Clue Writing Interview: Rahel

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Heute spreche ich als Sarah zu euch und lasse das „Wir“ weg, welches ihr uns sonst von uns gewohnt seid. Mein scheinbar einsames Auftreten mag etwas verwirrend sein, gehört aber zur Feier des heutigen Anlasses dazu. Heute wird sich nämlich Rahel, unsere hauseigene Clue Writerin, dem Interview stellen.
Wie den meisten von euch wahrscheinlich bekannt ist, schreibe ich mit Rahel seit 2012 an Clue Writing und bislang haben sich ihre schriftstellerischen Ambitionen damit begnügt, fleissig Kurzgeschichten aus allen erdenklichen Genres zu verfassen und zu verpodcasten. Das hat sich im letzten Winter durch die Teilnahme an einem Literaturwettbewerb allerdings geändert und bringt uns nun zu diesem Interview. Wieso, weshalb und warum ich Rahel mit Fragen löchere, hat zwei Gründe: Zum einen ist Rahels Kurzroman kürzlich erschienen (das kurze Wortspiel soll mir verziehen werden) und wir sind der Eigenwerbung nun nicht ganz abgeneigt. Zudem gehört ihr Erstling in das Horror-Genre und passt von daher vorzüglich in unseren Clue Writing Horror-Monat.

Jetzt sollte ich euch etwas über Rahel erzählen, genau, die Rahel, die ihr schon seit langem kennt und bewundert, doch ich bin der Überzeugung, dass ich euch besser auf unsere „Wer sind wir?“-Seite verweise, denn so kann ich euch mit einem Zwinkern gleich noch dazu verleiten, mehr von Clue Writing zu entdecken. Nur so viel sei gesagt: Ich kann Rahel wirklich gut leiden, arbeite seit längerer Zeit mit ihr zusammen und kann trotz meinem Versuch, so objektiv wie möglich zu bleiben, nicht leugnen, dass dieses Interview unter Freunden stattfindet. Ob das für Rahel nun ein Vorteil, ein Nachteil oder schlicht irrelevant ist, weiss ich nicht, nur wollten wir das der Transparenz wegen erwähnt haben.
Jetzt, ohne weitere Umschweife, Deklarationen und Eigenwerbung, wollen wir uns sofort in das Interview stürzen…

So, meine werte Co-Redakteurin,
setzen wir uns mit vollen Kaffeetassen hin, so wie immer, wenn wir eine unserer legendären Redaktionssitzungen haben. Bewundern wir unsere gelben Bleistifte und fangen wir mit etwas an, das nicht besonders viel mit deinem Buch zu tun hat. Starker oder schwacher Kaffee?

Hach, das musste ja kommen. Lasst mich rasch erklären: Sarah und ich kennen uns schon so lange, dass wir Gefahr liefen, ihr würdet uns für uralt halten, wenn ich euch verriete, wie viele Jahre unsere Freundschaft schon besteht. Beinahe genauso alt, wenn nicht gar historisch, sind unsere Meinungsverschiedenheiten, wenn es um das schwarze Gold der Tasse geht. Während Sarah ihren Kaffee stark, authentisch italienisch, geniesst, ist meine Beziehung zum Lebenselixier eher pragmatisch. Mein Lieblingskaffee ist der, welcher gerade vor mir steht oder möglichst schnell auf meinem Tisch landet. Alleine durch die absurde Menge, die ich tagtäglich schlürfe, gebietet mir mein Verstand, mich mit schwachem, böse Zungen behaupten wässrigem, Kaffee zu begnügen. Aber ich verrate euch jetzt etwas, das nicht einmal Sarah weiss: Der erste Kaffee des Tages ist immer ein doppelter Espresso. Etwas kalte Milch hinein und ich bin glücklich.

Unsere geneigten Clue Reader kennen dich bisher vor allem als Schreiberling unserer Kurzgeschichten und als die liebliche Stimme, die ihre Gehörgänge am Anfang und Ende jeder Clue Cast Episode kitzelt. Und jetzt ist diesen Monat deine Geschichte „Nach Hause“ beim Droemer-Knaur-Verlag erschienen. Wie kam es dazu?

978-3-426-43662-2_DruckLange Geschichte kurz: Wir haben gemeinsam an einem Schreibwettbewerb teilgenommen, mit der Absicht, Clue Writing in die Gehirne diverser Verlage zu schmuggeln – ja, wir sind berechnend, wie zu erwarten war. Vorgegeben war eine Kurzgeschichte in 30‘000 Zeichen, die am Halloweentag spielen und irgendwie horroresk sein sollte. Der Text wurde getippt, versandt und einige Monate später habe ich erfahren, dass mein Beitrag nicht bloss zu den drei Erstplatzierten gehört, sondern aus der Kurzgeschichte ein Kurzroman entstehen soll.
Ich könnte euch jetzt erzählen, dass es schon lange mein Traum gewesen sei, verlegt zu werden. In Tat und Wahrheit war die ganze Aktion aber durch und durch spontan und überraschend für mich. Die Teilnahme am Wettbewerb hat mir zwar wahnsinnigen Spass gemacht – immerhin durfte ich meiner Leidenschaft für Horror frönen – mit dem Sieg habe ich allerdings nie gerechnet und noch weniger damit, dass die werten Damen und Herren von Droemer-Knaur mich danach in ihren Reihen schrifstellern lassen.
Für mich persönlich war der Start meines Erstlings also ein halbblinder Griff in die Glückskiste und ein kleines Bisschen auch der Lohn für die Arbeit, die wir mit und für Clue Writing leisten.

Du musstest den Text basierend auf einer Kurzgeschichte schreiben, die bedeutend weniger Seiten hatte als der fertige Roman. Ich kann mir vorstellen, dass es eine ziemliche Herausforderung ist, den Umfang eines Textes zu verzehnfachen. Wie bist du dabei vorgegangen?

