Johns Schlüssel

Hey, mein Name ist Nora und ich bin heute eure Erzählerin. Setzt euch hin, bei uns in der Suppenküche hat es genügend Stühle für alle, das ist ja auch der Zweck einer Einrichtung für Bedürftige, dass jeder einen Platz bekommt, nicht wahr? Was ich euch berichten will, dauert nicht lange, bedarf keiner ausschweifenden Erklärungen, lediglich etwas Menschlichkeit, ihr könnt die Ladekabel getrost in der Tasche lassen, der Akku wird reichen.
Wisst ihr, ich arbeite seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren hier, ehrenamtlich versteht sich. Man höre sich das an; fünfundzwanzig Jahre! Als ich angefangen habe, war ich noch ein Kind, obwohl mein tatsächliches Alter etwas anderes hätte vermuten lassen.
Mit dreizehn hatte ich schon meine erste Vorstrafe wegen Diebstahls auf dem Kerbholz, […] Weiterlesen

Hochmut kommt vor dem Fall

Ich war gerade mal zwölf Jahre alt gewesen, als ich aus meinem Baumhaus gefallen war und mir dabei beide Beine gebrochen hatte. Doch getrieben von meiner bereits damals legendären Sturheit und verbissen wie ein Rottweiler, der ein frisches Steak bis aufs Blut verteidigt, hatte ich nicht lange gebraucht, bevor ich wieder auf meinen Hochsitz geklettert war und die Aussicht genossen hatte. „Was einen nicht umbringt, macht einen stärker“, hatte meine Mutter zu sagen gepflegt. Ja, die stämmige und rotwangige Hausfrau hatte ihre Aphorismen geliebt, vielleicht gar mehr als meinen Vater, doch am Ende war eine Krankheit dahergekommen, die sie nicht mehr stärker gemacht hatte. Damals, als sie von uns gegangen war, kurz vor meiner Volljährigkeit, hatte ich das erste Mal begriffen, was das Leben wirklich war: eine gigantische Sanduhr, der man nur zusehen und die man […] Weiterlesen