Halloween-Special | Durch die Gläser eines Mörders

Seit ich meine Brille abgeholt habe, konnte ich der Aussicht vor dem Fenster nicht wiederstehen. Die Gebüsche, welche wenig zuvor kaum mehr als grünliche Flecken gewesen waren, bestanden aus Milliarden von Blättern. Jedenfalls schien mir das so, die Details der Natur waren mir nämlich völlig fremdartig und da hielt ich eine kleine Übertreibung für angebracht. Der Optiker hatte zuerst freundlich geschmunzelt, dann entwischte ihm ein spitzes Kichern, nachdem er meine Sehwerte begutachtet hatte. Wie mir eine derartige Einschränkung erst jetzt hatte auffallen können, wunderte er sich laut, schaute mich eindringlich an und schnaufte schlussendlich ernst: „Sie werten die Welt neu kennenlernen.“ Er sollte Recht behalten. Es begann beim Verlassen des Brillengeschäfts, mein winziges Dorf war schärfer geworden, schillernder und kontrastreicher. Überhaupt veränderte sich mein Leben durch die runden Gläser auf meiner Nase von Grund auf. Während ich früher durch eine abgetönte Schlierenlandschaft gestolpert war, wurde ich schlagartig von pulsierenden Formen jeder Couleur begrüßt. Leider brachte der gewonnene Durchblick nicht nur angenehme Seiten. Im Gegensatz zu den Bäumen, dem Gras und den Wolken erhielten die Menschen keineswegs Brillanz, vielmehr wurden sie unter einen Schleier aus Missmut, Freudlosigkeit, Hass und, am grässlichsten, Langeweile verdrängt. Die Belanglosigkeit ihrer Fratzen kam mir widerlich, geradezu abstoßend vor. Das ist bis heute so geblieben, auch ihre Miene ist eine abartige Mischung. Stumpfes Einerlei und die Abscheu, die Sie mir entgegenbringen.
Ich werde oft gefragt, weshalb Sandra meine erste war. Die meisten erwarten eine emotionale Verbindung, welche mich zu ihr gebracht hat. Dabei ist die Wahrheit wesentlich simpler, als Gefühle das je sein könnten. Es war ihre Bernsteinkette. Wissen Sie, ich mag Bernstein, seine warm leuchtende Farbe, seine zarten Einschlüsse, die in die Vergangenheit führen. Auf ihrer Schwarte verwandelte er sich, das Harz hatte plötzlich die Farbe von Pisse einer mitvierziger Alkoholikerin mit einem Faible für Vitamintabletten. So ist das mit Menschen, sehen Sie? Alle Schönheit, die sie berühren, verdirbt, krepiert in ihrem Dunst. Sandra kreischte nicht, das hatte mich überrascht, ich rechnete mit Hysterie oder wenigstens einigen Anzeichen von Panik. Stattdessen glaubte sie, ihr Gezirpe würde mich einlullen. Wahrscheinlich hatte das oft genug funktioniert, solche Fotzen schaffen es, ihre gesamte Existenz auf Intrigen und dem Spiel vom unschuldigen Lämmchen aufbauen. Ein schmieriges Stück war sie, zum kotzen öde, eine stupide Gestalt, versteckt hinter künstlichem Licht. Ihre urinfarbene Kette lag direkt zwischen den beiden ausgelutschten Säcken, die sie Brüste nannte. Wie eine Bauchrednerpuppe klappte ihr Mund auf und zu, die unappetitlichen Falten an ihrem Hals wackelten dabei. Ihr erging es wie fast allen, sie hatte keine Ahnung von ihrer Lächerlichkeit, hielt sich eventuell sogar für klug, stark und redete sich sonst irgendeinen Scheißdreck ein. Sie zu töten war einfach, zu einfach, wenn Sie meine Meinung dazu erfahren wollen. Ich habe sie geschubst, zu Fall gebracht und sechs Mal kräftig zugetreten, ihr den Schädel und die nikotinverfärbten Zähne eingetrampelt, das wertlose Insekt zermatscht. Danach leuchtete der Bernstein wieder, so wie es sein sollte.