Du meinst, nachdem ich erst mal drei Wochen breit grinsend, perplex und blockiert vor dem Manuskript gesessen war?
Angefangen habe ich damit, das bestehende Manuskript, also die Kurzgeschichte, auseinanderzupflücken und daraus eine ordentliche Plot Zeitachse aufzubauen. Gleichzeitig habe ich ausführliche Charakterisierungen für meine Protagonisten aufgesetzt und diese mit allen möglichen Details zu ihrem Leben erweitert. Weil ich damals noch nicht so richtig wusste, wie ich weitermachen soll, habe ich dann einige Zeit damit verbracht, die Umwelt, also alles von politischen Gegebenheiten bis hin zur Bestuhlung in der Küche, festzuhalten, damit ich später nicht am laufenden Band Ungereimtheiten fabriziere.
Dann kam der für mich schwierigste Teil: Ich musste meinen Plot so ausbauen, dass ich den gewünschten Umfang erreichen kann. Natürlich konnte ich nicht einfach die ursprünglichen vierzehn Seiten auf das Zehnfache aufblasen – das hätte nur zu ellenlangen Beschreibungen geführt, die jeden noch so stahlharten Geduldsfaden zerfetzt hätten. Stattdessen begann ich weitere Teile in den Plot einzuflechten und überlegte mir, welche Handlungsebenen ich glaubwürdig integrieren könnte.

Jetzt mal Tacheles und ohne Liebe für Euphemismen: Das ganze Unterfangen ist mir unheimlich schwergefallen. Gerade weil ich nicht damit rechnete, dass ich den Wettbewerb gewinnen könnte, war „Nach Hause“ nie als Roman geplant, sondern sollte auf kurzen Beinen stehen können. Den Plot dermassen zu erweitern, ohne zu sehr vom Ausgangsmaterial abzuweichen oder den Spannungsbogen zu zerstören, war wohl die schwierigste Aufgabe, die ich als Autor jemals zu meistern hatte. Ob es geklappt hat oder nicht, kann nun nur der Leser beantworten.

„Nach Hause“ ist ja dein Erstlingswerk und so konntest du auch deine ersten Erlebnisse in der Verlagswelt sammeln und Neues dazulernen. Wie sind deine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit dem Verlag als Erstlingsautorin?

Im Grossen und Ganzen kann und will ich nur Gutes berichten. Der Umgang mit den werten Damen und Herren Verlagsmenschen war freundlich und ich konnte bei jedem Zwischenschritt miterleben, dass man sich wirklich sehr grosse Mühe gibt, mein Werk (sowie das aller anderen Autoren) so gut wie möglich umzusetzen. Ich hatte jederzeit die Gelegenheit mich mit Fragen an den Verlag zu wenden und hätte sicher noch mehr um Input bitten können und sollen. Ebenfalls konnte ich durch das Lektorat viele Einsichten zu meiner Schreiberei gewinnen – ich habe nicht nur dazugelernt, wie ich mich verbessern kann, sondern auch erkannt, welche Dinge mir als Autor wichtig sind und ich unbedingt beibehalten will.
Ich kann aufrichtig behaupten, dass ich voll und ganz hinter den Entscheidungen stehe, die der Verlag für „Nach Hause“ getroffen hat und fand es lehrreich sowie spannend einen kleinen Einblick hinter die Kulissen zu erhalten.

Wer uns auf Twitter folgt hat aber wohl mitbekommen, dass die Zusammenarbeit für mich teils auch eine Herausforderung war. Die Informationskultur war für mich zeitweise etwas frustrierend. Ich selbst schätze es sehr, wenn Informationen, die mich betreffen möglichst rasch bei mir ankommen, damit ich frühzeitig planen kann und das war leider nicht ausnahmslos der Fall. Dadurch kam es an meinem Ende zu terminlichen Engpässen, die mit etwas Voraussicht hätten vermieden werden können. So wären nicht nur mir, sondern auch den Lektoren und Korrektoren etwas Stress erspart geblieben.
Ein Grossteil der wenigen Schwierigkeiten die es in der Zusammenarbeit gab, lag definitiv an meiner Unerfahrenheit. Hier und da bin ich über Nebensächlichkeiten gestolpert, die mir als Erstlingsautor noch nicht bewusst waren oder die ich schlichtweg anders interpretiert hatte. Sollte ich also noch einmal die Chance bekommen, von einem Verlag publiziert zu werden, weiss ich Bescheid und werde häufiger Kontakt aufnehmen, um zu erfahren, wie die Dinge derzeit stehen oder aber konkret darum bitten, dass man mich bei Änderungen auf dem Laufenden hält.

Jetzt, da du offiziell zum Meister des Horrors geworden bist, stellt sich natürlich die grosse Frage: Was ist deine Verbindung zu dem höchst vielseitigen Genre des Metzelns, Mordens, Traumatisierens, Schlitzes und Infizierens?

Ha! Das einzig Positive an meinem Nachnamen ist ja wohl, dass alles, aber wirklich alles, was ich mache automatisch zu einem Meisterwerk wird. Okay, Quatsch beiseite, lasst mich eine übertrieben analytische Antwort auf deine Frage geben…

Wer mich kennt der weiss: Rahel ist oftmals überfordert mit dem Zwischenmenschlichen. Das soll jetzt kein Lamento werden, doch ich kann nicht abstreiten, dass sich mir das Verhalten meiner Mitmenschen oft nur auf sehr trockener, rationaler Ebene erschliesst. Da ich nun ein interessiertes Tierchen bin, das Rätsel lösen und Mysterien lüften will, bin ich vollkommen fasziniert von menschlichen Verhaltensweisen, gerade weil ich sie oft nicht verstehe – zumindest nicht intuitiv. Und der einfachste, schnellste Weg ein Muster zu durchschauen ist meist der Blick auf seine extremsten Ausprägungen und genau da kommt unter anderem das Horror Genre zum Zug.

