Clue Writing Interview: Stephanie Mattner von SternenBlick

 Interviews - resizedWerte Clue Reader

Es passiert, was sich zu passieren gehört
Wir reimen zu Beginn gänzlich unerhört
Wollen fulminant, doch leise zelebrieren
Nicht bloss Wortschöpfungen kreieren
Wer sich an Desinteresse und Unrecht stört

Heute haben wir das Vergnügen, euch Stephanie Mattner im Clue Writing Interview vorstellen zu dürfen. Zum zweiten Mal wagen wir uns dabei aus unserer prosaischen Wohlfühlzone, denn Stephanies Herz ist der Lyrik verschrieben und ist bei ihr gar gross geraten. Das zeigt ihr unermüdlich-unerschrockenes Schaffen und Schreiben als ehrenamtliche Herausgeberin des unabhängigen Gemeinschaftsprojekts „SternenBlick“ zweifelsohne.
Publikation um Publikation arbeitet Stephanie mit „SternenBlick“ nicht alleine der Poetenfreude entgegen, sondern will mit ihrem Einsatz gleich auf zweierlei Art bewegen. Da wäre zum einen das erklärte Ziel, die Poesie bestmöglich zu fördern, indem jährlich ein bis zwei Autoren erkoren werden, die in Zusammenarbeit mit „SternenBlick“ ihre Werke publizieren. Beistand leistet die Wahlberlinerin allerdings nicht ausschliesslich ihren Schreib-Kollegen. In Anthologien kommen zahlreiche Autoren zu Wort, die ihre Liebe zum geschriebenen Wort für einen guten Zweck einsetzen wollen. Wer jetzt denkt, Stephanies Einsatz fände hier ein Ende, der irrt. Zusätzlich greift ihr Projekt mit Sonderbänden aktuelle, gesellschaftskritische Themen auf und bringt sie dem Leser im lyrischen Gewand näher.

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Stephanie Mattner widmete sich im Studium der Neueren deutschen Philologie und setzte ihren Schwerpunkt auf Editionswissenschaft. Sie verbringt ihre Arbeitstage in einem etablierten Verlag und schenkt ihrer Leidenschaft für die Dichtkunst neben „SternenBlick“ auch auf ihrer Homepage Aufmerksamkeit.
Aber nun genug der Vorstellerei, lassen wir die Vollblut-Dichterin doch selbst sprechen …

Liebe Stephanie,
wie immer und üblich wollen wir zum Einstieg mit einer randvollen Tasse Kaffee (wahlweise auch Tee) anstossen, Durst und unsere themenfremde Neugier stillen.
Berlin, die Stadt der bunten Bilder. Gibt es auf deinen Alltagswegen ein Lieblings-Graffito?

Eine bestimmte Graffito-Zeichnung habe ich nicht und finde es durchaus auch schwierig, denn die meisten sind nach kurzer Zeit wieder verschwunden. Graffiti gehören zu Berlin. Ich würde sogar sagen, dass fast nichts die Stadt besser repräsentiert als die gesprühten Kunstwerke – die kleinen, wie die großen, die unförmigen, wie die detailreichen. Graffiti versinnbildlichen für mich den Prozess des „Werdens“, wie eine Stadt, die immer im Werden, immer im Wandel begriffen ist. Das Graffito, das mir heute gefällt, ist morgen von einem anderen überlagert oder wurde zum Teil eines neuen Ganzen. Insofern sind Graffiti mir durchaus flüchtige Inspirationen und haben mich sicherlich auch ein Stück weit dazu verleitet, einen eigenen Berlin-Band mit SternenBlick anzugehen (liebe berliner Kreative, die Ausschreibung läuft aktuell und ich freue mich über Eure Texte).

Nun weg von der bildnerischen und hin zur dichterischen Kunst und der Frage, die sich zu Beginn eines Interviews gerne aufdrängt: Wann hat dich die Poesie gepackt?

