Fußspuren

Diese Geschichte spielt im erweiterten Universum „In ferner Zukunft“.

Ich bin verdammt kribbelig. Es kribbelt mich in den Fingern den Füßen, dem Rücken, vermutlich überall. Ich versuche mich abzulenken, starre aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Skyline und vermute, alles, was ich tun könnte, vermochte mich niemals von dem Bevorstehenden abzulenken.
Mit einem leisen Zischen gleitet die Tür zu meinem Zugabteil auf und ein junger Mann steht davor. „Ist hier noch einer frei?“
„Bitte“, entgegne ich mit einer unnötig auslassenden Handbewegung auf die fünf leeren Plätze und widme mich erneut der rasch näherkommenden Metropole, während mein Mitreisender es sich bequem macht, was von einem lauten Scheuern des Kunstleder-Polsters begleitet wird. Man dürfte meinen, Jahrtausende technologischer Entwicklung brächten auch scheuerfreies Kunstleder hervor, aber nein. Die Menschheit mag die Milchstraße besiedelt haben, schneller als das Licht reisen und künstliche Intelligenzen geschaffen haben, nur, in all der Zeit kam niemand je auf die Idee, geräuscharme Eisenbahnsitze zu bauen.
„Na, dein erstes Mal in New York?“, riss mich der junge Mann aus meinen Betrachtungen und ließ mich zusammenfahren, was ihm ein peinlich berührtes „Sorry“ entlockte.
Ich musste schmunzeln. „Mein Fehler, ich war gerade am Grübeln, ob wir es je schaffen werden, Kunstleder zu erfinden, das weniger wie ein nagender Bieber klingt, wenn man sich draufsetzt.“ Erst da fiel mir wieder die erste Hälfte seiner Frage ein. „Heute nur auf der Durchreise.“
„Musst du auch in Grand Central umsteigen?“ Wirklich ein gesprächiges Kerlchen, denke ich mir und nehme einen Schluck von meinem Sprudelwasser, ehe ich entgegne. „Nein, Raumhafen der Sternenflotte.“
Er starrt mich ungläubig an. „Bist du etwa eine Offizierin oder sowas? Dich kann ich mir nicht in Uniform vorstellen.“ Jetzt erst nickte er mir kurz zu, um sich vorzustellen. „Verzeih meine Manieren, ich bin Francesco.“
„Dana“, gab ich zurück, besann mich dann meiner eigenen Höflichkeit und hielt meinem Abteil-Genossen eine Tüte entgegen. „Nuss?“
Skeptisch betrachtete er die überdimensionierten Erdnüsse in der Tüte und schüttelte dann den Kopf. „Ne, die sehen kaum besser aus als der Instant-Hackfleischhirsch, den sie im Speisewagen serviert haben. Wenn ich durch ein Nudelsieb gedrücktes Analogfleisch haben will, kann ich das im Supermarkt finden. Egal, genug davon, was machst du bei der Flotte? Wie eine Soldatin siehst du nicht unbedingt aus.“
Ich musste lachen, immerhin hatte ich in meinem Leben noch nie eine Waffe gehalten, geschweige denn abgefeuert. „Nein, ich bin Wissenschaftlerin. Die Flotte macht ebenfalls Erkundungsmissionen zu neunen Welten.“
Nun war ihm die Neugier anzusehen. „Du meinst, du hast deinen Fuß auf einen Planeten gesetzt, der bislang unbesucht war? Also so richtig Spuren im Staub hinterlassen?“
Nun musste ich grinsen, offenbar hatte das Bild von Reisen zu neuen Welten auch in der Öffentlichkeit einen Touch von Abenteuergeist; schön zu wissen.
„Ja, hier und da. Ich war mal die zweite, dafür ziehen wir Strohhalme. Manchmal landen wir auch auf Planeten, die schon besiedelt sind, wenn wir den Kontakt verloren haben und herausfinden wollen, ob etwas schiefgelaufen ist.“
„Und? Ist je etwas schiefgelaufen?“, wollte Francesco gespannt wissen.
