Weihnachts-Special: Die Himmelshirten

Autorinnen: Rahel und Sarah

Leccese lachte laut auf und nahm danach einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. „Herr Doktor Berger“, seufzte sie zufrieden durch den Kontrollraum des Observatoriums, „schön, einen ruhigen Abend zu geniessen.“
Bejahend sah Alfort von seiner Arbeit auf. „Absolut“, schwärmte er, fügte allerdings als er ihre heisse Brühe bemerkte, ernst hinzu: „Ich bin dankbar, haben wir in Zeiten, in der ein Grossteil der Welt Hunger leidet, den unsäglichen Luxus, künstlich hergestellten Kaffee zu bekommen.“
Obwohl die Kosmologin sich der angespannten Weltlage durchaus bewusst war, blieb sie davon unbeirrt, entschlossen, sich davon nicht die Laune verderben zu lassen. „Sich über das unverzeihbare Versäumnis unserer Vorfahren, den Klimawandel aufzuhalten, zu grämen, ist sinnlos. Bleiben wir lieber heiter, eventuell werden wir ja fündig, komplett auszuschliessen ist es nicht. Und selbst wenn der Erfolg nicht kommt, als Himmelshirten sind wir, Kaffee hin oder her, zumindest in der Lage, wenigstens einen Teil unserer Familien zu unterstützen.“
„Du hast recht“, entgegnete Alfort nickend. „Grund für Zuversicht besteht gewiss, zumindest werden wann immer möglich Gelder in die Forschung gesteckt. Ein Tropfen auf den heissen Stein ist, trotzdem ein Anfang.“
„Ich bin weniger optimistisch als du, einen bewohnbaren Planeten zu entdecken, ist so ziemlich die schwerste Aufgabe der Menschheit …“ Leccese schnaubte ob ihrer eigenen Aussage, war unwillens, den Zweifel im Hinterkopf siegen zu lassen. „Nein. Früher oder später stolpern wir über die kosmische Erlösung, bestimmt!“ Sie stellte die nunmehr leere Tasse beiseite, wirbelte in ihrem Bürostuhl herum und rollte behände vor die Displays ihrer Konsolen. „Wenn wir gerade vom Suchen sprechen …“
Alfort widmete sich ebenfalls seiner Arbeit, scannte Himmelsquadrant um Himmelsquadrant in der Hoffnung, wider seinen Erwartungen etwas zu finden. Manchmal erwischte er sich dabei, der Verzweiflung, welche mit jedem als unbewohnbar markierten Planeten wuchs, nachgeben zu wollen. Selbstverständlich liebte er seine Arbeit, das tat jeder in der Sternwarte, sie verlangte jedoch eine übermenschliche Disziplin von einem ab, den ungebrochenen Glauben, dass dort draussen die Rettung wartete.
Stunden verstrichen, bis der erfahrene Forscher schlagartig zusammenfuhr und untypisch aufgebracht auf einen Monitor gestikulierte. „Hey, Leccese, Leccese! Sieh dir das an!“
Die Kollegin hastete hinzu und blinzelte mit zusammengekniffenen Augen auf die Anzeige. Sie atmete mehrfach tief ein, brummte Unverständliches, bevor sie schliesslich herausbrachte: „Kann es sein …?“
„Ich rufe Polwarth an, das muss er sich ansehen!“

