Gaststory | König Gregors Monolog

Guest - resizedAutorin: Charlot Richter
Setting: Bühne
Clues: Hochseilbahn, Kaugummi, Raucherlunge, Käse, Kiste

Leo stand auf der Bühne und sah in hunderte von Gesichtern: angstvolle Gesichter, müde Gesichter, gezeichnete Gesichter. Dennoch glänzte in ihren Augen, stärker als alles andere, die Hoffnung. Das letzte Zentrum des Widerstandes gegen die Invasion hielt stand. Die Bühne der Hoffnung, wie sie das Theater nannten, gab den Menschen den Mut, den sie zum weiterkämpfen brauchten.
Leo spürte, wie Billy in seine Euphorie einstimmte, als sie gemeinsam in all diese Gesichter blickten, die zu ihnen aufsahen, ihnen zuhörten und sich Kraft geben ließen. Zusammen, eins im Körper und im Geist, deklamierten sie voller Inbrunst die letzten Zeilen des berühmtesten Monologes des Stückes „König Gregor“, geschrieben von einem Dichter, der für sein aufrührerisches Werk einen grausamen Tod hatte erleiden müssen.
„Das Schicksal trägt uns auf seinen Hochseilbahnen immer weiter den Sternen entgegen. Oft mögen wir hinunterstürzen, doch stets werden die mutigsten von uns zu Fuß weitersteigen. Immer weiter hinauf. Den Glauben und die Zuversicht derer auf den Schultern tragend, in deren Namen sie einst den Gipfel erreichen werden. Denn das …“
„Chuddys! Sie sind hier!“

Ein Schrei, zuerst gehört von wenigen, schließlich aufgegriffen und vervielfältigt, hallte plötzlich durch die Schutzkuppel des Theaters. Der aufkommende Applaus erstarb und verwandelte sich in verwirrte Unruhe, dann in panisches Chaos. Wer die Warnung nicht gehört oder verstanden hatte, konnte sie nun allmählich riechen.
Auf der Bühne hatte Leo nicht begriffen, was geschah, zu sehr steckte er noch in der Rolle König Gregors und war erfüllt vom Glauben an die Menschheit. Dann wehte der Geruch auch zu ihm hinauf.
Wenn ein Parasit alle Funktionen des Körpers übernimmt, werden Gase ausgestoßen, die zuerst eine nach verschimmelten Käse stinkende Duftwolke bilden, später von Verwesung. Die menschlichen Leiber waren den Chuddys fremd und nicht ganz kompatibel mit ihnen. So konnten die Aliens gewisse Funktionen, die den Verschleiß verhinderten, nicht bedienen. Leo kaute intensiv auf der vertrauten klebrigen Masse in seinem Mund herum und überließ es Billy, die Situation zu erfassen und zu entscheiden, was zu tun war.
„Wir müssen hier weg!“, sagte dieser mit Leos Stimme und drängte sich in Richtung Vorhang. „Sie können nicht hier sein“, murmelte Leo wie betäubt „Sie können uns nicht gefunden haben, jemand muss uns verraten haben, wir …“, mit sanfter Gewalt ließ Billy ihn verstummen. In diesem Moment zog ihn jemand hinter die große Kiste auf der Seitenbühne, in der die armselige Sammlung an Requisiten und Kostümen aufbewahrt wurde.
