Interview | Kerstin Scheuer

Werte Clue Reader,

unser heutiges Interview steht ganz im Zeichen des Bloggens, denn das neuste Opfer unseres Fragebombardements widmet sich der Leser Seite der Literatur.
Kerstin Scheuer veröffentlicht auf ihrem Blog Buchrezensionen, schreibt über E-Reading und nimmt an diversen Challenges teil. Ihre Blogbesucher sind dabei stets auf dem neusten Stand und können nicht bloss Kerstins Lesefortschritte mitverfolgen, sondern auch auf einen grossen und vielfältigen Fundus an Buchempfehlungen zählen. Zudem bittet die junge Katzenbesitzerin unter der Rubrik „Lieblingsleseplätze; eine Serie über BüchermenschenLiteraturschaffende zum Interview und lässt sie über ihre Lieblings-Leseplätze berichten. In fünf Fragen erfährt der interessierte Blogleser mehr über die Schmökergewohnheiten verschiedener Autoren, Rezensenten und Bloggern und findet dabei vielleicht selbst einen neuen Lieblingsplatz für sich und seine Bücher.

Die Freude an der Literatur begleitet Kerstin Scheuer seit ihrer frühen Jugend. Obwohl sie nicht beruflich mit der Buchbranche verbandelt ist, verbringt die Bloggerin einen grossen Teil ihres Alltags mit einem Buch oder E-Reader in der Hand und vernachlässigt dabei auch ab und an solche Nebensächlichkeiten wie Schlafen oder Essen – wer könnte es ihr verübeln?
Zwischen all der Arbeit, dem fleissigen Lesen und Bloggen engagiert sich Kerstin Scheuer ehrenamtlich im Vorstand einer politischen Partei und singt bei den New Voices Heppenheim im Alt. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass sie sich zum Ausgleich in den Down Dog begibt und neben dem Yoga-Shirt auch gerne ihre Laufschuhe oder den Schwimmanzug überstreift.

Hallo Kerstin,
bevor wir gleich an die knallharten Fragen zum Bloggerleben gehen, wollen wir uns erst entspannt auf der Yogamatte ausstrecken, uns mit drei tiefen Atemzügen in die Child-Pose begeben und fragen: Wenn du nur noch eine einzige Yoga-Übung machen könntest, welche wäre es?

Das ist aber eine gemeine Frage gleich zu Beginn! Je nach aktueller Tagesform und Gemütsverfassung variieren meine bevorzugten Assanas stark. Besonders gerne mag ich kraftvolle Haltungen wie z.B. den Helden. Aber auch ausgleichende Postionen wie den Baum mache ich gern.
Wenn es aber tatsächlich nur noch eine einzige Übung für den Rest meines Lebens sein sollte, dann würde ich mich wohl für den Sonnengruß Klassiker entscheiden. Diese Sequenz – ja, ich habe ein wenig getrickst – bietet einen schönen Wechsel aus An- und Entspannung, so dass man sich eigentlich immer das gerade passende für sich herausziehen kann.

Du bekennst dich auf deinem Blog als Vielleserin, die zuweilen auch mal alles um sich herum vergisst, wenn das Buch dich packt.
Wie bist du zum Lesen gekommen und erinnerst du dich an ein Werk, das dich vom Literaturfreund zum eingefleischten Lesefan gemacht hat?

Die Liebe zum Buch habe ich praktisch schon mit der Muttermilch aufgesogen. Auch meine Mama liest gerne und viel, so dass ich da schon früh geprägt wurde. Als Kind bekam ich gerne vorgelesen und wünschte mir sehnlichst eine eigene Brille, weil ich überzeugt war, dann endlich auch selbst lesen zu können. Schließlich ist meine Mutter Brillenträgerin und auch meine Omas haben immer eine Brille aufgesetzt, bevor sie mir vorlasen.
Wie sich herausstellte klappte das mit dem Lesen dann aber auch ganz ohne Brille. (Obwohl ich heute auch eine habe, ohne die ich wirklich total aufgeschmissen wäre.) Das erste „richtige“ Buch, das ich freiwillig und ganz alleine gelesen habe, war „Peterchens Mondfahrt“ von Gerdt von Bassewitz. Mensch, war ich damals stolz! Seitdem sieht man mich eigentlich nur noch selten ohne etwas zu lesen.

