Kulturerbe

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Staub und pulverisierter Mörtel rieselten bei jeder Erschütterung von der alten Decke, das Licht der blau getönten Glühbirne flackerte jedes Mal und der Emaille-Schirm der Lampe wankte leicht. Hannah seufzte, während sie sich an das alte und schon leicht schimmelig wirkende Bücherregal lehnte, das auf dem festgetretenen Erdboden stand. Es war nun die vierte Nacht in Folge, welche sie zusammen mit ihren Nachbarn in dem modrigen Keller verbringen musste. Sie waren zu viert: Nebst Hanna gab es noch den verwitweten Hauswart Rufus, der bereits um die siebzig war und heimlich BBC hörte – was eigentlich jeder wusste, da er wegen seiner Schwerhörigkeit das Radio so laut […] Weiterlesen

Erwach(s)en

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Sie hatte irgendwann mal gelesen, dass es einem in die Wiege gelegt wird, ob man ein Morgen- oder ein Nachtmensch ist. Als Marie sich vor wenigen Minuten in ihr neues Auto gesetzt hatte, war der Himmel noch in ein dunkles Blau gehüllt und nur wenige helle Flecken verrieten die Sonne, die hinter dem Horizont auf ihren allmorgendlichen Auftritt wartete. Als sie die schmalen Quartierwege verließ und auf die Hauptstraße abbog, kramte sie etwas ziellos in ihrem Handschuhfach, um nach einem Kaugummi zu greifen. Marie war kein Morgenmensch und doch liebte sie die frühen Morgenstunden, nahm sich jeden Tag Zeit dafür sie bis aufs Letze auszukosten. Ihre Routine war stets […] Weiterlesen

Innenleben

Diese Story ist auch als Hörgeschichte erschienen.

Heute war wieder einer dieser regnerischen Tage, die selbst einen gut beleuchteten Raum in eine unheilvolle Atmosphäre tauchten und das leise Pochen der Regentropfen auf dem Flachdach der Gefängniskantine füllte meinen Geist mit Schwermut, so dass es mir bitter erschien, aufmerksam bleiben zu müssen. Ich ließ meinen trägen Blick durch die unzähligen Bankreihen schweifen und ließ zu, dass meine Gedanken abdrifteten, während ich mich gegen die kalte Wand, direkt neben der schweren Durchgangstür zum Westflügel, lehnte.
Dieses Gefängnis war in den letzten Jahren zu meinem Zuhause, meinem Biotop […] Weiterlesen

Flucht aus Paris

Seine strohblonden Haare klebten noch immer strähnig an seiner Stirn und sein graublaues Hemd war das letzte Mal vor drei Tagen gebügelt worden. Hätte er einen kurzen Augenblick inne gehalten, hätte er bemerkt wie angreifbar er sich in dieser trostlosen Halle gefühlt hatte, aber dazu fehlte ihm die Zeit. Also marschierte er mit ausladenden, stechenden Schritten vorbei an den mit bröckelndem Stuck verzierten Säulen, vorbei an den kleinen Kioskläden, die wie verloren gegangene Inseln in der Bahnhofshalle trieben und direkt zu den kleinen Schaltern, die sich mittig vor den alten Geleisen befanden. Vor ihm stand ein älterer Herr, dessen Nacken sich in einer dicken Wulst über den Schultern verlor und der gemütlich einen Glimmstängel rauchte, während er darauf wartete, dass die Dame im roten Sommerkleid vor ihm ihr Ticket […] Weiterlesen