Fahrt ins Blaue

SarahAutorin: Sarah
Setting: Kastenwagen
Clues: Therapeutikum, Gewehr, Kruzifix, Dietikon, Hindernis

„Meinst du wirklich, dass es klappen wird?“, fragte Sandra unruhig und warf einen Blick aus dem kleinen Seitenfensterchen des gepanzerten Kastenwagens, der früher der Stadtpolizei gehört hatte. Die mit Graffiti versprühten Hausfassaden der Badenerstrasse zogen draussen vorbei, eingeschlagene Schaufenster und ausgebrannte Autowracks dominierten die triste Szenerie. Niemand fuhr gerne durch die Badenerstrasse, doch das war schon so gewesen, als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Damals.
Daniel, der gerade sein altes Sturmgewehr lud, blickte von seiner Tätigkeit auf und antwortete: „Es muss klappen. Ich bleibe doch nicht hier in der Stadt, wenn die Welt vor die Hunde geht, nur um nach ein paar Jahren beim erstbesten Problem aufzugeben.“
„Und wenn’s dich erwischt, kannst du mir wenigstens dein Gewehr vererben“, entgegnete Sandra trocken.
„Achtung, Hindernis“, rief Marc über die Schulter aus dem Fahrerhäuschen und wich einem ausgebrannten Tramzug der Linie Zwei aus, um den nun erste zähe Rankengewächse aus dem aufgeplatzten Asphalt sprossen. Sandra bekam im letzten Moment einen Haltegriff zu fassen und Daniel versuchte den Ruck damit zu kompensieren, dass er sich mit etwas Kraft in den Sitz drückte. Peter, der Vierte im Bunde, konnte verhindern, dass ihm das Notizbuch zu Boden fiel und fragte: „Ist es beim Albisriederplatz noch immer so schlimm?“
„Na ja“, begann Marc, ohne seine Augen von der Strasse zu lassen, „es wird wohl kaum besser werden, aber wir werden schon irgendwie um die Wracks herumkommen.“
„In der Innenstadt sind alle Apotheken und Arztpraxen längst leergeräumt“, wandte Daniel ein. „Sonst hätte man uns nie auf den Weg nach Dietikon gesandt.“
Peter umfasste das Kruzifix an seiner Halskette und murmelte ein kurzes Gebet, was Sandra zu einem sarkastischen Kommentar veranlasste: „Da überlebt man den Weltuntergang und der Bibelkanal läuft noch immer.“
„Lass ihn“, flüsterte Daniel, der sich offenbar nicht einen weiteren Streit über Religion anhören wollte, doch Sandra hatte sich in Fahrt geredet. „Ist doch so. Jedes Mal, wenn wir mit ihm auf eine Shoppingtour müssen, lässt er wieder dieselbe Litanei vom Stapel. Sind wir doch ehrlich, wenn es einen Gott gibt, dann muss er ein ziemlich mieser Typ sein, wenn er so was geschehen lässt.“
Daniel seufzte und widmete sich wieder seinem Gewehr, offenbar wollte er sich dieses Mal nicht in die Auseinandersetzung hereinziehen lassen. Peter liess sein Kruzifix los und sah auf. „Es ist nur eine Prüfung.“
„Wie phantasievoll. Es ist keine Prüfung, es ist dein verdammtes Leben“, sagte Sandra so leise, dass nur Daniel sie verstehen konnte, doch bevor Peter die Gelegenheit zum Nachfragen hatte, rief Marc: „Wir kommen am Albisriederplatz durch, gut festhalten!“
„Heilige Scheisse“, entfuhr es Daniel, ein Fluch, der nicht einmal Peter auffiel, denn alle waren angespannt und ihre Blicke waren durch die Windschutzscheibe des Polizeiwagens auf die Strasse vor ihnen gerichtet. Niemand von ihnen wusste genau, was damals hier genau geschehen war, nachdem das Militär die Hardbrücke gesprengt und die Gegend abgeriegelt hatte. Erst Marc und Sandra hatten den Platz schon gesehen, doch der Anblick hinterliess auch bei ihnen wieder ein flaues Gefühl.
