Erdbeeren gegen die Menschlichkeit

„Kiki, hasn‘ Bier?“, plärrt deren Bruder in einer Lautstärke, die bestenfalls passend für ein volles Fußballstadion wäre. „N‘ Helles, wenn’sn jeht.“
„Kommt gleich“, seufzt Sam, ihren verhassten Erstnamen ignorierend und Dave, ihr frisch Angetrauter, springt hoch, als sie Anstalten macht, das bestellte Getränk zu holen. Er hat den Rüpel vor fünf Tagen am Sterbebett seiner Schwiegermutter kennengelernt. Aber obwohl er ihn erst seit Kurzem kennt, hat er akzeptiert, dass es sinnlos ist, mit ihm zu argumentieren, also übernimmt er den Part des Handlangers, um Sam wenigstens ein bisschen zu entlasten.
Man sagt ja, in jeder Familie gäbe es ein schwarzes Schaf. Nun, im Fall von Kiki-Samantha Kochs Sippe, war das anders, sie war im Grunde das einzige weiße Schaf in einer Herde aus Dummköpfen, Taugenichtsen und hochmütigen Leistungsverweigerern. Und ihr älterer Bruder war ein Paradebeispiel dafür; sein letzter stabiler Job lag bestimmt zwölf Jahre in der Vergangenheit, der letzte Aufenthalt im Knast hingegen keine drei Monate.
„Hast du Lust“, beginnt Dave an Noel-Maurice gerichtet und stellt ihm einen Humpen untergäriges Gerstenbier hin, „auf eine Runde ‚Cards against Humanity‘?“
„Wir können auch etwas anderes spielen“, wendet Sam eilig ein, bevor sie zögerlich murmelt: „Eile mit Weile entspricht eher seinem Tempo.“
„Klar, was ihr möchtet“, willigt Dave ein und lehnt sich auf dem Esstischstuhl zurück, sodass er die Kommodentür mit den Spielen öffnen kann.
„Nö, lass mal, Deif“, brummt der unbeliebte Gast, dann nimmt er drei große Schlucke, rülpst und gluckst von seinem eigenen Körpergeräusch amüsiert vor sich hin. „Ich geh mal schaun‘ was in’ner Glotze läuft.“ Damit schnappt er sich das halbleere Glas und schlurft in den vorderen Teil des Wohnzimmers, wo er in seinem Billiganzug zwischen Designer-Möbel, Heimkinoanlage und perfekt getrimmten Bonsais ein kurioses Bild abgibt.

