Es gackert der Frieden

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Staub, wohin das Auge blickte, nichts als Staub. Jonah hatte sich das alles nun wirklich völlig anders vorgestellt, als er gemeinsam mit einigen Kumpels den Entschluss gefasst hatte, sich nach der High School freiwillig für den aktiven Dienst zu melden. Selbstverständlich war er nicht so dumm gewesen, zu denken, er würde gleich nach der Grundausbildung eine wichtige Position einnehmen. Nein, für solche Hirngespinste war Mark zuständig gewesen, der es mit seinem Übermut doch tatsächlich geschafft hatte, noch in der Heimat beim Waffentraining erschossen zu werden. Trotzdem hatte Jonah, spätestens als er im Flieger nach Afghanistan gesessen war, die Hoffnung gepackt, er würde in naher Zukunft die Chance erhalten, ein waschechter Patriot zu werden, doch anstelle dessen lag er nur den ganzen Tag im Sand herum, wiederholte ständig die selben Übungen und tat so gut wie alles, um sich die Langeweile vom Leib zu halten. Und genauso war es auch heute wieder gewesen, nichts als gestaute Hitze, Einöde und ziellose Fußmärsche, die seine Kompanie am Ende zum immer selben Zeltlager und dem stets grauenhaften Abendessen führten.
„Wie lange sind wir jetzt schon hier?“, fragte Tim zwischen zwei Bissen und erntete dafür ein kollektives Grummeln von seinen Tischnachbarn. „Ach kommt schon“, protestierte ein junger Mann zu Tims Seite und verdrehte die Augen, bevor er fortfuhr. „Glaubst du echt es wäre eine gute Idee, die Tage zu zählen?“ Tim zuckte desinteressiert mit den Schultern und ignorierte den vermutlich gut gemeinten Einwand. „Für mich sind es heute genau drei Monate und seit ich in diesem gottverlassenen Loch sitze, habe ich so gut wie überhaupt nichts erlebt.“ Jonah bemerkte Johnnys verletzten Blick, als Tim sich weiter über die Sinnlosigkeit seines Aufenthalts hier beschwerte und fühlte sich dadurch in seiner Vermutung bestätigt. Anders als bei Johnny, war Tims Motivation für die Perversion, über die niemand ernsthaft sprechen wollte oder durfte, lediglich Überdruss und der Mangel an gewillten Soldatinnen, was in Jonahs Augen die noch größere Sünde war. Wenigstens, so dachte er sich, hatte Johnny seine Seele für etwas an den Teufel verkauft, das ihm wichtig war.
„Jetzt halt doch mal die Klappe“, fuhr Jonah seinem kameradschaftlichen Truppführer ins Wort, gerade dieser damit anfangen wollte, mit seinen erfunden Heldentaten an seinem letzten Einsatzort zu prahlen. „Dein ständiges Gejammer ist ja schlimmer, als Fitzgeralds Geschwafel vom Ölkrieg, echt jetzt!“ Eine energische Handbewegung in die Richtung des Rothaarigen ließ den Verschwörungstheoretiker verstummen, noch bevor er Luft geholt hatte, um seine neuste Paranoia vom Stapel zu lassen. Jonah konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was dieser Mistkerl überhaupt in der Armee wollte.

„Naja“, begann Johnny, nachdem die Truppe eine Weile schweigend weitergegessen hatte, „schlussendlich geht’s bei solchen Dingen sowieso immer um Dasselbe.“ Tim, der genau wusste, was jetzt kommen würde, deutete seinem Bettgefährten auf Zeit das Thema ruhen zu lassen, doch dieser schien dadurch nur noch weiter angestachelt zu werden; nicht einmal in der Wüste hatte man Ruhe von Ehestreitigkeiten.
