Weshalb man keine Glühbirnen lecken sollte

RahelAutorin: Rahel
Setting: Sauna
Clues: Reiskorn, Diamant, Seepferdchen, Gameboy, Schriftzeichen
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Zuerst einmal ist es wichtig zu wissen, dass ich mich nach einem langen Tag grundsätzlich gerne in der Sauna entspanne. Nicht etwa wegen der fürchterlichen Hitze, denn wenn ich meinen hinterlistigen Verstand ausnahmsweise dazu brachte ehrlich zu sein, musste ich zweifelsohne zugeben, dass ich mein Leben gut und gerne ohne Temperaturen über fünfundzwanzig Grad geniessen könnte. Ich mochte weder den glitschigen Schweiss auf meiner Haut, noch das brennende Gefühl in meinen Füssen, während diese mit jeder Minute weiter anschwollen. Vom Gedanken daran, dass hier schon unzählige nackte Hintern an den mit verquollenem Holz vertäfelten Wänden entlanggeschleift waren ganz zu schweigen. Aber ich mochte diesen Ort nicht wegen seinem eigentlichen Zweck, sondern alleine deswegen, weil ich hier inmitten anderer Menschen sein konnte, ohne auch nur einen Blick mit ihnen auszutauschen. In der Sauna wurde es mir nicht als dreiste Unhöflichkeit ausgelegt, dass ich die Anwesenheit aller anderen komplett ausblendete. Nein, ganz und gar nicht, denn dieses Verhalten, das mir schon mehr als einmal schnippische Kommentare eingebrockt hatte, war hier sogar erwünscht.
Heute jedoch, war es etwas anders und anstelle davon, mich wie üblich in meine abgeschottete Gedankenwelt zu verkriechen und den trockenen Geruch von Minze und Thymian einzusaugen, sah ich mich mit dem hartnäckigen Wunsch konfrontiert, mir solange mit einem der glühendenden Aufgusssteine auf den Hinterkopf zu dreschen, bis ich bewusstlos wurde.

„Ich meine nur“, fuhr Sabrina im Flüsterton fort und blinzelte sofort in alle Richtungen, als würde sie sich vergewissern wollen, dass sie nicht von einem unsichtbaren Puma angegriffen werden konnte. „Man weiss ja nie, wer hier reinkommt.“ Sie sah mich erwartungsvoll mit ihren grossen, niedlichen Augen an und schien darauf zu warten, dass ich ihre Paranoia-Fantasien mit einem Nicken bestätigte, oder ihr aber wenigstens ein aufmunterndes Lächeln schenkte. Ich tat nichts dergleichen und gab mein Bestes, meine Arbeitskollegin weiter zu ignorieren, obwohl ich um die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens wusste. Sabrina war eine jener Personen, denen man es einfach nie so richtig recht machen konnte, vermutlich weil sie selbst keine Ahnung hatte, was ihr kleines, rosa Herzchen nun eigentlich begehrte. Genauso war es heute auch wieder, denn obwohl sie mir auf der ganzen Hinfahrt zum Spa damit in den Ohren gelegen hatte, dass sie sich auf gar keinen Fall unbekleidet in eine gemischte Sauna begeben würde, weil sie fürchtete jeder Mann mit einem funktionierenden Penis würde sie auf der Stelle bespringen wollen, hatte sie sich ihr knappes Bikini in einer Geschwindigkeit vom Leib gerissen, die mich ehrlich gesagt etwas schockiert hatte. Und nun sass sie hier in einer mehr als nur provokanten Pose plappernd neben mir und beschwerte sich unentwegt über die Blicke der anderen, die ihr, wie zu erwarten gewesen war, in Wahrheit nur Desinteresse schenkten. Das Absurde an der ganzen Angelegenheit war, dass ihre Bewegungen umso gekünstelter und aufreizender wurden, je weniger Beachtung sie bekam, währendem sie mich mit einem übertrieben ängstlichen Ausdruck geradezu anflehte, sie vor den bösen Männern zu beschützen. Ich rollte mit den Augen und zauberte in Gedanken wunderbar glitzernde Ballontiere mit Sabrinas Gedärmen.

