Eingeweiht

SarahAutorin: Sarah
Setting: Laufband
Clues: Bin Laden, Kanu, Absturz, Warlock, Plastikdings

„Ich bin ein verfluchter Hamster in einem überteuerten Hamsterrad“, rief Carl euphorisch durch das leere Fitnessstudio, das nur für die Mitarbeiter seiner Firma bestimmt war, während er auf dem Laufband joggte. „Ich bin der Oberhamster! Gold für den Goldhamster!“
„Hast du sie noch alle?“, gab Jake genauso laut zurück, der auf dem benachbarten Laufband stand, sich jedoch gerade nicht zu entscheiden schien, ob er tatsächlich laufen wollte oder nicht. Vielleicht hielt ihn auch der Anblick von Carls hochrotem Kopf und sein übliches dummes Geschwätz davon ab.
„Natürlich“, entgegnete Carl etwas ausser Atem, bevor er in der Melodie zu rappen begann, die man häufig von Rekruten zu hören bekam:
„Mein Freund, ich krieg‘ keinen Schock,
Ich bin mächtig, ein Warlock.“

Jake seufzte und begann sich auf seinem Laufband in Bewegung zu setzen. Auch wenn Carl manchmal etwas verrückt war, wenn es um seine an sich selbst gerichteten Motivationsreden ging, er war trotzdem ein guter Programmierer in ihrer Security-Firma und, was den Hausmeister Jake wesentlich mehr interessierte, ein ambitionierter Sportkamerad. Die beiden jungen Männer hatten in den Jahren, in welchen sie sich schon kannten, schon mehrere halsbrecherische Kanu-Abenteuer er-, oder besser überlebt.
„Hast du schon gehört, dass sie Bin Laden erwischt haben?“, fragte Jake, während er sich gemächlich aufwärmte. „Er ist tot.“
„Echt, wann?“, gab Carl keuchend zurück und wirkte mit einem Mal unkonzentriert und abwesend. „Ich hätte nicht gedacht, dass das noch passiert.“
„Um Himmels Willen, trink einen Schluck, du siehst fürchterlich aus, Mann!“, rief Jake lachend aus. Er wusste, dass Carl Asthmatiker war, doch deswegen kaum Probleme mit dem Laufen hatte. Schliesslich beantwortete er die Frage seines Kollegen: „Ich denke vorletzte Nacht. Ein Wunder, hast du das nicht mitgekriegt.“
„Nicht wirklich“, schnaufte Carl. „Ich habe durchgearbeitet und mich sonst um nichts gekümmert. Du weisst ja, wie ich bin, wenn ich mal an einem Projekt sitze.“
„Du wirst zum kettenrauchenden Junkfoodschlucker“, entgegnete Jake gleichgültig. „Darum trainierst du ja nun auch wie ein Verrückter, um die körperlichen Folgen deiner Genialität wieder loszuwerden.“
„Kann ich mal dein Plastikdings haben?“, fragte Carl, der immer mehr ausser Atem geriet und dem das richtige Wort erst nicht einzufallen schien, bevor sich sein Blick aufhellte und er schon fast japsend hinzufügte: „Wasserflasche, meine ist leer.“
„Klar“, meinte Jake, hielt kurz im Laufen inne und reichte Carl die Flasche, der sie mit einer zittrigen Hand nahm und ohne seinen Gang zu verlangsamen einige Schlucke trank, wobei er die Hälfte des Wassers verschüttete.
„Mach mal halblang, Mann!“, rief Jake besorgt aus, als er sah, wie rot Carls Gesicht geworden war. „Gönn dir eine Pause, setz dich hin und vor allem, nimm deinen Asthmaspray.“ Nach einem strengen Blick fügte er beunruhigt hinzu: „Du siehst ja schon aus wie der totale Absturz!“
„Nein“, keuchte Carl. „Ich kann nicht.“
„Wieso nicht?“, wollte Jake wissen. „Bevor ich die die Sache mit Bin Laden erzählt habe, warst du noch total gut drauf, jetzt rennst du, als ob du dich umbringen wolltest.“
„Das hat mich daran erinnert, was ich getan habe“, keuchte Carl. „Was ich noch tun werde…“
„Hör auf, verflucht!“, rief Jake aus und schlug auf das Trainingsgerät, doch Carl lief unbeirrt weiter ohne ihn anzusehen. „Du beginnst schon zu fantasieren.“
„Nein, du verstehst das nicht!“, gab Carl zurück. „Ich habe etwas getan…“
„Okay, das reicht endgültig“, erklärte Jake überzeugt und schaltete das Laufband ab. Carl stolperte und drohte zu stürzen, konnte sich jedoch im letzten Augenblick an einem Handlauf festhalten. Jake half ihm sich hinzusetzten und ging dann hastig zum Rucksack seines Kumpels, um den Inhalator zu holen. Kurzatmig nahm Carl einige Züge und lehnte sich dann erschöpft zurück. Jake setzte sich neben ihm auf das Gerät und wartete, damit sein bester Freund wieder etwas zu Atem kommen konnte.