„So hat es doch angefangen, wir wurden angegriffen, weil wir für sie Ungläubige sind.“ Tims Hand klatschte hörbar an seine Stirn und als wäre diese Geste der Resignation nicht schon dramatisch genug gewesen, ließ er seinen Kopf mit einem dumpfen Knall auf die Tischplatte fallen. „Und wir sind auch nicht anders, nicht wahr?“, fuhr Johnny, das allgemeine missmutige Grummeln übergehend, fort. „Wen haben wir denn hier? Arme Schlucker, welche in die Armee gekommen sind, um eine anständige Ausbildung zu bekommen und religiöse Vollpfosten, die im Abknallen von islamistischen Extremisten irgendeinen höheren Zweck sehen. Echt verflucht verblödet das Ganze.“
Jonah atmete einige Male tief durch, bevor er sich etwas Dreck vom Revers klopfte und dabei beiläufig sein Kreuz unter dem T-Shirt hervorholte. Er hatte sich nach der letzten Diskussion fest vorgenommen, sich nicht mehr auf dieses Arschloch einzulassen, also sandte er ein kurzes Stoßgebet gen Himmel, dass er die Kraft haben würde, sich nicht provozieren zu lassen. Johnny registrierte die ungemütliche Stimmung und nahm sich seinerseits vor, das Thema ruhen zu lassen. Tim zu ärgern war es ihm nicht wert, den Streit vom letzten Sonntag noch einmal vom Zaun zu brechen. Erstaunlicherweise war es Fitzgerald, welcher seinen Standpunkt zu untermauern versuchte, obwohl dieser bis dahin noch nie Anstalten gemacht hatte, sich für etwas anderes als Öl und seinen lächerlichen Kleinwagen, den er zum Rumkarren von Rationen zugeteilt bekommen hatte, zu interessieren.
„Johnny hat Recht“, begann er etwas heiser von der Hitze und schob seinen halb leergegessenen Teller von sich weg. „Egal um was es wirklich geht, Religion wird immer als Grund vorgeschoben, um die ungebildete Bevölkerung vom Krieg zu überzeugen.“ Jonah wollte bis auf Zehn zählen, sich danach freundlich verabschieden und zurück in sein Zelt gehen, um den Brief an seine Mutter fertigzuschreiben, doch er kam nicht dazu. Wutentbrannt stand er auf und stieß dabei seinen Stuhl auf den schmutzigen Boden, so dass alle Anwesenden etwas irritiert zu ihm hinüberschielten. „Das ist doch wohl der Gipfel der Frechheit!“ Seine Stimme überschlug sich etwas, was ihm unangenehm gewesen wäre, hätte er es bemerkt. „Du und dieser Arschficker solltet eure Gehirne einschalten, dann würdet ihr merken, dass das alles nicht so einfach ist, wie ihr es gerne hättet.“
Tim, dessen Kopf noch immer auf dem Tisch, gefährlich nahe am breiigen Abendessen, lag, ließ ein gequältes Grunzen vernehmen und machte sich eine mentale Notiz, dass er sich nie wieder über die Langweile im Camp beschweren würde. „Jungs, bitte“, sagte er schlussendlich, in der vergeblichen Hoffnung, sein Flehen würde zum Frieden beitragen, doch Johnny war anderer Meinung und schien nicht einzusehen, weshalb ausgerechnet er nachgeben sollte.
„Nein“, wetterte er los und an seinem Tonfall konnte jeder hören, dass Jonahs Kommentar ihn mehr als nur ein wenig verärgert hatte. „Du tötest für nichts anderes als für Gott und Vaterland, nicht wahr, du verschissener Altar-Junge?“ Johnny war nun auch aufgestanden und stemmte seine kräftigen Hände vehement in die Flanken und es war klar, dass er an Jonah ein Exempel statuieren wollte, dass niemand, aber auch wirklich niemand ihn ungestraft einen Arschficker nennen konnte.
„Natürlich“, antwortete dieser so gleichmütig er konnte. „So wie jeder gute Mann, der seine Uniform wert ist und nicht so wie Fitzgerald hier, der zu blöd war ein Stipendium zu bekommen oder du, der sich nur mal ordentlich das Arschl…“
„Es reicht!“ Tim erschrak ab sich selbst und wäre beinahe über seine eigenen Füße gefallen, als er sich aufgerappelt hatte. „Setzt euch verflucht nochmal hin, haltet die Klappe und würgt euer Abendessen runter!“ Alle, die im Kantinenzelt waren und die lebhafte Unterhaltung mitbekommen hatten, verstummten sofort, einige begannen sogar damit, sofort ihr Essen in sich reinzuschaufeln. Tim mochte nicht der furchteinflößendste Mann sein, doch er war noch immer der Truppenführer und konnte, wenn er wollte, allen die Rationen streichen.

