Alt, aber hat nicht bezahlt

Autorin: Sarah
Setting: Alterswohnsiedlung
Clues: Technologie, Personenwaage, Manifest, Seehund, Lektion

„Das ist eine Lektion fürs Leben“, lachte Ferdinand und stellte sein halb leergetrunkenes Glas stilles Valser Mineralwasser mit einem viel zu lauten Knall, der seiner Arthritis geschuldet war, auf den Tisch.
Else sah sich im Gemeinschaftsraum um und runzelte die Stirn. „Ferdi, was willst du in deinem Alter noch Lebenslektionen lernen? Wir sterben sowieso bald.“
Ferdinand gab ein vergnügtes Geräusch von sich. „Das hoffen meine Enkel auch immer, aber die haben sich geschnitten, diese Rotzbengel von Erbschleichern! Ich bin fünfundachtzig und fitter, als ich es je war.“
„Moment“, wandte Hanspeter ein und legte eben die Dessertgabel weg. „Haben wir uns nicht gerade über den Kerl lustig gemacht, dem sein Telefon hinunterfiel? Wieso kamen wir dann auf Lebenslektionen für Leute in unserem Alter? Der war ja viel jünger als wir, da kannst du doch nicht einfach alles auf uns anwenden!“
„Und siehe da, der Klugscheisser ist zurück – als ob ich zugehört hätte, über was wir sprachen, ich will mich doch nur beschweren.“ Empört lehnte sich Ferdinand nach hinten und fügte hinzu: „Kein Wunder, bei all den Medikamenten.“
„Oder du wirst langsam dement“, stichelte Else wie aus der Kanone geschossen, bevor sie mit einer verzückten Miene das letzte Kuchenstück aufgabelte.
Selbstverständlich brauchte Ferdinand keine Sekunde, um zurückzugeben: „Mag sein. Wenn du diesen Süsskram weiterhin wie mit einem Bagger in dich reinschaufelst, wirst du zum Seehund – dann reicht keine Personenwaage mehr.“
Else gab ein trockenes Glucksen von sich, ehe sie sich nach weiterem Kuchen umsah. „Ich will doch nicht sterben, wenn ich alt und verblödet bin, da lasse ich es vorher auf einen Herzinfarkt ankommen.“
„Ich weiss nicht, ob das medizinisch korrekt ist“, warf Hanspeter ein. „Ausserdem möchte ich mal wieder sagen, wie unmöglich ihr beide seid.“
Mit einem Male verfinsterten sich Ferdinands Züge. „Ach, wir sind unmöglich? Das sagst ausgerechnet du, du, du …“
Else sprang ihrer stotternden Nemesis sogleich zu Hilfe. „… du Geriatrosaurus?“
„Wer, ich?“ Ferdinand war herumgefahren und blitze die wieder Kuchen mampfende (wo sie das zweite Stück gefunden hatte, war ihm ein Rätsel) Else an. Diese schluckte gemächlich, als gäbe es keine zwei erwartungsvolle Augenpaare, die auf ihr ruhten. Endlich, es schien den beiden Herren eine Ewigkeit zu dauern, erklärte sie: „Nein, ich wollte dir einen Vorschlag für eine Beleidigung machen, die du verwenden könntest. Aber vielleicht habe ich mich getäuscht und du bist hier das Fossil, da du das nicht verstehst.“
„Endlich zanken sie wieder wie gewohnt“, seufzte Hanspeter erleichtert, streckte seine Beine und entfachte seine Pfeife. Gemächlich paffte er den Rauch über die Terrasse des Cafés, das zur Alterswohnsiedlung gehörte. Verwirrt wandte sich Ferdinand an Else: „Ich dachte, er regt sich auf, wenn wir zanken?“
„Nein, er findet es insgeheim amüsant“, murmelte Else, nun fasziniert. „Hätte wir die Technologie dazu, könnten wir seine Gedanken analysieren und herausfinden, was er wirklich von uns hält. „Irgendwo gibt es sicher auch dafür einen Computer, die können ja heute alles.“