„Das muss ziemlich übel gewesen sein, was?“, murmelte Sandra während Marc die Geschwindigkeit verlangsamte, weil er wusste, dass die Strassenverhältnisse hier wirklich schlecht waren. Von dem ursprünglichen Platz war nicht mehr viel zu erkennen, überall waren Löcher in den Boden gerissen und der Kreisverkehr war übersät mit Autowracks, ein verlassener Panzer mittendrin. An manchen Stellen hatte schon Unkraut zu spriessen begonnen und die an Ruinen erinnernden Häuser, denen häufig die ganze Fassade fehlte, vervollständigten den Eindruck, in einen Talkessel der Verwüstung einzufahren. Einzig die eine Tramspur war noch befahrbar, wenn auch hier der Belag einzelne Schlaglöcher und Risse hatte, auf der anderen Seite lagen Trümmer des Wartehäuschens auf einem verlassenen Tramwagen.
„Das wird wohl holprig werden“, warnte Marc und versuchte, den Wagen möglichst gerade zu halten.
Daniel entgegnete von hinten: „Halt für nichts an, du kennst die Regeln.“
„Ich versuche es ja“, gab Marc mit zusammengebissenen Zähnen zurück, während sie trotz der verlangsamten Fahrt durchgeschüttelt wurden. Gerade als sie am Ende des Trams anlangten, schrie er überrascht auf. Noch bevor jemand fragen konnte, was genau geschehen war, konnte sie alle einen Ruck fühlen und ein dumpfes Geräusch hören, bevor etwas entlang der Seite des Vans zu scheuern schien. Marc riss das Steuer herum und schien den Wagen stabil halten zu können, während sie weiterrollten.
„Shit, was war das?“, keuchte Sandra überrascht, während Marc aufs Gas trat, ihren Wagen wieder beschleunigte und von dem Platz weglenkte.
„Nur ein Infizierter, alles okay“, erklärte er, ohne sich von der Strasse abzuwenden. „Das blöde Ding ist einfach hinterm Tram aufgetaucht, die Strasse war zu schmal, ich hätte nichts machen können.“
„Na super, das fängt ja gut an“, murrte Sandra und beobachtete die nunmehr freie Strasse. Daniel wandte sich an Peter und erkundigte sich: „Und du bist sicher, dass du die richtigen Medikamente für unsere Leute finden kannst?“
„Klar, ich kann ein Therapeutikum von einem Traubenzuckerbonbon unterscheiden, ich war mal Sanitäter“, gab der Angesprochene zurück. „Das ist nicht die erste Tour, die ich mache.“
„Wo er Recht hat, hat er Recht“, sagte Sandra überzeugt. „Er ist gut.“
„Ich hab gemeint, ihr zwei könnt euch nicht ausstehen?“, fragte Marc erstaunt, während er einem verlassenen Taxi auswich.
„Stimmt“, entgegnete Peter, „aber wir respektieren uns. Shoppingtouren können ziemlich gefährlich sein, da muss man sich aufeinander verlassen können.“
„Apropos Shopping“, warf Sandra ein. „Erinnert ihr euch noch ans Einkaufszentrum ‚Sihlcity‘?“
„Die gute alte Zeit, was?“, lachte Peter. „Ich hätte dich nicht für eine gehalten, die ihre Zeit in Einkaufszentren verbrachte.“
„Doch, doch“, murmelte Sandra nachdenklich, während sie kurz abwesend die Pistole an ihrem Gürtel betrachtete. „Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen.“
„Ich will eure Nostalgie ja nicht stören“, begann Marc, „aber da vorne ist eine Apotheke, die anscheinend noch nicht geplündert worden ist, jedenfalls ist alles noch verbarrikadiert.“
„Okay, dann halt an“, sagte Daniel und beugte sich für einen Augenblick nach vorn als der Wagen zum Halten kam, um einen Blick auf die Umgebung zu werfen. „Sieht sauber aus, da scheint keiner zu sein.“
Sandra tat es ihm gleich und nickte dann. „Ja, auch meine Meinung, wir sollten durchkommen.“
Daniel erhob sich und hielt sein Sturmgewehr bereit, während Sandra nach der Hecktür griff, um sie zu öffnen. Er sah sich ein letztes Mal prüfend um und alle schienen bereit zu sein, als er erklärte: „Okay Leute, das ist nur ein weiterer Tag im Paradies. Gehen wir.“

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