Ich war schon recht früh begeistert von Sprache und Poesie.
Als meine „Geburtsstunde“, sowohl der meiner Sammelleidenschaft von Gedichten, als auch meiner eigenen Schreibtätigkeit, würde ich die Zeit der Freundschaftsbücher sehen. Eine kurze Zeitspanne in der frühen Jugend, in der jeder umherirrte, um seine Freunde zu ‚sammeln‘. Schnell entdeckte ich meine Freude an den kleinen poetischen Sprüchen und stellte fest, dass die Erwachsenen in meiner Umgebung, Sprüche von ganz anderer sprachlicher Natur hatten. Ich komme aus einem kleinen Dorf mit nur rund 1000 Einwohnern und machte mich – bewaffnet mit einem Stift und Schreibheft – auf dem Weg zu den älteren Herrschaften des Dorfes und ließ mir ihre Poesiealben zeigen. Das war eine tolle Zeit, denn gleichzeitig lauschte ich auch gerne den vielen Geschichten der Älteren und schrieb mir meine liebsten Verse in das Heft, das ich noch heute habe.
Als Schlüssel würde ich aber auch Goethes „Faust“ sehen. Das Buch hatten wir in der Schule besprochen, als ich 16 Jahre alt war. Es begeisterte mich nachhaltig und ich fing daraufhin mit dem Schreiben meiner ersten (rückblickend wirklich grauenhaften) eigenen Gedichten an.

Wir Clue Writer machen ja kein Geheimnis daraus, dass Lyrik von uns zuweilen stiefmütterlich behandelt wird – Schande über uns – und damit sind wir nicht unbedingt die grosse Ausnahme. Wo früher jeder Bücherwurm in Versen über die Welt las, werden die Zeilen heute oft überlesen. Woran liegt’s oder ist unser Eindruck womöglich völlig falsch?

Ich glaube, dass Dichtkunst nie ein von Massen konsumiertes Gut war. Das Bild vom „armen Poeten“ gibt es lange und auch ein Goethe hätte nicht allein von seiner poetischen Schreibtätigkeit leben können.
Man munkelt, dass nur etwa 1% der Bevölkerung ein wirkliches Interesse an Gedichten hat und das sind häufig auch die Menschen, die selber schreiben. Dass ist sehr schade, denn ein gutes Gedicht ist wie eine Art Sprachorgasmus, das den Konsumenten mit einem emotionalen Höhepunkt entlässt.

Ab und an, wenn ich Lob zu den SternenBlick-Büchern erhalte, wird mir mitgeteilt, dass „die Gedichte ja doch ganz schön sind“ und „man sie in der Schule nie mochte“. Ich würde hier einen wichtigen Grund sehen. Ich hatte In der Schule eine Deutschlehrerin, die mich zu begeistern und mitzureißen vermochte, indem sie die Texte durch kleine Anekdoten und große Zusammenhänge für mich ‚fassbar‘ machte. Eine solche Deutschlehrerin wünsche ich mir eigentlich für jeden Schüler und am besten noch Dichtkunst als eigenständiges Fach (ohne Benotung).

Die Moderne wird allerdings nicht bloss von Gedicht-Muffeln bevölkert, ganz im Gegenteil. Besonders auf den sozialen Medien feiern kurz-knappe Verse grosse Auftritte. Meist hinterlegt mit Fotos, hin und wieder auch nackt, erzählen Aphorismen, Bonmots und Zitate von Optimismus, Witz und allem, was den Menschen bewegt. Damit erreichen sie auch diejenigen, die vom Gedichtband zurückschrecken.
Wie stehst du als eingefleischte Poetin zu diesen „Spruchbildchen“? Sind sie die Zukunft der Poesie oder oberflächliche Wortmalerei?

Ich glaube, jede Beschäftigung mit Sprache ist ein Gewinn. Wie ich oben ja beschrieben habe, bin ich auch über kleine Sprüche zur großen Poesie gekommen. Mein Ziel mit SternenBlick ist es, dass mehr Menschen wieder Gedichte lesen und daran ihre Freude haben. Wenn Spruchbilder ein Appetitanreger dazu sein können, immer her damit. Davon abgesehen, lebt auch gute Poesie vom Weglassen und vom Verknappen. Ein kurzer Sinnspruch, der in einem Satz ein ganzes Gedankenreich aufschließen kann, ist gleichwertig mit jedem Gedicht.

