Von Hunden und Bluetooth

Eigentlich bin ich ein Katzenmensch, Hunde finde ich aber auch unterhaltsam. Trotzdem befand ich das Ausbildungszentrum für Therapiehunde, dessen Gelände ich vor kurzem betreten hatte, für denkbar langweilig, insbesondere weil alle Hunde sehr folgsam waren. Da war niemand, dessen Frustrationstoleranz auf die Probe gestellt wurde oder der über eine Leine stolperte. Das normale Leben war gerade bestenfalls doppelt so langweilig wie Reality-TV, und das wollte etwas heißen. Ich ließ mich auf einer Bank nieder, deren Beine sicherlich von unzähligen Therapiehunden in ihrer Pinkelpause besucht wurde, und streckte mich.
Ich fuhr zusammen, als ein Fremder sich neben mich plumpsen ließ, sodass die Holzlatten sich bogen.
„Tagchen“, lachte der Kerl in Jeansjacke, blinzelte in die Sonne und zündete […] Weiterlesen

S04E06 | Endstation

Wir möchten euch herzlich zur sechsten Episode der vierten Staffel des Kurzgeschichten-Podcasts Clue Cast begrüssen. Sie basiert auf der Story „Endstation“ von Rahel. Die Reise in der ersten Klasse lohnt sich, denn man hat mehr Ruhe zum Nachdenken. In dieser Geschichte wurden die vorgegebenen Clues „Augapfel, Marmeladenbrot, Rasierklinge, Fledermaus“ und „Kotze“ vertextet und sie spielt am Setting „Erste Klasse“. Der Sprecher dieser Episode ist Werner Wilkening. […] Weiterlesen

Endstation

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Kata-kata, kata-kata. Sie konnte sich noch nicht so richtig entscheiden, ob sie das monotone, doch gleichzeitig aufregende Geräusch mochte, während der Zug gemächlich durch die Landschaft tuckerte und sie ihr Herzklopfen ignorierte. Die Erste Klasse war leergefegt, da war nichts anderes außer das stetige Kata-kata, kata-kata und ab und an ein Ruckeln. Debora war vor wenigen Tagen dreiundsechzig Jahre alt geworden, hatte so viel erlebt und doch kam es ihr so vor, als würde sie sie genau in diesem Augenblick zum ersten Mal fühlen, die Ruhe vor dem Sturm. Kata-kata, wie ein Trommelschlag, und gespannt wartete sie auf den Moment des Stillstandes. […] Weiterlesen

Hochmut kommt vor dem Fall

Ich war gerade mal zwölf Jahre alt gewesen, als ich aus meinem Baumhaus gefallen war und mir dabei beide Beine gebrochen hatte. Doch getrieben von meiner bereits damals legendären Sturheit und verbissen wie ein Rottweiler, der ein frisches Steak bis aufs Blut verteidigt, hatte ich nicht lange gebraucht, bevor ich wieder auf meinen Hochsitz geklettert war und die Aussicht genossen hatte. „Was einen nicht umbringt, macht einen stärker“, hatte meine Mutter zu sagen gepflegt. Ja, die stämmige und rotwangige Hausfrau hatte ihre Aphorismen geliebt, vielleicht gar mehr als meinen Vater, doch am Ende war eine Krankheit dahergekommen, die sie nicht mehr stärker gemacht hatte. Damals, als sie von uns gegangen war, kurz vor meiner Volljährigkeit, hatte ich das erste Mal begriffen, was das Leben wirklich war: eine gigantische Sanduhr, der man nur zusehen und die man […] Weiterlesen