Wissen ist Macht – Zu gut, um wahr zu sein

SarahAutorin: Sarah
Setting: Supermarkttoilette
Clues: Lachanfall, Lautstärke, Werteinstellung, Strychnin, Nachthemd

Dies ist der 2. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Wissen ist Macht“,. Links zu den anderen Teilen findet ihr hier.

Unauffällig betrat Cal den Raum und sah sich um. Die Supermarkttoilette war fast leer, nur ein anderer Mann stand vor dem Spiegel und wusch sich die Hände, während er die Melodie des Evergreens summte, die in erträglicher Lautstärke die ganze Mall berieselte. Cal schlenderte an dem Fremden vorüber und ging entlang der Reihen von Toilettenkabinen weiter nach hinten, bis er bei der letzten ankam. Er trat ein und war positiv überrascht, wie sauber das Klo war. Der Duft nach Putzmittel kitzelte ihn in der Nase, während er den Deckel herunterklappte und sich darauf setzte. Er war nicht zum offensichtlichen Zweck hier, sondern um jemanden zu treffen, jedoch war er noch etwas zu früh. Er hörte das leise Klacken von Schuhen auf dem Steinboden, bevor der Fremde die Tür öffnete und sie hinter sich ins Schloss fallen liess. Dann war er allein.
Hastig erhob Cal sich und nahm sein Cell-Com aus der Hosentasche, auf dem er eine illegale Applikation installiert hatte, die das Com in einen Wanzenscanner verwandelte. Er suchte den ganzen Raum ab und atmete auf, als er sich überzeugt hatte, dass die Toilette nicht abgehört wurde. Erleichtert atmete er auf, jetzt müsste er nur noch darauf warten, dass sein Kontakt auftauchte, den er Kopernikus nannte. Eigentlich wusste er, wie Kopernikus wirklich hiess, jeder kannte ihn, denn immerhin war sein Kontakt ein ziemlich hohes Tier in der Regierung. Trotzdem hatte Cal, der den Decknamen Galileo verwendete, darauf bestanden weiter die Decknamen zu verwenden, denn sie konnten es sich nicht leisten, ein Risiko einzugehen. Cal war eines der letzten verbleibenden Gründungsmitglieder des Widerstands und er hatte genug Mitstreiter verloren, um zu wissen, dass in dieser schönen, neuen Welt Paranoia sein bester Freund war. Wenn das Regime von seinen Machenschaften oder seinen Werteinstellungen Wind bekam, wäre die Sache sehr schnell vorüber.

Als jemand die Toilette betrat, horchte Cal auf und wartete, was als nächstes passieren würde. Schwere, schlurfende Schritte näherten sich ihm und er war sich ziemlich sicher, Kopernikus‘ Gangart zu erkennen, doch er hielt sich strikt ans Protokoll und tat vorerst nichts, bis vor der Ritze unter der Kabinentür den Schatten von einem Paar Schuhen ausmachen konnte und ein lautes, unregelmässiges Husten zu vernehmen war, das sie als Code vereinbart hatten. „Kopernikus?“, fragte er.
„Ja. Galileo?“, entgegnete der andere und Cal öffnete die Tür, sodass sein Spitzel in die Kabine treten konnte.
Cal stellte seine übliche Frage: „Bist du sauber?“
„Mir ist niemand gefolgt und ich habe keine Netzwerkgeräte dabei“, entgegnete Kopernikus, während Cal ihn mit seinem Wanzenscanner absuchte, bis er sich selbst überzeugt hatte, dass sie niemand ausspionierte.
„Sieht gut aus“, erklärte er. „Ich hoffe, du hast die Unterlagen dabei, der nächste Schritt unseres Plans hängt davon ab.“
„Ja“, antwortete Kopernikus und reichte ihm einen Holochip. Beinahe ehrfürchtig nahm Cal den Datenträger entgegnen. Er konnte ein leichtes Kribbeln im Bauch fühlen, wenn die Dokumente stimmten, könnte diese Operation sogar der Schlüssel dazu sein, dass sich das Blatt zu ihren Gunsten wenden würde. Das Regime mochte in der Lage sein, einen Grossteil der Information zu kontrollieren, doch wenn etwas geschah, das zu gross wäre um es zu vertuschen, etwas, das dem Volk zeigen würde, dass der Widerstand existierte und kein Mythos war, dann mussten sie es einfach begreifen und sich erheben – zumindest hoffte er das inständig. Ein Anschlag auf die Regentenfamilie würde ein Symbol sein, das niemand würde übersehen können.
Kopernikus riss Cal aus seinen Überlegungen, als er sagte: „Ich hoffe, ihr habt Erfolg.“
Gerade als Cal etwas entgegnen wollte, war zu vernehmen, wie sich die Tür von neuem öffnete und mehrere, sich laut unterhaltende Männer eintraten. Hastig bedeutete er Kopernikus, still zu sein und war froh, dass die Tür der Kabine fast bis zum Boden reichte, sodass die Fremden nicht sehen konnten, dass sie zu zweit im selben Klo waren. Cal bewegte sich so wenig wie möglich und belauschte angespannt die Unterhaltung der Fremden, die sich über das Resultat eines Fussballspiels austauschten. Er glaubte nicht, dass sie eine Bedrohung darstellten, doch man konnte nie vorsichtig genug sein und Cal musste immer davon ausgehen, dass die Wände Ohren hatten. Rasch warf er einen Seitenblick zu Kopernikus, der sehr nervös wirkte, vielleicht weil er Angst hatte und vielleicht, weil er schon längst irgendwo sein sollte und hoffte, dass seine Abwesenheit nicht auffallen würde. Cal war besorgt, dass Kopernikus die Nerven verlieren könnte, denn er war kein Widerstandskämpfer, sondern ein Politiker. Betont ruhig, wenn auch unmissverständlich, deutete er ihm, still zu bleiben. Der andere nickte, zuckte jedoch zusammen, als einer der Männer draussen in einen Lachanfall ausbrach, weil der andere einen Witz über den Ausgang des Spiels gerissen hatte.
Es dauerte nicht lange bis sie sich einer nach dem anderen die Hände und sie die Toilette wieder verliessen. In dem Augenblick, in dem die Tür zugefallen war, flüsterte Kopernikus unruhig: „Ich muss los, sonst verpasse ich eine Sitzung.“
„Okay“, entgegnete Cal und ging ihm aus dem Weg, sodass er aus der Toilettenkabine konnte. „Bis bald.“
Kopernikus bedankte sich und hastete in Richtung des Ausgangs davon, während Cal die Tür wieder schloss und sich vornahm, noch eine Weile zu warten, damit sie nicht zusammen gesehen würden.