Rigide Regeln sind passé, in der Lebensgestaltung wie auch in der Dichtkunst – uns freut’s. Diskussionen über Paar-, Kreuz-, Haufen-, Schweif-, Ketten-, Kehrreime sowie deren Umarmung oder Verwaisung finden in der modernen, freien Lyrik kaum noch statt.
Nun fragt sich der Lyrik-Laie – also wir: Was macht das Gedicht zum Gedicht?

„O glaube mir, der manche tausend Jahre
an dieser harten Speise kaut,
daß von der Wiege bis zur Bahre
kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!“ (Goethe, Faust 1)

Dazu gibt es viele hundert wissenschaftliche Aufsätze und persönliche Reflexionen von Dichtern, ohne dass das abschließend und übergeordnet geklärt werden kann.

Ich kann an der Stelle nur sagen, was ein Text für mich zu einem Stück Dichtkunst erhebt und dass ist immer eine Mischung aus gebundener Sprache, erzeugten Bildern und Rhythmus. Das Letzte ist für mich und meine eigene Schreiberei von zentraler Bedeutung. Ich schreibe Gedichte sehr oft mit Musik. Und der Rhythmus des jeweiligen Songs, geht in meinen Textaufbau mit ein.
Auf diese drei Punkte achte ich als Herausgeberin aber auch bei der Auswahl der eingesandten Gedichte.

Ein erklärtes Ziel deines Projekts „SternenBlick“ ist die aktive Poetenförderung und es wird nicht nur erklärt, sondern gehandelt. Bisher haben zwei Poeten (Susann Kraft und die Zwillingsbrüder Kevin und Patrick Hattenberg) unter deinen Sternen eine lyrische Heimat gefunden und bereits vor der Publikation ihrer eigenen Gedichtbände waren die drei in den „SternenBlick“-Anthologien vertreten.
Willst du uns verraten, wie es aussieht, wenn ihr euch auf die Suche nach förderungswürdigen Dichtern begebt?

Fördern würden wir natürlich sehr gern viel mehr Poeten und Poetinnen. Zeitlich sind uns leider die Hände gebunden. Die DichterInnen, die wir besonders fördern möchten, finden wir unter den Einsendungen zu den ausgeschriebenen Büchern. Inzwischen haben fast 300 AutorInnen an den 7 Publikationen teilgenommen. Viele bleiben uns nun schon über eine lange Zeit treu, sodass wir einen guten Einblick in ihren Schreibstil gewonnen haben. Wo wir das Potential sehen und Lust hätten, einen einzelnen Band zusammen zu gestalten, schreiben wir die Dichter und Dichterinnen entsprechend an.

Damit wir aber noch mehr DichterInnen und ihr Werk vorstellen können, starten wir in Kürze eine eigene Heftreihe mit SternenBlick, die ab dem nächsten Jahr auch gesondert ausgeschrieben wird.

Also kurz für alle Interessierten: Schickt uns Eure Texte zur nächsten Ausschreibung und überzeugt uns damit!

Wir haben sie vorher schon kurz erwähnt, die „SternenBlick“-Anthologien, kurz soll die Erwähnung aber keinesfalls bleiben. Zwei sind es schon, die dritte befindet sich in der Pipeline und jeder Sammelband wird mit viel Liebe fürs Detail zusammengestellt und aufbereitet. Spätestens nach unserem Literaturwettbewerb ist uns klar, wie viel Arbeit hinter solchen Projekten steht. Freilich ist es schöne Arbeit, dennoch zehrt sie von den freien Stunden des Tages.
An Motivation scheint es dir nicht zu fehlen, trotzdem sind wir neugierig: Wie gehst du mit der Mehrbelastung von regelmässigen Ausschreibungen um?

