Fragen & Antworten: 2016

Liebe Clue Reader,

Auf dieser Seite findet ihr Fragen, die uns Nike Leonhard nach nahezu viereinhalb Jahren Clue Writing, zum Jahresende 2016 gestellt hat. Wir sagen besten Dank an Nike und „Happy New Year“ an alle.

Vorab erst mal herzlichen Glückwunsch zu über vier Jahren Clue Writing! Habt ihr einen Überblick, wie viele Geschichten in dieser Zeit entstanden sind?

Sarah: … sogar sehr exakt. Wir haben dieses nette kleine Tool, das sich Story-Protokoll nennt. Es verrät uns, dass wir seit Anbeginn der Zeit (also dem 1. August 2012) so alles veröffentlicht haben. Ende 2016 sind es genau 472 Kurzgeschichten und 164 Podcast-Episoden – megalotastisch, was?

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, in dieser Form zu veröffentlichen?

Sarah: Es war einmal, vor langer Zeit, in einer schlaflosen, kaffeegeschwängerten Nacht, als zwei obsessive Individuen sich zusammengetan haben, um … Nein, wisst ihr was? Wir haben diese Geschichte zu einen Audio-Märchen gemacht, das ihr auf YouTube anhören könnt. Also nichts wie los, lass euch von Rahels liebreizender Stimme unsere Geschichte erzählen!
Rahel: Oder: Ihr müsst Rahels damals noch nicht ausgereifte Audiokünste ertragen, damit wir uns an dieser Stelle nicht die Finger wundtippen müssen. Aber hey, wenn ihr schon dabei seid, könnt ihr im Anschluss eine neue Clue Cast Folge anhören und am eigenen Ohr hören, wie wir dazulernen.

Was seht ihr als euren größten Erfolg in den vier Jahren an?

Rahel: Da ich Herrscher über den Audio-Keller bin, drängt sich mir bei der Frage zwangsläufig der Clue Cast auf. Einerseits bin ich, so viel Eigenlob will ich zulassen, ein klein wenig stolz auf mich, wie weit meine Bearbeitungskünste in nur einem Jahr gekommen sind. Andererseits, und das ist viel wichtiger, freut es mich grandiotastisch, dass so viele talentierte und wunderbar engagierte Sprecher bei uns mitmischen möchten.
Sarah:
Rahel hat mit dem Clue Cast selbstverständlich nicht Unrecht, aber ich möchte noch einen Schritt weitergehen. Unser grösster Erfolg ist die Tatsache, dass man uns nicht glaubt! Und bevor ihr jetzt entsetzt die Hände verwerft, nein, ich sage nicht, jemand bezichtige und des Lügens. Nur, wir stecken einiges an Arbeit in Clue Writing und kommen damit wohl gut und gerne auf hundertachtzig Stellenprozente, die Sprecher und anderen freien Mitarbeiter nicht mitgezählt. Als wir letzthin angekündigt haben, dass wir für die nächsten Monate nur je eine Story und eine Podcast-Episode veröffentlichen wollen, um die freiwerdende Zeit dafür zu nutzen, Sponsoren und Geschäftspartner zu finden, wurde uns dafür viel Verständnis entgegengebracht, insbesondere mit Worten wie: „Das sehe ich, hoffentlich könnt ihr euch so etwas erholen.“ Inwiefern es ein Erfolg ist, fragt ihr euch nun? Ganz einfach, wenn unsere Fans „hinter den Kulissen arbeiten“ mit „nicht arbeiten“ verwechseln, dann trauen sie kaum jemandem zu, so viel zu leisten und auf die Beine zu stellen, wie wir es tun, und das, liebe Freunde, ist Erfolg.
Wenn ich mir aber so überlege, in was ich den Erfolg, den Wert, den wir für unsere Fans wirklich haben, messe, so sind es drei Dinge, in aufsteigender Reihenfolge. Die Bewertungen, also die gelben Bleistifte unter den Posts, wie viele von euch wie oft Clues vorschlagen und, mehr als alles andere, wie viel wir euch wert sind, wenn man freiwillig geben kann – klingt vielleicht etwas einseitig, aber ja, ich könnte mir kein besserer Indikator vorstellen.
Rahel: Joa, schön gesagt! Man kann hier vielleicht noch erwähnen, dass die Arbeit für Clue Writing nicht zwischen Haushalt und privaten Projekten, sondern zwischen Vollzeitarbeit stattfindet, das könnte den Unglauben gegebenenfalls nochmals verstärken.
Ebenfalls wäre hinzuzufügen, dass es bestimmt einige geben wird, die das mit dem monetären Erfolg anders sehen, was selbstverständlich in Ordnung ist. Weniger A-OK ist allerdings der kleine aber feine Umstand, für den Wunsch und das Ziel, mit literarischem Schaffen Geld zu verdienen, verurteilt zu werden. Das tun keineswegs viele, dennoch einige, die darauf beharren, „Kunst“ oder was sie dafür halten, verliere ihren inhärenten Wert, wenn sie am schnöden Mammon gemessen wird. Darf man so sehen, halte ich hingegen, und das will ich hier ehrlich sagen, für naiv sowie für einen guten Indikator, ob jemand in seine „Kunst“ auch tatsächlich Arbeit oder bloss Ideologie steckt.