„Sie haben die Eingänge versiegelt. Niemand kommt mehr heraus. Die meisten haben menschliche Körper, manche haben noch die primitiven Wirte ihres Heimatplaneten.“ Troilos, der Träger der Hoffnung, wie ihn manche halb scherzhaft, halb bewundernd nannten, Leiter der Bühne und des Widerstands flüsterte ihm heiser ins Ohr. Seine stahlblauen Augen funkelten tatendurstig in dem früh gealterten Antlitz. Troilos war ein zerfurchter Krieger. Man würde ihm das Lächeln aus dem Gesicht schnitzen müssen, um es ersterben zu lassen. Er hatte schon vor Ewigkeiten beschlossen, ein toter Mann zu sein. Einzig seine Zigaretten machten ihm die Luft auf der Erde noch den Atem wert. Er war es, der dem Parasiten in Leo einen eigenen Namen gegeben hatte.
„Ihr müsst irgendeine Schwachstelle haben, Billyboy. Es muss etwas geben, das wir tun können!“ Er fixierte Leo und suchte in seinen Augen nach Billy.
„Es tut mir leid“, sagte dieser nach einer Weile niedergeschlagen und Leos Herz zog sich in seinem Schmerz zusammen. „Es ist vorbei, Troilos.“
„Nach so langer Zeit in einem Menschen, einem der besten dazu, bist du trotzdem noch durch und durch einer von denen! Bei uns ist es nie vorbei, mein Freund.“ Er lachte keuchend auf und zwinkerte Leo freundschaftlich zu. Der junge Mann mit seiner Naivität und seinem Mut hatte schon einen Platz im Herzen des Rebellen gehabt, als andere ihn noch mitleidig einen Narren genannt hatten. Versunken zündete sich Troilos eine Zigarette an.
„Jeder Chuddy folgt bedingungslos dem Anführer. Sie haben meinen Bruder Gefolgschaft geschworen, wie sie es bei mir getan hätten, wenn ich nach unserer Teilung den ersten Wirt besetzt hätte …“, erklärte Billy ihm.
Auch er hatte Treue geschworen. Doch als der Eroberungszug des stärkeren Bruders begonnen hatte, zweifelte Billy. Dennoch hatte er folgen müssen. Fort von seiner Heimat, auf die Erde, in den Krieg. Dann, wie vom Schicksal geleitet, war er auf Leo getroffen. Zwei Außenseiter ihrer Spezies, zwei mangelbehaftete Individuen; Billy, ein Deserteur, und Leo, durch einen Gehirnfehler zum Idioten geboren, fanden sich in einer wunderbaren Symbiose vereint. Billy vermochte das Chaos in Leos Gehirn zu ordnen und die fehlerhaften Prozesse auszugleichen, ohne seinen Verstand gänzlich zu unterdrücken. Und Leo ließ Billy an den für ihn lebenswichtigen Funktionen seines Körpers teilhaben. Sie verschmolzen zu einer Einheit, teilten ihre Wünsche und Gefühle, teilten Billys Verlangen nach Frieden und Leos Wunsch auf der Bühne zu stehen und ein Held zu sein.
„Schon gut, keine Details über die Fortpflanzung von Kaugummis“, unterbrach ihn Troilos angeekelt und spähte über die Kiste. Die Chuddys hatten das verängstigte Publikum von allen Seiten eingepfercht. Unter der Kuppel hatten sich beinahe lautlos ihre kleinen Flieger gesammelt und den Zuschauerraum verdunkelt. Nur die Bühne lag in hellem Scheinwerferlicht da. Drei Flieger lösten sich aus der Formation und landeten unweit von ihrem Versteck, wobei sie das klägliche Bühnenbild aus Holz und Pappe niederrissen.