„Ob du es glaubst oder nicht, schon einiges. Wir hatten sogar mal einen Zombie in der Ladebucht, das war alles andere als lustig.“ Sein ungläubiges Starren war, soviel musste ich mir selbst eingestehen, unbezahlbar. Zugegebenermaßen hatte ich kein Bisschen dieses Amüsements verspürt, als ein Untoter durch unser Sternenschiff getorkelt war und Jagd auf alles gemacht hatte. Damals war ich wirklich froh um die Blaster der Soldaten gewesen. Endlich entsann ich mich meiner Höflichkeit und fügte hinzu: „Man liest hier und da was auf, wenn man Erkundungsreisen vornimmt, soviel ist sicher.“
Francesco gab ein halbmotiviertes Glucksen von sich, jedoch schien sein Interesse am Thema keineswegs nachgelassen zu haben. „Es ist faszinierend, wie der Mensch trotz aller Widrigkeiten neues lernen und entdecken will. Ich meine, du riskierst dein Leben.“
„So gefährlich ist es nun auch wieder nicht“, wandte ich ein. Mittlerweile raste der Zug mit mindestens dreihundert Sachen zwischen die weitläufigen Fundamente der Hochhäuser und tauchte schließlich in einen Tunnel ab. „Stell dir vor: Vor tausendzweihundert Jahren wurden die ersten Computer gebaut, Datennetze, Gentechnik … Und jetzt reisen wir durch die Milchstraße, vielleicht bald zu entfernten Galaxien, machen Planeten bewohnbar, bauen Kolonien, ja, wir …“ Ich unterbrach mich, als mir das Amüsement meines Gegenübers auffiel; offenbar hatte ich mich richtiggehend in Begeisterung geredet. „Sorry“, murmelte ich halblaut.
„Kein Grund, dich zu entschuldigen“, meinte er. „Es ist gut, wenn man einen Job hat, der einem Freude bereitet und etwas tun kann, das Wert hat. Wer weiß, vielleicht benennen sie eines Tages eine Stadt auf einer neuen Welt nach dir.“
„Takinawatown“, prustete ich los und brauchte einige Sekunden, ehe ich meine Beherrschung wiederfand. „Nein, das klingt gruselig. Mich interessieren Ruhm und Ehre keinesfalls, ich will keine Hände schütteln oder Reden schwingen. Was ich will, ist, neues erkunden und entdecken.“
Mein Gegenüber musterte mich neugierig. „Wieso eigentlich?“
„Weil ich glaube“, antwortete ich, bevor mir auffiel, wie missverständlich meine Aussage war. „Ich glaube, es gibt vieles da draußen, was wir lernen und verstehen können, viele offene Fragen. Und ich glaube, Entwicklung wird stets in eine Richtung gehen, nämlich vorwärts. Die Menschheit sollte nicht jedes Mal, wenn ein Hindernis oder eine Grenze auftaucht sagen, ‚Danke, das war’s, leben wir wie die alten Griechen.‘ Nein, wir haben den Antrieb, immer einen Schritt weiter zu gehen, zu schauen, was hinter der nächsten Ecke ist.“
„Du meinst so was wie Aliens?“
„Das wissen wir zum Voraus nie, bis wir es gefunden haben“, murmelte ich nachdenklich. „Aliens haben wir schon gefunden, bloß waren das Pflanzen und Einzeller.“ Plötzlich fiel mir ein, dass ich bislang nur über mich gesprochen hatte. „Und was machst du eigentlich?“
„Ich …“ begann er, wurde aber sogleich von Lautsprecher unterbrochen. „Grand Central Station, umsteigen in alle Richtungen. Dieser Zug verkehrt weiter nach …“
„Oh, meine Station, sorry“, meinte Francesco, aktivierte die Antigravitation an seinem Koffer und schob ihn aus dem Abteil. „Gute Reise zu den Sternen.“
„Danke“, entgegnete ich und verabschiedete ihn mit einigen Höflichkeiten, ehe die Abteiltür zuglitt. Kaum war ich alleine, kehrte das vertraute Kribbeln zurück, Vorfreude und Unruhe in einem. Draußen waren die Perrons der unterirdischen Station zu sehen, voller Leute, die ihrem Tagesgeschäft nachgingen, einzig verbunden dadurch, zufälligerweise am selben Ort zur selben Zeit zu sein.

