Blinzle nicht und lauf um dein Leben

Ich hasse es, wenn meine Schuhe nicht gleich fest gebunden sind, genauso wie ich es untertäglich finde, wenn mein Zopf nicht exakt in der Mitte meines Hinterkopfs liegt oder wenn die Anzahl Erdnüsse in meiner Snackschale ungerade ist. Ich bleibe stehen und mache mir selbst einige Sekunden vor, ich würde nur meine mittlerweile aufgewärmten Muskeln dehnen wollen, ehe ich meinen linken Schnürsenkel löse und neu verknote, dieses Mal richtig. Meine Puls-Uhr warnt mich mit ihrem immer schneller werdenden Piepsen davor, mich zu lange von meinen absurden Zwängen aufhalten zu lassen und als das schrille Geräusch durch meine Kopfhörer endlich zu mir durchdringt, werde ich nervös. Manchmal komme ich mir vor wie der Pawlow‘sche Hund, so sehr war ich darauf trainiert, auf gewisse Reize zu reagieren und das nicht nur, wenn es um meine Puls-Uhr […] Weiterlesen

XOR

„Fu…“, begann Carla und konnte den zweiten Teil des Wortes gerade noch unterdrücken, nachdem ihr der Collegeblock, den sie sich unter den Arm geklemmt hatte, weggerutscht und auf den Bürgersteig geklatscht war. Umständlich ging die mit Büchern beladene Medizinstudentin in die Hocke und versuchte ihn wieder aufzuheben. Gerade, als sie mit einem ausgestreckten Finger den Block berührte und glaubte den Block zu fassen zu kriegen, rutschte der dicke Wälzer, den sie unter dem anderen Arm gehalten hatte, ebenfalls weg. Carla verlor endgültig das Gleichgewicht und landete unsanft auf ihrem Hintern. „Verdammt, verdammt, verdammt!“, zischte sie und schlug mit der flachen Hand auf den schmutzigen Asphalt, bevor sie kapitulierend seufzte. „Scheißtag.“
„Na, bist du wieder ein Miesepeter?“, erklang hinter ihr eine männliche Stimme, die eines […] Weiterlesen

Primum non nocere

Die Operationsvorbereitungen waren wie üblich ruhig verlaufen; Caroline hatte den klassischen Längsschnitt mit einer Routine durchgeführt, die sonst nur erfahrenere Chirurgen haben und auch das Herauslösen der linken Arteria mammaria interna aus der Brustwand gelang ihr mit Leichtigkeit. Als sie jedoch den Elektroskalpell an den Gefäßursprung der rechten Brustwandarterie setzte, um das etwa zwanzig Zentimeter lange Gefäß freizupräparieren und zu entfernen, zuckte ein kurzes Zittern durch ihren Oberarm. Instinktiv trat die junge Frau einen Schritt von ihrem Patienten zurück, atmete einige Male tief durch und beruhigte sich mit dem Gedanken, dass sie lediglich nervös war – schließlich war es für sie das erste Mal, dass sie unter diesen Bedingungen operierte. […] Weiterlesen