Nach einiger Zeit, während der die beiden Männer schweigend auf dem Laufband gesessen waren und Carl sich erholt hatte, fragte Jake: „Okay, was ist los?“
„Du weisst doch, dass unsere Firma auch Aufträge der Regierung annimmt, oder?“
„Klar“, entgegnete Jake. „Aber von allen Leuten bei uns wärst doch du der Letzte, der damit ein Problem hat. Du warst immer ein Patriot und hast seit dem elften September nichts anderes gemacht, als Terrorismusabwehr-Systeme zu entwerfen.“
„Schon“, murmelte Carl, bevor er sich zusammennahm und fragte: „Du als Hauswart hast sicher schon das eine oder andere in diesem Haus zu sehen gekriegt, das streng geheim sein sollte.“
„Wahrscheinlich“, entgegnete Jake. „Aber ich habe mich nie drum getan und könnte sowieso keinen Computercode lesen.“
„Stimmt auch wieder“, überlegte Carl. „Dann weisst du vielleicht nicht so genau, was wir tun. Aber ich muss es dir erzählen.“ Er sah sich kurz um, ganz so, als wollte er sich vergewissern, dass niemand anderes in dem Raum war. „Ich habe in letzter Zeit einige Dinge getan, bei denen ich mir nicht sicher bin, was ich dazu denken soll. Ich versuche möglichst wenig daran zu denken, doch die Sache mit Bin Laden hat mich wieder daran erinnert. Ich muss darüber sprechen.“
„Sag jetzt bloss, du musstet Echelon updaten“, entgegnete Jake lachend.
„Nein“, flüsterte Carl ängstlich. „Es ist ein neues System, ein besseres.“
„Willst du damit sagen…?“, begann Jake, nun ernsthaft beunruhigt und führte den Satz nicht zu Ende.
„Jedes Handy wird abgehört“, entgegnete Carl leise, bevor er hinzufügte: „Jedes Telefonat, jede SMS, jede Mail, jedes Wort, dass wir in einen Computer tippen, jede Bewegung vor einer Kamera…“
„Das kann nicht möglich sein…“, begann Jake und hielt kurz inne, bevor er nachfragte: „Und wieso erzählst du mir das?“
Carl machte eine kurze Pause und schien über etwas nachzudenken, bevor leise fortfuhr: „Weil sie mich umbringen werden und ich will, dass zumindest ein Mensch weiss, was mit der Welt geschieht.“
„Ach, jetzt mach dir nicht zu viele Sorgen“, meinte Jake mit einem aufmunternden Grinsen. „Es wird schon nichts geschehen.“
„Kann ich es dir trotzdem erzählen?“
„Klar“, entgegnete Jake, der sich noch nicht ganz sicher war, was er von der Sache halten sollte. Er hatte schon immer geglaubt, dass in Carl Genie und Wahnsinn sehr nahe beieinander lagen und so fragte er sich nun, ob der Programmierer nicht einfach paranoid geworden war. Doch Jake konnte noch nicht wissen, dass ein Nachbar Carl in einigen Tagen finden würde, noch immer die Waffe umklammernd, deren Kugel in seinem Kopf stecken würde. Diejenigen, welche diese schöne neue Welt erschaffen hatten, schienen nicht Teil von ihr sein zu können.

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