Ich war derart in meine Betrachtungen vertieft, dass ich gar nicht gehört hatte, wie wieder jemand in mein Zugabteil getreten war und fuhr zusammen, als ich hinter mir die Stimme vernahm: „Dr. Takinawa, richtig?“
Ich fand mich einem stämmigen Kerl gegenüber, den ich auf meiner letzten Mission kennengelernt hatte. „Ensign … Chow?“
„Beindruckendes Gedächtnis“, schmunzelte er und machte es sich auf einem Sitz mit gegenüber bequem, als der Zug Fahrt aufnahm und aus dem Bahnhof schwebte. „Offenbar hat uns die Flotte Plätze im selben Abteil reserviert, ich hoffe, das geht in Ordnung.“
„Klar.“ Chow hätte nicht unterschiedlicher sein können als ich, er war ein waschechter Soldat, jener, der damals den Zombie erledigt hatte; ein Haudegen erster Klasse. „Sagen Sie …“, begann ich, nur um von neuem anzusetzen. „Warum haben Sie sich eigentlich für diese Missionen gemeldet?“
„Machen Sie Witze? Das Erkunden von neuen Welten ist zehnmal spannender als das Schlichten von Bürgerkriegen auf Planeten, von denen ich noch nie gehört habe.“
„Wir werden alle unsere Fußspuren hinterlassen“, sinnierte ich und bemerkte, wie unser Zug langsamer wurde. „Ich glaube, das ist unsere Station.“
„Ja, Ma’am.“ Ungefragt schnappte sich der Hüne sein und mein Gepäck, türmte es auf und schob den Stapel dann durch den Gang auf die Tür zu. „Wenn ich mir die Frage erlauben darf, Doktor …“
„Natürlich?“
„Ist die Arbeit auf einem Forschungsschiff eigentlich mit dem zivilen Leben vereinbar?“
Lautlos kam der Zug zu einem Halt und wir traten auf die unterirdische Plattform, wo ein großes Schild zu den Expresslifts wies, welche zum Spaceport von Queens führten. Ich folgte ihm, mir meine Antwort überlegend. „Wissen Sie“, setzte ich an und fuhr ganz ohne Euphemismen fort, „ich habe kaum ein ziviles Privatleben, so viel anders als das Soldatendasein ist das nicht. Doch das ist es voll und ganz wert, an vorderster Front des Fortschritts zu stehen.“
„Kann ich nachvollziehen.“ Chow rief einen Lift und wir traten in die Kabine, mitsamt Sack und Pack. Für die nächsten paar Monate würden wir gemeinsam mit achtzig anderen Crewmitgliedern auf einem Sterneschiff leben und arbeiten, an Orte vordringen, die niemand zuvor gesehen hatte … Das vorfreudige Kribbeln wurde stärker. Plötzlich fiel mir etwas ein, ich knuffte meinen Begleiter schalkhaft in die Seite. „Wer weiß, vielleicht werden sie eine Stadt auf einer neu besiedelten Welt nach Ihnen benennen.“
„Chow City?“ Er runzelte die Stirn und rückte den geschulterten Blasterkarabiner zurecht. „Das klingt irgendwie … verwirrend.“

Lose verbundene Fortsetzung in: „Aletheia“.
Autorin: Sarah
Setting: Zugabteil
Clues: Hackfleischhirsch, Bieber, Nudelsieb, Nuss, Zombie
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