Hanspeter grinste heimlich, tat zugleich so, als lauschte er nicht dem Gespräch, das sich kaum zwei Meter neben ihm abspielte; das Duo war einfach zu unterhaltsam.
„Pumpernickel!“, rief Ferdinand aus. „Die sagen im Fernsehen schon seit Jahren, wir werden von Computern ersetzt, aber all meine Enkel machen den ganzen Tag nix anderes, als auf den Dingern herumzutippen und werden dafür bezahlt. In meiner Zeit gab es noch keine farbigen Bildchen, auf die man bei der Arbeit klicken konnte, sondern echtes Papier.“
„Papier gibt es immer noch“, wandte sie ein und krauste sogleich die Brauen. „Wieso gibt es eigentlich noch Papier? Ich dachte, man  kann alles auf diese neuen Handys speichern?“
„Dann kannst auch alle, die keines haben oder den Krimskrams nicht verstehen, entlassen. Nein, die Dame, ich mag meine Korrespondenz auf toten Bäumen, ganz egal, was diese neumodischen Hippies sagen!“
„Heissen die jetzt nicht Hipster?“ Elke überlegte, ehe sie hinzufügte: „Ich glaube, Mara ist eine von denen, die hat mich letzthin nach alten Möbelstücken gefragt; weil das ‚voll retro‘ sei.“
„Wer ist Mara?“
„Na, die Mara? Du weiss schon, Mara eben.“
Ferdinand brummte. „Pah! Als ob ich mir die Namen all deiner Nichten, Enkel, Neffen und dem ganzen Gruselkabinett merken könnte.“
„Die Mara ist schon ein nettes Mädchen“, sinnierte sie, ohne auf sein Gezeter einzugehen. „Auch wenn sie zu diesen Hipp-Dingsern gehört, immerhin hat sie so Freude an meinen alten Sachen.“
„Sag bloss, du hast in deiner Jugend keinen Blödsinn gemacht“, spottete Ferdinand, ohne sich nach der mysteriösen Mara zu erkundigen. „Wer weiss, wahrscheinlich hast du gar ein Manifest von den Roten gelesen!“
Else errötete. „Ich habe geklaut. Kleider, Schmuck, alles Mögliche. Dafür musste ich dann ins Internat.“
„Heute schicken sie Kinder, die Blödsinn machen, nur ins Internet“, brummte er und nahm einen grossen, schlürfenden Schluck aus seiner Kaffeetasse. „Da hast du im Internat wenigstens gelernt, dass man nicht klauen soll. Nonnen mit Linealen sind zu vielen gut.“
„Ich habe ihnen die Lineale geklaut.“ Else kicherte und beide Männer hoben zeitgleich den Kopf, um herauszufinden, ob sie scherzte, wie sie es oft zu tun pflegte oder die Wahrheit erzählte. Auch die rüstige Rentnerin bemerkte die Unsicherheit ihrer Gesprächspartner und fügte hinzu: „Ich habe alle paar Monate etwas gestohlen, bevor ich hierherkam; erzählt das aber jetzt nicht meiner Familie, ja?“
Mit einem stummen Nicken und unverhohlenem Amüsement klopfte Hanspeter seine Pfeife aus, während Ferdinands Mundwinkel in ein frenetisches Zucken verfielen. „Oh, Elselein, du hast mir gerade das perfekte Druckmittel gegeben. Endlich, endlich habe ich den Drachen besiegt!“
„Du wirst meiner Familie nichts erzählen, damit kannst du mir keine Angst einjagen. Nein, Ferdi, du kämpfst fair.“
„Donnerwetter, wieso weisst du das?“
„Wir kennen uns lange genug, um …“ Ferdinand unterbrach sich. „Dafür habe ich einen anderen Weg, dich zu ärgern: Ich wette, du schaffst es wohl kaum mehr, etwas zu klauen.“
„Topp; die Wette gilt.“ Damit erhob sich Else, watschelte gemächlich durch die Terrassentür ins Innere des Cafés und trat an die Theke. Hanspeter, der mittlerweile seine Pfeife verstaut hatte, fragte: „Warum nur musst du sie dazu anstiften, noch mehr Kuchen zu klauen?“
„Ich habe Hunger“, gab Ferdinand schulterzuckend zurück. „Der Zweck heiligt die Mittel.“