Als einige Minuten vergangen waren, vergewisserte sich Cal, dass er den Holochip gut in dem extra eingenähten Geheimfach seines Mantels versteckt hatte und wollte gerade die Kabine verlassen, als es geschah. Die Eingangstür wurde gewaltsam aufgerissen und unzählige schwere Schuhe trampelten über den gefliesten Boden, gefolgt von dem Ruf: „Polizei!“ Erstarrt stand er da, wohl wissend, was das für ihn bedeutete, denn wenn man erst einmal verhaftet worden war, wurde man so lange durchsucht, unter Drogen gesetzt und verhört, bis man einknickte.
Eine Frage schoss ihm durch den Kopf, auf die er wohl nie die Antwort wissen würde: Was hatte er falsch gemacht? Hatte Kopernikus ihn verraten?
Gegen seine Panik ankämpfend versuchte er sich zusammenzureissen und überwand seine Starre, denn nun ging es nur um Sekunden. Mit zitternden Händen pulte er den Chip aus dem Mantel und warf ihn in die Kloschüssel, bevor er die Spülung betätigte. Natürlich hätte er versuchen können, ihn zu verstecken, doch sie hätten ihn mit ihren Scannern gefunden und ausserdem konnte er nicht mehr sicher sein, dass die Information glaubwürdig war, denn es war eine Möglichkeit, dass Kopernikus ihn verraten hatte. Eilig suchte er den Behälter mit dem Strychnin, den er immer bei sich hatte, machte ihn auf und setzte dazu an, es zu schlucken, als die Polizisten vor seiner Tür ankamen und einer in einem barschen Tonfall rief: „Aufmachen!“
Cal hätte ein anderes Gift bevorzugt, doch man musste nehmen, was man kriegen konnte. Ein Teil von ihm sträubte sich dagegen, das Strychnin zu nehmen und er dachte an den qualvollen Tod, den er erdulden müsste. Doch sobald ihm die Alternative einfiel, die er für wahrscheinlich hielt, tat er es. Er wollte nicht über Wochen und Monate gefoltert werden, nur um letztendlich in einer dunkeln Gefängniszelle zu sterben, vielleicht durch einen Kopfschuss, vielleicht aber auch an Hunger. Rasch rief er: „Nicht schiessen, ich komme raus!“
Cal wusste, dass er genügend Zeit schinden musste, wenn er wollte, dass sie nichts mehr gegen die Wirkung des Giftes tun konnten. Wie in Zeitlupe griff er nach dem Türschloss und begann, an es zu drehen. Er erinnerte sich an eine Szene aus seinem früheren Leben, damals, als noch alles gut gewesen war.
Carol, seine Frau, lag im Nachthemd auf dem Bett und las in einem Buch, als er sich zu ihr gesetzt hatte. Sie hatten vor einigen Tagen erfahren, dass sie schwanger war. Nur wenige Wochen später hatte die Gedankenpolizei sie weggebracht, weil sie etwas gesagt hatte, dass sie nicht einmal hätte denken dürfen. Nur kurz darauf hatte man ihm mittgeteilt, dass sie sich im Gefängnis das Leben genommen habe. So war aus dem unbescholtenen Bürger Cal der gesuchte Terrorist Galileo geworden, einer der Anführer des Widerstandes, ein Staatsfeind höchster Ordnung. Mehr als ein Jahrzehnt hatte er es geschafft, den Schergen des Regimes zu entrinnen, nicht mehr als ein Geist zu sein, doch damit war es nun vorüber.
Mit einem lauten Klacken schnappte das Schloss auf und im Bruchteil einer Sekunde entschied Cal sich, den hoffnungslosen Kampf bis zum Ende zu führen. Er riss die Tür auf sprang heraus, geradeswegs auf die fünf Maskierten in Uniform zu, die ihre Maschinenpistolen auf ihn gerichtet hatten. Als er das Mündungsfeuer aufblitzen sah und begriff, dass er es tatsächlich geschafft hatte, einen seiner Gegner zu einer Kurzschlussreaktion zu veranlassen, war er froh, dass es schnell zu Ende ging und er nicht langsam am Strychnin sterben würde.

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