Gnade hat viele Gesichter

RahelAutorin: Rahel
Setting: Lobby
Clues: Euthanasie, Verschnörkelung, Gottesteilchen, Nasenhaar, Einladung

Der Sturm liess noch eine Weile auf sich warten, noch war es ruhig und ich betrachtete mein verzerrtes Spiegelbild in der, mit blank poliertem Metall verkleideten, Säule. Mein Anzug sass perfekt, der doppelte Windsor sass mittig und meine teuren Manschettenknöpfe glänzten subtil und verrieten jedem, der die Anspielung verstand und die notwendige Aufmerksamkeit für Details besass, dass ich ein Fan von Douglas Adams war.
„Wieso mussten wir so früh schon hier sein?“, wollte Jonathan, dessen kühle Fassade nun doch zu bröckeln begann, wissen, bevor er sich einmal um die eigene Achse drehte, um das gemächliche Treiben in der Lobby zu begutachten. Es war offensichtlich, dass Jonathans Nerven blank lagen, nun ja, zumindest für mich war es das, denn seine kalten Augen flackerten unkoordiniert durch die hell gehaltene Halle und fanden nicht einmal mehr an den Antikholzmöbeln Halt.
Drei tiefe Atemzüge später wandte ich mich von meinem grotesken Säulenbild ab, setzte mühelos mein berühmtes Gewinnerlächeln auf und legte meine Hand in einer freundschaftlichen Geste auf die muskulöse Schulter meines Klienten. „Damit wir den Trubel vor dem Gerichtsgebäude entgehen können. Ich will nicht, dass du von den Journalisten ohne Einladung bedrängt wirst.“ Ich war froh zu sehen, dass er sich ob meiner familiären Anrede etwas beruhigte und seine Köperhaltung natürlicher, entspannter wurde, fügte dann jedoch mit absichtlich nervösem Unterton an: „Zuviel Presse könnte dir enorm schaden.“
Ich kannte Jonathan seit nunmehr sechs Jahren und drei davon hatte ich damit verschwenden müssen, den sturen Bock dazu zu bringen, sich mir zu öffnen. Ich hatte wirklich alles versucht, hatte es mit freundlichen Worten und Logik probiert, doch am Ende hatte eine klare Ansage ohne Verschnörkelung das gewünschte Resultat gebracht und ihn davon überzeugt, dass es leichtsinnig wäre seinen Anwalt weiter anzuschweigen. Mittlerweile kannte ich ihn jedoch ganz gut und hatte gelernt, in seiner stoisch wirkenden Mimik zu lesen wie in einem Buch, doch ich war mir ganz und gar nicht sicher, dass dies der Jury ebenso gelingen würde, weshalb es für den Ausgang der Falls von zentraler Bedeutung war, dass Jonathan sich nicht allzu wohl fühlte. Nur wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlte, würde er seine aufbrausende Seite zeigen und die Damen und Herren Geschworenen sollten genau das Monster kennen lernen, welches sie aus den Medien kannten – auch wenn dieses Bild ganz und gar nicht der Wahrheit entsprach.

