Appetit.“
„Ah. Na dann.“ Sie kreuzte ein Häkchen an und überflog einige Zeilen in seiner Akte. Komplikationen nach einer laparoskopischen Teilentnahme der Leber mit einer zusätzlichen Sepsis infolge einer MRSA-Infektion. Sein Ärger über die ungenügende Händehygiene der Schwester war also durchaus begründet. „Darf ich Ihnen einen Tee oder Kaffee bringen?“
„Danke. Ich habe Wasser.“ Sie nickte, sah nochmal auf ihre Klemmbrett und fuhr fort: „Darf ich Ihnen sonst eine kleine Freude bereiten?“
„Sie dürfen mich schlafen lassen.“ Viktors Direktheit kam nicht überall gut an, das war ihm klar, schließlich war er kein Dummkopf, aber genauso wenig ein Lügner. Das Lächeln saß wie festgefroren auf Madeleine Hugos dünnen Lippen. Geduld war Teil ihres Stellenprofils, ohne eine Prise Gelassenheit und eine ordentliche Portion Humor überstünde sie die langen Krankenhaustage wahrscheinlich nicht.
„Selbstverständlich, Herr Victor.“ Damit packte sie ihr kleines Wägelchen und verabschiedete sich aus dem Einzelzimmer, um in ihre verdiente Rauchpause zu gehen. „Schlafen Sie wohl.“
Nachdenklich musterte er sie beim Hinausgehen. Sie entsprach exakt dem Stereotyp einer Krankenschwester; das Blondhaar zum Dutt gebunden, orthopädische Schuhe und ein gestresster Ausdruck, der ihr Schlurfen noch langsamer wirken ließ. Kurz bevor die Tür hinter ihr zufiel, rief er: „Danke, Frau Hugo. Bis später.“ Dann schaltete er den Fernseher aus, drehte sich umständlich auf die Seite und schlummerte ein.

„…tor. Viktor, Schätzchen“, weckte ihn seine Mutter. Sein Mund war trocken, die Gliedmaßen unsäglich schwer. Immerhin hatte er den Durchfall hinter sich. „Viktor, bitte entschuldige, dass ich dich wecke, doch ich muss bald wieder los. Die Firma wartet, du weißt, wie das ist.“
„Hallo Mutti.“ Sobald sie seine krächzende Stimme hörte, umarmte sie ihren einzigen Sohn, drückte feste zu, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und murmelte: „Ach, Viktor. Viktor, Viktor, Viktor, mein Schatz.“
„Wie geht es Papa?“ Mutter Viktoria Victor hatte ihrem Kind stets bedingungslose Liebe geschenkt, sich für ihn und seinen Vater aufgeopfert, bis hin zur Selbstaufgabe. Weshalb sie das getan hat, tun wollte, blieb ihm bis heute ein Rätsel. So begabt der Vater, Viktor Victor Senior, als Geschäftsmann war, so unnütz war er als Ehemann; das Saufen und Herumhuren lag ihm mehr, als seine Frau glücklich zu machen. Und er, ja er musste sich eingestehen, selbst keinerlei Anlass zum Mutterstolz zu bieten. Ein Tunichtgut war er, ein fauler Geselle, der sich auf der Arbeit seines Vaters ausruhte und der Mutter nichts als Kummer schenkte.
„Papa erholt sich prima. Die Ärzte sind zuversichtlich, dass er schon morgen in die Reha-Klinik fahren kann.“ Erst jetzt bemerkte er, wie sie seinen Rücken streichelte. Da traf sie ihn, die Liebe. Nun, da er das überschaubare Risiko einer Leberteilspende in Kauf genommen hatte, verwandelte sich Mutters Liebe von der bedingungslosen Emotion, die einer  Blutsverwandtschaft anhaftete, in etwas, das auch er akzeptierte. In ihre Liebe mischte sich Dankbarkeit und Viktor hatte das Gefühl, ihre Zuneigung wahrlich verdient zu haben.
„Schön, das freut mich“, erwiderte er und genoss die innige Liebkosung. Ja, alles hat seinen Preis, sinnierte er über sie hinweg auf den gelblichen Katheterschlauch starrend. Es hatte ihn nur einen Teil seiner Leber gekostet, seine eigenen Bedingungen zu erfüllen und die Liebe seiner Mutter endlich annehmen zu können. Er würde Madleine Hugo bitten, ihm zum Frühstück Brötchen, Butter und Honig zu bringen.

Autorin: Rahel
Setting: Krankenhaus
Clues: Risiko, Stereotyp, Firma, Direktheit, Meinung
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