Ein äusserst verschlafener und unrasierter Polwarth Pastekh schlurfte in den Kontrollraum des Observatoriums. Der kurz gewachsene Kosmologe schaute sich mürrisch um und rief heiser: „Donnerheiland, was ist so wichtig, dass ihr mich herbeiordert, obwohl ich ausnahmsweise“, er zog das Wort anklagend in die Länge, „keine Nachtschicht habe?! Ist dem werten Doktor Berger der Analogkäse ausgegangen?“
Alfort schreckte zusammen und strahlte den hinzugekommenen Himmelshirten an. „Komm her und sieh dir das an – du wirst fassungslos sein.“
„Was denn?“, fragte Polwarth und trat neben die verbissen auf ihrer Tastatur hämmernden Leccese, die murmelte: „Es könnte ein Fehlalarm sein, freu dich nicht zu früh.“
Nun war das Interesse des verhinderten Nachtschläfers definitiv geweckt, aufmerksam musterte er die Daten, ehe er zu seinem Arbeitsplatz eilte und sich niederliess. „In welchem Wurmloch?“
„CRI-B.“ Alfort, der Experte für Wurmloch-Forschung, konnte seine Freude kaum zügeln. „Über diesen Weg könnte man in weniger als einer Generation …“
„Halt mal“, stoppte Polwarth den ungewohnt enthusiastischen Redefluss des Kameraden. „Wie sicher seid ihr euch?“
„Wir werden es bald wissen“, warf Leccese vorsichtig ein. „Wir hatten bereits einige falsch-Positivfehler, daher möchte ich mich nicht vorzeitig freuen. An etwas zu glauben heisst keineswegs, alles blindlings dafür zu halten.“
„Wer weiss, das Glück könnte uns hold sein“, meinte Polwarth tippend. „Testen wir gewissenhaft weiter, bis wir beweisen oder widerlegen können, ob bei diesem Doppelsternsystem tatsächlich eine bewohnbare Welt liegt.“

Ein Weilchen war vergangen, Daten wurden geprüft, anschliessend erneut geprüft und nach dem grauen Spätabend war stockfinstre Nacht über das streng bewachte Areal in der Sicheren Zone hereingebrochen. Von alledem bekamen die umgangssprachlich respektvoll als Hirten des Himmels bezeichneten Wissenschaftler wenig mit, zu vertieft waren sie in ihre Aufgabe.
Erst als Alfort sich erhob und mit knackenden Gelenken strecke, wurde die von manischer Arbeit geprägte Stille unterbrochen. „Leute? Ich möchte nichts versprechen, aber …“
Sogleich rief Leccese jauchzend aus: „Wir haben die Tests hundertmal wiederholt, es muss einfach wahr sein! Ich bin mir ganz sicher, wir haben den Garant für das Fortbestehen unserer Art entdeckt!“
„Beruhige dich“, schmunzelte Polwarth, das Funkeln in seinen Augen verbergend. „Wir könnten weiterführend Untersuchungen durchführen, bis …“
Leccese war nicht zu bremsen. „Am besten rufen wir gleich die Direktorin an und erzählen ihr von der frohen Kunde. Wir kennen die Prophezeiung, eines Tages mussten wir Erlösung finden – das, meine Herren, ist dieser Tag!“
„Ob Prophezeiung oder Zufall spielt keine Rolle“, sinnierte Alfort. „Ich stimme dir zu, wir sollten Gabriele darüber informieren, dass wir sind auf etwas Bedeutendes gestossen sind. Leccese, rufst du an?“
„Natürlich.“ Mit einem Ruck stiess sie sich von ihrer Konsole ab und rollte zu dem Telefon. Nie zuvor war sie derart rasch zum Telefon gespurtet, der Hörer flog ihr beinahe aus der Hand, als sie die Kurzwahltaste drückte. Die Kosmologin sprühte Funken vor lauter Passion. „Dr. Jiabulier? Hier ist Leccese Pecoraia aus dem Observatorium, wir haben die Hürden überwunden und soeben in aller Klarheit die Zukunft leuchten sehen! Kommen Sie geschwind!“

Als die Tür sich öffnete und die Direktorin in ihrem wallend weissen Laborkittel die Stufen ins Kontrollzentrum herabstieg, hoben die drei Hirten nahezu unisono ihre. Ohne ihre Niederkunft abzuwarten oder Luft zu holen, sprach Leccese auf sie ein: „Dr. Jiabulier, wir haben die Entdeckung gemacht, die uns Erlösung bringen wird, unsere Gebete wurden erhört. Wir fanden eine Welt, die in der Goldilocks-Zone liegt, ein habitabler Planet!“
Alfort plapperte dazwischen: „Er hat in etwa 1.25-fache Erdmasse, Wasser und eine Atmosphäre aus Sauerstoff. Wenn wir …“
„Einer nach dem anderen.“ Wie üblich lächelte Gabriele gutmütig. „Wo habt ihr denn diese Welt aufgespürt?“
„Wir haben durch das CRI-B-Wurmloch das Doppelsternsystem mit den Nummern m-VIRG-15 und j-DPS-18 neuerlich betrachtet und festgestellt, dass ein bislang unbekannter Planet im Orbit kreist.“ Alfort machte eine einladende Geste in Richtung der Obervationsbildschirme. „Bitte, Gabriele, sieh selbst.“
Die Leiterin der Institution machte es sich auf einem der alten Bürosessel bequem und las aufmerksam die Daten ab. Sie nahm sich dabei derart viel Zeit, dass gar der zurückhaltende Polwarth von Unruhe übermannt wurde, nervös die Finger bewegte und aus dem Fenster die vor dem Tor patrouillierenden Regierungssoldaten fixierte.
„Wir haben soeben die Rettung der Welt entdeckt“, deklarierte Gabriele, das Schweigen brechend. Ohne etwas hinzuzufügen tippte sie einige Ziffern auf ihrem Kommunikator ein und beäugte danach gebannt die digitalisierte Abbildung des einen Planeten.

