Ein echter Gangster

„Bist du bereit?“, fragte Jamal und linste von der Dachterrasse in die Häuserschlucht hinunter, in der sich Abendverkehr bewegte. Tyrone nickte feierlich, hob den vollen Wäschesack hoch und schleuderte ihn in weitem Bogen auf die ein Dutzend Stockwerke tiefer liegende Straße. Der bereits zuvor stockende Verkehr kam zum Erliegen und ein Hupkonzert, das seinesgleichen suchte, folgte auf dem Fuße.
„Kopf einziehen, bevor sie dich sehen“, zischte Jamal und zog den Kameraden eilig zurück. Er deutete auf zwei morsch aussehende Liegestühle, die von der tief stehenden Sonne bestrahlt wurden. „Machen wir es uns lieber bequem.“
Tyrone dackelte dem Kameraden hinterher und ließ sich auf den einen Stuhl fallen, der ein gequältes Knarren von sich gab. „Wieso so paranoid, Mann? Du bist ein echter Gangster, ein bisschen Wäsche da unten muss dir keine Angst einjagen.“
„Ich bin ein schlauer Gangster, Alter“, konterte Jamal und streckte sich genüsslich. „Wieso sollten mich die Bullen wegen Wäsche drankriegen?“
„Um was ging es bei der Sache überhaupt?“, erkundigte sich Tyrone. „Hab noch nie gehört, dass ne Gang Wäsche von Hausdächern wirft.“
„Och, das war nur eine alte persönliche Rechnung, die ich begleichen musste.“
„Mit Wäsche?“ Verwirrt starrte Tyrone seinen Kindheitsfreund an, der sich eigentlich zum knallharten Gangster gemausert hatte. Nun ja, außer es ging um Wäsche, offenbar.
„Diese Oma aus dem sechsten Stock, die hat mich im Laundromat eine halbe Stunde vollgelabert, weil jemand in ihrer Familie in Peru an Leischmaniose erkrankt sei, sei das Leben schwer und so ein Quatsch. Also hab ich jetzt ihre Wäsche geklaut, das wird ihr eine Lehre sein.“
Tyrone verdrehte demonstrativ die Augen. „Hast du nix besseres zu tun? Drogen verticken, auf Cops schießen, irgend sowas?“
„Hey, ich darf auch mal ausspannen“, brummte Jamal und zündete betont lässig eine Kippe an, ehe er dem Kumpel eine anbot. Dieser nahm dankend an, schnippte das Feuerzeug auf und sog den Rauch genüsslich ein.
„Wenn du das sagst …“
Kurz herrschte Stille zwischen den beiden, die schließlich von Tyrone gebrochen wurde. „Denkst du nicht, es wäre langsam an der Zeit, auszusteigen? Du bist jetzt fünfundzwanzig und kommst in das Alter, in dem man sich einen guten Job sucht oder so.“
„Wohl eher Zeit, in der Gang aufzusteigen“, gab Jamal zurück. „Leutnant wäre was.“
Tyrone, der sich nur allzu oft um seinen Freund Sorgen machte, startete einen neuen Anlauf: „Vielleicht. Aber denk mal darüber nach, irgendwann erwischen auch dich die Cops. Oder die anderen Gangs. Oder du ballerst dir mit einer Uzi den Hodensack ab, weil du sie in den Gürtel gesteckt trägst.“
„Uzi?“ Jamal brach in schallendes Gelächter aus. „Ich hab keine Uzi, du schaust zu viele Filme, Mann!“
„Na, dann knallst dir mit ner Fünfundvierziger das Gemächt weg, ist einerlei. Hauptsache kastriert.“
„Was hast du heute mit meinen Hoden?“, beschwerte sich Jamal und drückte seinen Zigarettenstummel auf einer Betonplatte aus. „Macht dir mehr Gedanken über deine eigenen Klöten, ja?“
Mit einem Seufzen versuchte Tyrone die Diskussion vom Intimbereich wegzuleiten. „Es geht doch nicht um dein Gehänge! Ich mach mir nur Sorgen, ob du irgendwann ins Gras beißt, weil du was machst, das gefährlich ist. Denk an deine Mom, wer beschützt dann die?“
„Ach, halt die Fresse und hör auf, hier den Moralapostel zu spielen“, blaffte Jamal, erhob sich ruckartig und meinte: „Ich sollte sowieso mal wieder nach unten gehen, Zeit für mein Abendessen.“
Tyrone wusste, wann er aufgeben musste. Er würde das Thema früher oder später wieder anschneiden, erfolglos, so wie die letzten fünf Jahre. Es war nicht einfach, einen Gangster zum besten Freund zu haben. Kaum enttäuscht folgte er Jamal ins Innere und das Duo betrat den uralten Aufzug, der sich mit einem Quietschen in Bewegung setzte. Die Stille wurde nach einigen Sekunden von Jamal gebrochen, der fragte: „Sehen wir uns morgen wieder? Du wolltest Billard spielen, hast du gesagt?“
„Klar, bin dabei, schreib mir dann einfach.“
„Gut.“
Nach einem kurzen, relativ einsilbigen Abschied, verließ Jamal den Lift auf seinem Stock, während Tyrone ins Erdgeschoss weiterfuhr. Mit einem demonstrativen Stöhnen, das niemand hören konnte, schlurfte Jamal zu seiner Wohnungstür und brummte dazu vor sich hin, seinen Kumpel nachäffend: „‚Sei kein Gangster, Alter. Pass auf deine Familie auf. Benimm dich. Iss deine verfickte Suppe auf!‘, kommt dann wohl als nächstes. Meine Fresse, wenn der nicht bald aufhört, beginne ich zu schreien.“ Er schloss auf und betrat das schäbige Apartment, aus dem er einen guten Ausblick auf die Bronx hatte. Als erstes ging er zur Glückspalme, die in einem großen Blumentopf auf der Fensterbank stand und flüsterte wesentlich gutgelaunter: „Na, meine Kleine, wollen wir dich mal gießen? Immerhin gehst du mir nicht auf den Zeiger.“

Autorin: Sarah
Setting: Dachterrasse
Clues: Leischmaniose, Wäschesack, Glückspalme, Betonplatte, Oma
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