Special zur sechshundertersten Story | Sechshundert Leben

Und auf einmal kehrt Ruhe ein. Die Hektik fällt unter dem Druck einer schweren Gewissheit in sich zusammen, wir treten zurück und ich mache offiziell, was uns allen klar ist: „Zeitpunkt des Todes: Zwei Uhr dreiundfünfzig.“ Meine rechte Hand, Schwester Thea, nickt mir aufmunternd zu. Ich erwidere die Geste, sie ist Routine geworden. „Bereiten Sie ihn vor. Ich spreche mit der Familie.“
Mein Besteck landet in der Nierenschale, der Schurz im dafür vorgesehenen Abfalleimer beim Durchgang zum Waschraum. Das Waschen ist zum Ritual geworden, einem, das ich liebgewonnen habe. Durchatmen, meine Reflektion im Spiegel anstarren, ohne mich wirklich wahrzunehmen. Dieser Moment, unmittelbar nachdem ein Menschenleben unter meinen Fingern sein Ende gefunden hat, ist mir heilig. Doch er dauert keine drei Minuten, […] Weiterlesen

Special zur sechshundertsten Story | Die Sechshundert

„Hach, was für ein schöner Tag“, frohlockte Melissa, als sie die Fensterläden aufmachte und auf die verschneite Morgenlandschaft blickte. „Beinahe idyllisch.“
Alexander, ihr Mann, streckte sich ausgiebig und strich sich über den Bart. „Hauptsache, wir haben reichlich zu essen und Brennholz.“ Damit schlenderte er ins Badezimmer, um sich frischzumachen.
„Was für ein Morgenmuffel“, kicherte Melissa und stellte die Tassen für das Frühstück auf den Tisch. Die Dielen ächzten unter ihren Schritten und insgeheim fragte sie sich, ob das am Alter des Fußbodens lag, oder sie zugenommen hatte – zu dumm, gab es keine Waage. Routiniert stapelte sie Holz in den Ofen, entzündete ein Streichholz und seufzte: „Ein Generator wäre nett.“ Sie beobachtete schweigend, wie die Flammen Halt fassten und […] Weiterlesen

Sandläufer

Es war später Nachmittag, die Sonne wollte hinter dem Horizont verschwinden, als zwei Liebende vorfreudig durch den herausfordernden Untergrund wateten. Jedem ihrer Schritte folgte ein amüsantes Rutschen nach unten, so spaßig hatte sich Sam den Aufstieg nicht vorgestellt.
„Nur noch ein bisschen“, redete er seiner Verlobten gut zu. „Bald sind wir da.“
„Wie bald?“ Handvoll um Handvoll schaufelte er den Sand, genoss das Gefühl, wie er durch seine Finger rann, ohne Halt zu finden. Der perfekte Sternenhimmel wartete auf sie, zuvor das aufregende Spiel im Sandkasten der Welt, den Blick auf die eindrückliche Aussicht gerichtet. Die Beziehung zu ihr war nicht minder schön, ihr Abenteuer auf dem Weg auf die Sanddüne war lediglich das letzte in einer ganzen Reihe aus waghalsigen Ausflügen. […] Weiterlesen

Special zu Sarahs zweihundertfünfzigster Story | Auf nach Alteram Vicem

Entnervt lausche ich der Stimme in meinem Kopf, die verkündet, ich solle aufstehen. Ich habe Wecker schon zu jenen Zeiten gehasst, als ich keine bioelektronischen Implantate hatte, aber die telepathische Version ist tatsächlich schlimmer. „Ist gut, bin wach“, murre ich gedanklich und richte mich auf – wenigstens ist der impertinente Piepston, der zusätzlich durch meinen Schädel hallte, endlich verstummt. Die erste halbe Stunde des Tages ist für mich bis heute seltsam: Während die Cyborg-Teile vollständig hochgefahren sind, kommt der organische Teil meines Körpers gerade erst zu sich. Nach über zweihundertfünfzig Jahren habe ich aufgegeben jemals ein Morgenmensch zu werden. Glücklicherweise ist die Erde ein Ort, der nie schläft und meinem Jobs als Schriftstellerin und Designerin virtueller Realitäten kann ich rund um die Uhr nachkommen. […] Weiterlesen

Special zu Rahels zweihundertfünfzigster Story | Alteram Vicem

Das System wird gebootet, die Bioware-Treiber initialisiert und schließlich rahel3145.exe ausgeführt. Schlagartig öffne ich die Augen und starre an die Deckenkuppel meines Habitats, wo aktuelle Wetterdaten, Nachrichten und verpasste Mitteilungen eingeblendet werden. In Gelb hinterlegter Schrift zählt der Countdown zu Sarahs Ankunft hinunter: Zwei Tage, sechsunddreißig Stunden, zwölf Minuten und vierzehn, nein, dreizehn Sekunden. Achtundzwanzig Jahre ist es nun her, seit wir uns das letzte Mal in Fleisch und Blut statt via Direktübertragung gesehen haben. Wobei die Umschreibung ‚Fleisch und Blut‘ zumindest bei Sarah nicht mehr ganz korrekt ist, besteht sie doch vorwiegend aus mechanischen Teilen. Ich hingegen ließ meinen Originalkörper zurück, als seine Gebrechen umfangreichere Modifikationen bedurften. Einen sentimentalen Wert hatte […] Weiterlesen

