Der Finger in der Azalee

SarahAutorin: Sarah
Setting: Hauseingang
Clues: Biomimikry, Trichter, Hundebauch, Schwamm, Nagellack

Fortsetzung zu: „Der Fänger im Rhododendron

„Was habe ich nur getan?“, murmelte Svenja und es hatte etwas Drängendes, etwas Verzweifeltes. Sie sass auf den Stufen des Hauseingangs und starrte weggetreten auf den vorbeirauschenden Verkehr, die blauweissen Busse, die Taxis, die Passanten. Ab und an warf ihr einer der Fussgänger einen leicht befremdeten Blick zu, doch die meisten sahen sie gar nicht an. Sie trug ziemlich hochwertige, dennoch schlichte, Klamotten und der an Zeigefinger und Daumen leicht abblätternde rote Nagellack kontrastierte die dunkeln, grünblauen Karomuster ihres Rocks. Schneeflocken fielen zu Boden, doch es war so kalt, dass sie nur kurz auf dem Asphalt liegenblieben und vom schneidenden Wind weggefegt wurden, bevor sie eine Schneedecke hätten bilden können. Den grossen Schwamm hielt sie noch immer in der Hand, er war durchweicht und begann langsam zu gefrieren, schmerzte an ihren Fingern. Sie bemerkte es nicht. „Was habe ich nur getan?“, wisperte sie wieder, während sie sich wie in Zeitlupe erhob, den Bürgersteig überquerte und schliesslich einen ersten Schritt auf die Strasse hinaus machte. Sie ging weiter, wie in Trance, und sah den heranrasenden Bus gar nicht kommen.

Biomimikry“, erklang die perfekt modulierte Männerstimme aus dem Telefonhörer. „Ein perfektes Werk. Du bist jetzt meine Stimme und ich bin überall.“ Svenja seufzte, die unerträgliche Hitze der schwülen Sommernacht erschöpfte sie, doch der Unbekannte zwang die junge Radiomoderatorin dazu, ihm die ganze Nacht lang eine Plattform zu bieten, während ihr Techniker sinnlosen Hinweisen nachjagen musste. Und wenn sie nicht gehorchten, würde der Unbekannte jede Stunde einen Menschen töten. „Der Song neigt sich dem Ende zu“, murmelte er melodramatisch. „Zeit, dass ich der Welt wieder etwas erzähle…“

Der junge Mann packte Svenja und riss sie von der Strasse, gerade noch rechtzeitig. Der lange Trolleybus der Linie 32 raste wild hupend vorbei, nur wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht. Wie betäubt taumelte sie zurück in den Hauseingang und der Fremde half ihr dabei, sich hinzusetzen, bevor er sich neben ihr auf den kalten Stufen niederliess. „Ist alles okay?“ Er wirkte besorgt und Svenja nickte mechanisch. Doch er schien nicht locker lassen zu wollen, denn er erkundigte sich: „Wollten Sie sich gerade umbringen?“
„Ich glaube nicht“, murmelte Svenja und warf einen Blick auf den Schwamm in ihrer Hand. „Es ist vorbei“, fügte sie dann erschöpft und erleichtert hinzu. „Was denn?“, wollte der junge Mann eindringlich wissen. „Was in um Himmels willen ist Ihnen denn wiederfahren?“ Sie atmete einige Male tief durch und sah dem Fremden ins Gesicht. Er hatte blondes, zerzaustes Haar und eine schmale Statur, wirkte beinahe knabenhaft. Sie zauderte einen Augenblick, bevor sie ihn fragte: „Erinnern Sie sich noch an die Radio-Morde von vor einem halben Jahr?“ Ein grässlicher Spitzname für die wohl grausamste Mordserie in der Geschichte dieser Stadt, dachte sie sich. Plötzlich spiegelte sich eine Spur von Erkenntnis in dem Gesicht des Mannes. „Oh – Sie waren die Moderatorin, jetzt erinnere ich mich, woher ich Ihre Stimme kenne!“ Svenja nickte matt und der junge Mann fuhr einfühlsam, beinahe besorgt, fort: „Schreckliche Sache, dass die Polizei diesen verrückten Killer noch immer nicht gestellt hat.“

Eine Woche war seit der schlimmsten Nacht ihres Lebens vergangen. Svenja kraulte ihren jungen Spaniel, der sich zufrieden auf den Rücken drehte. Die Polizeiverhöre waren endlos und schrecklich gewesen, erinnerte sie sich, während ihre Hand den Hundebauch massierte. Noch immer fragte sie sich, warum der Killer wieder und immer wieder von Biomimikry gesprochen hatte. Sie hatte den Begriff „Bionik“ sicher schon hundertmal in Lexika und Fachbüchern nachgeschlagen, die Wikipedia-Seite Dutzende Male durchgelesen. Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Grübeleien und sie griff nach dem schnurlosen Gerät, das neben ihr auf dem Boden lag. „Hallo?“, meldete sie sich und erstarrte dann – er war zurück.