Wie ist danach aus der Lesenärrin eine Literaturbloggerin geworden? Gab es da einen Schlüsselmoment, der dich denken liess: „Jetzt will ich über Bücher schreiben!“, oder war das, wie bei uns, eher eine nächtliche Idee aus Langeweile?

Eigentlich war das mehr ein Prozess. Ich blogge nun schon seit einigen Jahren. Angefangen habe ich mit einem kleinen bunten Blog auf blog.de, der eher Tagebuch-Charakter hatte. Ich schrieb über alles schrieb, was mich so interessierte und beschäftigte: joggen, kochen & backen, meine Katzen, Gleichberechtigung etc. Einmal im Monat habe ich in einem Beitrag auch meinen aktuellen Lesemonat festgehalten. Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich eigentlich viel mehr zu den Büchern zu sagen hatte, als nur ein paar kurze Sätze. Also wurden aus dem monatlichen Beitrag einzelnen Beiträge pro Buch. Gleichzeitig gerieten die anderen Rubriken immer mehr in den Hintergrund. Schließlich gab es zu einer meiner Rezension eine sehr interessante Diskussion mit dem Autor, dessen Werk ich verrissen hatte. Das war der Punkt, an dem ich begriff, dass ich mit meinem Blog auch andere Leser erreiche. Damit formte sich in mir der Wunsch nach einem reinen Buchblog mit eigener Domain. Bis zur tatsächlichen Umsetzung vergingen aber dann trotzdem noch einmal gut 1,5 Jahre.

Als Buchrezensentin muss man vor allem anderen eines tun: Lesen! Dir scheint das ja meistens durchaus Spass zu machen, aber hat es dennoch Phasen in deinem Leben gegeben, während denen du dich dem geschrieben Wort verweigert hast?

Ja, solche Phasen kennt wohl jeder. Auch mich hat das Leben schon ein, zwei Mal so sehr in Anspruch genommen, dass mir die nötige Muße und Ruhe fehlte, um mich auf ein Buch konzentrieren zu können. Normalerweise ist ein gutes Buch für mich ja immer eine tolle Möglichkeit, um aus dem tristen Alltagsgrau auszubrechen. Es gab aber auch Situationen in meinem Leben, die mich zum Handeln zwangen und gut überlegte Entscheidungen verlangten; z.B. wenn eine Beziehung in die Brüche zu gehen drohte. An solchen „Problemen“ trage ich schwer und finde dann meist erst wieder Ruhe zum Lesen, wenn zu einem für mich stimmigen Ergebnis gekommen bin.
Auch während meiner Ausbildungszeit habe ich fast ausschließlich Fachliteratur gelesen. Ich habe berufs­begleitend zu einem Vollzeitjob im Sozialamt studiert. Zur entspannten Lektüre fehlte da schlichtweg die Zeit.

„So many books – so little time“, lautet die Überschrift deines Blogs. Aber nicht nur das Schmökern, sondern auch das Zusammenstellen der Blog-Inhalte braucht seine Zeit und erfordert zudem eine gehörige Portion Selbstdisziplin. Inwiefern beeinflusst deine Tätigkeit als Bloggerin deinen Alltag und kommst du dadurch auch in Zeitnot?

Es stimmt zwar schon, dass meine Tätigkeit als Bloggerin einige Zeit in Anspruch nimmt, bislang bewegt es sich aber in einem für mich vertretbaren Rahmen. Meine Artikel schreibe ich meist abends auf der Couch. Den Redaktionsplan habe ich außerdem auf meine anderen wöchentlichen Termine abgestimmt, so dass ich eigentlich nicht in echte Zeitnot gerate. Auch kündige ich meine Wochenplanung mittlerweile nicht mehr öffentlich an, so dass ich da auch mal den ein oder anderen Artikel verschieben kann, ohne dass das groß auffällt. Ich habe gelernt, mir diese Freiheit zu nehmen, um den Spaß am Bloggen nicht zu verlieren. Trotzdem gibt es feste Termine, die nie ausfallen: jeden Donnerstag gibt es einen Lieblingsleseplatz und jeden Sonntag eine Rezension. Der Rest ist für mich Kür, die ich flexibel handhabe.