Geschäftiges Treiben war im Observatorium eingekehrt, seit vor wenigen Minuten ein halbes Dutzend Vorstandsvorsitzende den Raum in Beschlag genommen hatten. Manche von ihnen waren offenbar direkt von ihrer Arbeit gekommen und dank dem verhältnismässig guten Stand, den das Institut verglichen mit anderen Einrichtungen hatte, halbwegs vernünftig gekleidet. Andere hingegen hatten den Zugang zu der abgeriegelten Zone passieren müssen und trugen ihre Hauskleidung. Alleine dieser Umstand machte deutlich, wie aussergewöhnlich dieses Treffen war, denn keiner der drei Forscher, hatte jemals einen ihrer Vorgesetzten in Pyjamas gesehen. Während Gabriele den Vorstand darüber aufklärte, was geschehen war, wandelt sich die Stimmung von leicht genervt dennoch neugierig hin zu ungehemmt ekstatisch. Bloss wenige der Anwesenden waren imstande, ihre Contenance zu bewahren, einige applaudierten sogar. „Sollen wir gleich die Presse in Kenntnis setzen?“, quietscht jemand aus dem Hintergrund der Menge.
Polwarth ermahnte umgehend: „Zuerst sollten wir weiterforschen und uns noch bedeckt halten, anstelle davon, falsche Hoffnungen sähen – das wäre höchst unwissenschaftlich. Dazu benötigen wir aber zusätzliche Gerätschaften.“

Mit ungebändigter Begeisterung widersprach Leccese. „Nein, die Bevölkerung hat verdient an diesem monumentalen Ereignis teilzuhaben.“ Leiser fügte sie hinzu: „Und ich möchte meiner Familie zum Fest das Geschenk der Hoffnung machen.“
Wortlos bedeutete Gabriele Alfort, dem Leiter des Hirtenteams, sich der Sache anzunehmen. Dieser brauchte einige Sekunden, um seine eigenen Hochgefühle im Zaum zu halten und räuspterte sich bevor er erläuterte: „So gerne ich die frohe Kunde raschmöglichst in Himmel posaunen möchte – Polwarth spricht die Wahrheit: Wir sollten andere Sternwarten um Hilfe bitten und weitere Testreihen durchführen.“
Leccese wusste, es wurde von ihr erwartet, dass sie sich murrend geschlagen gäbe. Sie als wahre Gläubige war allerdings fest überzeugt, die Anzeichen richtig gedeutet zu haben. Als sie dazu ansetzte, einen letzten Einwand zum Besten zu geben, hielt sie das Klingeln eines Telefons ab. Sie griff routiniert nach dem Hörer. „Sie sind mit den Himmelshirten verbunden, wie kann …“ Verstummend lauschte sie, gestikulierte den Anwesenden, still zu sein. „Einen Moment bitte.“ Ihre Hand bedeckte die Muschel, als sie sich erstaunt an Gabriele wandte. „Eine Presseagentur, die sich nach den Gerüchten über eine mögliche Erlösung erkundigt. Was soll ich ihnen sagen?“
„Wer hat geplaudert?“, wetterte ein Vorstandsmitglied empört. Er erhielt keine Antwort, da plötzlich verschiedene Geräte zu klingeln begannen und die kleine Gruppe ins Chaos stürzte. Alfort hetzte zum Fenster, von dem aus man den Vorplatz des Observatoriums überblicken konnte. Bestürzt beobachtete er, wie sich Menschenmassen vor der Absperrung versammelten. Manche hielten Kerzen in die Höhe, verschwendeten das rare Gut, statt es zum Heizen ihrer Hütten zu benutzen. Andere knieten zum Gebet und einige brachten sogar spontan zusammengeschusterte Plakate mit, auf denen altbekannte Parolen wie „Fürchtet euch nicht mehr“ und „Die Klarheit wird uns erleuchten“ aus der Prophezeiung standen.
„Die frohe Kunde verbreitet sich, sie alle strömen herbei“, flüsterte Leccese andächtig.