* * *

Wir hoffen, dass euch die heutige Geschichte gefallen hat und würden uns sehr über eine Bewertung oder eure Unterstützung auf Patreon freuen. Möchtet ihr, dass wir einen Beitrag nach euren Vorgaben verfassen, könnt ihr uns jederzeit gerne Clues vorschlagen. Bis zur nächsten Story müsst ihr euch einige Tage gedulden, doch ihr könnt schon jetzt rätseln, was Rahel nächste Woche mit den folgenden Vorgaben schreiben wird:
Setting: Am Weinregal
Clues: Topmodel, Verdatterung, Fäkalsprache, Heavy Metal, Pager

Beagle

Autorin: Rahel
Setting: Drittes Untergeschoss
Clues: Marmorblock, Schwimmer, Bombenstimmung, Teetasse, Chromosom

Dies ist ein Interludium zu der Fortsetzungsgeschichte „Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor“. Links zu den anderen Teilen findet ihr hier.

„Testsubjekt Oscar, Lima und Quebec weisen erste Anzeichen der …“ „… signifikante Veränderungen der Wucherung am …“ „… Verhaltensauffälligkeiten. Das Subjekt erreicht Stufe vier auf der …“

Er streichelt einen Beagle. Das Tier schläft ruhig auf seinem Schoss, atmet leise ein und Weiterlesen

Gaststory: Die Sache mit den Garnelen

Autor: Marco Habermann
Setting: Lederwarengeschäft
Clues: Krustentier, Betörung, Tagesroutine, Wimperntusche, Beatmung

Es war so frühlingshaft, wie ein Frühling nur sein konnte, als Thomas Ehrlichmann seine übliche Runde machte. Im Park drängten sich die Krokusse so dicht wie Konzertbesucher, die alle ihren Star hautnah erleben wollten. Ehrlichmann sog die honigduftgeschwängerte Luft ein. Vielleicht war er ja dieser Star, den die kleinen Frühlingsblüher anhimmelten. Unweigerlich musste er kichern. Das entsprach weder seinem Naturell, noch seinem Alter. Abrupt blieb er stehen, zog den Gürtel seines beigefarbenen Trenchcoats enger, klemmte sich die Weiterlesen

Jillians Fort

Autorin: Sarah
Setting: Auf dem Regal
Clues: Mistgabel, Intercity, Tabellenkalkulation, Mäuschen, Hämorrhoiden

„Fuck, alles okay?“ Jillians besorgter Blick, als sie sich über mich beugt legt nahe, dass ich die Schimpfworte, welche ich normalerweise für mich behalte, diesmal tatsächlich ausgestossen habe. Ich versuche, eine stoische Miene zur Schau zu stellen, keine Schmerzen zu zeigen. „Naja, besser als Hämorrhoiden ist es allemal.“
„Öh …“ Sie deutet mit dem Finger auf mich, schüttelt verwirrt ihre Lockenmähne und will mir aufhelfen. So ganz vertraut ist sie auch nach all den Jahren noch nicht mit meinem Weiterlesen

Aus dem Kopierraum kommen

Autorin: Rahel
Setting: Kopierraum
Clues: Zimtschnecke, Desinteresse, Fernbedienung, Modernismus, Fusspilz