An dieser Stelle muss ich mich aber auch bei meinem Lebensgefährten für sein großes Verständnis und seine Unterstützung bedanken. Sollte er sich jemals beschweren, er käme zu kurz, wäre das für mich ein Grund, etwas zu ändern. Bislang sehe ich diese Gefahr aber nicht.

Douglas Adams, Stephen King, Tommy Jaud, Astrid Waliszek, Lori Nelson Spielman, Michael Houllebecq… Wer sich durch deine Rezensionen wühlt, darf ein gesundes Mass an Abwechslung erwarten. Dennoch blitzt hier und da ein roter Faden auf, der deine Auswahl stimmig macht.
Gibt es Genres oder sogar Gattungen, die deinem roten Faden so gar nicht schmecken?

Ich lese ausschließlich nach dem Lustprinzip und treffe eigentlich keine bewusste Auswahl danach, was bei den Leserinnen und Lesern meines Blogs besonders gut ankommen könnte. Aber natürlich habe ich Vorliebe und bestimmte Genre und Gattungen liegen mir mehr als andere. Daraus ergibt sich dann ganz von alleine so etwas wie ein roter Faden.
Ich habe zum Beispiel herausgefunden, dass reine Tagebücher – ob nun fiktiv oder real – nichts für mich sind. Mit Dystopien tue ich mir ebenfalls schwer. Und auch die meisten Liebes- und Chicklitromane liegen mir nicht so, weil man es hier meist mit stereotypischen Charakteren zu tun hat. Grundsätzlich versuche ich aber für alles offen zu sein und auch einmal über den eigenen literarischen Tellerrand hinauszuschauen.

Du stellst deinen Besuchern vorwiegend Unterhaltungsliteratur vor, schreckst aber auch vor schwerverdaulichen Themen nicht zurück.
Gibt es bestimmte Themenbereiche, die dich besonders faszinieren und die vielleicht mehr als bloss literarische Neugier wecken?

Obwohl ich sehr bemüht bin, den Blog und meine (kommunal-)politische Tätigkeit klar zu trennen, verirrt sich immer mal wieder auch ein Buch zu einem politischen Thema auf meinen Blog. Vor allem Frauenpolitik und Fragen der Gleichberechtigung und sozialen Gerechtigkeit liegen mir sehr am Herzen. Ich lese gerne Biografien von bzw. über Menschen – am liebsten Frauen-, die sich über bestehende Grenzen hinwegsetzten und so Vorurteile aufdeckten und auf einem bestimmten Gebiet zu Vorreitern und Vorbildern für andere wurden. Die ein oder andere Biografie dieser Art habe ich auch schon auf meinem Blog rezensiert.

“Harry Potter”, “Fifty Shades of Grey” oder “The Hunger Games”, man muss meist nicht lange warten, bis der nächste Literaturwelterfolg in den Regalen steht. Und ja, manchmal freut man sich darüber und ein anderes Mal möchte man sich mit der flachen Hand gegen die Stirn klatschen.
Wie sähe der nächste internationale Bestseller aus, wenn du ihn schreiben würdest oder ist der sogar schon in Planung?

Heute habe ich keine schriftstellerischen Ambitionen mehr. Das überlasse ich sehr gerne kreativeren Menschen, als ich einer bin. Aber im Alter von 12, 13 Jahren sah das ganz anders aus. Damals las ich sehr gerne Abenteuer- und Detektivgeschichten und ärgerte mich darüber, dass es fast nur männliche Protagonisten gab und Mädchen bzw. Frauen immer als schwach und schutzbedürftig dargestellt wurden. Dem wollte ich notfalls selbst mit einem starken weiblichen Charakter abhelfen. Glücklicherweise war das dann aber doch nicht notwendig, denn es gibt längst sehr gute Jugendbuchautoren, die einige sehr sympathische, starke Protagonistinnen erschufen. Die Zwölfjährige in mir wünscht daher der Flavia de Luce-Reihe von Alan Bradley und Kai Meyers „Seiten der Welt“ weiterhin viele Leserinnen und Leser und internationalen Erfolg.

