Freundschaftszyklus

RahelAutorin: Rahel
Setting: Luftschloss
Clues: Terrorismus, Badetuch, Parfum, Käfer, Zeppelin

Am äusseren Rand einer fernen Galaxie, hinter sieben weissen Zwergen, war einmal ein kleiner Planet, auf dessen wohltemperierter Oberfläche das Leben vielfältige Formen angenommen hatte. Die Bewohner nannten ihre Oase Zljk und da es ihnen an nichts fehlte, wuchsen sie rasch heran und erschufen eine Gesellschaft, deren Friedlichkeit einzigartig im ganzen belebten Universum bleiben sollte. Als eines Tages einer der vielen zljker Wissenschaftler einen kleinen, kaum sichtbaren Fleck durch sein biomorphes Teleskop entdeckte, benachrichtigte er, im guten Glauben das Richtige zu tun, sofort den Oberzljker, welcher sich das eigenartige Himmelsphänomen ansah und es dann für unbedenklich erklärte. „Ach, das ist nur ein wenig Rauch, der aus der Myradensonne dünstet. Machen Sie sich keine Sorgen.“, sagte er, währendem er an dem Ast eines Beenus kaute und obwohl der Gelehrte darauf drängte, das unbekannte Objekt weiter zu observieren, wurden alle weiteren Forschungen abgebrochen, nicht ahnend, dass diese eine Leichtsinnigkeit den Beginn einer dunklen Epoche markieren würde.

Ein knappes Gigannum war vergangen und Anom-P war einer der wenigen Überlebenden, die im Luftschloss Zuflucht gefunden hatten. Früher hatte das Schloss in den langen Nächten die ganze östliche Hemisphäre beleuchtet, doch seit einer Eruption waren die Kristalle zu schwach geworden und so blieb Zljk im Dunkeln. Anom-P konnte sich kaum noch an die Zeit vor der Wende erinnern, so lange war es nun schon her. Zljk war ein Paradies gewesen, soviel wusste er, doch als die auf Silikon basierenden Lebewesen von Zljk immer häufiger mit seltsamen physikalischen Anomalien konfrontiert worden waren, hatte der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhielt zu bröckeln begonnen. Zuerst hatten sie nicht gewusst, was mit ihrer Welt geschah und da man den Ursprung des Übels nicht kannte, war es ihnen unmöglich gewesen rechtzeitig auf die jeweiligen Geschehnisse reagieren zu können. Dies hatte zu ersten Unruhen in der Bevölkerung geführt, eine Problematik, die für die äusserst stabile und uniform agierende Gesellschaft neu und bedrohlich war. Erst als ein Wissenschaftler einen Zeppelin in die Atmosphäre steigen liess, wurde die gigantische Dunkelwolke entdeckt, deren Anziehungskraft eine merkliche Perturbation der Raumbewegung von Zljk verursachte und das Leben auf dem kleinen Planeten für immer veränderte. Die stetig ändernden Klimabedingungen hatten es unmöglich gemacht, die Bevölkerung mit genügend Ressourcen zu versorgen und bald schon versank das einst friedliche Zusammenleben im Chaos und Terrorismus. Anom-P legte gleichgültig ein verschmutztes Badetuch auf das Plasma, welches ihm gerade eben vom Tisch gerutscht war und entschied sich dazu, seine Arbeit vorzeitig zu beenden. Er verabschiedete sich, so wie es auf Zljk üblich war, mit einem kurzen Gesang von seinen Kollegen und trottete dann durch die langen, weich geschwungenen Flure des Luftschlosses zu seinem Quartier. Sein Leben war lang gewesen und er hatte stets sein Bestes gegeben, seinen Teil für das Gemeinwohl beizusteuern, ohne einen einzigen Gedanken an etwas anderes zu verschwenden. Doch nun war das Ende greifbar nahe und es war ihm ein Rätsel, warum er weiterhin jeden wachen Augenblick damit zubringen sollte, die Nährstofflösung für die Neugeborenen vorzubereiten, wenn jeder wusste, dass es keine Zukunft geben wird.

