TV-Junkie

Das Wohnzimmer von Karl und Gertrude Meier. Die Wohnung des Rentnerpaars ist altmodisch eingerichtet, ein dunkles, massives Büffet dominiert den Raum, in welchem ein antik anmutender Leuchter mit Stofflampenschirmen von der Decke baumelt, im Hintergrund steht ein mit Nippes überladenes Klavier. Einzig ein großer Flatscreen-TV, auf dem eine bekannte Krimiserie läuft, stört die nachmittägliche Ruhe. Zum Geplauder aus dem Fernseher gesellt sich monotones Ticken einer polierten Großvateruhr. Gertrude betritt das Wohnzimmer und schaut sich um, bis sie ihren Mann auf der braunen Ledercouch entdeckt.

Gertrude: „Ne, sitzt du schon wieder vor der Glotze, Liebster? Da machste dir am Ende noch die Glubscher rechteckig.“
Karl: Brummt unverständlich, ehe er zu einer Antwort ansetzt. „Ich bin in Rente, ich darf das.“
Gertrude: „Oho, Monsieur durfte das vorher nicht? Ich entsinne mich, der Herr unzählige Abenden mit Navy CSU zugebracht.“
Karl: „Es heißt ‚Navy CIS‘, sind schließlich keine Politiker.“
Gertrude: Setzt sich hin und verfolgt die Serie nun ebenfalls. „Ach, stimmt, CSI, jetzt erinnere ich mich.“
Karl: „Nein, CSI ist was anderes, das gibt es in Las Vegas, New York, Miami und Cyber.“
Gertrude: „Wo ist denn bitteschön Cyber? Ist das Englisch für Zypern?“
Karl: „Kann sein. Ich mag nur Las Vegas.“
Gertrude: Wendet sich erstaunt ihrem Mann zu. „Ich dachte, Las Vegas hat zu viele Lichter, Geschrei und Betrunkene für deinen Geschmack?“
Karl: Verwirrt. „Ja, und? Ist ja im Fernsehen.“
Gertrude: Prustet los und verschluckt sich an ihrem Bonbon, was in einem Hustenanfall endet. „Ach, du meinst in der Serie, nicht das echte Vegas. Wie kommt die Navy nach Las Vegas?“
Karl: Starrt seine Ehefrau ungläubig an. „Wieso die Navy?“
Gertrude: „Na ja, es heißt ‚Navy CSI‘ und Las Vegas ist in der Wüste. Das macht keinen Sinn.“
Karl: „Du bringst was durcheinander, Liebe – davon hatten wir’s doch gerade. Das ist CSI, nicht CIS. Das sind die mit den Fingerabdrücken und der DNA.“
Gertrude: „Aha.“ Greift sich ihr Strickzeug und macht sich daran, an einem giftgrünen Rollkragenpulli zu stricken, der beinahe fertig ist. Stricknadelklappern mischt sich unter das Ticken der Großvateruhr und das Geplauder im Fernseher. „Also so ähnlich wie Bones?“
Karl: „Hm. Ja, sowas in der Art.“

Für eine Weile kehrt Schweigen ein, beide Rentner folgen der Handlung, eben wird ein Verdächtiger von einem der Protagonisten verhört. Gertrude hält inne, legt die Stricknadeln nieder und unterbricht die Stille.

