Ekstase

RahelAutorin: Rahel
Setting: Shaolin-Kloster
Clues: Verderben, Ecstasy, Natrium, Blumenkasten, Felsblock

Der allmorgendliche Lauf durch die stetig kühlerwerdende Landschaft der Klosterumgebung hatte ihm gut getan und ihn die Sorgen der letzten Nacht vergessen lassen; Adriens Ordination stand kurz bevor und es fiel ihm zusehends schwerer, die Spannung mit leichtem Herzen zu ertragen.
„Guten Morgen Bruder“, begrüsste ihn Sho, dessen Gesicht er beim Frühsport vermisst hatte, freundlich und reichte ihm eine Schale Reis. „Wie war der Lauf?“, wollte er dann heiser wissen, währendem er die Ärmel seiner leichte Baumwollkleidung etwas hochschob und den Stuhl zurechtrückte.
„Gut“, antwortete Adrien knapp und gönnte sich erst einen grossen Schluck Wasser, welches dank der Barmherzigkeit des Küchenchefs mit Natrium angereichert worden war, um Muskelkrämpfen vorzubeugen. „Heute sind wir meine Lieblingsroute gelaufen und haben beim Felsblock neben der Seestrasse noch einige Standübungen gemacht. Wir haben dich vermisst.“ Sho wurde wie aufs Stichwort von einem heftigen Hustenkrampf durchgeschüttelt und winkte die Frage vorerst ab. „Mein Geist“, begann der ältere dann schliesslich, „war ausnahmsweise nicht stärker als mein schwacher Körper. Ein seltenes Lächeln glitt über Adriens Lippen, bevor er seinem Kameraden wohl gesonnen zunickte und sich dann wieder seinem Frühstück widmete.

Nach dem Frühstück begaben sich die drei Novizen, inklusive dem kranken Sho, auf den kleinen Rasen hinter der Sporthalle, wo Meister Gang Hu Li schon auf sie wartete. Neben ihm stand ein kleiner, beinahe unscheinbarer Mann, dessen orange Mönchskutte in der Morgensonne leuchtete und sich stark von der schwarzen Trainingsrobe der anderen abhob. Die Begrüssung lief sehr formell und wortlos ab, was Adrien etwas nervös machte und er hoffte, der neue Meister, welcher extra aus China für die Ordination hergekommen war, würde es nicht bemerken.
„Gut, lasst uns beginnen“, sagte Gang Hu Li in seiner üblichen, etwas kühlen Tonlage, begab sich dann zu Sho und fügte hinzu: „Nach dem Aufwärmen will ich dich am Rand beim Blumenkasten sehen, dein Körper braucht noch etwas mehr Zeit.“
„Ja, Meister.“ Adrien wusste, wie hart es für seinen Kameraden sein musste, vom Training ausgeschlossen zu werden und Schwäche einzugestehen, insbesondere deshalb, weil er sich vor dem neuen Mönch nicht die Blösse geben wollte. Doch als Novize hatte man seinem Meister ohne Wiederrede zu gehorchen, das wussten sie alle und so klopfte er ihm kurz aufmunternd auf die Schulter und flüsterte: „Keine Sorge, morgen kannst du mich wieder in den Schatten stellen.“