Anon-Ps Quartier war so klein, dass er gerade mal seinen Hibernations-Pod und das alte Teleskop eines fortgegangenen Freundes darin aufbewahren konnte. Regelmässig sass er nach der Arbeit davor und dokumentierte heimlich, wie die Riesenmolekülwolke die Konstellationen am Himmel auffrass, die er so gut gekannt hatte. Freundschaft war auf Zljk ein eher unbekanntes Konzept, doch Anon-P hatte in dem grossen Kollektiv tatsächlich einen Zljker gefunden, dessen synchron laufender Verstand genügend abwich, um als Individuum zu funktionieren; eine wahre Seltenheit, deren Glanz für Anon-P unwiderstehlich gewesen war. X-Mir war ihm ein guter Freund gewesen und hatte ihm alles über den immer grösser werdenden Fleck beigebracht. Lange hatten sie beide versucht herauszufinden, wie man die rasende Wolke hätte aufhalten können, doch sie sahen sich in der Lage des Käfers, der nichts gegen den übermächtigen Fressfeind unternehmen kann und so hatten sie beschlossen, das Ende Zljks gemeinsam zu erleben. Doch X-Mir war den Oberzljkern wegen Ungehorsams weggebracht worden und somit war Anon-P wieder einer unter vielen und anstelle davon, den Untergang mit einem Freund zu teilen, wurde er verfrüht von der Wolke der kollektiven Masse verschluckt.

Anon-P seufzte gequält und begann damit, sein Teleskop abzubauen. Heute war TX-P3, einer der sieben Weissen, verschwunden und er wusste, dass es nun nicht mehr lange dauern würde. Ein letztes Mal trieb es ihn aus seinem Quartier in den Gemeinschaftssaal, wo er seinen Blick über die immer selben Gesichter schweifen liess, in der Hoffnung er würde jemanden erkennen, der seinen Namen kannte. Er setzte sich in den hinteren Teil des stetig formverändernden Raums, schloss sein bernsteinfarbenes Auge und versuchte durch das Stimmengewirr einen bekannten Klang zu erkennen, doch war es der Geruch eines Parfums, der ihn aufmerksam werden liess. Es war Ami-Mov, der gerade an ihm vorbeischlenderte und gelassen durch eine Holo-Wand in den Garten des Luftschlosses hinaustrat. Anon-P sprang auf und hechtete dem betörenden Duft hinterher und wäre beinahe über den jüngeren Techniker gestolpert, der direkt hinter der Wand neben einem der Beete stehen geblieben war und ihn nun verdutzt anblickte. „Entschuldige“, stammelte Anon-P, bemüht sich zumindest einigermassen konform zu verhalten. „Kein Problem. Komm mit.“ Ami-Mov packte ihn an einem Tentakel und führte ihn eilig in den Kristallraum, einer der wenigen Orte im Luftschloss, der nicht der ständigen Überwachung ausgesetzt war. „Du hast es gerochen!“, sagte er und freute sich offensichtlich sehr darüber. Anon-P nickte zögerlich, wagte sich dann aber doch sein Gegenüber zu fragen, warum er als einziger nicht nach Nebelmoon roch. „Weil ich nicht nach Nebelmoon riechen wollte.“, war die knappe Antwort und Anon-P fühlte sich an seinen alten Freund erinnert, dessen Erklärungen für seine einzigartige Andersartigkeit genauso banal und selbstverständlich gewesen waren.

Als der zweite der Weissen Zwerge verschwand, konnte man das nahende Ende immer deutlicher erkennen. Einige Wissenschaftler versuchten verzweifelt durch eine andere Dimension zu fliehen, doch da sie nicht auf die andere Seite sehen konnten, wusste niemand so genau, ob sie erfolgreich waren und als die Panik ausbrach, wurde mit den Laboren die letzte Hoffnung auf Rettung zerstört. Die Gravitation begann verrückt zu spielen und während grosse Materiebrocken aus der Wolke auf Zljk regneten, wurde das Luftschloss nach und nach in Fetzen gerissen, bis es schlussendlich, genauso wie Zljk und die sieben Weissen Zwerge, als unerkennbarer Weltraummüll durch den Nebel flog.
Anon-P und sein neuer Freund wurden genauso wie alle anderen von der immensen Dunkelwolke verschluckt und Lichtjahre auseinander gerissen. Doch irgendwann, als Äonen im Universum verstrichen waren, trafen sich zwei winzige Bestandteile ihrer Körper wieder und eine neue Galaxie, die Milchstrasse, begann ihr Leben.

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