„Komm, mach die Tür zu“, befiehlt Jamal heiter. Ich gehorche, lausche dem Klackern seiner Gürtelschnalle und starre in die Ecke des zerschlissenen Posters vis-à-vis der Kopiermaschine. Ein grunzendes Ächzen ertönt, begleitet vom Rascheln seiner Jeans, dann meint er: „Es kann losgehen.“ Ich wende mich ihm zu, lache daraufhin lauthals los. Da sitzt er nun, auf der Glasplatte des Kopierers. Die heruntergelassene Hose hängt in den Kniekehlen und seine Hände verdecken mir leider die Sicht, dafür schenkt er mir sein charmantes Grinsen, ein extra-breites noch dazu. Weiterlesen

Patreon-Bonus: Die Seele eines Mannes

Dies ist eine Bonus-Story für unsere Patreon-Unterstützer. Möchtet ihr diese Geschichte lesen, könnt ihr euch auf Patreon registrieren, um das Passwort zu erhalten. Selbstverständlich bleiben alle regulären Inhalte von Clue Writing kostenlos verfügbar. Um die Geschichte zu lesen, gebt bitte euer Passwort ins unterstehende Feld ein:

Game Changer

Autorin: Sarah
Setting: Tumblr-Forum
Clues: Rationalität, Wissenschaftlichkeit, Methodik, Spezifizieren, Fachkenntnisse

Thread: [Intern] Forschungsprojekt: Soziokulturelle Implikationen von transnationalem Austausch tradierter Werthaltungen in urbanisierten religiösen Subkulturen im neoliberalen Umfeld.

[…]

Michael (#47/2017-01-16/7:58 PM):
Leute, Leute, Leute! Endlich haben wir es geschafft, ich bin ganz sicher, es gibt keinen Fehler in der Methodik. Weiterlesen

Repeat Beat

Autorin: Rahel
Setting: Museum für Kriegsgeschichte
Clues: Kompass, Slushie, Hummel, Mohnsamen, Nasepopeln

Was sie getan haben, begleitet uns bis heute.

Eine seltsame Mischung aus Interesse, Schuld und gelangweiltem Pflichtgefühlt streift durch die gut besuchten Hallen. Das Museum für Kriegsgeschichte erhält Aufschwung, wann immer wir den Untergang befürchten.
„Kurt, kommst du?“ Mit schlurfendem Gang folgt der Angesprochene dem Ruf seiner Mutter. Sie ist aufgeregt, regt sich auf, vielleicht mehr als die anderen Statisten in diesem Weiterlesen

Gaststory: Pompeji

Autorin: Carola Wolff
Setting: Pompeji
Clues: Innenarchitektur, Messbecher, Karomuster, Pudding, Fischstäbchen

Die Faun-Statue hatte Millie zugezwinkert. Oder war nur diese ewige Sonne schuld, wegen der sie dauernd blinzeln musste?
„Wo bleibst du denn?”, rief Alfred ungeduldig und wedelte mit dem Reiseführer.
Pompeji! Der Prospekt hatte eine Studienreise mit Tiefgang versprochen. Alfred war darauf sofort angesprungen, er liebte alles Historische. Früher hatte Millie es spannend gefunden, wenn er von längst vergangenen Zeiten erzählte. Leider hatte sie im Laufe der Jahre feststellen müssen, dass ihr Mann in der toten Vergangenheit feststeckte. Er Weiterlesen

Hus heimliche Heldentaten

Autorin: Sarah
Setting: Eulenhorst
Clues: iPhone, Kunstnägel, Agendaseite, Giesskanne, Ziel

Hu war entspannt, genoss die momentane Ruhe im Eulenhorst, im ganzen Wald. Sie streckte ihre Flügel, wobei ihre Gelenke nur so knackten und schnappte sich dann die Giesskanne, um die Geranien vor dem Horst-Eingang zu bewässern. Kaum hatte Hu die Fenster aufgemacht, war es mit ihrer Gelassenheit vorbei; sie konnte einige Waldameisen ausmachen, die singend an den Baumstamm pinkelten. „Verschwindet, ihr Banausen, das stinkt zum Himmel!“, uhute sie und kippte das abgestandene Giesswasser über die Störenfriede, ehe sie das Fenster zuschlug und entnervt zurück in die Küche stakste. Weiterlesen