Nach einigen Minuten der absoluten Stille, die lediglich durch den schwülen Wind gebrochen wurde, welcher sich durch die Zeltritzen schlich, räusperte sich Fitzgerald etwas verlegen. Tim sah mit einer hochgezogenen Augenbraue zu ihm rüber, doch der Rothaarige winkte seine unausgesprochenen Bedenken lächelnd ab und gabelte den letzten Bissen vom Schweinefleischgoulasch auf. Er hielt den graubraunen Klumpen nachdenklich in die Höhe und murmelte so laut, dass seine direkten Sitznachbarn ihn hören konnten: „Ich hab’s, die Quadratur des Kreises.“
„Was?“ hackte Jonah wieder besseren Wissens nach und hätte sich danach am liebsten selbst ins Schienbein getreten. „Naja“, begann Fitzgerald in seinem üblich klugscheißerischen Tonfall, rieb sich das Kinn und stützte seine Ellbogen auf den Tisch, so wie ein Schulmeister. „Wenn es wirklich nur um Religion geht, dann wäre die Lösung recht naheliegend.“ Sein Grinsen wurde erst breiter und wich dann einem leicht entnervten Ausdruck, als er realisierte, dass niemand nachfragen würde, wie sein grandioser Plan genau aussah. „Also“, holte er aus und wartete kurz ab um die Spannung künstlich zu heben, obwohl die anderen ihn kaum noch beachteten. „Wenn wir den Tank eines Sprühflugzeuges mit Schweineblut füllen würden, könnten wir die Islamisten ganz einfach vertreiben.“ Sein triumphales Lachen wurde von einem erneuten dumpfen Knall begleitet und Tims Stirn verfehlte das Trinkglas nur knapp und landete dieses Mal noch näher am Teller; wenn das so weiterging, würde er die schleimige Sauce als Shampoo gebrauchen können. „Wieso?“, jammerte er kläglich und verfluchte seinen Vorgesetzten dafür, dass er ihm diesen Haufen von Idioten anvertraut hatte.
„Echt jetzt“, versuchte Fitzgerald seine Theorie vom Islamistenabwehr-Sprühflugzeug zu verteidigen. „Am Ende sind ohnehin alle Religionen gleich. Sie alle sagen uns was wir tun, wann wir beten und wen wir hassen sollen und dass irgendein Typ versucht hat etwas Ähnliches wie sich selbst aus einem Klumpen Dreck oder sowas zu formen und wir dabei herausgekommen sind. Wir unterscheiden uns kaum, außer beim Essen natürlich und das könnten wir zu unserem Vorteil ausnutzen.“ Johnny und Jonah starrten ihren Kameraden mit offenen Mündern an, zum Teil deswegen, weil sie ihn noch nie so viel am Stück über etwas anderes als Öl hatten reden hören, vor allem aber, weil das was er gesagt hatte, auf irre Weise Sinn ergab. Fitzgerald fühlte sich vom ungläubigen Blick der anderen bestätigt und wollte gleich wieder loslegen, als Tim ihm mit einer unerwarteten Lachsalve aus dem Konzept brachte.
Tim fuhr sich durch seine dichten Locken, die seine jüdische Herkunft noch mehr verrieten, als seine beinahe absurd stereotypen Gesichtszüge. „Der Bastard hat Recht!“, verkündete er noch immer hysterisch lachend, währendem er dem verdutzten Fitzgerald heftig auf die Schulter klopfte. „Einige von uns essen kein Schweinefleisch, andere kein Rind und wieder andere haben ihre liebe Mühe mit Krustentieren, wir könnten sämtliche Weltreligionen mit dem Büffet eines Kreuzfahrtschiffes zu Tode ärgern.“ Es dauerte exakt drei Sekunden, Jonah hatte mitgezählt, bis das ganze Zelt in lautes Gelächter ausbrach und als einer der neuen Rekruten vom hinteren Tisch nach vorne rief, „Aber wir alle lieben Hühnchen!“, fielen einige sogar von ihren Stühlen.
Noch Tage später, als die ersten Drohnen über die Zeltstadt fegten und nicht mehr alle Männer von ihren Trainingseinsätzen zurückkamen konnte man den einen oder anderen Soldaten sagen hören: „Hühnchen für den Frieden!“

Autorin: Rahel
Setting: Afghanistan
Clues: Gipfel, Kleinwagen, Quadratur, Perversion, Exempel
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