Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor | Das Feld

Dies ist der 8. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor“.

„Ich meine es ernst, Tess. Was zum Teufel sollen wir dagegen unternehmen?!“ Die Angesprochene sah nicht auf, versuchte Rooster zu ignorieren und auf der Landkarte schlau zu werden. Nach jener verhängnisvollen Nacht in der Bücherei waren sie rasch aufgebrochen, denn keiner von ihnen wollte diesen scheusslichen Ort länger ertragen als unbedingt nötig. Nur war während ihrer überstürzten Weiterreise niemand auf die Idee gekommen, Notizen zur Umgebung zu machen.
„Echt jetzt, Tess“, drängte der Hüne weiter, „Das alte Mädchen hat seit gut drei Tagen kein Wort mehr gesprochen.“ Seine Besorgnis war nicht aus der Luft gegriffen, auch wenn Tess nicht ganz wusste, weshalb er die Angelegenheit nicht wenigstens eine Weile ruhen lassen konnte. Vielleicht kümmerte er sich tatsächlich um Barbaras Wohlergehen, viel wahrscheinlicher war aber, dass er ihr nicht mehr traute. Übelnehmen konnte sie es dem früheren Zoohandelsangestellten nicht, denn Barbaras Verhalten war durchaus seltsam.
„Sie hat ihn nicht einmal begraben wollen“, mischte sich nun auch Juan kleinlaut ein. „Und Clint …“
„Halt die Schnauze, Professor Superschlau!“, keifte Rooster verächtlich und zerrte heftig an Juans Holster, um ihm deutlich zu verstehen zu geben, dass er gegen ihn nicht ankam. Der Professor kam sofort ins Taumeln, stolperte dann über einen Erdhaufen, ehe er mit einem dumpfen Aufprall auf der dünnen Schneedecke landete.
„Es reicht jetzt!“ Tess ließ von ihrer Karte ab. „Ihr könnt froh sein, dass Barbara überhaupt noch bei uns ist.“ Aus ihr sprach einerseits der Pragmatismus, denn ohne die Fliegerkünste der Grauhaarigen stünden ihre Chancen schlecht, mit der alten Cessna weiter als in den nächsten Berg zu fliegen. Andererseits empfand Tess Mitgefühl für die Dame, die ihr schon einige Male das Leben gerettet und ein Lächeln geschenkt hatte.
„Glaubst du allen Ernstes, dass wir die Scheißmaschine in die Luft kriegen?“ Ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu zögern, nickte Tess vehement, mehr um sich selbst, als Rooster zu überzeugen.
„Okay, aber das alles nützt uns nichts, wenn unsere Pilotin durchdreht“, gab er etwas ruhiger zu bedenken. Selbstverständlich hatte er Recht, doch was sollte Tess auch tun? Barbara hatte ihren Enkel, die einzige Familie die ihr geblieben war, verloren, hatte zusehen müssen, wie Clint ihn vor dem Dasein als hirntote Fressmaschine bewahrte.
„Naja, ihre Reaktion ist im Grunde nicht ungewöhnlich.“ Juan trabte ihnen hinterher und deutete nun auf Clint, der einige hundert Meter vor ihnen über das Feld stapfte. „Er macht mir mehr Sorgen.“
„Ach, will er etwa nicht mehr mit dir Star Wars spielen?“ Rooster pflegte mit allen einen schroffen, trotzdem humor- und liebevollen Umgangston, Juan hingegen traktierte er regelrecht mit Spott und Beschimpfungen. Erstaunlich war, dass es Juan nichts auszumachen schien, wohl weil ihm bewusst war, weshalb Rooster seine Aggressionen an ihm ausließ. Das war auch der Grund, weshalb Tess nur selten intervenierte, sie missbilligte Roosters Benehmen zwar, konnte es angesichts der Tatsache, dass seine beste Freundin wegen dem Professor gefallen war, dennoch irgendwie nachvollziehen.
„Ich meine ja nur, er hat eine Scheune in Brand gesetzt!“, meinte Juan bestimmt, ohne sich von den Sticheleien vom Thema abbringen zu lassen. Tess warf einen Blick über die Schulter, um zu prüfen, ob Mitchel, Helen und die Kinder ihnen noch folgten. Die die Anhöhe lag noch vor der Familie und sie müssten ihren Marsch später wohl für ein Weilchen unterbrechen, damit sich die Kinder etwas ausruhen können.
„Sicher, eine Scheune voll mit diesen verrottenden Mistviechern“, erwiderte Rooster gehässig, ehe er Tess zugewandt eindringlich fortfuhr: „Das irre Gelächter hätte aber echt nicht sein müssen.“
Auch wenn sie es sehr ungern zugab, völlig daneben lagen die beiden Männer nicht. Der Anblick des kichernden, wild herumspringenden Clint war verängstigend gewesen, sodass nicht nur Rooster instinktiv seine Hand auf seinen Taurus Revolver gelegt, sondern auch Tess nach ihrer Waffe gegriffen hatte. Clint war ein optimistischer junger Mann, der sich nicht einmal von einem Zombie höchstpersönlich davon abhalten ließ, dumme Scherze zu machen und an das Gute im Menschen zu glauben. Er besaß wahrlich ein großes Herz, kämpfte für diejenigen, die es nicht selbst tun konnten und bestand stets darauf, dass jeder die Chance auf eine Zukunft haben sollte. Eine Zukunft, die sich jeder von ihnen für Jack gewünscht hatte, die er nun niemals haben wird.
„Ich weiß“, brummte Tess und nestelte an ihrer Kleidung. Der frostige Wind kroch durch ihren Schal, bis an ihre schmerzenden Ohren. „Es muss schwer für ihn sein.“ Sie hasste diesen Ausdruck, mehr noch als ihre Brille statt den Kontaktlinsen zu tragen. Für alle war es schwer, Tess zweifelte gar daran, dass sich das je ändern würde.
„Klar, aber wir sollten ihn im Auge behalten“, sagte der Professor versöhnlich und Rooster ließ sich sogar zu einer zustimmenden Geste verleiten. Tess schwieg, ihr Einverständnis war ohnehin nicht erforderlich, zumal sie die anderen beiden nicht davon abhalten konnte, jede Bewegung ihres guten Freundes zu hinterfragen. Wenn sie ehrlich war, wollte sie das auch gar nicht.
„Verfickte Scheiße!“ Tess, Rooster und Juan hielten inne, blickten Barbara vollkommen perplex hinterher. Die Grauhaarige war so schnell ihr alter, träger Körper es zuließ mit gezogener Pistole an ihnen vorbei zurück den Hang hinuntergespurtet. Nachdem die drei sich endlich aus ihrer Verwirrung lösen konnten, entdeckten sie den Auslöser für Barbaras Fluchen, ließen ihre Rucksäcke fallen und rannten hinterher.