In der Tat gab es, seitdem das Projekt im Oktober 2014 an Fahrt aufgenommen hat, keinen Tag an dem ich nicht etwas dafür getan habe. Kontinuität und Disziplin gehören dazu, aber auch in eine Art „Flow“ zu kommen – also den Dingen ihre natürliche Chance zur Entfaltung zu lassen und sehr viel Dankbarkeit. Dankbarkeit über all die vielen Dinge, die ich mir in jüngster Zeit angeeignet habe, wie technische Fähigkeiten (z.B. wie setze ich ein Buch). Dankbarkeit auch über die Gelegenheit, die vielen wundervollen Menschen kennenlernen zu dürfen (gleichgesinnte Poeten, großartige Illustratoren und natürlich mein liebes Team). Daneben entsteht immer etwas, auf das ich stolz bin – die Bücher. Kurz: das Projekt erfüllt mich und macht mich glücklich, deshalb ist es jede Anstrengung und jede Mehrbelastung auch wert.

Ein-Gedicht-fuer-ein-Kinderlachen_700Mit Freude haben wir uns bei den Interviewrecherchen in unsere Kindheit entführen lassen. Im Band „Ein Gedicht für ein Kinderlachen“ erzählen sechzig Autoren mal nostalgisch-verklärt, mal kindlich-optimistisch aber auch wehmütig, ja, gar etwas neidisch über die Tage, die viel zu schnell an uns vorüberzogen. Euer Werk ist eine Hommage an das Kind in uns. Offene Perspektiven, Neugier, (Urteils-) Freiheit, Reinheit, Süssigkeiten, Teddybären, Ballons und Cowboys …
Die Tristesse, die einigen Kinderleben leider beiwohnt, wird hingegen eher selten aufgegriffen. Oder übersehen wir etwas?

Es gibt durchaus Texte in der Anthologie, die nicht nur die heile Welt beleuchten. Michael Pilath, Christine Neumeyer und Vera Oelmann zeigen auch Kinderschicksale neben einer verklärten BonBon-Welt und auch bei Elsa Rieger und Dagmar Tollwerth finden wir für den Leser aufwühlende Passagen. Wichtig ist mir immer, möglichst viele Aspekte eines Themas einzufangen und den Leser dennoch mit einem guten Gefühl aus dem Buch zu entlassen.

Bedeutend weniger leicht ist die Kost eurer Sonderbände. In diesen Sammelwerken äussern sich Poeten gesellschaftskritisch, hinterfragen und reflektieren den Status Quo der Gesellschaft schonungslos und schrecken auch nicht davor zurück, ihre ganz persönlichen Perspektiven zu teilen. In „Stummgelebt“ übst du mit deinem Gedicht „Blickdicht“ Kritik an der Zögerlichkeit, mit der so manche ihre Meinung äussern und leben.
Uns ist klar, dass diese Frage nicht so mir nichts dir nichts beantwortet werden kann, trotzdem: Weshalb ist es dir wichtig, für deine Meinung einzustehen? Weshalb muss es uns allen wichtig sein?

Ich finde es sehr schade, wenn Menschen keine eigene Meinung haben. Für mich ist jeder Mensch besonders und einmalig, daher sollte jeder im Laufe seines Lebens auch zu sich, seinen Eigenheiten und gewonnenen Ansichten stehen. Wenn alle nur eine Meinung haben – dem Mainstream folgend und alle nur eine Denkrichtung – wie schrecklich langweilig wäre das? Wo sind die Reibungspunkte dann? Woran soll man wachsen? Wie soll man etwas lernen (über sich und die Welt)? Wer eine Meinung hat und diese vertritt, lädt zu einem Diskurs ein, bei dem zwei gewinnen. Wichtig ist, dass man seine eigene Meinung auch reflektieren und gegebenenfalls überdenken kann, sprich: ehrlich sich selbst und anderen gegenüber bleibt.

Im ersten Sonderband „Stummgelebt“ setzt ihr dem Stummsein ein Ende und sprecht viele Missstände an, die so manchem ins Blut übergegangen sind. Es geht jedoch nicht in erster Linie darum, den Leser zu schelten oder den Moralapostel zu spielen, vielmehr, mit ehrlicher Kritik aufzuzeigen, wie Veränderung möglich wäre.
Wir verleihen dir hier die Superkraft, mit einem einzigen Fingerschnipsen eine kleine Veränderung in der Gesellschaft zu bewirken. Wie sieht sie aus? Wo beginnt der Neuanfang?