Die tiefen Stände forderten ihren Zoll an seiner Beinmuskulatur und es wollte ihm einfach nicht gelingen, sich genügend zu konzentrieren, um das Zittern in den Griff zu bekommen. Pfeilgerade und mit einer Körperspannung, die so selbstverständlich und natürlich wirkte, als würden wir alle damit geboren werden, stand Meister Shi Yong Chuan dicht vor ihm und bedachte ihn mit einem heiteren Lächeln.
„Dein Kopf ist nicht in Bewegung.“ Adrien richtete sich auf und senkte augenblicklich sein Haupt, als er unangenehm bemerkte, wie viel grösser er war und brachte sein Gegenüber damit zum Grinsen. „Bleibe im Jetzt“, sagte er leise und liess seine Hand nach vorne schnellen, um Adriens Oberschenkel mit festem Druck zu packen und einige Male darauf zu klopfen. „Gutes Bein“, murmelte der Meister, bevor er einen Schritt zurücktrat und Adrien mit ernstem Ausdruck ansah. „Du musst es nur kontrollieren.“
Bewusst, beinahe andächtig atmete Adrien tief durch und hörte seinem Herzschlag zu, welcher schneller als üblich zu pulsieren schien. Sein Körper dampfte in der kühlen Luft, die so gütig war, ihnen das heutige Training zu erleichtern und währendem der die Blätter rauschten, der nahegelegene Fluss sprudelte und die dünne Schneeschicht unter den Füssen der anderen knirschte, fühlte er sich wie in Ekstase, im Rausch der Welt und Adrien kämpfte damit, sich auf das Wesentliche zu besinnen.

Er hatte sich gerade wieder in die Ausgangsposition begeben, als ein heller Schrei über die Wiese fegte. Blitzschnell war er in Alarmbereitschaft, jede Sehne spannte und aus dem Winkel seiner aufgerissenen Augen erkannte er Sho, der sofort zu ihnen gerannt war und nun noch kranker wirkte. Sie schwiegen eine Weile und warteten ab, ob dem Ruf noch etwas folgen würde und gerade als Meister Gang Hu Li endlich etwas sagen wollte, sahen sie Tao Liang, den Gebetsmönchen des Shaolin-Klosters, der seine massive Gestalt ungelenk aber mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf sie hinzuwuchtete. Er fuchtelte wild mit seinen Armen und schien in bodenlose Panik gefallen zu sein und liess sich erst beruhigen, als Meister Gang Hu Li sich direkt vor ihn stellte und so seinen frenetischen Lauf unterbrach.
„Es brennt! Alles ist dem Verderben geweiht“, kreischte er dann zwischen zwei heftigen Atemstössen, bevor er zu Boden sank, um nach Luft zu ringen. Gang Hu Li verharrte kurz und instruierte die drei Novizen dann, auf der Stelle zu bleiben und mit dem Handy in seiner Sporttasche die Feuerwehr zu rufen, bevor er selbst in Richtung des grossen Hauptgebäudes lostrabte. Und währendem Sho in der Tasche nach dem eigentlich verbotenen Gegenstand suchte, gab Adrien Meister Tao Liang etwas Wasser und wunderte sich nebenbei, weshalb der Grossmeister aus China kicherte wie ein Schulmädchen.

Sein Schädel brummte noch immer, als Meister Tao Liang mit einer Schere symbolisch seine Haare schnitt und sich danach vor ihn stellte: „Von heute an bist du mein Sohn und ich dein Meister-Vater.“ Eine kurze Verbeugung folgte und ein wohlwollendes Lächeln war auf den Gesichtern aller Anwesenden zu erkennen und endlich, nach all der Mühsal und Freude, die er im Shaolin-Kloster erfahren hatte, erhielt Adrien seinen Mönchsnamen. Niemand widersprach seiner Aufnahme und es war Sho, der ihm die zeremonielle dunkelbraune Kutte überstreifte und ihm als erster gratulieren durfte.
Später am Abend, als seine Familie die Heimreise angetreten hatte und es an der Zeit war zum ersten Mal als Shaolin-Mönch schlafen zu gehen, faltete er seine Kleidung ordentlich und konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen, als er abermals auf die heutige Tageszeitung schielte. Der Koch war natürlich entlassen worden, nachdem man das Ecstasy in seiner Kammer gefunden hatte und alle hatten sich furchtbar aufgeregt, obwohl niemand wusste, ob es mit Absicht im Wasser gelandet war. „Naja“, flüsterte der neue Mönch zu sich selbst, „Immerhin hat er mir so einige Muskelkrämpfe erspart.“

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