Jeder hat Laster, zumindest haben wir uns das sagen lassen. Nun nimmt es uns doch wunder, welches Literaturlaster du, vielleicht sogar heimlich, hegst.

Na gut. Weil Ihr es seid, verrate ich Euch ein kleines Geheimnis. So von Bloggerin zu Bloggerin. Ich lese gerne die Bücher von und über Extremsportler Joey Kelly. Auch wenn ich nie ein großer Fan der Kellys war und bin, ist das doch ein Thema, das mich privat sehr interessiert. Ich finde es beeindruckend, mit welch großer Selbstdisziplin Joey Kelly immer wieder über seinen eigenen körperlichen und psychischen Grenzen hinausgeht. Das lässt mich dann auch über den geringen literarischen Anspruch hinwegsehen.

Dein Bewertungssystem für die Rezensionen gehen vom Lieblingsbuch bis hin zu dem, das du nicht zu Ende lesen konntest.
Ist es dir auch schon mal schwergefallen, einem Autoren eine schlechte Kritik zu geben?

Mir fallen schlechte Kritiken grundsätzlich schwerer als gute. Jede schriftstellerische Leistung hat einen gewissen Grundrespekt verdient, finde ich. Gerade bei jüngeren, weniger bekannten Autorinnen und Autoren tut es mir immer ein bisschen leid, wenn ich das Buch im unteren Bereich einstufen muss. Schlechte Kritiken versuche ich daher immer besonders ausführlich zu begründen. So können andere Leserinnen und Leser für sich vielleicht doch noch etwas in einem Buch entdecken, das mir nicht so gut gefiel. Empfinde ich z.B. einen Erzählstil als „zu nüchtern“ kann ein jemand anderes genau diese Ausblendung von Emotionen besonders interessant finden.

Buchrezensionen ziehen sehr unterschiedliche Besucher vor den Bildschirm, seien es nun chronische Vielleser oder Gelegenheitsschmökerer.
Hast du beim Verfassen deiner Rezensionen ein bestimmtes Zielpublikum im Kopf und was möchtest du deinen Lesern mitgeben?

Mit meinen Rezensionen möchte ich in erster Linie meine eigene Lesebegeisterung mit anderen Menschen teilen bzw. weitergeben.

Obwohl ich grundsätzlich bestrebt bin, vom Vielleser bis zum Gelegenheitsschmökerer jedem etwas zu bieten, sehe ich mein eigentliches Zielpublikum irgendwo dazwischen. Am ehesten könnte man es wohl mit „regelmäßige Leser mit mittleren Lesepensum“ umschreiben. Ich rezensiere nicht ausschließlich Neuerscheinungen, sondern greife auch gerne einmal zu einem bereits etwas älteren Buch. Vielleser dürften die viele Bücher meiner Auswahl daher wohl bereits kennen. Ab und zu bespreche ich aber auch ein eher unbekanntes Indie-Buch wie zuletzt „Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi“ von Lola Shoneyin, das mir sehr gut gefiel.
Bei meinen Rezensionen gehe ich einzeln auf verschiedene Aspekte des Buchs ein, z.B. meinen ersten Eindruck, die Charaktere, die Sprache. Für jemanden, der nur gelegentlich liest, ist das vermutlich etwas zu ausführlich.

Ein Blog ist immer auch eine Plattform, um sich mit Gleichgesinnten oder Andersdenkenden auszutauschen und lebt nicht zuletzt auch von seiner Interaktivität.
Wie erlebst du den Kontakt mit deinen Lesern und erhältst du viele Reaktionen von den Autoren, deren Werke du rezensierst?

Ich schätze den Austausch mit anderen Lesern sehr. Dies war auch einer der Hauptgründe für mich, einen eigenen Buchblog zu starten. Erst vor kurzem habe ich in einem Beitrag dazu aufgerufen, häufiger zu kommentieren. Obwohl ich mich da auch immer wieder an die eigene Nase fassen muss.
Am spannendsten finde ich dabei Diskussionen mit Lesern, die einen vollkommen anderen Eindruck von einem Buch gewonnenen haben als ich. Das eröffnet mir immer ganz neue, ungewohnte Blickwinkel auf ein Buch. Manchmal nehme ich aus einem solchen Meinungsaustausch auch etwas für mich mit. Ich kann die Leser meines Blogs daher nur ermutigen, in Kommentaren ruhig auch abweichende Meinungen kundzutun. Sachlich begründet sind mir diese immer willkommen.

