Bizarro-Blau

RahelAutorin: Rahel
Setting: Gang
Clues: Insubordination, Bildschirmschoner, Liebesbrief, Ehrenmord, Wolf

Hastig und reichlich ungeschickt strich ich meine Haare glatt, als ich ihn durch die zerkratzte Scheibe auf dem Bahnsteig entdeckte. Er trug eine khakifarbene Jacke, Jeans und seinen Rucksack, den er heute besonders schwungvoll über seine Schulter warf, während er auf das Trittbrett sprang. Grinsend winkte er mir zu, doch ich tat so, als hätte ich ihn nicht gesehen und blickte erst auf, nachdem er sich vor mir auf die Bank hatte fallen lassen. „Sei jetzt bloss nicht wieder so seltsam!“, schalt ich mich gedanklich aus reiner Gewohnheit, bevor ich ihn freundlich begrüsste und unbeholfen anlächelte.
So wie eigentlich jeden Mittwoch hatte ich mich schon den ganzen Tag über darauf gefreut, ihm im Zug zu begegnen. Der gemeinsame Heimweg mit ihm war seit beinahe drei Jahren das Highlight meiner Woche, etwas, das mir irgendwann sogar so viel bedeutete, dass ich insgeheim jeden Mittwochmorgen früher aufstand, um mir besonders hübsche Kleidung aus dem Schrank zu fischen und mir viel zu viele Gedanken über meine Frisur zu machen. Das ganze ging sogar soweit, dass ich seit zwei Semestern jeden Mittwoch nach der letzten Vorlesung zwei Stunden am Bahnhof vertrödelte, nur damit ich ihn weiterhin sehen konnte. Natürlich war mir klar, wie merkwürdig und aussichtslos meine Bemühungen waren, immerhin kannte ich ihn schon seit dem Kindergarten und wusste, dass der einzige Grund, weshalb er sich zu mir ins Abteil setzte, nur der war, dass keiner seiner richtigen Freunde zu dieser Zeit nach Hause fuhr. Trotzdem konnte ich einfach nicht anders, ich musste seine bizarr blauen Augen sehen und es war mir mittlerweile egal, dass das verdammt kitschig und vielleicht auch ein wenig unheimlich war. Naja, nicht egal, aber ich wollte mich noch nicht damit auseinandersetzen, dass meine Jugendschwärmerei genauso überzogen naiv war wie mein Vorhaben, irgendwann als erster Mensch auf dem Mars rumzuspazieren; immerhin war ich gerade noch jung genug, um stur meinen Träumen hinterherzujagen.
Unser Zug hatte Verspätung, weil er auf einen Bahnersatzbus warten musste und kaum war der angekommen, strömten massenhaft Pendler hinein, so dass ich mir vorkam wie eine der abertausend chaotischen Linien auf meinem Bildschirmschoner, die mir durch ihre stetig wachsende Zahl anzeigten, wie lange ich mich schon vor der Arbeit drückte. Der Sturm war zwar schon vor einigen Tagen angekündigt worden, aber die Leute hatten erst reagiert, als die ersten Windstösse Bäume ausgerissen hatten und Bäche übergelaufen waren. Jetzt wollten sie alle auf einmal so schnell wie möglich nach Hause, bevor die Züge nicht mehr fuhren und die Strassen gesperrt wurden. Eine hochschwangere Frau bahnte sich ihren Weg an unserem Abteil vorbei und sah sich mit einem genervten Ausdruck suchend um. Ich seufzte, rollte mit den Augen und packte ohne hinzusehen meinen Roman, Moby Dick, in meine Tasche.