Hektisch, gleichwohl koordiniert, wuselten Uniformierte sowie Leute in Arbeitskitteln durch die Räumlichkeiten der Hirtenstation, montierten Geräte und arbeiteten bereits emsig an provisorisch aufgestellten Konsolen. Seit sich die Neuigkeiten wie ein Lauffeuer um den von Hunger gebeutelten Globus verbreitet hatten, hatte das Observatorium problemlos die langersehnte Finanzierung erhalten, welche es dringend benötigte.
„In wenigen Tagen sind wir komplett ausgerüstet, um die restlichen Messungen durchzuführen“, erklärte ein Uniformträger Alfort, ehe er sich seiner Manieren besann und ihm die Hand reichte. „Sergeant Cesare Romy vom Forschungskorps, freut mich, Ihre Bekanntschaft zu schliessen, Doktor Berger.“
Der Astrophysiker schüttelte die dargebotene Pranke des Hünen, der sich sogleich wieder seiner Aufgabe widmete, sodass Alfort die Gelegenheit nutzte, zu seinen beiden engsten Teamkollegen zu trotten. „Flott und zackig sind diese neuen Leute auf jeden Fall. Nur … Ob es eine gute Idee ist, wenn die Forschungen vom Militär geleitet werden?“
„Es ist egal, wer die Führung hat, so lange das Resultat stimmt“, postulierte Leccese forsch. Sie hatte die Nase voll von der ewigen Miesepeterei ihrer Mitarbeiter und wollte diesen Augenblick schlichtweg in Ruhe feiern. „Zentral ist einzig, den Beweis zu erbringen und damit die Menschheit von ihren Geiseln zu befreien. Die Erlösung steht bevor, das Elend wird ein Ende finden!“
„Schnell arbeiten sie, das muss man ihnen lassen“, wiederholte Alfort seine Feststellung und überging Lecceses kleine Rede. „Sie haben gar den Bau des Sternenschiffes ‚Brückenbogen‘ wieder aufgenommen, den sie vor dreissig Jahren eingestellt haben. Jetzt behaupten sie, in dreiunddreissig Jahren aufbrechen zu können. Es fragt sich bloss, wie sie fair entscheiden wollen, wer, wenn es so weit ist, gerettet werden soll und wer nicht. Sind die Militärs dafür wirklich qualifiziert?“
Polwarth, dem das Misstrauen und die seinem Naturell entsprechende Skepsis in die Miene geschrieben stand, entgegnete: „Sollte ich einen Platz an Bord erhalten, trete ich diesen mit Freuden ab. Ich hege nicht das geringste Bedürfnis, zu den ersten zu gehören, die durch ein Wurmloch reisen und vor einem vielleicht toten Planeten im All sterben. Die Erde mag von Leid zerrissen sein, sie ist momentan dennoch der sicherste Ort für uns.“
Das Unverständnis für diese Einstellung war Leccese anzusehen, darüber diskutieren schien sie nicht zu wollen. Stattdessen drehte sie sich zu Alfort, dem es augenscheinlich schwer fiel, sich inmitten des betriebsamen Treibens um sie herum auf seinen Bildschirm. „Sag mal, hast du eigentlich schon einen Namen für den Planeten? Wir dürfen ihm ja einen geben.“
Alfort hatte in den vergangenen Nächten oft darüber nachgedacht, doch keinen passenden Vorschlag gefunden, also antwortete er zögernd: „Leider liegt mir sowas nicht. Deshalb schlage ich vorerst vor, beim vom System automatisch generierten Namen, c-MES-0 zu bleiben. Die Leute werden sich ohnehin ihre eigenen Bezeichnungen einfallen lassen und sich dann darüber streiten, welcher Name für dasselbe Ding der einzig richtige ist. Ob hier auf der Erde oder da draussen im Universum, die Menschen werden sich nie ändern.“

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