Ich will nun nicht behaupten, dass Horror immer eine valide, psychologische Komponente beinhaltet (tut es nicht, teilweise nicht mal ansatzweise und oft driftet es sogar ins komplette Gegenteil ab), aber damit hat es für mich angefangen. Als Kind war meine Lieblingssendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ und das nicht in erster Linie, weil mich die Kriminalfälle interessierten, sondern vielmehr die scheusslichen Taten. Natürlich habe ich mir als kleiner Naseweis keine Gedanken darüber gemacht, weshalb mich das fesselt, ich war schlicht und einfach neugierig, weshalb es Leute gibt, die anderen Schaden zufügen – ich war schon damals ein friedlicher Zeitgenosse. Später erhoffte ich mir durch das Verständnis der Extreme einen Einblick in das Normale zu erhalten. Was bewegt einen Menschen, einen anderen zu quälen und zu töten? Welche Triebe verstecken sich hinter Rachsucht, Gier, Eifersucht oder purem Sadismus? Und, noch viel wichtiger, welche Muster verbergen sich hinter diesem Verhalten und inwiefern prägen sich diese auf das Verhalten eines normalen, gesetzestreuen Mitmenschen aus?
Ob ich nun Erkenntnisse gewonnen habe, die mir den Zugang zu meinen Mitmenschen erleichtern oder nicht, kann ich nicht wirklich beantworten. Aber über die Jahre hinweg hat sich meine anfängliche Neugier in ein kleines Hobby entwickelt, dass mir manchen Abend mit Popcorn und Zombies versüsst. Das Beste, Tollste und sowieso und überhaupt Genialste am Horror ist schlussendlich nicht die blutverschmierte Leiche, sondern das Werweisen über die Motivation der Täter und darüber, wie die Situation hätte verhindert werden können.

Okay, das ist meine unnötig verworrene Antwort… Das und: „Ich mag Zombies!“

Deine Erzählung lässt sich ziemlich schwer in Horror-Subgenres zuordnen. Obwohl einige Szenen ziemlich graphisch sind, kann eher von „Gore“ als von „Splatter“ gesprochen werden, hauptsächlich jedoch von „Mindfuck“ – gibt es eine bestimmte Art von Horror, die dir besonders leicht von der Feder, pardon, der Tastatur läuft und ist es dieselbe, die du am liebsten liest?

Ich liebe Horror, der den Mensch und nicht seine Eingeweide in den Fokus stellt, jedenfalls wenn ich ihn ernstnehmen will. Aber auch Splatter bereitet mir ab und an Spass und ja, „Spass“ ist in der Tat das richtige Wort, weil es mir ab einem gewissen Punkt nicht mehr möglich ist, Gewaltdarstellungen als etwas anderes, als lächerlich übertriebene Unterhaltung im Slapstick-Stil aufzufassen – wer mir nicht glaubt, sollte sich „Dead Alive“ aka „Braindead“ ansehen.
Wirklich begeistert bin ich von Horror, der beides in Einklang bringt, der aufzeigt, was im Kopf der Protagonisten abgeht, ohne es minutiös auszuformulieren und den Puls ob (nerven-) zerreissender Ereignisse in die Höhe treibt.

Ich selbst schreibe eigentlich beides gerne und bin darum bemüht, beides gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen. Ob ich das gut mache oder nicht, kann ich selbst kaum beurteilen, genauso wenig wie ich meine eigenen Tippfehler erspähen kann. Und das mit dem „besonders leicht von der Tastatur laufen“ ist so eine Sache… Egal was ich schreibe, ob es ein Text für Clue Writing oder die Mail an meinen Kumpel ist, manchmal läuft es, manchmal eben nicht. Ich vermute da einen Zusammenhang mit meinem Kaffeekonsum…

Die Handlung von „Nach Hause“ folgt den beiden Brüdern Devin und Finn, die sich in einer postapokalyptischen Welt auf eine Reise begeben, um ihr altes Elternhaus weit ausserhalb der sicheren Zone zu besuchen. Wie muss eine solche postapokalyptische Welt aussehen, damit sie realistisch auf die Leser wirkt und was sind die gängigsten Fehler, die Horror- und Abenteuer-Schreiberlinge dabei machen?

Als erstes stellt sich die Frage, ob man überhaupt ein realistisches Szenario kreieren will oder ob man sich lieber an übernatürliche Erklärungen hält, die innerhalb des Universums konstant umgesetzt werden. Als nächstes sollte man sich überlegen, wie viel Realismus und Logik der Leser braucht, denn wenn man jedes Detail erklärt und bis zum Gehtnichtmehr erläutert, kann man statt einer Geschichte auch eine Abhandlung verfassen.
In „Nach Hause“ habe ich zum Beispiel nicht seitenlang erklärt, weshalb die Zombies auch nach fünfzehn Jahren noch herumlaufen*, anstatt zu kompostieren und die Fauna zu düngen, weil das schlichtweg den Spannungsbogen zerstört hätte und für die Handlung nicht relevant ist. Wichtig ist bloss die äusserst offensichtliche Feststellung, dass Zombies nicht sehr freundliche Gesellen sind und man ihnen besser fernblieben sollte.

Wer eine überzeugende postapokalyptische Welt erschaffen will, sollte damit beginnen, die Gegenwart einigermassen zu verstehen und in der Vergangenheit forsten. Fragen wie „Wie hat die Menschheit bislang auf Katastrophen reagiert?“, „Wie gehen wir mit Extremsituationen um?“ und „Wie würden wir uns entwickeln und organisieren wenn X eintrifft?“ gehören von mir aus gesehen an den Anfang von guter postapokalyptischer, dystopischer sowie Science-Fiction Literatur. Ein zurecht viel gelobtes Beispiel für ein fantastisch umgesetztes Horror-Werk ist „World War Z“ des Amerikaners Matt Brooks – seine Darstellungen sind nicht bloss im Kontext der individuellen Charaktere glaubhaft, sondern beschreiben auch einen realistischen und facettenreichen globalen Ablauf der Apokalypse.

Guter Horror, schauerliche Märchen von dem Untergang unserer Zivilisation beinhalten in meinen Augen immer etwas Wissen darum, wo unsere Welt heute steht und wie wir hierhingelangt sind. Nur so können wir uns ein Bild davon machen, wohin das Ganze führen könnte, wenn wir eine neue Variabel, wie beispielsweise Zombies, einfügen. Wenn die „neue Welt“ dann steht, kann man dazu übergehen sich zu überlegen, wie Individuen in dieser Situation agieren.