„Sie können hier sitzen“, sagte ich ihr, währendem ich ihr meinen Platz freimachte und versuchte, ihrem mächtigen Bauch so gut ich konnte auszuweichen. Ohne mir zu danken setzte sie sich ihm gegenüber hin und streckte ihre geschwollenen Beine aus, ganz so, als wäre sie der Überzeugung, die ganze Welt hätte sich ihren Bedürfnissen anzupassen, nur weil sie ihre Zeit mit Züchten verschwendete. Wohl irritiert von meiner Höflichkeit sah er erst zu mir, dann zu der Schwangeren, dann wieder zurück zu mir. Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr es mich ärgerte, dass sich unsere Knie nun nicht mehr berührten, zuckte resigniert mit den Schultern, schmunzelte und flüsterte ihm zu: „Wenn ich im Gang stehe, komm ich wenigstens schneller weg, sollte sie das Kalb werfen.“ Sobald ich das gesagt hatte, erntete ich einen bösen Blick von der alten Dame, die neben ihm sass und alles gehört hatte. Doch anstelle davon sich beschämt von mir wegzudrehen, lachte er ungehalten, nickte und packte seinen Rucksack am Riemen, um mir in den Gang zu folgen.
Kurz darauf setzte sich der Zug, mit seinen wie Sardinen eingequetschten Fahrgästen, endlich in Bewegung. Ich hatte grosse Menschenansammlungen immer gemieden und mochte es grundsätzlich nicht, wenn nicht wenigstens ein halber Meter zwischen mir und meinem Gegenüber war, doch heute war ich glücklich inmitten all dieser Leute zu stehen. Denn als wir über die erste Weiche hinter dem Bahnsteig fuhren, brachte mich der Ruck ins Taumeln und er hielt wortlos seinen Arm um meine Taille um mich aufzufangen. Er nahm den Arm nicht mehr weg. Eine Weile beobachteten wir schweigend die vorbeiziehende Landschaft, die uns beiden so bekannt vorkam, als wären wir jeden der Kieswege tausendmal abgelaufen, als hätten wir unter jedem der Bäume, die im Sturm zitterten, ein Nickerchen gehalten. Seine Hand war warm und in meinen Gedanken stritten sich meine Vernunft und mein Wunschdenken darum, ob ich mich näher an ihn lehnen sollte.
„Hast du heute schon die Nachrichten gesehen?“, wollte er plötzlich wissen und riss mich damit aus meinem inneren Disput. Ich drehte meinen Kopf umständlich zu ihm, damit ich meinen Körper nicht von ihm wegbewegen musste. „Natürlich, ich würde den Tag ohne meine Dosis von Zerstörung, Tod und Dummheit nicht überstehen, das weisst du doch.“ Wieder lachte er. Es hatte lange gedauert bis ich begriffen hatte, dass er sich nicht über meinen eigenartigen Sinn für Humor lustig machte, so wie die meisten, sondern, dass er meine unangebrachten Sprüche tatsächlich lustig fand. Das war in der achten Klasse gewesen, damals war ich schon seit Ewigkeiten ihn in verknallt gewesen, aber nachdem er über meinen sarkastischen Kommentar zum Unfall einer Klassenkameradin gelacht hatte, war ich hoffnungslos verloren. Am selben Abend noch, hatte ich meinen ersten Liebesbrief geschrieben, ihn ihm aber nie gegeben.
Nichtsdestotrotz fühlte ich in seiner Gegenwart denselben Druck, wenn nicht schlimmer, den ich immer fühlte, wenn von mir erwartet wurde, eine Konversation zu führen. Ich war immer schon diejenige gewesen, die nicht dazugehört hatte, die stets ein wenig zu seltsam gewesen war und nur die wenigsten in meinem Umfeld hatten daraus ein Geheimnis gemacht. Allerdings war es mit ihm ein wenig anders, denn ich konnte mir unmöglich selbst einreden, dass es mir egal war, wie er mich sah, ich wollte ihm gefallen. Doch im Gegensatz zu meiner üblichen Strategie, meine Eigenarten zu verstecken, konnte ich sie ihm gegenüber ausleben, sogar hervorheben. „Schnell, denk dir etwas Lustiges aus!“, stupste mich der Teil meines Verstandes, der wegen der Hand auf meinem Rücken noch nicht komplett abgeschaltet hatte.
