Wenn man Freunde auf einsamen Wegen findet

RahelAutorin: Rahel
Setting: Sierra Nevada
Clues: Koalition, Plasma, Liebe, Eichhörnchen, Krautsalat
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Ein Eichhörnchen liess seine Nuss fallen und rannte im Zickzack weg, als Anwells abgewetzter Wanderrucksack mit einem lauten Plumpsen auf dem Steinhaufen landete. Er sah dem Tierchen bewundernd nach, als es sich flink auf einen der spärlich gesäten Bäume rettete und ihn von dort beobachtete. Der Spätnachmittagshimmel färbte sich langsam orange und er war froh, den Anstieg zum Evolution Basin noch vor dem Nachteinbruch geschafft zu haben. Eine Weile hatte er daran gezweifelt, nicht etwa, weil die Strecke so kräftezehrend gewesen wäre, sondern weil er sich ständig in betrübte Gedanken hatte verstricken lassen. Wandern, das hätte er bis vor kurzem noch geschworen, befreite den Kopf von allem, was er nicht brauchte. In letzter Zeit jedoch gelang es ihm immer weniger gut, von seinen Sorgen abzulassen, was sich nicht zuletzt auch negativ auf sein Marschtempo auswirkte.
Mit einem kräftigen Ruck zog er den Bärenkanister aus dem Rucksack, der bedrohlich hohl rumpelte. Er prüfte den Inhalt und überschlug kurz, wie lange er mit dem Proviant noch auskommen würde und nahm sich dann vor, später noch zu fischen. Vermutlich hätte er sich vor einigen Tagen, als er am Vermillion Valley Resort vorbeigekommen war, dazu durchringen sollen, im Laden einige Lebensmittel zu kaufen. Die Aussicht auf menschlichen Kontakt hatte ihm solchen Kummer bereitet, dass er die Stimme seiner Vernunft einfach ignoriert hatte. Irgendwie war es für ihn schon immer so gewesen, Interaktion mit Anderen war eine Anstrengung, die er wann immer möglich mied, selbst dann, wenn er wusste, dass es nicht gut für ihn wäre.
Mit einigen geübten Handgriffen stellte er sein neongelbes Biwak auf, danach rollte er den Schlafsack auf und verstaute alles bis auf die Angel im Rucksack. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihm, dass er seit nunmehr sechs Stunden nichts mehr gegessen hatte, also kramte er schnell seinen letzten Energieriegel aus der Beintasche seiner Hose und machte sich, Riegel in der einen, Angelrute in der anderen Hand, auf zum See.
Rot-orange Wolkenfetzen zogen gemächlich vom Gipfel des Mount Mendel zu seinem Nachbarn, Mount Darwin, und Anwell war in die friedlichen Reflektionen auf dem Wasser vertieft, bis eine Eidechse durch sein Blickfeld schnellte. Instinktiv zog er seine Knie an die Brust und hielt sie so lange umklammert, bis seine Gänsehaut sich wieder legte und er ruhig durchatmen konnte. Seine Liebe zur Natur war zwar sein lebenslanger Begleiter gewesen und es gab wirklich nichts, das ihm mehr bedeutete, aber mit diesen starräugigen Gefährten hatte er sich trotzdem nie anfreunden können. Als der Schrecken sich gesetzt und dem Verstand gewichen war, beruhigte sich sein Herzschlag wieder und er trank einen Schluck aus seiner Wasserflasche.
Als wenige Minuten später ein kleiner Fisch am Hacken zappelte, sprang Anwell auf und zog so ungeschickt an der Rute, dass sein proteinreiches Abendessen sich gleich wieder davon machte. „Mist!“, murmelte er verärgert, begann aber sofort damit, die Schnur einzuziehen und den Köder erneut ins Wasser zu werfen. Anwell hatte noch nie einfach so aufgegeben, wenn etwas nicht beim ersten Mal klappte, ausser vielleicht damals, als Kate ihn verlassen hatte. Darüber dachte er kaum noch nach, immerhin hatte er sich gründlich eingeredet, dass die ganze Sache ohnehin keine Zukunft gehabt hätte. Manchmal, wenn er einen der schwachen Momente hatte, in denen der rationale Teil seines Bewusstseins nicht den Wachhund spielte, wunderte er sich, ob es denn für ihn jemals eine Zukunft mit einem anderen Menschen geben würde. Würde es wohl jemals jemanden geben, der seinen absurden Ansprüchen entsprach und der billigte, dass er selbst seinen eigenen Erwartungen nicht einmal annährend gerecht wurde? Die Frage war natürlich irregeleitet, das war ihm schmerzlich klar, vielmehr müsste er sich fragen, ob er selbst es denn akzeptieren kann.
Vor einigen Augenblicken hatte sich die Erde soweit gedreht, dass die Sonne nicht mehr sichtbar war und ihre Existenz nur noch durch das tiefrote Glühen der Bergkette zu erahnen war. Anwell sass noch immer stoisch am Seeufer und wartete darauf, dass ein verfressener Fisch in seinen Köder beissen würde. Zur Not würde es auch ein lebensmüder Fisch tun, relativierte er die Motivation seiner Mahlzeit und brachte sich damit selbst zum Lachen.
„Was ist denn so lustig?“ Anwell fuhr zusammen und warf instinktiv den nächstbesten Gegenstand in die Richtung, aus der sein Reptiliengehirn die Gefahr vermutete, doch anstelle davon, imponiert das Weite zu suchen, sah der Unbekannte perplex zu, wie das Einpackpapier des Energieriegels vor seinen Füssen zu Boden segelte. „Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken“, meinte er dann amüsiert und streckte Anwell eine von Schweiss und Staub verschmutze Hand entgegen. „Marvin.”