Mir ist bewusst, viele halten mich für geisteskrank, kaputt, womöglich schlichtweg böse. Vermutlich ist diese Idee hilfreich, wohltuend. Aber ich bin nicht krank, ebenso wenig wurde ich verdorben. Ich habe eine Mutter und einen Vater. Sie beide haben sich bemüht, mir eine wundervolle Kindheit zu schenken. Es gab keine Möglichkeit, die mir verwehrt geblieben ist, weder kannte ich physische noch psychische Gewalt. Bedingungslose Liebe, das ist meine unspektakuläre Geschichte.
Der Banker hatte sich sein dominantes Auftreten einiges kosten lassen, wie die zu einem riesigen Büschel gebundenen Rosen, welche er zum Sportwagen trug. Offenbar wollte er jemanden beeindrucken oder sich die Gunst einer verschmähten Liebhaberin erschleichen. Die Blüten wirkten trostlos, matt in seinen Armen, ich musste sie befreien, daher wurde er mein zweites Opfer. Anders als Sandra keifte, strampelte und brüllte der Wichser nach Leibeskräften, selbst nachdem ich mein Messer in seinem verschwitzten, teigigen Körper versenkt hatte. Bei jedem Schrei wurden Spuckefäden von seinen Lippen katapultiert und in meine Richtung geschleudert. Das ging mir auf die Nerven, deshalb rammte ich die Klinge direkt in seinen fauligen Schlund, dann war Ruhe. Ich wette, in dem Moment kam er sich nicht mehr überlegen vor, dieses verweichlichte Vieh.
Wenn ich an die scheußlich unbedeutenden Figuren denke, von der ich die Erde im Lauf der letzten Jahre gesäubert habe, überfällt mich Würgereiz. Sie müssen es mir deswegen nachsehen, dass ich Namen und Gesichter verdrängt habe. An was ich mich allerdings erinnere, sind die Dinge, die durch ihr Verrecken den Glanz der Natur zurückbekamen. Früchte, Hecken, Metalle, Fasern und Wasser, egal was, alles ist schöner ohne Menschen. Das sehen Sie auch, nicht wahr? Die meisten sind weniger wert als der geplatzte Gummi, der für ihre Geburt verantwortlich war. Sie sind missgebildete Kreaturen, schnöde, eine Schande und je weniger es von ihnen gibt, desto strahlender wird die Realität.
Es war nie meine Absicht, sie leiden zu lassen, ehrlich. Manchmal ist es trotzdem passiert, wie bei dem Jungen, ach, wie hieß der doch gleich? Timmy, Tommy, so etwas Ähnliches muss es gewesen sein. Eigentlich war das ganz lustig, normalerweise geht das Töten mit Kindern leicht. Babys zum Beispiel, die packt man bei den Schultern und schüttelt einmal ruckartig, Zack, das Genick ist durch, kein Problem. Der Junge hat vier Tage ausgehalten, das weiß ich, weil seine Mutter im Fernsehen aufgetreten ist. Am liebsten hätte ich durch den Bildschirm gelangt, um mir die verheulte Schlampe zu packen. Wie sie im Studio um Gerechtigkeit für ihren ekelerregenden Sprössling gewimmert hat, war peinlich.
Es waren dreiundvierzig, falls das Ihre nächste Frage ist, das ist sie fast immer. Sie sind übrigens nicht der erste, der aus morbider Faszination heraus mit mir spricht. Nein, vor ihnen gab es bereits viele, sie sind nichts Besonderes, niemand ist das. Mir gefallen Ihre Hornknöpfe, bestimmt hat Ihre Frau das Hemd für Sie ausgesucht. Sie hat einen guten Geschmack, bloß käme das Horn besser zur Geltung, läge es inmitten Ihrer Eingeweide, finden Sie nicht auch? A-ha, keine Sorge, was will Ihnen hier im Verhörraum schon geschehen? Seien Sie kein Vollidiot, es reicht vollkommen aus, wenn Sie ein krankhaft neugieriges Arschloch sind, das seine Zeit mit einem Mörder verbringt, statt zuhause mit seiner Tochter zu spielen. Ihnen ist klar, dass Ihr Gör in diesem Augenblick die Welt verschandelt? Mit ihren schleimigen Ausdünstungen, der fettigen Haut und den dreckigen Gedanken verschüttet sie die Pracht unter ihrem hässlichen Antlitz. Sie sollten Sie schlachten, das wissen Sie genauso gut wie ich.

Autorin: Rahel
Setting: Verhörraum
Clues: Schlierenlandschaft, Gras, Gedanken, Scheißdreck, Fenster
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