So langsam ich nur konnte setzte ich mich auf, um das Ächzen der Holzbalken möglichst gering zu halten und die Ruhe nicht zu stören. Mir wurde erst bewusst wie komplett sinnlos diese Geste war, als ich Sabrina sah, die ihr gelocktes Blondhaar aufwändig ausschüttelte, kurz bevor sie tief einatmete um mich weiter in den Wahnsinn zu treiben. „Sind die Garderoben eigentlich bewacht?“, wollte sie dann wissen und rutschte etwas nervöser als zuvor auf ihrem blossen Arsch rum. „Auf dem Ring den ich von Tommy habe ist nämlich ein echter Diamant!“
Das hatte ich nun davon, dachte ich, jemanden mit dem Hirn von der Grösse eines Reiskorns mitzuschleppen. Natürlich hatte ich gewusst, dass es so kommen würde, so dumm war ich nun auch wieder nicht zu erwarten, dass ich mit ihr einen gemütlichen Feierabend würde verbringen können. Aber es war nun mal so wie mit vielen Dingen, von denen man wusste, dass sie keine gute Idee waren, die man aber doch aus irgendeinem unerklärlichen Grund tun musste. So wie man manchmal ohne erkennbaren oder auch nur vage vorstellbaren Grund über eine frisch ausgeschraubte Glühbirne leckte, obwohl man genau wusste, dass man sich die Zunge daran verbrennen würde, hatte ich Sabrina gestern eingeladen mit mir hier hin zu kommen.

„Wäre es Ihnen möglich, etwas leiser zu sein?“, fragte eine etwas fülligere Frau endlich. Sie war wahrscheinlich knapp dreissig Jahre alt, das konnte man nicht nur in ihrem Gesicht lesen, sondern auch anhand der tätowierten chinesischen Schriftzeichen vermuten, die Ende der Neunziger Jahre bei möchtegern rebellischen Teenagern wahnsinnig beliebt gewesen waren und war mit Sicherheit aus medizinischen Gründen hier im Schwitzkasten. Ihr Rückgrat sah aus wie das eines Seepferdchens und verriet mir deutlich, dass Sabrinas ständiges Gelaber heute nicht ihr schmerzhaftestes Erlebnis war, weswegen ich sie heimlich dafür beneidete, dass sie die Geduld hatte freundlich zu bleiben, anstelle davon zu uns rüber zu humpeln und Sabrinas pinke Nippel auszureissen.
„Oh, aber natürlich. Entschuldigen Sie bitte“, säuselte meine mittlerweile durchweg unerwünschte Begleitung mit einem süssen Lächeln, bevor sie sich zu mir drehte, gehörig die Nase rümpfte und nur scheinbar dezent in die Richtung der tätowierten und verbogenen Frau deutete. Leise seufzend schloss ich kurz meine brennenden Augen und rollte sie erneut hinter den Lidern, bevor ich auf die an der Wand befestigten Sanduhr schielte, um herauszufinden, wie lange ich diese Tortur noch aushalten musste. Etwa vier Minuten, schätzte ich grob über meinen angeknabberten Daumen gepeilt und zupfte etwas unbeholfen mein Badetuch zurecht. Naja, wenigstens war jetzt vorerst Ruhe und ich konnte noch eine Weile so tun, als würde ich mich später im Sprudelbad nicht wieder mit der heissen Glühbirne unterhalten müssen. Ein langer Atemzug folgte und ich fragte mich, wann ich wohl zum letzten Mal so müde gewesen war und wieviel meiner Erschöpfung ich denn nun der heisstrockenen Saunaluft zu verdanken hatte.

Gerade als die hinterhältige graue Masse in meinem Schädel damit begonnen hatte, mich mit dem Titellied von „Link’s Awakening“, natürlich in der original metalernen Tonqualität von meinem alten Gameboy, zu ärgern, stupste mich Sabrina sanft an. Siehe da, schoss mir mit grossem Erstaunen durch den Kopf, ich war tatsächlich mal froh darum, von ihr genervt zu werden. „Was ist denn?“, fragte ich von der Hitze etwas denkverhindert und bemerkte erst einige verwirrte Sekunden später, dass mein ganzer Körper brannte wie Feuer und mein Mund so ausgetrocknet war und sich so anfühlte, wie ein in der Sonne gerösteter Kuhfladen.
„Ich glaube wir sind…“, begann Sabrina, deren Wangen aussahen als hätte sich ein Kleinkind mit Rotstift an ihr ausgetobt, währendem wir geschlafen hatten, bevor sie völlig unelegant vornüber kippte. Ausser uns war offensichtlich niemand mehr hier und ich vermutete, dass die Kunde von der Labertasche die anderen Badegäste weitaus länger als nötig ferngehalten hatte. Es fiel mir schwer, mich in meinem überhitzten Zustand zu orientieren, doch ich schaffte es noch den Notfallknopf, über dessen Existenz ich immer etwas geschmunzelt hatte, zu drücken, bevor ich kollabierte. Nun gut, träumte ich in meiner Bewusstlosigkeit, über die ich mich vor einiger Zeit noch gefreut hätte, jetzt weiss ich, dass ich „Einschlafen in der Sauna“ zu meiner Liste von Dingen, die man tut obwohl man weiss, wie blöd sie sind, hinzufügen kann.

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