Gaststory | Der Besuch des Professors auf dem Lande

GuestAutor: Martin Bühler

Diese Kurzgeschichte gehört zum dritten Teil der biografischen Romanreihe Schattenlicht

Das Verhältnis Professoren zu Studenten gestaltete sich sehr persönlich, jeder kannte jeden. An einem schönen Herbsttag ackerte ich die Getreidestoppeln um. Monoton zog ich mit dem Pflug eine Furche nach der anderen. Meine Pferde waren so gedrillt, dass sie selbständig umkehrten und problemlos an der Furche entlang liefen. Ich hielt mit einer Hand den Pflug, mit der anderen mein Lehrbuch. Eine ebene Fläche am Fuße des „Schrecklisbergs“ erleichterte die Arbeit. Wie ich so aufblickte, kamen in der Ferne ein paar Männer den Weg entlang. Ich dachte, das sind Viehhändler, die ihre Geschäfte im Sommer oft auf dem Feld tätigten. Plötzlich standen sie vor mir. Ich schaute einmal, ich schaute zweimal. Ich war verblüfft, es war Geheimrat Prof. Dr. Wieland mit seinem Sohn, der Pharmazie lehrte. Ironisch, wie er auch bei seinen Vorlesungen war, begann er: „Herr Bühler, ihr Studierzimmer in Gottes freier Natur ist schöner als meines.“ Beide setzten sich wie Handwerksburschen an den Ackerrain und schauten mir zu. Anstandshalber spannte ich die Pferde aus. Ich fuhr auf dem Gummiwagen mit meinen hohen Gästen im Galopp heimwärts. Ich merkte, dass meinem betagten Lehrer die Fahrt auf der holprigen Straße schon unheimlich wurde: „Fahren sie immer so wild“, fragte er zaghaft. „Herr Geheimrat, Sie brauchen keine Angst zu haben, bei meinen Pferden fühle ich mich sicherer als in ihrem Prüfungsraum!“
Wir machten gemeinsam Brotzeit. Meine Mutter wollte die feinsten Teller mit Goldrand, die nur an Festtagen benutzt wurden, eindecken. Professor Wieland schob sie beiseite. „Ich will keine Extrawurst!“ Er schnitt unbekümmert eine dicke Brotschnitte vom selbstgebackenen Bauernlaib und bediente sich wie wir alle. Anschließend ging er mit in Stall, ließ sich von meinem Vater das Vieh zeigen und begutachtete es verständig wie ein alter Bauer. Er erfreute sich an der bunten Hühnerschar, an dem Schwarm Tauben, einfach an allem, das den Bauernhof belebte. Er erzählte, dass er früher wochenlang bei österreichischen Bauern gelebt und an den Wiesenhängen mit seinen Studenten Schmetterlinge für seine wissenschaftlichen Arbeiten gefangen hatte. (Er hatte den Nobelpreis für seine Forschungsarbeiten über Pterine, die Farbstoffe der Schmetterlingsflügel, bekommen.) Es sind dies Vorstufen für das umfangreiche Gebiet der Sexualhormone.
Ich fragte ihn, ob er ein paar junge Gockel möchte. Er nahm es dankbar an. Mit Getreide lockte ich das Federvieh an, mit einem Satz stürzte ich auf den Geflügelharem, riss zwei Gockeln mit je einem Schlenzer den Kopf ab. Meine Mutter rupfte und nahm die Eingeweide aus. Das ging unkompliziert, es war ja Routinearbeit. Herr Geheimrat ging zu seinem Auto und brachte als Gegenleistung ein Paket mit 500 Gramm Süßstoff, seinerzeit auch eine Kostbarkeit! Meine Mutter war verblüfft, denn Süßstoff hatten wir genug. „Herr Professor, wir haben selbst genügend Süßstoff“ entgegnete ich. Teils enttäuscht, teils froh brachte er sein Geschenk zurück.
Ich zeigte ihm mein Labor und alles, was ich inzwischen an Geräten zusammengehamstert hatte. Von meiner Süßstofffabrikation und meiner Schnapsbrennerei gingen ihm vor Staunen die Augen über. Nicht ohne Stolz neckte ich ihn: „Herr Professor, in diesen lausigen Zeiten bringt eine kleine Fabrikation mehr ein als der größte Nobelpreis.“ Er nahm mir diesen harmlosen Scherz nicht übel. Leger erzählte er, dass er von seiner Heimat Bruchsal komme. Nachdem er an meinem Dorf vorbeigefahren sei, habe er sehen wollen wo ich wohne.
So einfach und leutselig war dieser gefürchtete „Examinator“ Heinrich Wieland. Er nahm nur große Prüfungen ab. Bei den Medizinstudenten das Physikum. Da zitterte jeder, da ließ er jeden zweiten durchfallen! Denn Chemie war für viele Mediziner ein Buch mit sieben Siegeln. Auch mich hatte er beim Vordiplom gewaltig hereingelegt, obwohl ich mich gut vorbereitet hatte. Er streifte alle Fachgebiete, sobald er merkte, dass der Prüfling Bescheid wusste, schnitt er ihm das Wort ab – „danke“. Wenn er aber eine Schwäche entdeckte, dann bohrte er wie ein Zahnarzt bis auf den Nerv – das tat weh! Mich hatte er mit einer halb medizinischen Frage gequält: „Wie ist die chemische Reaktion bei einer Blausäurevergiftung?