Am dumpfen Klacken ihrer Absatzschuhe erkannte ich meine Assistentin bereits bevor sie vom Flur aus durch die Seitentür trat. Sam trug das Kostüm, das ich ihr speziell für diesen hochkarätigen Gerichtsfall gekauft hatte und hielt so viele Mäppchen und Ordner in ihren zierlichen Händen, dass sie kaum darüber hinwegsehen konnte. Als er sie erblickte, legte Jonathan sofort die Zeitung zurück auf den kleinen Beistelltisch, der neben den Holzstühlen im Wartebereich hingestellt worden war und begrüsste sie freundlich.
„Die Jury ist auf dem Weg und die geladene Presse wird demnächst eingelassen“, verkündete sie, als sie wenige Schritte vor uns stehenblieb und ich musste ob ihrem skeptischen Blick in Jonathans Richtung ein wenig schmunzeln. Sie zögerte nur kurz, bevor sie mir ihren Papierstapel an die Brust drückte, in einer Manier, die sich nur wenige Assistentinnen ihrem Boss gegenüber erlauben würden und sich dann vor unseren Klienten, der sie um gut zwei Köpfe überragte, stellte.
„Himmel, haben sie noch nie eine Krawatte gebunden?“, fragte sie ihn etwas entnervt, währendem sie eilig an ihm herumnestelte und stellte dann mit einem tiefen Seufzer fest: „Und das vorwitzige Nasenhaar hätten Sie also wirklich zupfen können.“
Ich mochte Sam sehr. Anders als die anderen jungen Anwälte, die bisher unter mir gearbeitet hatten, liess sie sich weder von sadistischen Mördern, noch von hitzköpfigen Gangstern einschüchtern, ja, sie hatte nicht einmal Angst vor mir und begegnete jedem mit derselben Respekt, den sie einem Bruder entgegenbringen würde. Leider wusste ich nur sehr wenig über ihren Werdegang, denn mal abgesehen von ihrem beeindruckenden Resümee, hatte sie mir nicht viele Einblicke in ihr Leben gegeben. Doch ich wusste genug über sie, um zu verstehen, dass sie eine grossartige Anwältin werden würde, weshalb der Vertrag für ihre Festanstellung bereits seit Monaten in der obersten Schublade meines Schreibtisches auf sie wartete.

Niemand hätte sehen können, dass ich erschrak, als Jonathan meinen Unterarm ergriff, denn zum Glück liess meine versteinerte Souveränität keine solchen Ausrutscher zu. „Glaubst du, dass wir es schaffen, dass sie gnädig sein werden?“, erkundigte er sich und am leichten Zittern seiner Mundwinkel glaubte ich Vorfreude zu erkennen, die Art von Vorfreude, die nur ein wirklich kranker Mann haben konnte. „Selbstverständlich“, begann ich und schielte kurz zu Sam, die kurz ihre Frisur richtete und dann aufrecht auf die Pressemeute zumarschierte, welche gerade durch die grosse Eingangspforte auf uns zuströmte. Unwillkürlich warf ich einen kurzen Blick auf die leicht verknitterte Zeitung, die mir verriet, dass unser Fall tatsächlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zog, als die Entdeckung des Higgs Boson, welches dummerweise auch Gottesteilchen genannt wurde. Ich war nicht besonders angetan von der Idee, dass Fälle wie dieser in den Medien breitgetreten wurden, konnte es der Öffentlichkeit jedoch nicht übel nehmen, dass sie sich für so einen ungewöhnlichen Hergang interessierte. Immerhin, und das durfte man nicht vergessen, war Jonathan der erste und bisher einzige Häftling, der den Staat anklagte, weil er zu lange auf den Vollzug seiner Todesstraffe warten musste.
„Ich kann dir versprechen, dass dein grosser Tag vorgezogen wird“, entgegnete ich schlussendlich mit ruhiger Stimme, bevor ich mich ein weiteres Mal in der Metallsäule betrachtete und mich bewusst darum bemühte, meinen Puls unter Kontrolle zu halten. Kurz bevor der erste hungrige Journalist in unsere Hörweite gelangte, packte ich Jonathans breite Schultern mit beiden Händen, blickte ihn ernst an und drängte ihn ein letztes Mal dazu, sich an unsere Strategie zu halten.
„Wir werden das schon schaffen, aber erwähne unter keinen Umständen deine Depressionen.“ Ich wusste bis zum heutigen Tag nicht, woher Jonathans Todeswunsch kam, ob es die Schuldgefühle oder die elendigen Lebensumstände im Gefängnis waren, die ihn zur völligen Resignation getrieben hatten. Was ich hingegen mit absoluter Sicherheit wusste war, dass unser Staat kein offenes Ohr für den Wunsch nach Euthanasie haben würde, wenngleich er jährlich mehrere Menschen im Auftrag des Volkes ermordete.

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