Gaststory: Das Dorf

GuestAutor: Hannes Niederhausen
Setting: Dorfkern
Clues: Skischuh, Leuchtreklame, Informationszentrum, Haferflocken, Heuchelei

„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Mike schlug auf das Lenkrad, als könnte er den stotternden Motor damit wiederbeleben, doch das Geräusch war eindeutig. Chris seufzte und sah sehnsüchtig auf den einzelnen Skischuh auf dem Rücksitz. „Ist ja gut, wir kommen schon noch in die Berge. Pass bloß auf, dass du den Schuh nicht wieder verlierst!“, ranzte Mike ihn an. Chris drehte sich wieder nach vorn. Er glaubte nicht, dass sie weiter kommen würden. Ihr kurzer Skiausflug würde nicht weit vom Ortseingangsschild enden, bevor er überhaupt begonnen hatte.
Mike fluchte noch eine Weile, sprang aus dem Wagen, öffnete die Motorhaube und starrte auf den Motor, während sich Chris zwei Haferflocken mit Joghurt, den er gerade gegessen hatte, von der Hand leckte. Er atmete tief durch und folgte dem fluchenden Fahrer. Als er nur im Pullover aus dem Auto stieg, schlug ihm die Kälte ins Gesicht. Es war später Vormittag, doch die dunklen Wolken ließen kaum Licht durch. Mike schien die Kälte nicht zu bemerken und fluchte unentwegt.
„Und du meinst, wenn du den Motor anschreist, springt er wieder an? Wir brauchen eine Werkstatt.“
„Werkstatt! Die ziehen einen doch nur das Geld aus der Tasche. Und dann diese Heuchelei. ‚Hach es tut mir ja so leid, dass ich Ihnen jetzt das Geld aus der Tasche ziehen muss!‘ Lachhaft!“ Mike knallte die Motorhaube wieder zu. „Also gut. Suchen wir eine Werkstatt im Dorf da vorn.“
Mike schritt voran und Chris hatte Mühe, seinem zwei Meter großen Freund zu folgen.
Als sie das Ortseingangsschild hinter sich ließen, stoppten Mikes Flüche und er begann zu summen. Ganz leise zuerst. Chris kannte die Melodie nicht, wollte seinen Freund aber auch nicht wieder verärgern, indem er ihn unterbrach.
„Kennst dich hier wohl aus?“, platzte es letztendlich doch aus ihm heraus. Mike sah sich um. „Kommt mir alles irgendwie bekannt vor. Ist vermutlich in jedem Dorf das Gleiche. Lass uns zum Markt gehen. Dort wird sicher ein Informationszentrum sein.“ Chris betrachtete die grauen Häuser. Alle gleich, irgendwie unheimlich. Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter.
„Hier? Ich denke, wir sollten eher mal irgendwo klopfen.“
Mike zuckte mit den Schultern und ging weiter, während Chris gelegentlich durch die Fenster der Häuser schaute. Niemand da. Es wirkte, als wäre das ganze Dorf ausgestorben. Mike hingegen ging zielstrebig die Straße entlang und setzte seine Melodie fort.
Es dauerte nicht lang und sie erreichten sowohl den Marktplatz als auch jeden einzelnen Bewohner des Dorfs. Diese standen alle um eine schwarze Bühne. Chris konnte nichts erkennen, vor ihm sammelten sich die größten Menschen, die er je gesehen hatte, mal von Mike abgesehen. Der schien keine Probleme zu haben und starrte wie hypnotisiert nach vorn. Chris sprang hoch, doch für den kurzen Moment sah er nur einen riesigen Stuhl, der auf der Bühne thronte. Thron – das traf es genau.
„Mike, was ist da vorn los?“ Keine Reaktion. Chris rempelte ihn an, doch erst, als er ihm schmerzhaft den Finger in die Rippen stieß – zumindest schmerzte sein Finger – kam sein Freund wieder zu sich und drehte sich ruckartig mit zusammengekniffenen Augen um. Chris trat zurück und hielt die Arme abwehrend hoch.