Gertrude: „Ich mag Bones. Weil dort die Leichen richtig gezeigt werden, nicht nur so halb, wie in den ganzen Rentnerserien.“
Karl: „Selbstverständlich will die Dame Tote begutachten. Muskelstränge, Fingerknochen, Blut und Hirnmasse. Und was, wenn unsere Enkelkinder vorbeikommen?“
Gertrude: „Schatz, die sind bald zwanzig. Außerdem sehen die schlimmeren Kram auf ihren Dingsbums … Dingens … Du weißt schon …“
Karl: Stolz auf sein Englisch. „Smartphones?“
Gertrude: „Nein, die Kästchen, die man an den Fernseher anschließt.“
Karl: „Ich glaube, die heißen Videospiele.“
Gertrude: „Nein … Ah, ich hab’s! Games – die Mädels sagen dazu Games.“
Karl: „Und in denen gibt es Fingerknochen?“
Gertrude: „Naja, alles Mögliche. Cindy hat kürzlich von Blut, Archäologen und gestohlene Autos geredet.“ Sie räuspert sich und nimmt ihre Strickarbeit wieder auf. „Ich hab noch nie Autos gestohlen.“
Karl: „Die werden stetig realistischer.“
Gertrude: Ist auf ihr Stricken konzentriert und reagiert daher verzögert. „Was wird realistischer? Die Autos? Die waren schon früher realistisch, heutzutage stinken sie bloß weniger.“
Karl: Lacht. „Nein, die Videospiele.“
Gertrude: „Games, nicht Videospiele.“
Karl: „Was ist der Unterschied?“
Gertrude: „Das ist …“ Sie überlegt einige Sekunden und schüttelt zu guter Letzt den Kopf. „Keine Ahnung. Vielleicht kann man Videospiele auf einem alten Videorecorder spielen? Hat ja beides ‚Video‘ im Namen und wird an die Glotze gehängt.“
Karl: „Das Ding, bei dem die Kassettenbänder ständig ausgeleiert sind? Das ist dermaßen altertümlich, dass sogar ich es für vorsintflutlich halte, und ich habe als Rotzbengel den Krieg erlebt!“
Gertrude: Abwesend. „Welchen Krieg? Der mit dem Herrn mit Schnauzer oder der mit den Russen? Warst ja lange ein Rotzbengel.“
Karl: „Der war kalt.“
Gertrude: Kichert. „Pah, wenn es aber wahr ist und wenn wir ehrlich sind, bist du noch immer ein Rotzbengel.“
Karl: „Nicht du, der Krieg.“
Gertrude: „Oh, zum Glück ist der kalt – wenn der heute noch rumlaufen würde …“
Karl: Seufzt leicht genervt. „Nein, auch nicht der Hitler. Der Krieg mit den Russen. Der war kalt.“
Gertrude: „Ach so. Na ja, die Russen waren jedes Mal dabei. Muss am Wodka liegen, der motiviert die, für ihre Ideale zu kämpfen und gibt warm.“
Karl: „Waren wir nicht bei Games – und wie sind wir Hitler und den Russen gelandet?“
Gertrude: „Hm, wir …“ Tippt sich mit der Stricknadel auf die Unterlippe. „Sag mal, ist der Hitler auch in Games?“
Karl: „Vermutlich nicht, den mag keiner.“ Dann wird er lauter und flötet freudig: „Ach ja, wir waren bei Fernseh-Krimis!“
Gertrude: Zufrieden. „Stimmt.“

Erneut kehrt Schweigen ein, Karl starrt gebannt auf den Bildschirm, indes klackern Gertrudes Stricknadeln. Die Großvateruhr schlägt dreiviertel fünf und lässt sie aufschrecken.

Gertrude: „Herrje, so spät? Die Sonne geht bald unter.“
Karl: „Macht nichts, das Bild sieht man trotzdem noch.“
Gertrude: „Da hast du auch wieder Recht. Sag mal, wie heißt das?“
Karl: Trocken. „Sonnenuntergang.“
Gertrude: „Nein, die Sendung.“
Karl: „Law and Order.“
Gertrude: „Ah, darum all die Anwälte.“ Sie legt ihr Strickzeug beiseite und streicht bedächtig den geblümten Rock glatt. „Wusstest du, dass Cindy letzthin behauptete, wir seien, wie sie sagte, ‚TV-Junkies‘?“
Karl: „Ach ne, die hockt selbst den ganzen Tag vor der Kiste und daddelt was rum.“
Gertrude: „Daddeln? Also Gamen?“
Karl: „Genau, heutzutage wird fast alles eingedeutscht – eine Unsitte! Und überhaupt, man muss viel fernsehen, wenn man die ganzen Witze der Jugend von heute verstehen will. Sag ihr einfach, ihre Großeltern betreiben Recherche.“
Gertrude: Fröhlich glucksend. „Wird‘ ich, wird‘ ich.“
Karl: „Hm. Irgendwie hat sie Recht – wir sind zwar alt, aber wir haben alle Zeit der Welt, bis wir den Löffel abgeben. Wir sollten mehr aus dem Haus gehen, etwas erleben, unsere Hüften brechen …“
Gertrude: Zieht den Vorschlag schmatzend in Erwägung, bevor sie zögerlich zustimmt.  „Na gut, wenn du meinst. Wir haben ja ein hübsches Sümmchen auf der Bank, wir könnten die Orte besuchen, an denen deine Lieblingsserien spielen.“
Karl: Begeistert. „Das ist eine Idee, das müssen wir unbedingt tun. Ich rufe morgen gleich im Reisebüro an und frage, ob sie während der Sommerpause, bevor die neuen Staffeln anfangen, gute Flüge haben. Wir werden unseren Enkeltöchtern zeigen, was ein richtiger TV-Junkie ist!“

Autorin: Sarah
Titelvorgabe: TV-Junkie
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