Ihr arbeitet ja unter ziemlichem Zeitdruck. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass ihr nach dem Motto veröffentlicht: Hauptsache, alle Clues sind drin und das Setting stimmt. Deshalb würde mich interessieren, wann ihr eine Geschichte als gut genug anseht, um sie zu veröffentlichen?

Sarah: All unsere Beiträge werden intern lektoriert, das bedeutet, sie durchlaufen schon eine gute Qualitätskontrolle, Rahel liest dabei meine durch, ich diejenigen von Rahel. Danach geht das Ding zurück an die Autorin, die es dann erneut durchliest, überarbeitet und die Korrekturen umsetzt. Sollte sie sich unsicher sein, so kann sie natürlich ein zweites Lektorat in Anspruch nehmen. Kurz: In jeder Story steckt genug Arbeit, dass sie eigentlich gut genug für eine Veröffentlichung ist. „Eigentlich“ ist aber hier das Schlüsselwort, denn manchmal, da juckt es mich in meinem Hinterkopf, weil ich nicht Stunden über Stunden in denselben Text stecken kann (das wäre ja bei einer Kurzgeschichte relativ hirnverbrannt), weswegen ich mir eine „Jetzt wird sie aber rausgeknallt!“-Attitüde zugelegt habe.
Rahel: Ja, diese Einstellung ist in der Tat ein wichtiger Bestandteil von Clue Writing geworden. Das soll nun keineswegs heissen, dass wir jeden Mist veröffentlichen, nein, wenn wir literarischen Dung produzieren kommt es sogar vor, dass komplette Stories verworfen und neue geschrieben werden. Trotzdem braucht man diesen Mut zum Scheitern und den Willen sich zur Veröffentlichung eines Textes zu überwinden, den man selbst bestenfalls unterdurchschnittlich findet. Lustig daran ist ja, wie genau diese Kurzgeschichten ab und an zu Leserlieblingen werden.

Ist es schon vorgekommen, dass eine Geschichte nicht fertig wurde? Was habt ihr dann gemacht?

Rahel: Ja, und zwar auf Clue Writing wie auch auf dem Clue Cast. Im Sommer dieses Jahres litt meine Zeitplanung aus familiären Gründen sehr, sodass unsere Leser und Hörer schliesslich auf einige wenige Inhalte verzichten mussten. Prioritäten sind Prioritäten und selbst mein Schlafpensum lässt sich nicht komplett ignorieren, da hilft auch all die Sturheit und das Koffein nicht, die mich am Leben halten.
Gelöst haben wir das, ganz klar, elegant. Sarah ist mit ihrer Schreibwut für eine meiner Kurzgeschichten eingesprungen, damit ich meinen Teil der Schreibarbeit zu einem späteren Zeitpunkt nachholen konnte. Der Clue Cast verlor zwei Horror-Episoden, die ich selbst einlesen sollte und im Januar als Bonus für die grandiotastischen Leser meines Romans „Nach Hause“ sowie willige Käufer erscheinen werden.

Stellt euch vor, ihr hättet Macht und Mittel, euch alle Wünsche zu erfüllen, die euch einfallen. Aber ihr habt nur noch ein Jahr eure Vorhaben umzusetzen. Danach ist Ende. Endgültig. Was würdet ihr tun?