* Für diejenigen, die es interessiert, meine Zombie-Theorie: Ein Parasit, vermutlich eine mutierte Form der Trematoden, befällt das Gehirn höher entwickelter Säugetiere und nimmt dort strukturelle Veränderungen durch die Bildung von Eiweissketten vor. Da das Gehirn stark verändert wurde, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Wirt nun zu einem Vehikel geworden ist, das zwar biologisch noch am Leben ist, metaphysisch gesehen jedoch nicht mehr der Mensch ist, der er einmal war. Grob ausgedrückt „stirbt“ das Menschliche des Menschen, seine Erinnerungen und Beziehungen, wenn Teile des Gehirns, insbesondere der zerebrale Kortex, beschädigt werden. Doch solange die rudimentären Bereiche (vor allem das Stamm- Klein- und Mittelhirn) intakt bleiben, kann der Stoffwechsel weiter betrieben und der Körper so am Leben erhalten werden.
Meine Zombies sind also durchaus nicht Untote, sondern Organismen, die von einer parasitären Lebensform für deren Zwecke (Energiegewinnung) benutzt werden. Und weil diese am physischen Überleben ihres Wirts interessiert sind, werden Nährstoffe und Energie möglichst effizient für Dinge wie Wundheilung und Regeneration bereitgestellt, sodass er auch unter schwierigsten Bedingungen weiterfunktionieren kann. Wenn Schäden entstehen, die nicht reparierbar sind, werden Schmerzrezeptoren vernichtet, um den Organismus auch dann noch nutzen zu können, selbst wenn ein gesunder Mensch den Verletzungen erliegen würde. Sobald die natürliche Lebensspanne des Wirts vorbei ist oder er fatal verwundet wird, stirbt der Zombie.

Da dein Universum wirklich gut durchdacht und ausgearbeitet ist, hast es zweifellos eine zweite Frage verdient, in der ich dich zum Spekulieren einladen möchte: Was denkst du, wie wird sich eine solche Gesellschaft, die sich nach einer nie dagewesen Katastrophe bestenfalls wieder am Aufrappeln ist, weiterentwickeln?

Nun, wir werden wohl damit beginnen, regional organisierte Gruppen zu bilden. Unsere Evolutionsgeschichte zeigt (und erklärt), dass wir als komplexe, soziale Tiere immer die Nähe und Kooperation von anderen suchen werden – There’s safety in numbers. Zu Beginn wird die Welt vermutlich ein relativ friedlicher Ort sein. Denn sogar wenn die Umstände hart sind, wenn ein Grossteil der Menschheit ausgelöscht wurde, stehen dem Einzelnen weit mehr als genügend Ressourcen zur Verfügung, zudem sind die meisten nach einer Katastrophe „kriegsmüde“ und wollen bloss irgendwie gemeinsam überleben. Sicher wird es intern einige Machtkämpfe geben, doch im Grossen und Ganzen wird die Autorität der wenigen kompetenten Personen akzeptiert werden. Von dort aus wird sich die Geschichte jedoch mehr oder weniger wiederholen; die Population der einzelnen Gruppen wird wachsen, mehr Land und Ressourcen werden benötigt und irgendwann werden wir auf andere Gruppen treffen und uns um eben jene Ressourcen streiten. Je nachdem wie viel Wissen übriggeblieben ist, also je nachdem wie viele Menschen mit bestimmten Fähigkeiten überlebt haben, wird das mehr oder weniger gewalttätig von Statten gehen. Denn während ein kampfsportgeübter Schlachter eine ernstzunehmende Bedrohung ist, verblasst sein Potential Schaden anzurichten im Vergleich zum Mikrobiologen oder Physiker.

Der Grund weshalb ich nicht davon ausgehe, dass die Menschheit plötzlich einsieht, dass wir mit etwas Vernunft in Frieden und Eintracht neben- und miteinander leben können ist gerade die Eigenschaft, die uns Äonen davor bewahrt hat auszusterben (und vielleicht irgendwann dazu führt, dass wir uns selbst vernichten), unser Überlebenstrieb und das dazugehörige In-Group-out-Group Denken. Vernunft im Zusammenleben bedeutet nämlich nicht zuletzt auch, dass wir auf gewisse Dinge verzichten, damit genug für alle übrigbleibt. Das war noch nie unsere Stärke. Während wir zwar bereit sind, für unsere Nächsten zu kämpfen und für sie Opfer zu bringen, verblasst unser Altruismus proportional zur Entfernung zu anderen Menschen, weil wir gar nicht die Kapazität besitzen, völlig Fremde als unsere Brüder und Schwestern zu erkennen und wir immer die Bedürfnisse unserer Liebsten in der Vordergrund stellen werden.

Meine Kristallkugel sagt mir also: Der Mensch ist ein Mensch, ist ein Mensch, ist ein Mensch, ist ein Mensch… und wird denselben Weg gehen, den er seit Jahrtausenden beschreitet. Wer mich eines Besseren belehrt hat den Nobelpreis und die ewigwährende Dankbarkeit der gesamten Bevölkerung verdient.

In mehreren Rückblenden erfahren deine Leser mehr über die Vergangenheit von Devin und Finn und den Untergang der modernen Gesellschaft. Nicht zuletzt dank diesen Exkursen verleihst du Charakteren und Welt Tiefe – was für mich dabei besonders hervorsticht, ist die sich im Laufe der Zeit verändernde Dynamik zwischen den beiden jungen Männern. Ist sie für die Erzählung ein zentraler Faktor?

Ein zentraler Faktor vielleicht nicht, aber ein wichtiges Mittel um dem Leser Devin etwas näherzubringen und die Konsequenzen des wohl grössten Traumas seiner Kindheit aufzuzeigen. Seine Entwicklung vor den Ereignissen der Geschichte ist nicht unbedingt ein Kernthema und es hätte sicher gereicht, ihn in der Situation zu charakterisieren. Trotzdem fand ich es spannend, die Beziehung der Brüder etwas genauer anzusehen und jede Beziehung entwickelt sich – insbesondere weil die beiden noch sehr jung sind und in schwierigen Verhältnissen aufwuchsen.