Twitter, Instagram, Goodreads, Tumblr… Die modernen Kommunikationswege haben nicht bloss unsere soziale Interaktion, sondern auch unser Leseverhalten revolutioniert.
Glaubst du, dass sich dadurch auch das Schreibverhalten der Autoren verändert hat, da direktes Feedback von Konsumenten immer und überall zugänglich geworden ist?

Ich denke, gerade Social Reading Plattformen wie z.B. Lovelybooks werden von Autoren und Verlagen gerne genutzt, um zu testen wie ein bestimmtes Buch beim Leser ankommt. Nie konnte man schneller und direkter Feedback von seiner Zielgruppe und seinen Lesern bekommen als heute. Gerade für neue, junge Autoren ist das natürlich spannend. Wer ein bisschen selbstreflektiert ist, kann hieraus bestimmt etwas für das eigene Schreiben mitnehmen. Andererseits sollte man als Autor dem einzelnen Feedback aber auch nicht zu viel Beachtung schenken. Schließlich kann man es nie allen Recht machen.

Als Befürworterin der digitalen Lesekultur stellst du auf deinem Blog zuweilen auch E-Reader und Hörbücher vor. Nun sind die meisten Leser begeistert von ihrem kleinen technischen Gefährten, dennoch trauern viele von uns dem geliebten Geruch von alten Büchern hinterher.
Was macht den E-Reader und das Hörbuch in deinen Augen ebenfalls würdig, zu Kultobjekten zu werden?

Ich finde E-Reader und Hörbücher einfach praktisch. Mit einem E-Reader habe ich nicht viel zu schleppen. Gerade bei fremdsprachigen Büchern liegen die Vorzüge eines E-Readers auf der Hand, denn die integrierten Wörterbücher und Übersetzungsfunktionen machen die Lektüre doch sehr viel komfortabler. Hörbücher nutze ich vor allem, um eher monotone, langweilige Tätigkeiten wie z.B. Bügeln oder längere Autofahrten angenehmer zu gestalten.
Darüber hinaus bietet das digitale Publizieren Autoren und Verlagen auch ganz neue Möglichkeiten. Ein E-Book lässt sich wesentlich schneller veröffentlichen als ein gedrucktes Buch. Hierdurch kann man ein Verlagsprogramm wesentlich aktueller und näher am politischen und gesellschaftlichen Geschehen ausrichten. Die neuen Digitalverlage wie der Mikrotext oder der Frohmann Verlag haben dies längst erkannt und bieten dem Leser spannende, aktuelle Themen, die nicht selten auch in literarischer Sicht interessante und unkonventionelle Wege gehen, bei denen sich klassische Verlage mit einem klassischen Printangebot noch immer schwer tun.

Du machst auch fleissig bei Challenges mit und kämpfst dich Buch für Buch durch die Literatur- und Weltgeschichte und sicher inspirieren diese Challenges auch dazu, neues zu entdecken.
Was muss eine Challenge oder auch ein bestimmtes Buch haben, dass du nicht wiederstehen kannst?

Ich entdecke immer sehr gerne neues. Bei Challenges interessieren mich vor allem solche, die mich über den eigenen literarischen Tellerrand hinaussehen lassen.
Die Weltenbummler-Challenge von Wörterkatze hat mich z.B. sofort begeistert. Ziel ist hierbei, innerhalb eines Jahres möglichst viele Länder der Welt literarisch zu bereisen. Fremde Kulturen und Länder haben mich schon immer interessiert. Durch meine literarische Weltreise lerne ich zudem noch neue Autoren kennen.
Auch an der Leserlieblingsbuchchallenge habe ich großen Spaß. Hier lese ich jeden Monat ein Lieblingsbuch eines Lesers meines Blogs. Auch hierdurch bin ich auf Bücher und Genre gestoßen, die ich sonst nie gelesen hätte. Die Trefferquote ist erstaunlich hoch; echte Fehlgriffe und komplette Enttäuschungen waren noch nicht dabei. Außerdem hat diese Challenge den netten Nebeneffekt, dass ich meine Leser etwas besser kennenlerne, jedes Lieblingsbuch sagt letztlich auch etwas über den Leser aus, der es mir vorschlug.