„Mann, ruhig.“
Mikes Blick entspannte sich, er schüttelte den Kopf. „Sorry. War kurz weggetreten. Was passiert denn hier?“
„Das wollte ich dich fragen. Ich kann da vorn nichts erkennen. Los komm, gehen wir zur Leuchtreklame von dem Bäcker da drüben. Vielleicht kann uns die Verkäuferin etwas sagen.“
Mikes Augen folgten Chris‘ ausgestreckter Hand und er nickte. Chris ging voran und für einen kurzen Moment befürchtete er, sein Freund würde nicht nachkommen. Zu Unrecht, stellte er erleichtert fest. Als sie an der Ecke ankamen, standen sie vor der beschilderten Bäckerei, aber die Tür war verschlossen. Als Chris die Hand vom Türknauf ließ, begannen die Glocken der Dorfkirche zu läuten. Es war Mittag. Die Bewohner verstummten und verließen ohne weitere Worte den Marktplatz. Jetzt konnte auch Chris sehen, was sich auf der Bühne abgespielte.
Auf dem Thron saß ein Kind in einem weißen Gewand. Neben dem Thron stand ein Mann in Mönchskutte mit einem Holzstab, der ihn um einen Kopf überragte. Der Mann bewegte sich ebenfalls langsam von der Bühne. Mit jedem Schritt echote das Klacken des Stabs über den nun leeren Markt.
Chris sah zu Mike, der schon wieder leicht apathisch wirkte. „Was machen die denn da vorn?“
Chris trat auf die Bühne zu und Mike folgte ihm wortlos, aber er begann, wieder zu summen.
Genervt blieb Chris stehen und drehte sich um. „Was summst du denn da immer?“ Mike zuckte nur mit den Schultern.
Er ging weiter, Chris sah wie der Mönch, wenn es denn einer war, am Ende des Markts verschwand und sie mit dem Kind allein ließ. Ob er sie gesehen hatte? Chris kratzte sich am Kopf, als er der braunen Kutte nachsah, dann wandte er sich ein weiteres Mal zur Bühne.
„Heilige Scheiße!“
Vor dem Thron, auf dem das Kind – es war ein Mädchen – bewegungslos saß, lagen Messer verschiedener Größe. Chris stockte der Atem. Wollen die etwa die Kleine opfern? Das Mädchen trug tatsächlich nur eine dünne Robe. Sie musste doch frieren!
„Wir müssen das Mädchen hier wegschaffen!“
Mike summte abwesend und Chris musste ihm erneut den Finger in die Rippen stoßen.
„Au! Was soll das denn?“
„Die Kleine muss hier weg!“
„Wieso denn!“
„Mann, siehst du denn nicht, was hier vorgeht und was summst du dieses bescheuerte Lied?“
Chris kletterte auf die Bühne und schüttelte das kleine Mädchen leicht. Sie strahlte eine unnatürliche Wärme ab, sodass Chris glaubte, er würde sich an ihr verbrennen. Sie musste sieben oder acht Jahre alt sein. Regungslos starrte sie nach vorn.
Er hob sie an und legte sie über seine Schulter. Seine Haut glühte, wo sie ihn berührte. Er ächzte. Mike war der Stärkere der beiden, doch Chris hatte ein schlechtes Gefühl, das Kind seinem besten Freund anzuvertrauen. Irgendwas stimmte mit ihm nicht. Wieso benahm er sich so seltsam?
Deshalb kletterte Chris, sich mit einer Hand abstützend, von der Bühne, blieb kurz vor dem abwesenden Mike stehen und ging dann zurück in Richtung Bäcker.
„Wo willst du denn hin?“, fragte Mike und es war tatsächlich das erste Intelligente, was er gesagt hatte, seit sie das Auto verlassen hatten.
„Keine Ahnung. Soweit habe ich nicht gedacht.“
Musste er auch nicht, denn als er den ersten Schritt vom Marktplatz machte, schrie das Mädchen wie eine Feuerwehrsirene.
„Verdammt!“
Chris zuckte zusammen und das Mädchen rutschte zappelnd von seiner Schulter. Er rieb sich das pfeifende Ohr.