Die Reisegefährten treffen unter widrigen Umständen auf Michael, einen „einsamen Helden“. Im Grunde genommen sind solche Gestalten eher gefürchtete als gefeierte Figuren und so mag es auch nicht verwundern, dass die Brüder zuerst sehr skeptisch sind. Wieso nennt man die einsamen Helden so?

Ganz ehrlich? Weil der Begriff mehr oder weniger selbsterklärend ist. Der „einsame Held“ ist stark an den „einsamen Wolf“ angelehnt und beschreibt dieselben Charakteristika. Ich habe mir überlegt, wie man in Zukunft wohl solche Leute nennen würde, die ohne Hilfe von anderen überleben konnten und bin zum Schluss gekommen, dass sie wohl auf naheliegende Beschreibungen zurückgreifen würden. Im Nachhinein kann ich noch hinzufügen, dass „Held“ ein sarkastischer Seitenhieb hätte sein können, denn unter Helden verstehen wir in der Regel Menschen, die der Gefahr ins Auge sehen, um anderen helfen zu können und das tun die einsamen Helden ja gerade nicht. Leider kann ich aber nicht behaupten, dass ich das so geplant habe, fände es aber grandiotastisch, wenn ein Leser zu dem Schluss kommt.

Ein Grossteil des Horror-Effekts erwächst aus einer ausweglosen Situation, die wahnsinnig und unkontrollierbar ist, in der es für den betroffenen Charakter wichtig ist, sich an der kleinsten Hoffnung, an dem letzten Fitzelchen Logik festzuhalten. Auf was konzentriert sich ein Mensch in einer solchen Lage, um nicht komplett den Verstand zu verlieren oder aufzugeben?

Erfahrung, Ziele und Hoffnung.

Wann immer möglich wird man sich ähnliche Erfahrungen ins Gedächtnis rufen, die überstanden wurden. Ein Beispiel dafür sind meine schlaflosen Nächte, die ich von Migräne geplagt durch die Wohnung tigere; soweit es die Schmerzen zulassen, konzentriere ich mich darauf, dass ich das schon oft erlebt habe und das scheinbar endlose Leiden in Retrospekt immer zu einem winzigen Punkt in meiner Erinnerung zusammenschrumpft. Das hilft enorm, die Situation etwas entspannter hinnehmen zu können.
Gemachte Erfahrungen sind aber vor allem ein unschätzbarer Quell der Information, um gezielt Lösungsstrategien zu entwickeln. Wer weiss was bisher funktioniert hat und was nicht, hat wertvolle Anhaltspunkte, mit denen sich lösungsorientiert planen lässt. So weiss ich nun, dass mich hin- und herlaufen von meinen Migräneschmerzen ablenkt und Wärme alles schlimmer macht, also werde ich eher spazieren gehen, statt mich in die Badewanne zu legen.

Sich auf ein Ziel zu konzentrieren ist nicht nur kurzfristig sinnvoll. Wenn ich etwas erreichen will, muss ich eine Perspektive haben, für die ich zu kämpfen bereit bin und was wäre motivierender als „Ich will nicht mehr leiden, ich will zu denjenigen, die mir Liebe und Geborgenheit geben!“? Nur wer ein Ziel hat, kann damit beginnen, die Schritte zu planen, die dazwischen stehen. Ein Ziel kann im Prinzip alles sein, nur wage ich zu behaupten, dass die (emotionale) Bedeutung eines Ziels grösser sein muss, als die Hürden, die einem davon trennen, ansonsten wird es schwierig, die Motivation nicht aus den Augen zu verlieren.

Hoffnung ist ein seltsames Tierchen. Sie treibt uns einer ungewissen Zukunft entgegen und versichert uns am Wegrand, dass alles gut werden könnte, wenn wir nur dieses oder jenes richtig tun, wenn wir nur etwas Glück haben oder uns jemand die Hand reicht. Hoffnung ist etwas Grundmenschliches, etwas, das so viel voraussetzt (die Fähigkeit Zeit wahrzunehmen, zu planen, sich zu freuen, Angst zu fühlen…) und uns doch so selbstverständlich erscheint. Ich bin der Überzeugung, dass es uns unmöglich ist keine Hoffnung zu empfinden, denn selbst wenn wir sie scheinbar endgültig verloren haben und bereit sind unser Leben aufzugeben, so bleiben wir zuversichtlich, dass das Leiden irgendwann, und sei es im Tod, ein Ende findet.
Die Frage ist also nicht, wie wir in ausweglos scheinenden Situationen Hoffnung bewahren, sondern wie wir unsere Hoffnung auf etwas Konstruktives fokussieren können.

Ich glaube die beste Strategie um nicht den Verstand zu verlieren ist das Verstehen der simplen Tatsache, dass wir ohne unseren Verstand nicht in der Lage sind, komplexe Probleme zu lösen. Ohne ihn können wir unsere Ziele nicht erreichen, unsere Ressourcen nicht nutzen und unsere Hoffnungen nicht erfüllen. Kein Weg führt daran vorbei, sich das immer und immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, sich ständig dazu zu zwingen, schrittweise vorwärtszuarbeiten und gleichzeitig nicht zu vergessen, das am Ende der Reise die Möglichkeit auf Glück wartet.
Es klingt einfach, ist aber so oft nicht machbar, weil uns irgendwann die Kraft ausgeht und wir uns so sehr nach Linderung sehen, dass wir dazu bereit sind, uns in Wahnvorstellungen oder Wunschdenken zu flüchten.

Dein Erzählstil ist flüssig und zugleich detailreich, was die Geschichte besonders angenehm zum Lesen macht und in manchen Situationen auch deren Absurdität untermalt. Nach welchem Muster wählst du aus, auf was für Elemente du dich in einer bestimmten Szene konzentrieren willst?