Der Neuanfang beginnt immer bei einem selbst. Es mag abgedroschen klingen, aber ich bin der Ansicht, dass ein Lächeln die Welt verändert. Wenn ich mit offenem, freundlichem Herzen den Menschen begegne und mich ehrlich erfreue an ihrem Glück, dann bleibt kein Raum für schlechte Gedanken, für Missgunst und Hass.
Natürlich könnte man an der Stelle einwenden, dass sich sowas aus stabilen Lebensverhältnissen heraus einfach sagen lässt. Doch diese Einstellung zum Leben habe ich in schwierigen Zeiten entwickelt – nach Krebs, Scheidung und absolutem finanziellen Nullpunkt. Ich hätte mich damals entscheiden können, nun alles schlecht zu sehen, aber ich habe mich entschieden daran zu wachsen und dankbar zu sein – ich habe es nicht bereut ;).

Der zweite Sonderband ist der Flüchtlingsthematik gewidmet und soll unter „#DichterfuerFluechtlinge“ ein Zeichen für Toleranz setzen. Machen wir uns nichts vor, der Mensch ist zuweilen ein egozentrisches Tierchen, so beginnt Toleranz auch oft mit der Einsicht, dass die anderen gar nicht so anders sind. Genau das wird in eurem Werk auf vielfältige Weise aufgegriffen, so auch von dir mit den Versen zu „Der gleiche Takt“.
Was möchtest du all jenen sagen, die das noch nicht verstehen wollen oder können?

Cover_TS_700Diese Menschen würde ich fragen, wie sie behandelt werden möchten? Toleranz fängt für mich damit an, dass man sich selbst als besonderes Individuum begreift, mit allen Stärken und Schwächen. Menschen mit wenig Toleranz für Andere, lieben sich meist selbst nicht bzw. fühlen sich selbst immer ungeliebt und missverstanden. Ein Teufelskreis, denn ihre eigene Intoleranz grenzt sie mehr aus. Ich würde jenen also empfehlen, sich etwas im Leben zu suchen, dass sie erfüllt und stolz auf sich selbst werden lässt. Dann kann man an die letzte Antwort anknüpfen. Daneben würde ich aber auch gern jedem engstirnig-intoleranten Menschen „TrümmerSeele“ von vorn bis hinten vorlesen, denn hier gibt es sehr viele Texte, die eine Erweiterung über den eigenen Horizont hinaus ermöglichen – gerade weil Poesie wortgewordenes Gefühl ist.

Der wohl grösste Feind des friedlichen Miteinanders ist die Angst – vor dem Fremden, dem Unverständlichen und manchmal auch dem Erlebten. Leider lässt sich nicht abstreiten, dass dieses Misstrauen in einigen wenigen Fällen gerechtfertigt sein kann, denn es gibt sie, die Bösartigkeit der anderen.
Was glaubst du, wie wir diesen Aspekt des Zusammenlebens ansprechen und angehen sollten?

So wie jeden Aspekt – ehrlich und kritisch. Es nutzt nichts die Augen davor zu verschließen, dass es Böses auf der Welt gibt, aber man muss auch (selbst)kritisch hinterfragen, warum es Menschen gibt, die einen solchen Hass entwickelt haben. Unsere eigene westliche Lebensweise und die (Fehl)Entscheidungen unserer Obrigkeiten, sind da ein guter Anfang.

Auch über Heimat wird in „TrümmerSeele“ gesprochen. Über das Zuhause, das man verlor und das, welches man teilen kann. Besonders in Erinnerung blieb der Beitrag „Asyl“ von Eva Gruber. Es begann mit Gleichgültigkeit, dann kam der Schock, die kollektive Erinnerung Europas an die dunkle Zeit des Nationalsozialismus und die Frage, wie der Stein ins Rollen kam. Sie schliesst ab mit der simplen Zeile: „Ich beschließe, dir meine Tür offen zu halten.“
Weshalb fällt der Entschluss, anderen die Tür offenzuhalten, so schwer?