Gaststory | Stromausfall

Eigentlich sollte es ein ganz gewöhnlicher Tag werden. Doch „eigentlich“ heißt „Nein“. Somit ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass eine fremde Frau neben ihm im Bett liegt. Die Sonnenstrahlen, die durch die Dachschrägen auf ihr blondes Haar fallen, lassen sie aussehen wie einen Engel.
„Gar nicht schlecht“, denkt Thomas und grinst dämlich. Langsam kommen die Erinnerungen der letzten Nacht wieder: Wie er sie in der Bar angequatscht hatte. Wie er meinte, dass ihr Handy an ihrer Hand angewachsen sein muss und wie sie ihm nach einem letzten Tweet angelächelt hat.
Eine Stunde hatten sie miteinander geredet. Eine Stunde hatte sie das Handy vergessen und war mit ihm nach Hause gegangen. […] Weiterlesen

Bedingung(slos)

Alles im Leben kostet etwas und selbst das, was einem scheinbar gratis in den Schoß fällt, fordert früher oder später seinen Preis. Zumindest die Dinge, die von Bedeutung sind. Natürlich gibt es Leute, die das Gegenteil behaupten und die Meinung vertreten, die schönsten Sachen seien umsonst. Manchmal ist es schwierig, einen Lügner von einem Dummkopf zu unterscheiden, überlegte er den Katheterschlauch betrachtend.
„Herr Victor … Herr Viktor Victor?“ Ihr Gesicht blieb beinahe vollständig hinter dem Klemmbrett verborgen, auf dem sie seinen gedoppelten Namen ablas.
„Ja. Das bin ich.“ Der Geruch von kaltem Zigarettenrauch und viel süßlichem Parfüm juckte ihm in der Nase, erinnerte ihn an seine Tante, die vor einigen Jahren an derselben Krankheit verstorben war, die jetzt seinen […] Weiterlesen

Halloween-Special | Halloween für Fortgeschrittene

Man hat seine Traditionen. Ich beispielsweise entwickelte im Laufe meines Lebens die Angewohnheit, Halloween mit jeder Iteration ein bisschen detailgetreuer zu feiern. Angefangen hat es vor zwanzig Jahren, als ich zum ersten Mal durch die typisch-amerikanische Vorstadt getingelt bin, verkleidet als Graf Dracula an Türen geklingelt und Süßes verlangt sowie mit Saurem gedroht habe. Herrje, dabei hatte ich keine Ahnung, was Saures war und begnügte mich mit Kinderkram wie faule Eier und Klopapier zu werfen. Lachhaft gegen die Möglichkeiten, die sich einer erwachsenen Person mit dem Einkommen eines, in der Forschung eines großen Pharmakonzerns angestellten, Biologen bieten. Ein weiterer Anfängerfehler, den ich damals mangels besseren Wissens und der nötigen Ressourcen gemacht habe, ist das Außerachtlassen taktischer […] Weiterlesen

Wer sich die Misosuppe einbrockt

(Im Wohnzimmer der Familie Eberhardt. Die Abendsonne steht direkt vor der Fensterfront und wirft lange Schatten durch den Raum. Vom Obergeschoss her ist leise Popmusik zu hören und Ernesto, der Kater, liegt vor der Balkontür auf dem Hochfloorteppich. Vater Erni Eberhardt sitzt auf der Couch, Ellenbogen auf die Knie und das Kinn auf den Handflächen abgestützt, vor dem Laptop. Er trägt ein Headset und telefoniert mit seiner ältesten Tochter, während seine Frau, Emilia Eberhardt, aufgebracht hin- und herwandert.)

Erni: (Gelassen) „M-hm, ich verstehe.“
Emilia: (Schnauft frustriert)
Erni: „Ja, Schätzchen.“
Emilia: (Leise, spöttisch nachäffend) „Ja, Schätzchen.“
Erni: „Sicher, sicher.“ (Pausiert) „Ich habe einen Vorschlag.“ (Pausiert […] Weiterlesen

Das beste Mittel gegen den Alltagstrott

Daisy saß im Regieraum, blickte abwesend auf ihre lackierten Fingernägel und wusste selbst kaum, worüber sie eigentlich nachdachte. Manchmal musste man tagträumen – sei es nun, weil ein alter Disney-Film in der Glotze lief und einem mit nostalgischen Gedanken verlockte, oder weil die Arbeit mal wieder langweilig war. Widerwillig kehrte sie in die Realität zurück, als hinter ihr eine Tür geöffnet wurde und sie Peters schwere Schritte hörte. „Na, schönes Wochenende gehabt?“, rief der Wettermoderator fröhlich.
„Ganz okay“, antwortete Daisy und rang sich ein Lächeln ab. „Und du?“
„Meins war komisch, ich habe eine Gesichtsmaske ausprobiert.“
„Na?“, wollte sie erfahren, schließlich hatte sie sich noch nie auf sowas eingelassen und Peters Verschönerungsversuche waren ein genauso akzeptables Konversationsthema für Smalltalk wie jedes andere. Er […] Weiterlesen