Schwierige Frage… Ich glaube ein Gleichgewicht aus Schrecken und Alltäglichem hilft, das Erstere noch etwas perfider zu gestalten. Und das Alltägliche ist, wie der Name schon sagt, stets und überall anzutreffen, verschwindet nicht einfach, bloss weil jemand durchdreht und junge Männer zu drangsalieren beginnt. Realistisch gesehen ist nicht alles nur schwarz oder weiss, sondern behält seine Farbe, auch wenn man sie nicht auf Anhieb erkennt. So ist eben das Badezimmer eines Wahnsinnigen vielleicht quietschgelb, wieso auch nicht?

Wie ich nun entscheide, in welcher Szene ich mich auf welche Elemente konzentriere ist mir selbst nicht ganz klar. Ich überlege mir einfach, was in der Szene passieren soll und was mir persönlich auffallen würde – und ob ich finde, dass der Wahnsinn mal wieder etwas Auflockerung durch einen Witz braucht.

Mit einigen optischen Details ist es noch lange nicht getan, nein! Wie du in dieser E-Card angedeutet hast, muss man sich auch gewisses medizinisches „Fachwissen“ aneignen, um seine Charaktere gut operieren zu können. Wie gehst du bei der Recherche solcher Dinge vor?

Das Internet ist ein wundervolles Ding! Nein, echt jetzt. Egal was wir lernen wollen, es gibt grandiotastische Menschen, die ihr Wissen mit uns allen teilen und sich die Zeit und Mühe machen, ihre Fachgebiete für Laien verständlich zu erklären. So verwundert es auch nicht, dass meine Recherchen meist in einem Google-Suchfeld beginnen und von dort aus über YouTube in medizinische Fachjournale führen. Für „Nach Hause“ waren insbesondere militär-medizinische Unterlagen hilfreich, die ähnliche Verletzungen dokumentieren und aufzeigen, wie die Ärzte sowie Pflegepersonal die Patienten ohne viel Equipment versorgten.

Dazu eine Randnotiz von mir: Tretminen… Was soll der Mist!?! Echt jetzt, lasst den Scheiss!

Du verwendest in deiner Story mehrere symbolische Elemente, wobei jedoch eines für mich besonders hervorstach: Das Bild „Der Graf von Monte Christo“ von Mead Schaeffer. Es wird wiederholt erwähnt und spielt in einigen Beschreibungen eine zentrale Rolle. Was macht dieses Gemälde so besonders?

Mead schaeffer045Mal abgesehen von den Parallelen zwischen Devins Gefangenschaft und der des Grafen, ist das Bild für mich ein alter Bekannter. Wer sich an Malerei versucht, wird früher oder später über Mead Schaeffers Werk stolpern, da es oft als Paradebeispiel für den Einsatz von Kontrasten, Farbtiefe (Values) und Farbsättigung (Hue) verwendet wird. Ich kenne den Grafen auf Rot mit Zylinder also durch das Zeichenbrett und wollte damit einerseits einen kleinen Wink in die Richtung meiner artsy-fartsy Kumpels senden und andererseits einen Leidensgenossen für Devin spendieren.

Spoiler-Warnung: In deiner Story kommt ein Hund vor! Dass du es mit dem verlorenen, toten, und auch mal bissigen besten Freund des Menschen als Symbol oder Protagonist hast, wird deinen Fans klar sein. Jetzt drängt sich natürlich die Frage auf: Wie bist du auf den Hund gekommen?

Socke 6Zuerst einmal: Meinen Fans? Was ist das und kann ich sie in Kaffeereserven umwandeln?

Wer jetzt eine super spannende Story erwartet, der wird bitter enttäuscht sein. Auf den Hund gekommen bin nämlich nicht ich, sondern meine Mutter, deren Cockerspaniel neben meiner Wiege geschlafen hatte. Ich bin mit Hunden aufgewachsen und so gehören sie für mich zum Rudel dazu, wie der schrullige Typ, der jährlich versucht unseren pro-forma-Weihnachtsbaum anzuzünden. Ich glaube, jeder der mit den Triefnasen gross geworden ist, kann verstehen, wieso ein Leben ohne Hunde einfach… hundsmiserabel wäre. Auch wenn sie gut und gerne nerven (ja, ich sehe dich an, Herr Doktor Hund!): Ohne Hund, ohne mich.

Bei der Lektüre deines Textes fällt auf, dass du keine Ortsangabe gemacht, ja nicht einmal den Kontinent eingegrenzt hast. Dank deinem Auge für Details können wir uns sicher sein, dass es sich dabei nicht um eine Panne handelt, sondern Absicht dahintersteckt. Also: Was war der Grund dafür?

Nun, eingrenzen kann man es, nur eben auf zwei sehr unterschiedliche Flecken unserer Erde. Mich nahm und nimmt es wunder, ob die Leser sofort den offensichtlichen Schluss ziehen, also den Ort vermuten, der ihnen aus den Medien wohl bekannter ist, oder ob sie trotzdem auf die Idee kommen, dass es andere Optionen gibt.
Lasst mich wissen, wo das Zuhause der beiden Brüder ist… Ich habe nämlich keine definitive Antwort darauf.

Ganz subtil verweist du an einer Stelle (die ich jetzt natürlich nicht verraten werde) darauf, dass dein Kurzroman im selben Universum spielt wie die Serie „Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor“, die hier auf Clue Writing erscheint. Was das von Beginn an der Plan, oder hat es sich einfach gerade so angeboten?

Es hat sich praktischerweise angeboten und gleich noch einen beinahe-Fehler von mir ersetzt. In einem Anflug von Dummheit hatte ich es nämlich lustig gefunden, einem Nebencharakter meinen Namen zu geben. Da die gute Dame nun wirklich etwas Besseres verdient hat, statt als schändliche Mary Sue Kopfschütteln zu provozieren, wurde aus „Rahel“ „Tess“ und aus meinem beinahe-Fehler ein Easter-Egg für unsere werten Clue Reader. Hach, was bin ich doch clever – ist es nicht toll, wenn Selbstironie und Grössenwahn irgendwann nicht mehr zu unterscheiden sind?