Weil der Mensch im Grunde ein ängstliches Wesen ist und das ist in erster Linie zur Erhaltung seiner Art sicherlich gut gewesen. Hätte er allen Säbelzahntigern immer den Höhleneingang offen gehalten, würde es uns wohl nicht mehr geben. Ein gewisses Maß an Vorsicht ist daher immer gesund.
Es gibt in dem Buch einen Text von Hans-Georg Wigge über eine dicke, glückliche Schnecke, die in ihrem Kopfsalat Paradies sitzt und eigentlich viel mehr zum Leben hat, als sie bräuchte. Eines Tages kommt ein fremdes Schneckentier in ihren Garten. Statt einen Teil dessen, was sie nie schaffen würde zu vertilgen, abzugeben, ärgert sich die Schnecke so sehr über das fremde Schneckentier, dass sie vor Zorn stirbt.
Das Bild, das dieses Gedicht zeichnet, hat sich mir sehr eingeprägt. Die meisten haben Angst davor, etwas zu verlieren oder dass sich ihr gewohntes Leben ändert. Sie bedenken dabei leider nicht, dass sie auch gewinnen könnten.

Nun zum Pièce de Résistance von „SternenBlick“, der Gemeinnützigkeit. Alle Erlöse eurer Publikationen werden gespendet und zwar ohne Wenn und Aber. Es werden jeweils 500 Euro für eine wohltätige Organisation gesammelt, die nächsten 500 unterstützen dann ein anderes Projekt. Bisher durften sich „Kinderlachen e.V.“ und die „Berliner Kinderhilfe – Schutzengel“ über eure Spenden freuen, „Make-a-wish Deutschland“ muss sich noch ein wenig gedulden.
Erst einmal wollen wir uns vor eurem Einsatz verbeugen und danach gleich neugierig nachhaken: Wie werden die Organisationen ausgewählt und gäbe es Kandidaten, die für eure Unterstützung nicht infrage kommen?

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Lyrikbände werden an sich nicht oft gekauft und würden wir jeden der 60 bis 130 Autoren (je nach Umfang des Buches), seinen Anteil zahlen, hätte der Einzelne nicht viel davon. Die Masse zusammen genommen, ergibt aber eine schöne Summe, die ein Stück weit helfen kann. Aus diesem Grund haben wir uns von Anfang an entschieden, mit SternenBlick einen gemeinnützigen Ansatz zu verfolgen. Ein wenig Sorge hatten wir, als wir begonnen haben, die Poetenbände ins Programm aufzunehmen, waren aber sehr positiv überrascht, dass sowohl die Zwillinge Patrick und Kevin Hattenberg, als auch Susann Kraft, unserer Bedingung ohne zu zögern, zustimmten. Es ist schön zu sehen, wie viele Menschen sich unserem Engagement anschließen.

Den Verein Kinderlachen e.V. hatten wir zufällig gefunden, weil unser Buch „Ein Gedicht für ein Kinderlachen“ hieß. Da wir außerdem vom Konzept des Vereins angetan waren (die Spendengelder in Form von Sachspenden an konkrete Bedarfspunkte zu übergeben), entschieden wir uns die ersten 500 Euro hierhin zu übermitteln. Generell schauen wir mehr nach Organisationen, die Kinder unterstützen. Mit unserem Sonderband „TrümmerSeele“ zur Aktion #DichterfuerFluechtlinge, wollten wir aber natürlich passend dazu auch eine Flüchtlingsorganisation begünstigen. In Kürze werden daher 1000 Euro an „Moabit hilft“ gehen.
Im Grunde sind wir also nicht festgelegt, schauen aber genau nach dem Ansatz der jeweiligen Organisationen und entscheiden es dann im Team.

„SternenBlick“ zeigt, dass Menschlichkeit nicht auf dem Papier bleiben muss und überhaupt nicht sollte. Deswegen die tatkräftige Frage an dich: Was können unsere Leser und wir unternehmen, um euren Einsatz neben dem Füttern unseres Bücherregals mit Gedichtbänden zu unterstützen?

