Oster-Special: Hasi futsch!

Autorin: Sarah
Setting: Ballsaal
Clues: Kumpel, Einbauschrank, Niedergeschlagenheit, Insider, Wolldecke
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

Rund um den Osterhasen wuselten seine Mitarbeiter mit Champagnergläsern herum, als er sich in dem grossen Ballsaal umsah. Überall standen sie und tauschen Belanglosigkeiten aus, die in ihrer Nutzlosigkeit kaum zu übertreffen waren. Der Weihnachtsmann, welcher gleich im Büro den Gang hinunter arbeitete, hatte sich mal wieder überessen uns sass nun müde auf einem der Sessel am Rand des Saals. Wie jeder Hase war auch der Osterhase sehr einfach gestrickt – er wollte vor allem seine Karotten haben und dann wäre alles im grünen Bereich. Das hatte er zumindest lange Zeit gedacht. Doch seit einigen Monaten hatte er eine Sinnkrise, die mit jeder Woche tiefer zu werden schien. „Depressionen sind eine Luxuskrankheit“, hatte er einmal gelesen, und es stimmte: Man hatte sie nur, wenn man es sich leisten konnte darüber nachzudenken, ob man sie hatte. Normale Hasen waren lediglich damit beschäftigt zu schlafen, zu essen und, natürlich, sich fortzupflanzen. Er war aber kein normaler Hase, sondern ein Beamter und als solcher vor allem im Büro anzutreffen. Klar, er hatte einen sehr guten Rentenplan und auch mehr Ferien als die meisten Lehrer, doch manchmal fand er seine Arbeit mehr als nur mühsam. Er war einer von fünf Osterhasen, einen pro Kontinent. Trotzdem war er weit entfernt von der Spitze, sondern ein ausführendes Organ, unterbezahlt und überarbeitet. Er musste den Grossteil des Jahres bloss am Computer sitzen, Dienstpläne auf den neusten Stand bringen, Listen der kommenden Osternester führen und Eierfarb-Designs gestalten. Und die Betriebsfeier, auf der er eben war, fand er wegen seiner Niedergeschlagenheit nicht weniger oberflächlich und langweilig. Er kippte seinen Karotten-Tonic hinunter und schritt widerstrebend in die Menge zurück. Überall konnte er den neuesten Büroklatsch hören, wer nun mit wem ausging, wer Papier, Tacker und Eier klaute und wie oft, wer damit prahlte und wer nicht. Er tauschte hier und da ein paar eher formelle als ernst gemeinte Floskeln aus, sprach mit Leuten, deren Namen er sich nicht merken konnte und stellte sich schliesslich in eine Ecke, von der aus er den Ballsaal überblicken konnte, doch nicht gestört wurde.

Das erste Mal als der Osterhase wirklich realisiert hatte, dass etwas mit ihm nicht mehr in Ordnung war, war letzte Ostern gewesen. Er war vor seinem Einbauschrank gestanden und hatte die verschiedenen Hasenkostüme sortiert, die er jeweils auf seinen Feldeinsätzen anzog, um mehr wie ein verkleideter Mensch auszusehen. Es hatte ihn nicht mehr in Ruhe gelassen, dass sich die anderen Hasen bei der Arbeit ständig Insider-Witze erzählten und er das Gefühl hatte, der einzige zu sein, der nicht daran teilhatte. Wenige Tage später, als er die Osternestchen am Verstecken war, hatte ihn ein kleines Kind bei seiner Tätigkeit überrascht und war zu seinen Eltern gerannt, währendem es laut „Hasi futsch“ gerufen hatte. Und spätestens da hatte er gewusst, dass es so mit ihm nicht weitergehen konnte.
„Blöde Betriebsfeier“, murmelte der Osterhase in seine Schnauzhaare. Manche seiner Kumpel würden den Heldentod auf der Landstrasse sterben, während sie im Dienst waren, wobei er sicher nach und nach alt werden und langsam die Löffel abgeben würde. Er blickte sich in dem grossen Ballsaal um und fragte sich, wie er sich vor dem Tanz davonschleichen konnte, denn nach Tanzen war ihm nun wirklich nicht zumute! Plötzlich erblickte er in der Menge den Betriebs-Therapeuten, der sich im Büro um das Wohlbefinden der angestellten Hasen kümmerte. Vielleicht würde er mit ihm sprechen – doch was sollte ihm dieser schon sagen? Noch dazu kam, dass Ostern vor der Tür stand und er lange Nachtschichten einlegen musste, um seinen jährlichen Feldeinsatz vorzubereiten. Ja, die wahrlich stressigste Zeit des Jahres, in der es auch für Hasen kaum noch Schlaf gab. Wieso war er bloss Osterhase geworden? Es war ein anstrengender und nicht selten auch sehr monotoner Job, nichts, was ein normaler Hase tun würde. Und die Bezahlung war auch noch viel schlechter als die vom Weihnachtsmann, das war ein offenes Geheimnis. Kopfschüttelnd trat der Osterhase zur Bar und holte sich einen neuen Drink. Er würde sich möglichst rasch davonschleichen, nach Hause hoppeln und sich unter seiner Wolldecke verkriechen.

Es war spät in der Nacht auf Ostersonntag, als der Osterhase am Rand der Landstrasse ankam und brav nach links und rechts blickte. Beinahe wünschte er sich, dass ihn diesmal ein Auto erwischen würde, so sehr erträumte er sich, endlich von dem langweiligen Job wegzukommen. Der Mond schien so hell wie kaum je und Fledermäuse schossen durch die schon fast laue Frühlingsluft. Er konnte nichts kommen sehen, also schulterte er seinen grünen Rucksack und hoppelte auf den Asphalt heraus. Er was kaum auf dem Mittelstreifen angelangt, als ein Wagen in Schlangenlinien auf ihn zuraste. Für einen Augenblick blieb er wie erstarrt stehen, dann liess er den Rucksack fallen und hastete in Richtung des Strassenrandes. Eigentlich spielte es keine Rolle mehr wohin er rannte, denn das Auto war schneller bei ihm angelangt, als er denken konnte. Eine weisse, pampige Masse spritzte in alle Richtungen und ein schauerliches Knacken war zu hören.
Der Osterhase lag auf dem kühlen Asphalt und es dauerte einige Zeit, bis er wieder aufblickte. Er begriff noch immer nicht genau, was denn nun geschehen war, denn er konnte keine Schmerzen fühlen. In seinem Gesicht klebten noch die Überreste von den Eiern aus seinem Rucksack, den das Auto plattgemacht hatte und überall waren Nougatsplitter verteilt. Schwer atmend schleppte sich der Osterhase an den Strassenrand und setzte sich hin. Seine ganze Fracht war zerstört, er würde sich nie mehr vor seinen Kumpeln in dem Büro sehen lassen können. Die Furcht vor der Schmach wich rasch einem unglaublichen Gefühl der Freiheit, als sein Blick über die Wiesenlandschaft glitt. Nach einigem Zaudern legte er aber doch sein Hasenkostüm ab und hoppelte in die Nacht hinaus.

Und das, liebe Freunde, ist der Grund warum die Eltern das Osternest selbst verstecken müssen.

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