“ Anstelle des Sauerstoffs legt sich das Blausäuremolekül an die roten Blutkörperchen, damit erfolgt die Erstickung. Aber das genügte ihm nicht ganz, er wollte es in allen einzelnen Phasen wissen. Ich kam ins Schwimmen, je mehr ich ihm Falsches vorplapperte, desto zu­friedener bejahte er, das war sein Masche, ihm konnte man nie am Gesicht ablesen, ob man richtig lag. Nach bangen Minuten sagte er ganz beifällig: „Ihre letzten Ausführungen sind mir neu. Herr Bühler, im Examen ist Wissen mehr als eine florierende Produktion!“ Andererseits, wenn man eine Frage nicht zufriedenstellend beantwortete, dann benotete er deshalb nicht ganz schlecht. Er nahm immer den Mittelwert. Das war der gestrenge, aber gerechte Heinrich Wieland. Er war bei den Studenten zwar der gefürchtete Prüfer, aber der geliebte Mensch.
Selbst der gebildete Laie konnte nicht ermessen, wie umfangreich das Wissen des Chemikers sein musste. Die unermüdlichen Anstrengungen der Forschung ließen die Flut neuer Stoffe zu einer Kettenreaktion anwachsen. Der Rahmen dieser Wissenschaft erstreckte sich von der Chlorophyllsynthese Pflanzen bis zur Atomspaltung; von der Eisengewinnung bis zum Antibiotika. Nur wenn ab und zu ein neuer Stoff die Medien in Atem hielt, besann man sich auf das geheime Wirken der ehemaligen Alchemie. Stünde ich heute unter den gleichen Schwierigkeiten vor meiner Berufswahl, ich würde mit der gleichen Hingabe, mit der gleichen Begeisterung diesem Beruf verfallen. Nur die Chemie ist es, die einem den Blick weitet, die den Menschen einführt in die göttlichen Geheimnisse der Schöpfung!
Wer aus materiellen Erwägungen sein Studium herunterhaspelte, nur um schnell Geld zu verdienen, der würde darin nie glücklich werden. Diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mussten in eine theologischen Philosophie münden. Mein Vater hatte mir die einfache bäuerliche Frömmigkeit eingepflanzt. Über meinen Vater war ich zu den Schriften des Heiligen Augustinus, des größten abendländischen Kirchenfürsten (354 -430), gekommen. Wenn an den Abenden draußen auf der Straße mein Nachbar „Kapral“ (Uhl Lorenz), ein betagter Mann, den Marschkolonnen der SA die Hitlerfahne voraustrug, dann saß mein Vater traumversunken am Tisch und las jeden Abend die „Heiligen-Legenden“. Wie war ich oft verbittert, weil ich beim ersten Glockenschlag des Abendläutens das Schauspiel diesen Spektakels verlassen und daheim den „Engel des Herrn“ beten musste. Ich dachte oft: Was ist doch mein Vater für ein Sonderling, er macht bei all dem Aufregenden nicht mit, wäre ich doch der Sohn vom Kapral!
Erst später in der Fremde, als ich auf mich allein gestellt war, spürte ich die Kraft der religiösen Ausstrahlung meines Vaters. Das erleichterte mir die Entscheidung zwischen Gut und Böse. Menschliche Kraftlinien überbrücken Zeit und Raum. Mit welchem Enthusiasmus zwängte ich mich in den übervollen Hörsaal, wenn Romano Guardin, der große Religionsphilosoph (geboren 1885) an der Uni München seine Vorlesungen hielt. Wie oft saß ich nachts in der Sternwarte und ließ ferne Sterne, ferne Galaxien, ferne Welten auf mich einwirken: Oh Gott, wie groß ist deine Welt! Ich dachte an die großen Astronomen, Galilei, Keppler, Kopernikus. Sie hatten das Ptolemäische Weltbild verändert. Die Kirche hatte diese fundierten Theorien grundlos abgelehnt. Kein Beispiel war so gravierend wie dieses. Die Kirche stemmte sich bis dato gegen jede naturwissenschaftliche Forschung. Ich kannte Professor Hahn, ich kannte Lise Meitner, ich hatte die Todesängste des Krieges erlebt, ich hatte von der Wirkung der Atombombe in Japan (Hiroshima) erfahren. Epochen einer erschütterten, veränderten Welt. Als junger Mensch war man begeistert von der Größe dieser Erfindungen. Als junger Naturwissenschaftler war man auch realistisch genug, um zu sehen, wie diese Großtechnik dem Menschen aus den Händen glitt. Die Moraltheologen unserer großen Religionen allein waren in der Lage, den Mächtigen der Erde einzuhämmern: Lasst die Finger weg von dieser Erfindung! Besinnt euch eurer menschlichen Verantwortung! Wollt ihr als Knechte des Teufels Gott versuchen?

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Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung freuen. Mehr über Martin Bühler sowie alle Links zu seinen Seiten findet ihr auf seiner Gastautorenseite.

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