Die Gestalt von Präsident Jefferson trat mit zwei Gefolgsleuten heraus und breitete wie zum Gruß die Arme vor den verängstigten Menschen aus. Dann lachte er. Er lachte ein kreischendes wahnsinniges Lachen, das Leo erschauern ließ.
„Troilos!“, kreischte er schliesslich laut und süßlich in die Menge. „Wo bist du, mein Freund? Willst du dich nicht vor dein glorreiches Volk stellen?“
„Was soll das nützen?“, zischte Leo, als Troilos lässig seine Zigarette austrat und Anstalten machte, Jeffersons Aufforderung Folge zu leisten. „Es hat keinen Sinn sich jetzt zu opfern!“
Troilos grinste und in seinen Augen glomm der Leichtsinn eines Mannes, der schon lange nichts mehr zu verlieren hatte. „Bleib hier und kau ordentlich auf Billy herum, damit du nicht auf dumme Gedanken kommst.“ Ohne dass Leo ihn aufhalten konnte, trat Troilos hinter der Kiste hervor.
„Präsident Jefferson!“, rief er, als begrüßte er einen alten Freund. „Ich wusste nicht, dass Sie ein Theaterliebhaber sind. Hätten Sie doch etwas gesagt, dann hätte ich Ihnen ein paar Karten zurückgehalten und Sie hätten das Theater nicht gleich stürmen müssen.“ Durch die verzweifelte Stille erreichte sein heiseres Lachen jeden Winkel und jede Seele. In der Ausweglosigkeit der Situation geschah etwas höchst Menschliches: Das gesamte Publikum der Bühne der Hoffnung stimmte in Troilos‘ Gelächter ein. Die letzten der Menschheit kurz vor ihrem Ende lachten, denn sie glaubten und hofften, wie Troilos an sie glaubte und hoffte und dabei wie die leibhaftige Verkörperung König Gregors erschien.
Ob Billy und Leo die einzigen waren, die in diesem Augenblick sahen, wie krank Troilos tatsächlich war? Wie grau seine Haut unter der ledrigen Bräune und wie tiefschwarz die Ringe unter seinen Augen waren? Konnte denn niemand hören, dass sein Lachen sich in erstickendes Husten steigerte und jeder Ton ihm die Stimme mehr zu zerkratzen schien? „Sollen sie doch meinen Körper haben, viel Freude wir er ihnen nicht machen“, hatte er oft gesagt, während Nikotin, Teer und seine Rebellionen ihn auffraßen.
„Das schätze ich so an euch Menschen“, meinte Jefferson und gab seinen Begleitern einen Wink, auf welchen hin sie Troilos packten und nach vorn zerrten, wo er von Angesicht zu Angesicht mit seinem Publikum stand. Das Lachen war versiegt. Stumm sahen sie sich an: König Gregor, der Held einer hoffnungsvollen Tragödie mit Troilos‘ sternenhellen Augen und eine Menge von Stolz erfüllten Augenpaaren.
„Selbst im Grab vergeht euch der Humor nicht. Glaubt immer, alles wird gut für euch enden. Aber das tut es nicht, nicht wahr, Troilos? Soll ich euch endlich von eurem Irrglauben erlösen? Ich denke schon lange, es wird Zeit für einen neuen Körper. Der gute Präsident beginnt langsam zu stinken, findest du nicht auch?“ Wie zur Bestätigung rümpfte Troilos die Nase, als Jefferson sich dicht vor ihn stellte. Leo wollte vorstürmen, irgendetwas tun, um zu verhindern, was jetzt geschehen würde, doch Billy hielt ihn auf.
Wir können nichts tun.
Hilflos musste er mit ansehen, wie Jefferson seinen Mund auf Troilos‘ presste. Kurz darauf sank der Präsident in sich zusammen, jetzt nur noch eine leere Hülle. Troilos zitterte, wand sich, zappelte und schlug um sich, sodass sogar die beiden Chuddys, die ihn festgehalten hatten von ihm abließen und zurückwichen.
Er wehrt sich. Nein, warte, etwas stimmt nicht!
Troilos lief rot an. Frische Opfer versuchten meist den Drang zu kauen zu unterdrücken, um sich gegen den Parasiten zu wehren, doch seine Wangen bewegten sich unablässig. Die stolzen Augen quollen hervor, die grauen Lippen waren fest zusammengepresst und Leo konnte es kaum glauben, als er sah, wie sie sich zu einem Lächeln verzogen.
„Er will heraus! Er will aus dem Körper heraus, aber Troilos lässt ihn nicht!“, flüsterte Billy nun aufgeregt. Er hatte recht. Auch die Chuddys und der Widerstand erkannten, dass die Übernahme nicht planmäßig verlief. Alle beobachteten gebannt, was mit Troilos geschah. Schließlich, nach Minuten des Kampfes, brach der geschundene Körper zusammen. Die Lippen öffneten sich und ihnen entwich ein rotes Rinnsal. Die beiden Chuddys auf der Bühne knieten hastig neben ihm nieder.
„Tot“, hörte Leo den einen sagen. „Beide?“, fragte der andere.
„Etwas muss in diesem Wirt gewesen sein, dass ihn umgebracht hat.“
„Seine Raucherlunge“, erklärte Billy sich selbst und Leo. „Troilos hat schon vor Wochen Blut gehustet. Seine Lunge hat meinen Bruder sofort vergiftet.“
Die Chuddys tauschten unsichere Blicke aus. Sie waren noch immer in der Überzahl, aber sie hatten keinen Anführer mehr. Dennoch musste ihr Volk einen Anführer haben. Es war ihre Kultur, keine eigenen Ziele zu haben, sondern die eines anderen zu übernehmen.
„Der nächste in der Folge wäre …“, begann der eine Chuddy ratlos.
„Ich“, sagte Leos Stimme laut. Halb unbewusst, halb bewusst war er in die Mitte der Bühne getreten. Ein überraschtes Murmeln ging durch die Menge. Die Chuddys erkannten einander, egal welchen Wirt sie besetzt hatten. Sie erkannten in Leo ihresgleichen.
„Mein Bruder ist tot. Werdet ihr mir nun Gefolgschaft und Treue schwören?“ Gemeinsam blickten sie in menschliche Gesichter und welche, die es mal gewesen waren, doch alle hatten sie denselben Ausdruck: Hoffnung und Glauben. Es war, als ob das Bühnenstück und König Gregors Szene niemals unterbrochen worden war. Nach einem Moment hallten die vereinten Stimmen der Chuddys durch das Theater: „Wir schwören dir Treue und Gefolgschaft, Anführer.“
„Dann lasst uns Frieden schließen!“, sagte Leo mit der Stimme beider Völker. Und der Jubel beider Völker umfing ihn, der das Beste von beiden vereinte.

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