Eine ganze Weile sitzen die Eheleute schweigend nebeneinander, nippen am Wein und starren auf die zugezogenen Gardinen, hinter denen sich das Innere ihres Lofts spiegeln könnte. Gerademal vier Leute waren an die Abdankung gekommen; die Kinder der Verstorbenen, Dave, der lediglich seiner Frau beistehen wollte und Hedi Heiniger, die zuständige Betreuerin vom Amt, welche sich bis zum Beerdigungstermin um Mandy Kochs Angelegenheiten gekümmert hatte.
„Scheiße, Dave.“ Ohne weiteren Kommentar erhebt sie sich, greift sich eine neue Weinflasche aus dem Regal, die Kartenbox aus dem Sideboard sowie die Schale mit Erdbeeren darauf, ehe sie sich wieder auf ihren Platz fallenlässt.
„Zu zweit können wir nicht spielen“, erklärt Dave auf die Box deutend und erhält dafür ein gleichgültiges Grunzen von Sam, die sämtliche Karten auf dem Esstisch ausbreitet.
„Scheiße.“ Sie zieht die Nase hoch und unterdrückt ein Schluchzen. „Scheiße. Es ist tatsächlich passiert, meine Mama ist endlich abgekratzt“, stößt sie kichernd aus und liest zusammenhangslos von einer schwarzen Karte ab: „Versuch nicht deiner Oma, hm-hm hm-hm, beizubringen.“
Dave fischt eine weiße Karte aus dem Chaos: „Versuch nicht deiner Oma Gelegenheitssex mit Fremden beizubringen. Bist du okay?“
„Natürlich“, prustet Sam und steckt sich eine Erdbeere in den Mund.
„Es ist ein wenig …“, holt er aus, da schiebt sie ihm eine wahllos ausgesuchte Spielkarte hin. Er ächzt, zitiert dennoch brav: „Ich bin ziemlich sicher stoned, denn ich bin absolut fasziniert von, hm-hm hm-hm. Sam, wir sollten reden“, fügt Dave seine Frau fixierend an, die ihrerseits angestrengt die weißen Karten studiert.
„Nein“, meint sie schließlich. „Ich bin ziemlich sicher stoned, denn ich bin absolut fasziniert von einem Oktopus, der sieben Typen einen runterholt und eine raucht. Es gibt nichts zu sagen. Meine versiffte Messie-Mama ist krepiert.“ Vor sich hin grinsend pflückt sie die Blätter von einer Erdbeere. „Ich bin bloß erstaunt, dass sie nicht in ihrem Chaos erstickt und ihre stinkende Leiche Wochen später vom Hauswart aufgefunden worden ist.“ Sie verschlingt die Erdbeere und macht scheinbar ungerührt weiter: „Anstelle einer Rute bringt der Nikolaus den bösen Kindern hm-hm hm-hm.“
Dave wusste schon lange, dass Sam Probleme mit ihrer Familie hatte, sprach eigentlich nie über ihren Bruder oder die Mutter, das Ausmaß ihres Grolls schockiert ihn doch. „Anstelle einer Rute bringt der Nikolaus den bösen Kindern eine genetische Prädisposition zum Alkoholismus.“
Nach einem hysterischen Jauchzen knurrt sie: „Genau, genau, das hätte ich beinahe vergessen!“ Sam senkt den Kopf, bevor sie ruckartig aufsteht und den Esstisch samt Spielkarten umwirft. „Der Alkoholismus, wie konnte ich das Saufen vergessen, immerhin wäre das Herumvögeln, Kindervernachlässigen, Fastfood-Fressen und im eigenen Dreck Verfaulen ohne ständiges Herunterschütten von Alkohol unmöglich gewesen.“
Noel-Maurice hatte sich vom Fernseher losgerissen, richtete seelenruhig den Tisch wieder auf und reicht seiner Schwester nun ein Taschentuch, denn er hat als einziger ihre Tränen bemerkt. „Mama hat auch viel Gutes für uns getan. Du solltest nicht so über sie sprechen.“
„Ach, halt die Klappe“, keift sie ihm die Erdbeerschale entgegenschleudernd. Die paar Früchte, die beim Tischsturz im Gefäß geblieben waren, hinterlassen rote Flecken auf seinem ausgebeulten Anzugshemd. Ihren Bruder so herausgeputzt zu sehen, ist mehr als nur ein kleinwenig ungewohnt für Sam, normalerweise trägt er zerschlissene Jeans und ein altes T-Shirt irgendeines Fußballvereines. „Du warst gerade im Knast, weil du eine Prostituierte ausgeraubt hast, um dir Stoff zu kaufen und jetzt glaubst du, du kannst hier den Moralapostel spielen?“, lacht sie wutentbrannt. „Von Mama kam nichts Gutes, Herrgott, sogar meinen Namen hat sie versaut. Ist dir eigentlich klar, wie scheiße ‚Kiki-Samantha Koch‘ auf dem CV einer Anwältin aussieht?!“ Sie schnaubt, bückt sich, zerquetscht eine herumliegende Erdbeere und schmiert sie Noel-Maurice ins Gesicht. „Hoffentlich verreckst du dran, du Allergikerarschloch!“ Damit macht sie auf dem Absatz ihrer High Heels kehrt, stapft zum Eingangsbereich, wo sie Mantel und Handtasche vom Haken nimmt und mit den Worten „Ich muss raus! Bin bis morgen früh bei Jenny, bis dahin ist mein nichtsnutziger Knastbruder verschwunden!“, zur Tür hinausstürmt.
„Ich hab dich lieb“, ruft ihr der Verstoßene hinterher und geht in die Knie, um die Spielkarten aufzusammeln.

„Sorry. Ich … ich …“, stammelt Dave nachdem der Essbereich aufgeräumt und die zerdrückten Erdbeeren aufgeputzt sind.
„Kein Ding, Mann“, erwidert Noel-Maurice milde. „Kiki hat schon Recht, wir sin‘ ne verkackte Familie für eine wie sie. Ein gescheites Mädchen ist sie, hat was Bess’res verdient. Das musste halt mal raus, kann man ihr echt net verübeln.“ Er schultert seine Sporttasche, zieht den Reißverschluss seiner Trainerjacke zu und reicht dem Mann seiner Schwester eine schwarze Karte. „Aber weiß’te Deif, Mama war total stolz ‘uf ihr’n kleinen Goldschatz, werd‘ ich auch immer sein. Sagst ihr das wenn sie heimkommt, ja?“
„Du bist ein anständiger Kerl, für einen unanständigen Kerl, mein ich.“ Nickend klopft Dave seinem gleichmütig lächelnden Schwager auf die Schulter, der sich verabschiedet und dorthin geht, wo auch immer schwarze Schafe um halb elf Uhr nachts hingehen.
„Der Heilungsprozess beginnt mit hm-hm hm-hm“, steht auf der Karte in Daves Hand. „Der Heilungsprozess beginnt mit Abreagieren.“

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: Erdbeeren gegen die Menschlichkeit
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