Interview | Marino Ferri von buecherrezension.com

InterviewsWerte Clue Reader,

willkommen zum zweiten Beitrag in unserer noch frischen Kategorie „Clue-Writing-Tipps“, in der wir euch Schriftsteller, Blogger und andere Literatur-Tierchen vorstellen möchten. Im heutigen CW-Tipp möchten wir euch Marino Ferri, Betreiber und Schöpfer des Blogs „buecherrezension – Rezensionen und Kommentare“ in einem Interview vorstellen.

Marino lebt in Zürich, von wo aus er auch seinen Blog betreibt. Der Schwerpunkt bei seinen Rezensionen liegt auf europäischer Gegenwartsliteratur mit einem Fokus auf Schweizer Publikationen. In manchen seiner Beträge auf buecherrezension.com befasst er sich mit Jungautoren, unkonventionellen Textformen, sowie Auszügen aus Tagebüchern und Briefwechseln. Durch diese Vielfalt und die Regelmässigkeit der Beträge hat sich der 2013 gegründete Blog rasch etabliert und weist nun schon eine beachtliche Zahl von Lesern auf.

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Hallo Marino,
beginnen wir doch mit einer sehr allgemeinen Frage: Was bedeuten Lesen und Literatur für dich?

Literatur – sei es nun, sie zu lesen, sie zu schreiben oder über sie zu schreiben – ist eine Form der Auseinandersetzung mit der Welt. Genauso wie reisen, Gespräche führen, auf eine Party gehen, Filme schauen, mit Freunden etwas trinken, und so weiter: Das sind alles Formen, sich mit der Welt, dem Leben, den Menschen zu beschäftigen und neue Perspektiven kennenzulernen. In der Umgangssprache sind die Worte, die man mit viellesenden Menschen in Verbindung bringt häufig etwas abwertend konnotiert. Ein „Bücherwurm“, eine „Leseratte“: da stellt man sich doch gleich jemanden vor, der sich hinter seinen Büchern vor der Welt versteckt. Ich mache mich für das Gegenteil stark: Literatur ist eine von vielen Türen zur Welt. Es sollte keinesfalls die einzige sein, die man durchschreitet, das wäre ignorant, aber sie eröffnet viele weitere Zugänge, die einem sonst womöglich verwehrt blieben.

Wie ist eigentlich das Leben als Literaturblogger? Hat deine Bloggertätigkeit grossen Einfluss auf deinen Alltag?

Das hat sie insofern, als ich mich nie ohne ein Buch in der Tasche aus dem Haus bewege und die täglich zurückzulegenden Strecken in den öV lesend verbringe. Des Weiteren sind mobiliare Auswirkungen zu spüren, da ich darauf bestehe, Bücher nicht nur zu lesen, sondern auch zu besitzen. Über die Grenzen zwischen Sammeln und Sucht mag gestritten werden. Allerdings ist es keineswegs so, dass mein Alltag vollkommen von der Bloggertätigkeit dominiert wäre.

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Du hast es wohl vermutet, dass wir dir diese Frage stellen werden: Wie entstand eigentlich die Idee, ausgerechnet einen Literaturblog zu starten?

Während meines Germanistik-Studiums hatte ich plötzlich eine Krise: Allzu oft entstand in Vorlesungen und Seminaren der Eindruck, Literaturwissenschaft heisse mit sechzigjährigen Theorien zweihundertjährige Texte analysieren. Die weitgehende Ausklammerung der Gegenwartsliteratur ist ein grosses Vergehen der Germanistik. Mit dem Fokus des Literaturblogs verschaffte ich mir selbst Abhilfe. Das Format der Rezension bietet zudem die Möglichkeit einer flexibleren und lebensnaheren Diskussion von Literatur, wie sie in wissenschaftlichen Arbeiten undenkbar wäre.

Einen Rezensionsblog zu betreiben ist sicher zeitaufwändig, immerhin musst du dafür viele Bücher lesen, recherchieren, die Beiträge verfassen und Kommentare beantworten. Findest du daneben noch Zeit für dich?