Rahel: Das kommt darauf an, ob das Ende bloss mir oder aber der gesamten Menschheit bevorsteht. Sollte bloss ich ins metaphorische Gras beissen, so würde ich mich murrend ans Werk machen und mein Bestes geben, meine Mitmenschen von allem zu befreien, das sie davon abhält, ihr volles Potential auszuschöpfen. Ich vermute mal ins Blaue hinaus, einige fänden das so überhaupt nicht lustig … So überhaupt gar nicht lustig, mit Ausrufezeichen!
Stünde uns allen der neuronale Stillstand bevor, scherte ich mich nicht um das Wohl der anderen, sondern nur um meines und das meiner Lieben. Meine Mutter und Oma bekämen alles, was sie möchten, der Doktor Hund schwämme in Würstchen, der Professor Vogel in Nüsschen und für meine Freunde würde die Welt offenstehen. Was mich angeht … Ich würde jeden fähigen Wissenschaftler engagieren, den ich irgendwo auftreiben kann und inständig hoffen, dass der Bau meines persönlichen Raumschiffs früh genug beendet wird, damit ich vor meinem Tod einen verschwindend, winzig kleinen, kaum erwähnenswerten Winkel unseres unfassbar brillanten Universums erkunden darf. Verfrühtes Sterben, liebe Literaturfreunde, liegt mir fern, aber ich gäbe mein Leben für ein Einwegticket zu den Sternen.
Sarah:
In einem Jahr? Ich denke, bedeutend mehr essen, so viel ist klar. Der Rest ist leider ein Geheimnis, das in einem mit „Plan B“ beschrifteten Umschlag an einem sicheren Ort verwahrt wird, bei allem weiteren kann ich mich mehr oder weniger Rahel anschliessen.

Ihr seid zwei Frauen. Das Klischee erwartet, dass ihr ganz viel über Liebe und Romantik schreibt. Aber wenn man eure Geschichten liest, macht euch das Schreiben andere Genres mindestens genauso viel Spaß. Habt ihr trotzdem ein Lieblingsgenre?

Rahel: Meine Vorstellung von Romantik ist, dass man den Partner in Videospielen mit Handgranaten beschenkt, ihm beim Paint Ball freundlich zuwinkt, bevor man ihm ins Bein schiesst und ihm beim anschliessenden Horrorfilm- oder Monty Python-Marathon die neuro- sowie evolutionsbiologischen und chemischen Vorgänge erklärt, welche fundamental für das verantwortlich sind, was wir allgemein als „Liebe“ bezeichnen. Möchte man dem Klischee über die bevorzugten Genres der Weibchen unserer Spezies hin und wieder Glauben schenken, und es gibt durchaus Grund dazu, so liesse sich wohl behaupten, dass der Stereotyp irgendwo in die hintersten Gefilden meines Gehirn gekrochen und dort mit äusserst anschaulichen B-Horror-Movie Spezialeffekten verendet ist.
Dementsprechend ja, ich habe Lieblingsgenres, die sich am einfachsten mit „alles, ausser Romantik und Erotik“ zusammenfassen lassen. Oder aber einen alptraumartigen Aufzählungswahnsinn benötigen … Dystopisch, skurrile, horror Science Fiction mit absurden, gleichwohl normalen Protagonisten, Hunden und dem ständig latent präsenten Unvermögen, die Menschheit auf einer anderen Ebene als der Kommentarspur eines Tierdokumentarfilms zu verstehen.
Sarah:
Ich bin mit Liebe und Romantik nicht besonders gut, wenn ich nicht noch irgendwas anderes dazu mischen kann, zum Beispiel ein desillusionierter Road-Trip in der Vergangenheit oder eine SciFi-Komponente, welche die ganze Prämisse etwas ändert. Ich habe eigentlich im Zusammenhang mit Clue Writing kein Lieblingsgenre, aber wenn ich meine anderen Texte und Bücher so ansehe, würde ich in Richtung Science Fiction mit Adventure- oder Dystopie-Komponenten gehen, Hauptsache es ist nicht alles auf Hochglanz poliert, ich kann den Text hier und da mit einem Desaster spicken und an der nächsten Ecke einen Chara killen.

Gibt es etwas, über das ihr niemals schreiben würdet?

Rahel: Kurz: Nein. Es gibt allerdings Perspektiven, die ich niemals unreflektiert in einer Geschichte stehenlassen würde, selbst wenn sie lediglich die Gedankenwelt eines Protagonisten betreffen. Obwohl es nicht nur interessant, sondern ebenfalls wichtig sein kann, potentiell gefährliches aber auch schlicht unbegründet weinerliches sowie dummes Denken auf diese Weise zu erkunden, brauchen gewisse Überlegungen einen klaren Gegenpol.
Sarah:
Ja – darum darf ich jetzt auch nicht darüber schreiben, was es ist. Ich verrate nur so viel: Es hat nichts mit Ideologie und alles mit Desinteresse zu tun.
Rahel: Oh, stimmt. Da hat Sarah absolut recht! Einige Themen provozieren eine Mischung aus Ekel und vollkommener Gleichgültigkeit, die wahrscheinlich bei keiner von uns je den Drang wecken wird, darüber zu schreiben.

Habt ihr Kriterien, nach denen ihr entscheidet, welches Genre „dran“ ist oder kommt es darauf an, was euch zu den Clues und dem Setting gerade einfällt?