Wenn wir schon die Fäden spannen, um Verbindungen aufzuzeigen: Im Moment erscheinen im Clue Writing Horror Monat mehrere Beiträge von dir, welche die Geschichten einiger Nebencharaktere aus „Nach Hause“ erzählen. Wie komplex hast du diese Figuren beim Schreiben des Buches ausgearbeitet?

Die meisten meiner Nebencharaktere basieren, anders als die zentralen Protagonisten, auf Menschen, die ich kenne sowie den Geschichten, die sie mir erzählt haben. Ich kenne meine Nebencharaktere also so gut, wie ich ihre Vorbilder kenne. Unter anderem habe ich meine werte Oma kurzerhand zur Nonne gemacht – ein Schachzug, den sie mir niemals vergeben würde, wenn sie denn nur wüsste…
Diego ist im Übrigen ein besonderes Kerlchen und lehnt an einen jungen Mann an, den ich auf einer Irlandreise kennengelernt habe. Dieser hatte im Kosovo-Krieg gedient (in der deutschen Marine) und einige Anekdoten mit mir geteilt, die mich zum einen in meiner pazifistisch-pragmatischen Grundhaltung bestärkt und zum anderen echtes Mitgefühlt geweckt haben. Darunter war auch die Erzählung vom abgebrühten Soldaten, der alles ertragen kann ausser dem Anblick eines leidenden Hundes. Der Hund ist schlussendlich nicht nur der beste Freund von vielen, sondern auch Symbol für die Unschuld, die dem Krieg zum Opfer fällt.

Deine legendäre Begeisterung für Zombies wird wohl vielen unserer regelmässigen Leser bekannt sein, spätestens seit du sogar einen Zombie animiert hast. Und so mag es kaum verwundern, dass auch in deinem Buch Untote herumstreunen. Warum spielen sie eine für deine Verhältnisse doch eher untergeordnete Rolle im Plot?

Der Zombie ist der ultimative Feind; man kann ihn nicht einschüchtern, er lässt sich nicht bestechen und wer mit ihm eine zivilisierte Diskussionsrunde inklusive Keksen starten will, kann schon mal seinen Sarg bestellen und Taschentücher an seine Freunde verteilen. Ein Zombie hat keine Wünsche, keine Träume und keine Ängste. Er hat schlicht und ergreifend keine andere Motivation als frisches Fleisch zu fressen, Punkt. Das macht ihn zwar zu einem stetigen Feind, aber auch zu einem, der rasch durchschaut und ausgetrickst werden kann. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Zombies, aber die wahre Gefahr sind dann doch die Leute, die ihm bis auf die Zähne bewaffnet hinterherjagen und genügend Grips haben, dich gefangen zu nehmen und dir weit mehr Leiden zufügen können als einige unsaubere Bisswunden. Leute, die mit Ballast kommen und bereit sind, ihren eigenen Schmerz an dir auszulassen, in der Hoffnung, sie könnten ihre Ängste an dir zerschmettern.
Der Grund weshalb unsere infizierten Kumpanen nur hier und da einen Auftritt in „Nach Hause“ haben ist, dass sie das Tempo der Geschichte und den perfiden Horror mit ihrem lauten Gestöhne, dem beissenden Gestank und Herumgetorkel stören würden – so sind sie, die Zombies von heute, unflätige, ungebetene Gäste, die nur kommen, wenn mal wieder die Bude zerstört werden muss.

Jetzt, da du zum ersten Mal nuklear verstrahlte Zombies und einsame Helden in Buchform auf die Welt losgelassen und damit einen ersten Schritt in Richtung der angestrebten Weltherrschaft gemacht hast, stellt sich natürlich die Frage: Gibt es weitere Horror-Pläne, die im dunkeln Kämmerchen geschmiedet werden?

Oh, ich bin kein Pionier! Nukleare Zombies gab es schon öfters, ich persönlich bin ihnen zum ersten Mal in einer Zombienovelle begegnet. Auch die einsamen Helden trifft man in der Horror- und Zombie-Literatur immer mal wieder an. Irgendwie auch logisch, zumal wir auch in friedlichen Zeiten unsere Skepsis vor eigenbrötlerischen Typen (wie mir) nie ganz verlieren – wen man nicht kennt, kann man schliesslich schlecht einschätzen.

Doch ja, es gibt Horror-Pläne und zwar ziemlich konkrete. Allzu viel will ich noch nicht verraten aber der Horror in meinem Gehirn wird mehrteilig, chaotisch und kunterbunt-tropisch. Wer mehr darüber erfahren will, dem bleibt kaum etwas anderes übrig, als Clue Writing weiterhin aufmerksam zu verfolgen – Muwahaha, so startet die Weltherrschaft, mit medialer Kundenbindung.

Kommen wir zum krönenden Finale: Du streifst in einer postapokalyptischen Welt durch die Wälder, fernab von deiner geliebten Kaffeetasse. Der Weg gabelt sich und du kannst entweder dahin gehen, wo es mehr Proviant, aber auch mehr Zombies gibt oder dich in unbekanntes Territorium wagen. Natürlich will ich deine Expertenmeinung hören: Welche Entscheidung ist die klügere?

Das kommt in erster Linie darauf an, in welchen Breitengraden und welcher Jahreszeit wir uns befinden. Ich würde niemandem dazu raten geradeaus in die Wüste zu wandern oder sich im tiefsten Winter das Gipfelkreuz zum Ziel zu nehmen. Gehen wir aber davon aus, dass wir im heutigen Mitteleuropa zum Frühlingsbeginn über Zombies stolpern, liegt die Wanderung zur Alphütte nahe. Dort werden sich wohl auch andere Überlebende aufhalten, also hält man am besten den Kopf unten und die Waffe gezückt – man weiss ja nie. Wer sich beim Ausbruch einer solchen Katastrophe in dicht besiedeltem Gebiet aufhält, wird sich wohl einige Zeit verschanzen müssen, bis sich das erste Chaos etwas legt – mit Tausenden auf einer Autobahn festzusitzen scheint mir nämlich nicht sonderlich vorteilhaft.