Einerseits empfinde ich auch die Zeit, die ich am Blog arbeite, als „Zeit für mich“, weil es mir riesigen Spass bereitet. Andererseits richte ich es mir so ein, dass ich auch neben Bloggen, Studium und Arbeit noch genug freie Zeit habe, das ist wichtig, zumal ich von Zeit zu Zeit noch für einen weiteren Blog rezensiere. Im Notfall gibt es dann halt manchmal längere Zeit keinen Blogeintrag, was ich jedoch mit Hilfe von Gastautoren usw. so gut es geht zu verhindern suche.

Dein Blog ist seit 2013 aktiv und hat bereits eine ansehnliche Leserschaft. Was ist dein Erfolgsrezept?

Ich vermute, ein Teil des Rezepts ist, dass ich meinen Lesern Geduld zumute. Die klügsten Köpfe meiner Generation verbringen ihre Tage ja zum Beispiel damit, darüber nachzudenken, welche keywords und tags ein Artikel enthalten muss, damit er möglichst viele Klicks generiert. An so etwas bin ich kaum interessiert. Ich betreibe auch kein offensives Marketing über Soziale Netzwerke, sondern nutze diese dezent. Wer sich für Literatur interessiert, davon bin ich überzeugt, hat die Geduld eine ausführliche Rezension oder auch mal einen längeren Essay zu lesen. Was letztlich zählt, ist nicht eine Klickrate, sondern eine wiederkehrende Leserschaft und diese kommt nicht zurück, weil sie Keywords bestaunen will, sondern weil sie qualitativ hochwertige und informative Texte lesen möchte.

Auf der „About“-Seite deines Blogs steht ein Zitat von Daniela Strigl, das du als dein Credo bezeichnest: „Der Kritiker behelligt seine Leser nicht mit Übellaunigkeit und Überdruss. Er kultiviert sein unausrottbares Vergnügen am Lesen und am Schreiben.” Wie setzt du diese Einstellung in deinen Beiträgen um?

Ich verzichte auf Verrisse. Lese ich ein Buch, mit dem ich wirklich gar nichts anfangen kann, rezensiere ich es nicht. Mir geht es darum, den Lesern Bücher näherzubringen, die ich für wertvolle Lektüre halte und keinesfalls solche, deren ich selbst überdrüssig bin. Im Gegenzug sollen natürlich auch keine blinden Lobeshymnen auf dem Blog erscheinen. Dieses „unausrottbare Vergnügen“ ist das Vergnügen am reflektierten Sprechen über die Literatur.

Rezensionen sind etwas, das sehr unterschiedliche Leser anspricht, von den eingefleischten Literaturfans und Büchernarren, bis hin zu den Gelegenheits-Lesern, die auf der Suche nach einer Besprechung eines ganz bestimmten Buches sind. An was für einem Zielpublikum orientierst du dich beim Verfassen deiner Rezensionen?

Ich orientiere mich an keiner spezifischen Lesergruppe. Fussballtrainer sagen manchmal: „Was der Gegner macht, ist egal, wir müssen uns auf unser eigenes Spiel konzentrieren.“ Ich glaube, das trifft im übertragenen Sinne auch auf meine Art des Schreibens zu. Wenn ein Text eine hervorragende Leistung abliefert, trifft er idealerweise bei eingefleischten Literaten, Büchernarren und Gelegenheitslesern gleichermassen ins Schwarze.

Obwohl du die meisten Beiträge verfasst, so arbeitest du auch mit Gast- und Mitrezensenten. Wie gestaltet sich diese Zusammenarbeit und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Bislang hatte ich das Glück, alle Gast- und Mitrezensenten persönlich zu kennen, weshalb die Kommunikation unkompliziert und auf derselben Wellenlänge funktionierte. Eine ideale Situation. Ich habe als Administrator die Möglichkeit, andere Autoren mit gewissen Publikationsrechten auszustatten, wovon ich auch Gebrauch mache. Als „Erfinder“ der Seite fühle ich mich für die Inhalte und das Layout dennoch verantwortlich und bürge für die Qualität der Texte, so dass ich mir vorbehalte, kleine Änderungen vorzunehmen bzw. andere Autoren anhalte, gewisse Regeln zu befolgen.