Als bekennender Horrorfilm-Fan, kennst dich auch literarisch mit diesem Genre aus. Was macht in deinen Augen ein so richtig toller Horror-Schinken aus und welche Vorteile hat der Horrorroman gegenüber seinem filmischen Pendant?

Das Horror-Genre wird ja gerne als „trashig“ und „Schund“ verschrieben. Für mich hat es aber dennoch eine Daseinsberechtigung. Besonders in beruflich sehr turbolenten Zeiten möchte ich beim Lesen einfach nur Abschalten, ohne mich geistig groß anstrengen zu müssen. Ich habe festgestellt, dass mir das am besten bei einem guten Horror-Schinken gelingt. Die allgemeine Formel „je blutiger desto besser“ gilt für mich dabei aber nicht unbedingt. Lieber sind mir solche Horrorromane, bei denen sich das Grauen mehr auf der psychischen Ebene abspielt. Wenn sich menschliche Abgründe auftun und sich der Horror so langsam aber unaufhaltsam einen Weg in den Alltag bahnt, bin ich in meinem Element. Dass die Dinge, von denen ich in Horrorromanen lese, rein gar nichts mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun haben, macht die Lektüre für mich so entspannend. Hier gibt es nichts zu interpretieren, sondern es geht um den reinen Konsum: lesen, gruseln und vergessen.
Ich habe aber auch nichts gegen einen guten Horror-Film. Sonntags schaue ich bei Kaffee und Kuchen gerne eine Folge von „The Walking Dead“. Allerdings beschränken Filme immer die eigene Fantasie. Gerade für das Horror-Genre finde ich das schade. Schließlich spielt das Horror-Genre ja mit Ängsten, und wer könnte meine Ängste besser kennen, als ich selbst. Meine eigenen Bilder, die ich beim Lesen entwickele, wirken deshalb meist stärker als die eines Films.

Du verrätst uns auf deiner Seite, dass du vorwiegend auf dem Arbeitsweg liest und der Bahnsitz dein angestammter Leseplatz ist.
Welcher Typus Sitznachbar ist der nervigste, wenn du dich auf dein Buch konzentrieren möchtest?

Vor kurzem saß eine junge Frau neben mir, die bereits zum Handy griff, bevor sie überhaupt richtig saß. Die komplette einstündige Zugfahrt hat sie dann lautstark mit ihrer Freundin telefonierend verbracht und dabei ihr Date am vorherigen Abend vollständig und detailreich wiedergegeben. Ans Lesen war so nicht zu denken. Dafür bin ich nun bestens über die körperlichen Vorzüge dieses mir unbekannten Mannes informiert. Zum Glück entwickelt man mit der Zeit ein gewisses Radar für solche Reisegenossen und wählt seinen Sitzplatz entsprechend.
Wesentlich schwerer einzuschätzen aber dafür nicht minder nervig sind mit offenem Mund Kaugummi kauende Zeitgenossen oder Mitfahrer, die trotz Erkältung ohne Taschentücher unterwegs sind und alle paar Minuten geräuschvoll die Nase hoch ziehen. Nennt mich pedantisch – oder wie meine Mutter schlicht „Monk“ nach dem Ermittler der gleichnamigen TV-Serie – aber so ein permanentes Geknatsche und Geschniefe kann mich echt an den Rand der Verzweiflung treiben.

Auf deiner Seite gibt es die Rubrik „Lieblingsleseplätze; eine Serie über Büchermenschen“, in welcher du Literaturschaffenden aller Art Fragen zu ihren Lesegewohnheiten stellst. Ein grosses „Dankeschön“ nochmal, dass wir auch haben mitmachen dürfen!
Nun unsere Fragen zu den deinigen: Was ist es, das dich an den Lieblingsplätzen anderer Leser interessiert und gibt der Lieblingssessel auch etwas über die Lesegewohnheiten preis?