Wer selbst kein Autor/Dichter ist, kann uns unterstützen, indem er in seinem Netzwerk auf das Projekt aufmerksam macht. Manchmal finden sich poetisch Interessierte, von denen man es vielleicht nicht gewusst oder gar vermutet hätte.
Immer willkommen sind uns auch kreative Ideen und neue Impulse.
Neben den Büchern, versuchen wir immer neue Wege zu finden, das Projekt SternenBlick und seinen poetischen Grundgedanken in die Welt zu tragen. Einen Bereich, den wir uns noch erschließen wollen, ist der audio-visuelle. Du kennst dich mit Videoschnitt aus, bist Musiker oder kannst/willst uns da helfen? Melde dich einfach. Auch suchen wir immer nach Künstlern, die Lust hätten, ein Buch mitzugestalten.

Kurz: Ich glaube daran, dass viele kreative Menschen zusammen etwas Wunderbares bewegen können und es ist schön zu sehen, dass in schwierigen Zeiten wie diesen, ein so idealistischer Ansatz auf ein wachsendes Echo stößt. Das ist etwas, was mich äußerst zuversichtlich stimmt.

Wenn man sieht, wie viele Poeten bei den „SternenBlick“-Projekten mitwirken, liegt die Vermutung nahe, dass ihr aus allen Ecken und Winkeln der Gesellschaft stammt. Zusammengekommen seid ihr zum einen aus Liebe zur Lyrik aber auch durch den gemeinsamen Wunsch, die Welt zum Besseren zu verändern.
Nun stellt sich die Frage, was Poesie – sowie Kunst ganz generell – bewirken kann. Wo liegen ihre Stärken und glaubst du, dass es Hürden gibt, die sie nicht zu überwinden vermag?

Die Frage ist: Muss sie Hürden überwinden? Für mich muss Poesie und Kunst hauptsächlich SEIN.
Wichtig ist, dass die Schaffung von Kunst nie aufhört. Ob ein Roman, ein Gemälde, ein Gedicht oder eine musikalische Komposition – allem ist gemein, dass es uns vom Alltäglichen enthebt und anregt zu neuem Denken. Vor allem aber, ist die Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk, immer auch ein Rendezvous mit dem eigenen Selbst, weil ICH fühle, dass es etwas in MIR auslöst beim Betrachten, beim Lesen oder beim Hören.
An alle Künstler dieser Welt: Danke, dass es euch gibt! Macht weiter so.

Teamwork wird bei „SternenBlick“ gross  geschrieben. Euer Team umfasst Herausgeber, Lektoren, Marketing- und Rechtsspezialisten, Blogger, Cover-Illustratoren und Social Media Manager. Das alleine sind schon dreizehn Leute, ganz zu schweigen von eurer Horde an Autoren und Autorinnen.
Kanntet ihr euch schon vor dem Projekt oder wie habt ihr euch gefunden?

Nur sehr wenige, der aktuell im Projekt involvierten Personen, kannte ich schon vorher.
Dichter und Mitinitiator Ben Kretlow, hatte ich kurz zuvor über die Arbeit kennengelernt und zwei meiner langjährigen Freunde sind mit im Team (Patricia und Kristin).
Alle anderen haben sich im Laufe der Zeit aus Überzeugung dem Projekt angeschlossen und unterstützen und fördern es tatkräftig. An dieser Stelle einen großen Dank an Euch!
Der Slogan von SternenBlick ist „Näher am poetischen Herzen“ und den habe ich aus gutem Grund gewählt. Ich mag den Austausch mit den DichterInnen und habe verhältnismäßig wenig negative Erfahrung gemacht. Ich sehe diese persönliche Nähe zu meinen Autoren durchaus als Gewinn und bin gespannt, wen ich noch erleben darf.

Die Zusammenarbeit mit so vielen Leuten zu orchestrieren, ist eine Aufgabe, die es faustdick hinter den Ohren hat – es will koordiniert, organisiert, lektoriert, illustriert und publiziert werden.
Erlaubst du uns einen kleinen Einblick hinter die Kulissen und erzählst uns etwas über die, sicherlich zeitaufwendige, Administration von „SternenBlick“?