Er zögerte so lange, bis der hochgewachsene Typ ihn anlächelte und auffordernd zunickte, dann schüttelte er die klebrige Hand und murmelte: „Anwell.“
„Also sag schon, was war vorhin so lustig?“, hakte Marvin nach, allerdings hatte Anwell den, wahrscheinlich nur für ihn witzigen, Gedankengang längst vergessen, also schüttelte er den Kopf. Mit einem langgezogenen Ächzen liess sich Marvin neben ihm auf den sandigen Boden fallen und als seine kurze Hose hochrutschte, wurde eine beachtliche Schramme an seinem linken Knie erkennbar.
„Oh, das?“, sagte er, als er Anwells Blicke bemerkt hatte und kramte währenddessen einen grossen Plastikbehälter aus seiner Tasche. „Ich bin kurz vor Purple Lake ausgerutscht, als ich ein Foto von der Ostseite der Sierra Nevada machen wollte. Tja, Dummheit schützt nicht vor Verletzung.“ Marvin lachte wieder und zeigte eine perfekt aufgehellte Zahnreihe. Einige Sekunden verstrichen, während denen Anwell nicht im Geringsten auf den Neuankömmling reagierte, bis er sich dazu durchrang, wenigstens zu versuchen, ein wenig Freundlichkeit zu zeigen.
„Das hat sicher weggetan. Hast du die Wunde gut desinfiziert?“ So machte man das, bestätigte er sich selbst, man freundete sich mit anderen an, indem man Interesse zeigte, wahlweise heuchelte. In der Tat hätte Anwell sich nicht weniger für den Zustand des fremden Knies interessieren können, um offen zu sein konnte er ohnehin nur schwer nachvollziehen, weshalb sich Leute für andere interessieren. Natürlich gab es einige, deren Wohlergehen ihm am Herzen lag, aber in den allermeisten Fällen stand er seinen Mitmenschen gleichgültig gegenüber. Manchmal wunderte er sich darüber, wie einige sich stundenlang über andere, meist nicht anwesende, Personen unterhalten konnten. Es kam ihm so unsäglich stumpfsinnig vor, gab es doch so viele andere Dinge, die viel spannender und grossartiger waren und im Grunde drehten sich diese Unterhaltungen immer nur um den Sprecher selbst.
„Ja, klar“, antwortete Marvin und zupfte dabei einen eingetrockneten Hautfetzen von der Schramme. „Hattest du heute schon Glück?“ Er deutete auf Anwells Rute und beugte sich neugierig vor, um sie genauer inspizieren zu können.
„Nein, leider nicht“, erwiderte Anwell etwas niedergeschlagen und verfluchte sich innerlich dafür, dass er die letzte Gelegenheit zum Proviantkauf so leichtsinnig verkannt hatte.
„Na dann“, begann Marvin mit einem breiten Grinsen und reichte ihm seine Plastikbox, „lade ich dich zum Abendessen ein.“ Anwell hätte das Angebot sehr gerne ausgeschlagen, aber aufgeweichter Krautsalat war um Längen besser als ein ungefangener Fisch und so gross wie sein Hunger in dem Moment war, nahm er dafür die etwas unbehagliche Situation in Kauf.
„Danke“, stammelte er mit etwas Verzögerung. Marvin musste sicher bereits bemerkt haben, dass seine sozialen Fähigkeiten nicht gerade einen Orden verdient hatten, schien sich daran allerdings nicht zu stören. Vielleicht erging es Marvin nicht anders als ihm selbst, denn auch wenn er einen sehr geselligen Eindruck erweckte, war er dennoch alleine unterwegs und es war ja nicht besonders schwierig, auf Anwell kontaktfreudig zu wirken.
Die beiden Wanderer schwiegen eine lange Zeit und sassen so ruhig da, dass ein Eichhörnchen sich traute, direkt hinter ihnen vorbeizurennen. Anwell wartete darauf, dass die Stimmung früher oder später unangenehm wurde, dass die friedliche Stille zur Peinlichkeit verkam, aber das passierte nicht. Als dann das letzte Rot aus dem Himmel verschwunden war, begann sich die Milchstrasse über ihnen zu drehen und auf eine seltsame, ihm völlig unbekannte Weise, entspannte er sich neben dem fremden Mann. Es kam ihm nicht so vor, als würde er sich zwingen müssen, die Gesellschaft des anderen zu ertragen oder so als würde er sich angestrengt um eine Koalition bemühen müssen, sondern einfach nur so, als sässe da jemand, der still seinen Abend etwas weniger einsam machte. Das war neu und verwirrend für Anwell, so sehr sogar, dass er sich irgendwann dazu durchrang, von sich aus etwas zu sagen: „Meinst du, wir werden jemals die Galaxis bereisen können?“
„Hm“, brummte Marvin leise. „Nicht ohne Plasma-Antrieb, aber ja, ich bleibe optimistisch.“
„Okay, aber ohne Kernspaltung oder Fusion wird das nichts, mit Solarenergie kommt man leider nicht weit“, meinte Anwell und rechnete fest damit, dass die Unterhaltung gleich wieder abebben würde. Bisher hatte sich noch niemand darauf eingelassen, mit ihm über potentielle Raumfahrttechniken zu unterhalten, waren doch die wenigsten an Dingen interessiert, die sie nicht direkt betrafen, Marvin hingegen antwortete sofort: „Das stimmt, ja.“
Marvin trank etwas Wasser und reichte ihm danach die Falsche, ehe er zu bedenken gab: „Weisst du, sogar mit einem Fusionsreaktor wäre die Reise durch die Galaxis so ähnlich wie eine Atlantiküberfahrt im Ruderboot – viel zu langsam.“
Anwell nickte und war zu sehr in Gedanken an Warp-Antriebe verstrickt, um zu bemerken, dass er auf seiner einsamen Wanderung durch die Sierra Nevada einen Freund gefunden hatte.