Grundsätzlich sieht man sich in Gefahrensituationen mit einem alten Dilemma konfrontiert und muss sich zwischen Vorsicht und Risikobereitschaft entscheiden. Stürzt man sich unvorbereitet ins Gefecht, wird man es womöglich mit dem Leben bezahlen. Gleichzeitig kann man sich nicht auf ewig vor der Gefahr drücken, da man sonst irgendwann zu geschwächt sein wird, neue Ressourcen zu akquirieren. Die optimale Strategie liegt also im gesunden Mittel.
Der Rückzug in möglichst unbewohnte, abgeschirmte Gegenden empfiehlt sich also, sobald man das Nötigste (Waffen, Medikamente, etwas an Nahrung und Kleidung) gesammelt hat. Am besten sucht man sich einen Ort, der auf einer Anhöhe liegt und nur über einen beschwerlichen Fussweg zu erreichen ist, idealerweise klettert man ein Stück. Dort hat man die Gelegenheit sich einzurichten, die Umgebung abzusichern und sofort damit zu beginnen, Nahrung anzupflanzen. Allzu lange ausruhen sollte man sich dennoch nicht, denn ein Ausflug in zombieverseuchtes Gebiet erfordert einiges an Organisation und Energie, die man halb ausgehungert nicht aufbringen kann.

Ich, Sarah, möchte mich bei Rahel dabei bedanken, dass sie bereit war, mir hier Rede und Antwort zu stehen. Ausserdem soll an dieser Stelle mein Dank auch dafür gelten, dass ich den Text bereits vor der Veröffentlichung gegenlesen und mit Feedback zur Seite stehen durfte – es hat wirklich Spass gemacht!

„Nach Hause“ ist ein Kurzroman für alle, die sich gerne zu Halloween in eine Decke am Kaminfeuer kuscheln, das Licht dimmen und in eine Welt abtauchen wollen, die keinen Horror-Fan enttäuschen kann. Rahel entführt uns mit flüssigem Schreibstil und elegantem Spannungsbogen in einen Fiebertraum, in welchem Untote durch die Gegend spazieren, die Welt leergefegt ist und jede Begegnung im Wald Rettung oder Verderben bedeuten kann. Dass einem da Logik nicht mehr vor dem Wahnsinn erretten kann, liegt nahe… Übrigens: Amazon empfiehlt insbesondere Stephen King Fans, Rahels Buch zu lesen!

Vielen lieben Dank an Rahel und an unsere werten Leser
Eure Clue Writer
Sarah

978-3-426-43662-2_Druck

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Dieses Interview wurde von Sarah geführt.

8 Gedanken zu „Clue Writing Interview: Rahel

  1. Ey wunderbar! Herzlichsten Glückwunsch liebe Rahel!
    Du hast nicht nur dich, sondern auch Clue Writing auf den Weg gebracht! Auf den Weg, auf dem ihr euch ohnehin schon die ganze Zeit befindet!

    Ich freue mich megamegalomäßig für dich und werde es bald lesen! Auch wenn Halloween schon vorbei ist…

    Nachträglich: Happy Halloween!!!

    • Heya Jenni from da coast!

      Hach, vielen lieben Dank für die grandiofreundlichen Worte und das ausserhalloweenige Leseversprechen.

      Mit lieben Grüssen und fantastilliardischen Wünschen
      Deine Clue Writer
      Rahel

  2. Wie – es gibt nix gedrucktes? Och menno, jetzt wollte ich gerade meine Lieblingsbuchhandlung anrufen und bestellen …

    Früher hatte ich ja ein Regal mit Stephen King, Clive Barker und Dan Simmons im Schlafzimmer. Zu der Sammlung hätte das Meisterwerk sicher gut gepasst. Dann hoffe ich mal auf eine Druckfassung. In welche Onlinepetition muss ich mich dafür eintragen?

    • Sei gegrüsst, werter Herr von und zu Klaus

      Stephen King… Clive Barker… Und vor allem: Dan Fu**ing Simmons! Ich sehe schon, dein Bücherregal und mein Bücherregal könnten sich wunderprächtig anfreunden ^^

      Ach Leute, es tut mir doch auch leid. Zu gerne würde ich euch mit frischen Druckerzeugnissen beglücken … Eine Petition gibt es (noch) nicht, aber wenn ihr denn eure Herzchen nicht für den digitalen Lesekumpel auftauen könnt, dann werde ich euch sicher nicht davon abhalten, dem Verlag mit wirbelnden Zaunpfählen zu winken (http://www.droemer-knaur.de/e-mail) – nur zerbeulen dürft ihr die werten Damen und Herren nicht ;)

      Mit lieben Grüssen und ausgesprochen grandiotastischen Wünschen
      Deine Clue Writer
      Rahel

  3. Erstmal meinen herzlichen Glückwunsch! Klingt sehr spannend dein Kurzroman…aber eine Frage: Wird er auch bald als Hard-/Softcover zu kaufen sein?

    Viele Grüße
    Timo

    • Heya Timo

      Vielen lieben Dank für die Glückwünsche :)

      Die Veröffentlichung als Print-Ausgabe ist vorläufig für nächstes Jahr geplant, hängt aber unter anderem auch davon ab, wie gross die Nachfrage ist. Also: Je mehr von euch meine Erstling erwerben oder beim Verlag um eine Print-Ausgabe bitten, desto eher wird das gute Stück in den Handel kommen – Ja, das darfst du jetzt als sehr unsubtilen Wink mit dem Zaunpfahl verstehen ;)

      Mit lieben Grüssen und kaffeegefüllten Wünschen
      Deine Clue Writer
      Rahel

    • Hey Rahel,

      ein sehr subtiler Wink war das ;)
      Aber du hast recht, ich werde nachfragen, schon alleine wegen dem schönen Cover :D

      Viele liebe Grüße
      Timo

    • Moment… Lass mich rasch meinen „wohoo-ich-habe-jemanden-mit-Zaunpfählen-verprügelt“-Tanz zu Ende bringen…

      Hach, da bleibt mir nur eines zu sagen: Danköööö ^^

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