„Heute hatte ich sogar besonders viel Glück“, begann ich und unterbrach mich sofort, als ich bemerkte, wie fürchterlich schnell ich plapperte. Man hatte mir oft nachgesagt ich wäre unterkühlt und distanziert und ich war eigentlich froh, diesen Eindruck zu erwecken, doch im Grunde war ich bloss überfordert mit sozialen Interaktionen, etwas, das mir in dieser Situation besonders klar wurde. Ich zwang mich meine Nervosität runterzuschlucken und mit normalem Tempo weiterzusprechen. „Der Ehrenmord im Aargau hat meinen Durst nach allem gestillt, wie ein Morphium-Tropf. Tod, Zerstörung und…“ Während ich redete hatte sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht abgezeichnet. „Dummheit!“, sagten wir unisono, bevor das Gelächter losging und wir von den anderen Passagieren misstrauisch beäugt wurden.
Ich hörte ihm gerne zu, nicht nur, wenn er mit seinen Reaktionen zeigte, dass er verstand, was ich mit meinen schlechten Witzen eigentlich sagen wollte, dass sie meine Art waren, mit den fürchterlichen Seiten der Welt klarzukommen, sondern immer. Selbst dann, wenn er mir von seinem Studium erzählte, konnte ich mich unerklärlicherweise aufrichtig für Themen begeistern, die mir normalerweise bestenfalls ein Gähnen entlockt hätten. Mir war klar, dass das nur ein Nebeneffekt der Serotoninausschüttung war, die er in meinen Gehirnwindungen hervorrief, sobald er sich im selben Raum aufhielt, oder ich einfach nur an ihn dachte. Aber auch das war mir egal, es kümmerte mich schlichtweg nicht, also hörte ich ihm gespannt zu und blendete alles andere im Zug aus, währendem er mir die Spieltheorie erklärte.
„Ach ja“, begann er scheinbar ohne Kontext, so als ob er sich plötzlich an etwas erinnerte. „Ich werde nächsten Mittwoch nicht mit dir fahren. Ich muss in die Kaserne und denen eine Bestätigung von der Uni vorbeibringen, damit ich die Rekrutenschule weiter verschieben kann.“ Ich schluckte leer, nickte dann aber so gleichgültig ich konnte. „Klar, kein Problem“, erwiderte ich schliesslich und drehte mich kurz weg, weil ich befürchtete, er würde mir meine Enttäuschung ansehen, bevor ich zwinkernd fortfuhr: „Die wollen dich sowieso nicht haben, dir steht ‚Insubordination‘ praktisch in Leuchtschrift auf die Stirn geschrieben.“
Wir scherzten zwei Haltestellen lang weiter, während der Sturm draussen immer dunkler und mächtiger wurde. Der Regen fiel beinahe horizontal und daher waren wir nur wenig überrascht, als der Schaffner mit blecherner Stimme durch die Lautsprecher verkündete, dass der Zug am nächsten Bahnhof stehenbleiben würde. Er würde von da aus direkt nach Hause rennen können, während ich in einen Bahnersatzbus würde umsteigen müssen. Seine Hand liess von mir ab, als Bewegung in den Waggon kam und sich alle durcheinander darauf vorbereiteten, bald auszusteigen. Ich blieb perplex stehen und hatte das Gefühl, dass es urplötzlich kälter geworden war.
„Also dann“, holte ich zu meiner Verabschiedung aus, während der Zug in den Bahnhof einfuhr und die anderen versuchten gleichzeitig zu den Türen zu kommen, doch bevor ich fortfahren konnte, unterbrach er mich. „Willst du noch mit zu mir kommen? Wolf hat dich schon lange nicht mehr gesehen.“ Sein Lächeln brachte die Wärme wieder zurück, doch so gerne ich seinen freundschaftlichen Vorschlag angenommen hätte, heute wäre ein denkbar schlechter Zeitpunkt für Kaffee, grosse Hunde und Videospiele. Etwas traurig schüttelte ich den Kopf und deutete aus dem Waggonfenster neben der schwangeren Frau. „Ein anderes Mal gerne, aber bei dem Sturm komm ich später vermutlich nicht mehr heim.“
Die Zeit blieb stehen, oder vielleicht war es nur mein Herzschlag, der aussetzte, als er sich durch die ihm entgegenkommenden Menschen drängte, sich dicht vor mich stellte und sagte: „Ich will gar nicht, dass du nach Hause gehst.“

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