Du legst einen Schwerpunkt auf europäische Gegenwartsliteratur, deckst jedoch trotzdem ein weites Feld ab. An welchen Auswahlkriterien orientierst du dich bei der Auswahl der Werke?

Was die europäische Literatur betrifft, lege ich Wert darauf, Autoren möglichst vieler verschiedener Länder zu berücksichtigen, so dass ein ausgewogenes Programm zusammenkommt. Abhängig ist die Wahl bei fremdsprachiger Literatur natürlich davon, welche Titel überhaupt ins Deutsche übersetzt werden. Des Weiteren achte ich auch darauf, Publikationen möglichst vieler Verlage zu berücksichtigen und Autoren, die mich überzeugt haben, weiterzuverfolgen (Was sich nach einem Jahr Tätigkeit natürlich noch nicht so deutlich zeigt).

Du erwähnst auf deinem Blog, dass dir besonders daran gelegen ist, junge Autoren und Literaturprojekte aus der Schweiz vorzustellen. Kannst du uns verraten, weshalb dir das wichtig ist?

Obwohl der zahlenmässige Hauptteil der Leserschaft aus Deutschland kommt, hat die Seite überdurchschnittlich viele Besucher aus der Schweiz, wo ich ja auch zuhause bin. Beiträge zu Themen mit Schweizer Bezug stossen für gewöhnlich auf grosse Resonanz. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Schweizer Literatur auf der einen, Themen der Schweizer Tagesaktualität auf der anderen Seite ist mir wichtig, weil sie mich persönlich nicht nur intellektuell, sondern auch emotional betreffen. Die Essays zur Masseneinwanderungsinitiative, das Buch zum Fall Daniel Saladin oder José Ribeauds Studie über den Zwist unserer vier Landessprachen – das sind beispielsweise alles Publikationen zu Themen, mit denen man als Schweizer auch im Alltag immer wieder konfrontiert wird. Die Bücher helfen, neue Sichtweisen auf die Themen zu erlangen, den Geist für andere Überzeugungen zu sensibilisieren, die vielleicht nicht zuletzt der eigene Nachbar vertritt.

Auf buecherrezension.com gibt es nicht nur Rezensionen, sondern auch weitere Kategorien. Unter dem Namen „Lebens-Lagen“ findet man bei dir Besprechungen und Auszüge von Tagebüchern und Briefwechseln und unter der Rubrik „Text-Formen“ widmest du dich unkonventionellen Präsentationsformen literarischer Texte. Wie kamst du auf diese Kategorien und wieso sollten sich unsere Leser dafür interessieren?

Bei den Lebens-Lagen war es so, dass ich als Kontrast zum teilweise ja eher abstrakten Schreiben über die Werke, etwas Alltägliches, „Banales“ bringen wollte. Manchmal ist einem eben nicht danach, über Sein oder Nicht-Sein nachzudenken und man möchte lieber wissen, was Shakespeare auf sein Frühstücksbrot geschmiert hat – salopp gesagt. Hierin liegt ein Reiz dieser Rubrik: Sich durch ihre eigenen Aufzeichnungen den Menschen hinter bekannten Texten zu nähern. Text-Formen auf der anderen Seite entstand ursprünglich als Rubrik zum Vorstellen spezieller Publikationen u.ä., Formen eben, die sich den gängigen Schemata von literarischer Produktion und Präsentation entziehen. Euer Clue Writing gehörte da etwa auch mit dazu. Das Problem mit solchen Rubriken ist, dass sie nach einer gewissen Regelmässigkeit verlangen, woran ich wiederum regelmässig scheitere, weshalb es gerade in letzter Zeit zu einer ‚Sendepause‘ gekommen ist. Diese wird jedoch bald behoben ; )

Ein Blog ist in einem gewissen Rahmen immer auch ein interaktives Format, vor allem dank der Kommentarfunktion. Wie erlebst du den Kontakt mit deinen Lesern?