Niemand hatte damit gerechnet, auf weitgehend offenem Gelände derart überrascht zu werden. Die Herde war wohl durch die nahen Wälder gestreift oder hatte sie vom Highway aus aufgespürt. Tess konnte kaum abschätzen, wie viele es waren, aber es mussten mindestens vierzig oder fünfzig von diesen Dingern sein, die fixiert auf Mitchel, Helen und die Kinder stetig vorwärtsstolperten. Helen schrie wie am Spieß, hielt ihre kleine Tochter ganz nah an ihre Brust und streckte einen Arm nach den beiden Jungs aus, die völlig erstarrt neben ihr dastanden. Mitchel gab sein Bestes, die herannahenden Zombies zu erwischen, doch selbst wenn jeder Schuss sässe, würde ihm die Munition ausgehen, bevor das letzte Monster endgültig erledigt war.
„Mist“, wetterte Rooster frustriert. Er war kein schlechter Schütze, allerdings bei weitem nicht so kompetent wie Tess, die selbst im Sprint zielsicher traf. Ihr Vater hatte sie von Kindesbeinen an mit auf die Jagd genommen, ihr das Schießen zu Pferd beigebracht, ohne zu ahnen, dass diese Fähigkeit für seine Tochter überlebenswichtig sein würde.
„Hier, nimm die Flinte“, brüllte Tess über den ansteigenden Lärm aus gurgelndem Stöhnen und verzweifelten Schreien hinweg. „Gib uns von hier oben Rückendeckung.“ Danach rannte sie weiter den Berg hinunter, direkt auf die gefrässige Schar zu. Barbara kam als erste an, positionierte sich an der linken Flanke und signalisierte Tess, auf die andere Seite zu gehen. Sie konnte Mitchel selbst auf diese Distanz zittern sehen, es konnte nicht mehr lange dauern, bis ihm die Munition sowie der Mut ausgingen. Entschlossen, dem Chaos die Stirn zu bieten, atmete Tess einige Male tief durch, bevor sie sich hüftbreit hinstellte, ihre Glock mit beiden Händen umschloss und den ersten Zombie ins Visier nahm. Die junge Frau pflückte insgesamt vier aus der Herde, ehe die Biester sie erspähten. Eine Welle bestialischen Gestanks wehte Tess entgegen, als die Viecher abdrehten und in ihre Richtung stürmten. Danach wurde es ihr unmöglich, sich auf die kleine Familie zu konzentrieren, denn sie kamen immer näher, bis einer sie beinahe erwischte, hätte Rooster ihn auch nur einen Herzschlag später getroffen. Ein Seitenblick zu Barbara verriet ihr, dass es der alten Dame nicht viel besser erging, auch sie wurde nach und nach umzingelt. Tess wollte sich gerade aus der Traube ihrer verrottenden Gegner losreißen, um zu Barbara gelangen, als sie ein seltsames, alles übertönendes Geräusch vernahm.
„Runter!“, kreischte Clint zwischen zwei Schusssalven. Woher hatte er die AK-47, dachte Tess, während sie sich auf den kalten Boden fallenließ und dabei zusah, wie ihr Kumpel durch die Herde preschte und alles um ihn herum leblos zusammensackte.

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: Das Feld
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