* * *

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2 Gedanken zu „Wenn man Freunde auf einsamen Wegen findet

  1. Hallo Lexa
    und vielen Dank für dein Feedback.
    Das Eichhörnchen taucht sogar absichtlich zweimal auf und soll etwas Tempo in die Geschichte bringen. Man könnte sich jetzt eine tiefere Symbolik für das fusselige Tierchen aus den Fingern saugen, von wegen es repräsentiere den normativen sozialen Umgang. Aber man sollte sich nicht zu solchen Interpretationen hinreissen lassen, selbst dann, wenn man die Geschichte selbst geschrieben hat ;)

    Mit dem Titel hast du im Übrigen vollkommen Recht. In der Regel wähle ich meine Titel erst kurz vor der Veröffentlichung, weil mir nämlich nur selten was passendes einfallen will. Ich sollte mich aber in Zukunft etwas bei der Nase nehmen und ein wenig mehr Überlegung hineinstecken.

    Ich wünsche einen grandiostastischen Tag und viel Spass beim Weiterlesen
    Rahel

  2. Schön geschrieben. Die Geschichte fließt ganz ruhig dahin und das Eichhörnchen am Anfang ist schon das hektischste. Auch gut, dass es wieder auftaucht später.
    Allerdings würde ich die Überschrift ändern. Ich finde, sie verrät zu viel und nimmt die Handlung vorweg.

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