Eine Schneeflocke fiel auf ihr Handgelenk und schmolz langsam, als sie mehr zu sich selbst denn an den Fremden gewandt erklärte: „Er hat jede Stunde jemanden getötet, und am Ende der Nacht hat er sogar Philip niedergeschossen!“ Der junge Mann schien nicht ganz zu verstehen, was sie ihm erzählte, doch er nickte nichtsdestotrotz mitfühlend. Vielleicht war er Krankenpfleger oder Therapeut, dass er so viel Geduld mit ihrem Gedankenchaos aufbrachte, überlegte sie verwirrt. Schliesslich sagte sie es, obwohl sie sich geschworen hatte, es nie jemandem zu erzählen: „Er hat es nur wegen mir getan, wissen Sie? Er hat es mir erklärt.“
„Wer hat was?“, fragte er verwirrt und Svenja begriff, dass er ihr nicht folgen konnte. „Der Radio-Killer. Eine Woche nachher hat er mich angerufen. Er hat gesagt, dass er schon immer in meine Sendung wollte.“
Ein Krankenwagen raste mit Blaulicht und Sirene vorbei und Svenja konnte die verdutze Reaktion ihres Gegenübers nicht verstehen und fügte hinzu: „Seitdem hat er mich verfolgt.“
Jetzt schien der Fremde zu begreifen und rief entsetzt aus: „Der Killer?“ Sie nickte wieder und ihr offenes Haar wurde ihr vom eisigen Wind ins Gesicht geweht. „Ich habe ihn schliesslich gefunden“, entgegnete sie ruhig. „Er hat mir erklärt, dass ich seine einzige Stimme bin, dass ich seine Verbindung zur Welt bin. Grauenhaft.“
„Dann hat die Polizei ihn jetzt erwischt?“, fragte der junge Mann, mittlerweile begierig auf Antworten; wie die meisten ihrer Hörer schien er jedes Wort zu dem Thema aufzusaugen. Die halbe Stadt hatte ihr in dieser Nacht zugehört, ihre Sendung Mord für Mord verfolgt. Es hatte ewig gedauert, bis die Polizei gehandelt hatte, zu Beginn hatten alle die Sache für ein Krimispektakel oder einen Werbegag gehalten. „Nein“, murmelte Svenja und nahm sich dann zusammen. Geschehen war geschehen, sagte sie sich und erklärte dann klar: „Ich habe ihn umgebracht.“
„Sie haben was?“, rief er ungläubig und starrte einige Sekunden schweigend auf den gefrorenen Asphalt, bevor er zögerlich hinzufügte: „Na, der hatte es verdient.“
„Vielleicht“, erwiderte Svenja und zeigte ihm den Schwamm, bevor sie zu der Fassade des wahrscheinlich hundertjährigen Gebäudes aufblickte. „Gleich vorhin“, fügte sie hinzu. „Ich habe geputzt.“ Sie musste an die unzähligen Fotografien von ihr denken, mit denen der Killer eine Wand tapeziert hatte, ein grausiger Schrein, der sie immer daran erinnern sollte, was es bedeutete, im Rampenlicht zu stehen. Bevor sie den Mörder niedergeschossen hatte, hatte er ihr erklärt: „Sie als Moderatorin sind wie ein Trichter; Was Sie erzählen, erfährt die Öffentlichkeit, was Sie verschweigen, geht für immer vergessen. Was werden Sie über mich erzählen, Svenja?“
„Nichts“, hatte sie kalt entgegnet und mehrmals abgedrückt, so oft, bis er auf dem Boden lag und sich nicht mehr rührte. Vielleicht fünf oder sechs Mal? Der Fremde riss sie aus ihren Gedanken und wollte wissen: „Warum glauben Sie, dass ich Sie nicht bei der Polizei melde?“
„Das weiss ich nicht“, erwiderte sie nachdenklich. „Alles was zählt, ist, dass es zu Ende ist.“
„Wissen Sie, was Biomimikry ist?“, fragte der Fremde, als ein weiterer Bus vorüberrauschte. Svenja erstarrte und fuhr herum. Lächelnd erklärte der harmlos wirkende junge Mann: „Etwas Technisches wird nach einem Vorbild der Natur entwickelt, ahmt sie quasi nach.“ Noch bevor sie die Situation hatte fassen können, rauschte Adrenalin durch ihren Körper und sie umklammerte automatisch den eiskalten Stahl der Pistole unter ihrer Jacke und das Zittern in ihrer Stimme war kaum vernehmbar. „Wieso…?“
„Natürlich ist es in diesem Fall eher symbolisch – ein Serienmörder, der mit technischer Präzision den unvermeidbaren Tod inszeniert, etwas schafft, das grösser ist als es die Natur je hätte tun können. Ein Kunstwerk, sozusagen.“
„Und wer…“, begann Svenja wieder, brachte jedoch auch diesen Satz nicht zu Ende. Der Mann lächelte amüsiert. „Ein Stalker, der sich für einen Mörder ausgibt, stirbt und der Mörder überlebt; er war ein grauenhafter Mensch, nervtötend, aufdringlich. Sie haben ihn ja selbst erlebt. Schon beinahe ironisch, dass er dank meinem Oeuvre Ihre Aufmerksamkeit erst gewinnen konnte.“
Mit einem Mal begriff Svenja; eine verstellte Stimme an einer schlechten Telefonverbindung war alles, was sie je gehört hatte. Ihre Hand verkrampfte sich um die Waffe und sie drückte ab.

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