Rahel: Letzeres.
Sarah:
Wobei ergänzt werden muss, dass wir schon ein Bisschen darauf achten, nicht zu oft hintereinander dasselbe zu machen, damit unsere Leser auch hier und da etwas Abwechslung haben.

Je eine Kurzgeschichte pro Woche, Podcasts, zwei Anthologien, Challenges, Schreibwettbewerbe, Blog, Facebookauftritt, Twitter, die Betreuung der Gaststories – ich will gar nicht wissen, wie ihr das alles zeitlich schafft, schließlich habt ihr beide auch noch einen Brotjob.

Rahel: Ach … Das Wort mit dem Brot. Ich gehöre zu den Glücklichen, die ihren Beruf mit Freude und Engagement ausüben, dass ich dafür auch noch Brot erhalte, macht die Sache noch besser. Deswegen habe ich in der Regel den Eindruck, es falle nicht schwer, alle Sturheit zu mobilisieren und beides irgendwie zu schaffen.
Zugegebenermassen täuscht der Eindruck zwischendurch und spätestens wenn aussergewöhnliche Arbeiten für Clue Writing anstehen (so wie beispielsweise das Bewerten der Einsendungen für unsere Anthologien), wird die liebe Zeit zum unerbittlichen Feind. Meistens lassen sich solche Engpässe mit guter Planung mehrheitlich vermeiden oder zumindest kann man sich damit beinahe unbeschadet durch den Stress manövrieren. Aber ja, es gibt sie, die Momente, in denen man dringend ins Bett möchte, sich dann doch noch zwei Stunden Arbeit abverlangt und dafür am nächsten Morgen früher aufsteht.
Hilfreich bei den ganzen Weltherrschaftsplänen sind neben Sturheit übrigens auch noch ein geringes Schlafbedürfnis, viele Listen und Protokolle, die eine effiziente Arbeitsorganisation ermöglichen und ganz, ganz, gaaaanz viel Freude und Enthusiasmus an der Sache.

Gibt es noch weitere Pläne? Welche? (Außer der Weltherrschaft natürlich, dazu komme ich gleich.)

Sarah: Nun, es gibt einige streng geheime Dinge, über die wir unter Androhung der Todesstrafe nicht sprechen dürfen. Ihr seht, in der Clue Writing Redaktion geht es hart zu und her, wenn‘s sein muss, kompromisslos, gar. Manche Dinge legen wir aber nicht das berühmte cluewriterische Tuch der Verschwiegenheit und so können wir euch verraten, dass wir uns im neuen Jahr mit geladenen Bleistiften auf die Jagd machen werden. Insbesondere auf Grosswild wie Verlage und Sponsoren haben wir es stets abgesehen, denn davon kann man niemals genug auf seiner Seite haben. Und dann gibt es da noch etwas zu Beginn des neuen … halt, darüber sprechen wir ja nicht!
Rahel: Tja, unsere Verschwiegenheit muss man leider ertragen, zumal wir nicht in der Lage sind, euch alle nach dem Verraten unserer finsteren Pläne umzubringen.

Bekanntermaßen ist euer Ziel die Weltherrschaft. Was dürfen wir uns von eurer Regentschaft erwarten?

Rahel: Bestünde das global totalitäre Clue-Regime, würde die Welt nach utilitaristischem und wissenschaftlichem Prinzip regiert. Aber da nun leider nicht alle bereit sein werden, sich diesen simplen, grundrationalen Regeln zu unterwerfen, beginnen wir mit dem Bau von Massenverliteraturungswaffen, investieren in die Forschung zur Gedankenkontrolle und hochgradig süchtigmachenden Lesedrogen, die selbstverständlich sofort in alle Wasserreservoire gespritzt werden, bis die Welt so ist, wie der Horrorautor sie haben möchte – voller Zombies. Und bevor jetzt jemand zu jammern beginnt, überlegt euch, ob wir wirklich die schlechteste Wahl für den Sitz vor dem roten, pardon, gelben Knopf wären …
Wieder einmal merke ich, wie rasch selbst die kühlste und logischste aller Ideologien (in unserem Fall der dringende Wunsch nach einer rationalen Welt) in barbarische Scheusslichkeit abdriftet. Ideologien waren schon immer der sicherste Weg, noble Intentionen zu pervertieren, es wäre also vermutlich weit sinnvoller, Fall für Fall aktuelle Realitäten wahrheitsgemäss einzuschätzen und nach passenden und allgemeinverträglichen Lösungen zu forschen, statt einem rigorosen Schema zu folgen.