Aus jeder Ecke strömten die Leute auf sie zu, angeführt von dem unheimlichen Mönch. Der Mann lächelte, als hätte jemand einen dreckigen Witz erzählt.
Mike half dem Mädchen auf. Dem Mädchen! Nicht etwa: „Alles okay, Chris?“ Nein, er kümmerte sich um die Kleine und übergab sie dem Mönch!
„Danke mein Sohn. Seht ihr! Ich habe es euch gesagt. Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr, die Heimkehr eines verlorenen Sohns! Willkommen zurück, Mike.“
Chris blinzelte irritiert. Sein Ohr pfiff immer noch. Er sah zu Mike, der wieder zu summen begonnen hatte und diesmal stimmten alle Dorfbewohner ein.
„Du bist hier fehl am Platz, Freund“, schrie der Mönch über die summende Menge hinweg. „Oder nein, vielleicht bist du genau richtig. Ein weiteres Opfer, zum Dank für die Rückkehr unseres verlorenen Sohnes, das wird Shmator, Retter des Dorfs, sicher erfreuen.
Die Menge drängte Chris zur Bühne, wie ein treibendes Blatt auf einem reißenden Fluss. Er schlug um sich, doch die Leute schienen seine Schläge nicht zu spüren. Er schrie. Er versuchte sich auf den Boden zu werfen, doch dafür war kein Platz und plötzlich berührte sein Bauch die Bühne. Seine Beine wurden angehoben. Von Mike!
„Mike, was tust du?“
Sein Freund kletterte ihm nach und presste ihn auf den Thron. Der Mönch stellte sich neben ihn. Auf der anderen Seite des Stuhls stand das Mädchen, den Blick starr nach vorn gerichtet. Waren denn hier alle verrückt geworden?
„Mike! Komm schon. Das ist nicht witzig. Mike!“
Der Mönch lächelte immer noch. Er beugte sich nach vorn, doch Chris konnte gerade noch rechtzeitig die Messer mit den Füßen wegstoßen. Eines traf den Kopf eines Bewohners vor der Bühne. Blut lief von seiner Wange, doch er schien es gar nicht zu bemerken. Der Mönch richtete sich wieder auf und Chris‘ Herz setzte aus. Das war kein Mensch mehr! Die Augen des Wesens glühten rot, die Lippen, dünn und blutig, als wären sie von den spitzen Zähnen aufgerissen worden, lächelten weiter. „Dann eben so!“, sagte der Mönch, der kein Mönch war.
„Mike! Bitte, lass mich los!“ Chris zappelte auf dem Stuhl herum, seine Beine flogen in alle Richtungen, er musste das Ding von sich fernhalten! Er musste weg! Doch Mikes Hände hielten ihn wie Stahlklammern auf dem Stuhl fest. Das Kind drehte sich zu ihm, legte die Hand auf seinen Arm. Ihre Wärme durchströmte seinen Körper und es folgte eine unheimliche Müdigkeit.
Chris spürte, wie alle Sorgen von ihm schwebten, er saß einfach nur da. Er schrie auf, als sich die Zähne des Wesens in seine Beine bohrten und ein Stück Fleisch herausrissen. Er schrie, als das Monster vor ihm sein Fleisch schmatzend genoss, sein Magen verkrampfte sich, doch bevor er sich übergeben konnte, beruhigte Chris eine weitere Woge der Wärme des Kindes.
„Nein!“, hauchte er. Tränen liefen ihm über die Wange. Dann schrie er erneut, als das Monster ihm in den Arm biss. Das Monster stellte sich kauend vor ihm. Die Menge summte, Mike summte, und das Kind wärmte seinen schmerzenden Körper. Das Monster beugte sich wieder zu ihm herunter. Als sich die rot glühenden Augen seinem Hals näherten, verlor er endlich das Bewusstsein.

* * *

Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung freuen. Mehr über Hannes Niederhausen sowie alle Links zu seinen Seiten findet ihr auf seiner Gastautorenseite.

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