Die Lieblingsleseplätze sind eine wunderbare Möglichkeit, etwas mehr über den Mensch hinter dem Buch bzw. E-Reader zu erfahren, ohne allzu aufdringlich zu wirken.
Schließlich hat Lesen für die Menschen ganz unterschiedliche Funktionen: Manch einem dient es als Rückzug von der Außenwelt und ist pure Ablenkung und Unterhaltung. Lesen kann aber auch dazu dienen, sich mit einem bestimmten Thema auseinander zu setzen. (Das gilt nicht nur für Sachbücher.)
Wie jemand den eigenen Leseplatz gestaltet, sagt häufig auch etwas dazu aus, welche Bedeutung das Lesen für denjenigen hat. Manche ziehen sich auch körperlich zurück und lesen z.B. am liebsten im Bett. Andere wählen wiederum ein Café. Ich wage zu behaupten, dass man hieraus selbst Genrevorlieben herleiten könnte.

In deinen Interviews hast du nun schon mit Autoren, Journalisten, Youtubern und Herausgebern zusammengearbeitet, die deine Freude an der Literatur teilen.
Was ist für dich persönlich das Schönste an diesen Kollaborationen und hat sich daraus auch schon eine Lesefreundschaft entwickelt?

Ich biete auf meinem Blog anderen gerne eine Plattform, um sich selbst und das aktuelles literarisches Projekt kurz vorzustellen. So werden meine Leser auch auf andere Blogs, neue Aktionen, interessante Debütromane u.a. aufmerksam. Zudem ist es natürlich auch für meinen Blog eine tolle Möglichkeit, neue Leser zugewinnen. Viele Büchermenschen, deren Lieblingsleseplatz ich bereits vorstellen durfte, freuen sich sehr über meinen Beitrag und machen auf ihren Social Media-Kanälen und/oder dem eigenen Blog darauf aufmerksam. Für die Reichweite meines Blogs ist das natürlich super!

Zudem lernte auch ich so schon viele nette und interessante Menschen und Literaturprojekte kennen, auf die ich sonst nie aufmerksam geworden wäre. Einige sind mittlerweile tatsächlich zu echten Lesefreunden geworden, mit denen ich mich sehr gerne austausche. Auch sind bereits weitere Kollaborationen daraus entstanden bzw. in Planung. So durfte ich z.B. Jennifer Hilgerts Gedichtband „Voll.Verdichtet – 66 Kurze“, der mir sehr gefiel, für die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ zum Welttag des Buches verlosen.

Gestern ist ein Raumschiff gelandet und die ausserirdischen Besucher geben dir die Aufgabe, ihnen anhand eines Buches den Wert der Menschheit zu zeigen. Welches Buch rettet uns vor der Phaser-Kanone?

Oh, nur ein Buch?! Da muss ich erst einmal drüber nachdenken…

Vier Tage später:
Ich fürchte, es wäre mir nicht möglich, nur ein einziges Buch auszuwählen. Obwohl ich nun schon eine ganze Weile darüber nachdenke, fällt mir die Wahl extrem schwer. In so einer Situation wäre ich daher wohl erst recht nicht dazu in der Lage.
Aber ich könnte locker einen kleineren Kanon mit 50 bis 100 Büchern zusammenstellen, welche den Aliens in ihrer Gesamtheit einen guten Überblick über den Wert der Menschheit verschaffen würden. Und wer weiß, mit etwas Glück wären sie damit erst einmal eine Weile beschäftigt…

Wir von Clue Writing möchten uns herzlich bei Kerstin Scheuer bedanken, dass sie sich die Zeit genommen hat, unsere Fragen zu beantworten.
Wir freuen uns darüber, so engagierte und leseversessene Bloggerkollegen wie Kerstin in der digitalen Nachbarschaft zu wissen. Wer Inspiration für den nächsten Handtaschen- oder Rucksackbegleiter sucht, in die Leseecken von Literaturschaffenden schmulen möchte oder Kerstin dabei zusehen will, wie sie sich durch die Buchwelt liest, sollte unbedingt bei ihr vorbeischauen.

Besucht Kerstin Scheuer auf ihren Seiten:
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Vielen lieben Dank an Kerstin und an unsere werten Leser
Eure Clue Writer
Rahel und Sarah

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Dieses Interview wurde von Rahel geführt.

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