Den Kontakt erlebe ich als sehr fruchtbringend und angeregt, fernab jener Gehässigkeit, die vielleicht manch einer mit Online-Kommentaren verbindet. Es ist schön zu sehen, wie gerne sich die Leser und häufig auch andere Literaturblogger vernetzen, kommentieren und diskutieren. Zu meinen Zukunftsplänen gehört es auch, diese Diskussionen noch wesentlich gezielter anzuregen, denn das Potenzial des Mediums Online-Kommentar ist noch lange nicht vollständig ausgeschöpft.

Die meisten Blogger sind auch nebst ihrem Blog online aktiv, beispielsweise auf sozialen Netzwerken. Welche Plattform liegt dir als Literaturblogger und Leser am nächsten und weshalb?

Ich habe neulich einen Spruch gehört: „Facebook ist für Leute, die zu viel Zeit und nichts zu sagen haben, Twitter ist für Leute, die zwar keine Zeit, aber trotzdem viel zu sagen haben.“ Das ist vielleicht etwas zu drastisch, aber im Kern trifft es durchaus zu. Twitter liegt mir auch näher, weil die Vernetzung mit Verlagen oder Autoren leichter fällt – das schätze ich als Blogger und auch als Konsument sehr. Nichtsdestotrotz hat auch Facebook seine guten Seiten und ich würde allen Bloggern ans Herz legen, einen Account auf beiden Netzwerken zu pflegen.

Nachdem du bereits eifrig viele Rezensionen veröffentlicht hast, kannst du ein Buch nennen, das du vorbehaltslos allen Lesern empfehlen könntest oder eines, bei dem du jedem von der Lektüre abraten würdest?

Ganz selten gibt es diese Konsensbücher, die schlicht allen zu gefallen scheinen, vielleicht weil sie intellektuellen und emotionalen Ansprüchen gleichermassen Genüge tun und handwerklich perfekt gearbeitet sind. Von all den Werken, die ich rezensiert habe, ist bislang „Der Trafikant“ von Robert Seethaler dasjenige, das ich vorbehaltlos (fast) allen Lesern empfehlen würde. Im Gegenzug fände ich es auch spannend, mal jemandem zu begegnen, dem dieses Buch nicht gefallen hat.

Sicher hast du für deinen Blog einige Zukunftspläne – möchtest du unseren Clue-Readern davon etwas verraten oder sind sie noch geheim?

Es gibt etliche Ideen, was man verbessern, erneuern, variieren könnte. Konkret aber möchte ich in naher Zukunft vor allem Folgendes: mehr Gastrezensenten gewinnen, die Literaturvermittlung auch ‚nach draussen‘ tragen (z.B. Buchvorstellungen in Bibliotheken, was ich sporadisch bereits mache), aktiver Kommentare und Diskussionen anregen, und zwei oder drei neue regelmässige Rubriken auf dem Blog etablieren, unter anderem auch eine Art allgemeinen, nicht spezifisch literaturbezogenen Kulturkommentar und verschiedene Interviews.

Und zu guter Letzt haben wir eine nicht besonders ernste, aber nicht minder interessante Frage an dich: Dein Nutzername auf Twitter und der erste Teil deiner Mailadresse sind „vigoleisblog“. Möchtest du unseren Lesern erklären, was „Vigoleis“ ist und wie du auf den Namen gekommen bist?

Vigoleis war das Pseudonym des grossartigen (leider nach wie vor unterschätzten) deutschen Schriftstellers Albert Thelen, den ich hin und wieder mit einem Blog-Beitrag würdige. Seine Sprache, seine Fantasie und seine Courage faszinieren mich seit langem und immer wieder von neuem. Thelen wiederum hatte den Beinamen von einer mittelalterlichen Rittergestalt – aber das ist eine andere Geschichte…

Wir von Clue Writing möchten uns bei Marino Ferri herzlich für dieses Interview bedanken. Wir freuen uns darüber, dass es engagierte Literaturblogger wie ihn gibt, die in guter Qualität Rezensionen mit einem hohen Anspruch verfassen. Wir können unseren werten Clue Readern den Blog buecherrezension.com nur empfehlen und wünschen Marino weiterhin Erfolg mit seinem Projekt.t002 (2)

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Vielen Dank an Marino und unsere werten Leser
Eure Clue Writer
Rahel und Sarah

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Dieses Interview wurde von Sarah geführt.

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