Es ist genau das: organisieren, kontrollieren, lektorieren, gestalten, setzen, publizieren, austauschen und koordinieren.
SternenBlick ist inzwischen ein großes Projekt geworden mit vielen Aufgabenbereichen:
Die Betreuung und Aktualisierung von zwei Webauftritten, die Pflege des Blogs, einen monatlichen Newsletter, die Social Media Kanäle (Facebook und Twitter) müssen gefüttert werden, daneben Kontakte knüpfen offline & online und diese ausbauen und pflegen, Ausschreibungen vorbereiten, Auswahl treffen und Bücher zur Veröffentlichungsreife bringen. Dank meiner lieben Team-Kollegen, mit denen ich 1x im Monat ein Meeting via Skype habe, gibt es tatkräftige Unterstützung für alle Bereiche und einen kreativen Austausch.

Das Interview-Ende naht rasant – der Schelm! – also lass uns hurtig erzählen, dass ihr neben euren Anthologien auch bloggt. Auf eurer Seite finden sich Interviews, Gastartikel, eine Lyrikecke und, ganz klar, ein Poetenherz zu entdecken.
Wieso dürfen die werten Leser das auf gar keinen Fall verpassen?

Neben News rund um SternenBlick, haben wir immer wieder spannende Interviews oder Gastartikel mit und von Dichtern, Künstlern und poetischen Projekten. Näher dran geht eigentlich nicht. Ich glaube auch Menschen, die von sich behaupten „keine kreative Ader“ zu haben, haben ein Interesse, einem Künstler über die Schulter zu schauen. Bei uns ist das möglich.

Da ist er also, der Abschied von dir und deinen engagierten Mitstreitern. Auf die berühmten letzten Worte wollen wir allerdings verzichten. Viel lieber bitten wir dich, um einen Auftakt.
Wie lauten deine ersten Worte der Zukunft, so wie du sie dir wünschst?

„Und was du sonst von mir in deinem Leben
In Armen hieltest: du besaßt es nicht.
Ich habe mich viel tiefer dir gegeben,
Ich gab dir meine Seele: das Gedicht.“
(Alfred Margul-Sperber, Widmung zu seinem Gedichtband „Verzaubertes Wort“)

Uebersicht_Cover

Wir von Clue Writing möchten Stephanie unseren Dank aussprechen, dass sie sich die Zeit genommen hat, unsere Fragen zu beantworten. Ihr Projekt „SternenBlick“ hat nicht bloss Potential, sondern ist darum bemüht, eben dieses mit engagierten Schreiberlingen zu teilen. Das alleine wäre für uns Grund genug, beide Daumen übers Haupt zu strecken, doch Stephanie hört hier noch lange nicht auf, Sympathie und Lesebegeisterung zu wecken. Ihr Einsatz für die Dichtkunst, die Dichter hinter den Wörtern und nicht zuletzt die Menschen, deren Leben auf vielerlei Weise lyrisch verschönert wird, ist dermassen lobenswert, dass wir nicht länger um den selbsterklärenden Brei reden wollen: Ob alte Dichter-Hasen oder Lyrik-Laien, ein Besuch auf ihren Seiten sei jedem empfohlen. Die „SternenBlick“-Werke können mehr als nur unterhalten oder als ansehnliches Mitbringsel beim Dinnerbesuch dienen. Sie regen zum Denken und, so darf man hoffen, sprechen, schreiben, schreien an. Die Auswahl ist gross und wächst weiter, ein passendes Geschenk für euch selbst und andere lässt sich also bestimmt finden.

Wir wünschen Stephanie weiterhin erfolgreiches Schreiben, Herausgeben, Fördern und Spenden und freuen uns auf ihre nächsten Publikationen.

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Vielen lieben Dank an Stephanie und an unsere werten Leser
Eure Clue Writer
Rahel und Sarah

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Dieses Interview wurde von Rahel geführt.

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