Killing me Softly

SarahAutorin: Sarah
Setting: Fumoir
Clues: Napalm, Goldfisch, Polyethylenterephthalat (PET), Steinmauer, Faulheit

Die jazzigen Klänge einer Interpretation des Klassikers „Killing me Softly“ hallten durch das vom Dunst leicht getrübte Fumoir, als Elias einen Schritt auf die bordeauxroten Sessel zu machte und sich eine Zigarette ansteckte. Den Regenschirm und den triefenden Trenchcoat hatte er bereits beim Eingang des aus einem grosszügigen Wintergarten umgebauten Raucherraums abgelegt und und seine Schuhsohlen hatte er sorgfältig auf Vorlegeteppich trockengerieben. Auch wenn der Regen in der Dunkelheit der Nacht verschwand, so konnte Elias doch die grossen, perlenden Tropfen auf der Glasdecke über ihm beobachten, wie sie immer neue Muster formten und über die Dachschräge nach unten rannen. Er war alleine in dem schummrig beleuchteten Raum, war als erster da und fragte sich, wie lange es bei dem tobenden Sturm wohl dauern mochte, bevor die anderen eintrafen; vielleicht eine kleine Ewigkeit, sinnierte Elias und trat zu dem kleinen, runden Mahagonitischchen, auf dem ein voller Aschenbecher stand. Er liess seinen Blick langsam und entspannt durch den gläsernen Raum schweifen, registrierte jedes Detail, nahm sich alle Zeit der Welt, um die schlichte und zugleich luxusiöse, doch sichtlich in die Jahre gekommene Einrichtung zu betrachten. Er zuckte leicht zusammen, als der Wind einen Zweig des grossen Rhododendrons von aussen gegen die Scheibe klatsche und ein amüsiertes Lächeln zuckte über sein Gesicht. „Und so treffen wir uns wieder“, murmelte er nachdenklich, als er nach unten sah. Ihre Haut wirkte sehr hell, beinahe fahl und sie trug ein knielanges, schwarzes Kleid. Die gelockten braunen Haare lagen reglos auf ihren Schultern und der rote Lippenstift passte perfekt zu der Farbe der alten, nach Qualm riechenden Möbel. Auf dem dunklen Teppich, welcher nur einen Teil des Holzbodens bedeckte, lag die Leiche der vielleicht dreissigjährigen Frau auf der Seite, die Beine leicht angewinkelt. Elias ging in die Hocke und sah sich noch einmal um; alles war perfekt arrangiert, ein wunderbares Tableau, das aus einem Film Noir hätte stammen können.

„Es ist Polyethylenterephthalat“, riss ihn Marnies Stimme aus seinen Grübeleien. Elias drehte sich in dem grellen Scheinwerferlicht um und sah den Forensiker verwirrt an. „Was meinst du?“
„Du würdest dazu PET sagen, der Kunststoff, aus dem Getränkeflaschen hergestellt werden.“
Elias‘ Blick fiel auf den Plastiksplitter in Marnies Handfläche. „Hat es irgendeine Bedeutung?“, wollte er wissen, als ein ihm fremder Gerichtsmediziner an ihm vorbeischritt, zielstrebig und desinteressiert wie immer. „Man könnte aus einer solchen Flasche einen Schalldämpfer für Arme machen“, schlug er vor, fügte dann jedoch hinzu: „Aber sie wurde nicht erschossen, oder?“
„Nein“, entgegnete Elias einsilbig, auch diesmal war bisher keine verwertbare Spur zu finden gewesen und er bezweifelte, dass sich dies noch ändern würde. „Da ist noch etwas“, fügte Marnie hinzu. „Es riecht nach frischem Zigarettenrauch, vielleicht ist der Täter Raucher.“
„Das ist ein Raucherzimmer“, erwiderte Elias beschämt darüber, dass er sich am Tatort einen Glimmstängel angezündet hatte. „Viele rauchen hier“, fügte er unbestimmt hinzu.
Grübelnd schlenderte er auf den Ausgang zu, als er einen Goldfisch in einem runden Glas sehen konnte, der scheinbar unberührt von der Szene und dem Wirrwarr aus Polizisten seine Runden drehte. „Du wirst mir sicher auch nichts erzählen“, sagte Elias abwesend und trat zu der Garderobe. Es gab nichts mehr, was er hier tun konnte.

Fröhliche Jazzmusik dudelte durch das Fumoir, und die grelle, herbstliche Abendsonne tauchte alles in eine surreale Stimmung und reflektierte sich in dem Glas, in jeder einzelnen Scheibe. Elias nahm einen Schluck von seinem Martini und starrte sein Gegenüber abwesend an. Marnie warf einen sehnsüchtigen Blick in Richtung der fernen Küche des Restaurants, offenbar hatte er Hunger und hoffte, dass ihr Abendessen bald kommen würde. An der Steinmauer, die den Wintergarten vom Rest des Lokals trennte, konnte Elias ein neues Landschaftsbild hängen sehen, die einzige Veränderung an dem Raum, seit er hier vor acht Jahren den Mordfall bearbeitet hatte. Es zeigte grüne, saftige Hügelketten die ihn an Irland erinnerten, doch für ihn hätte ein Foto aus dem Vietnamkrieg mit nach einem Napalm-Angriff lichterloh brennenden Bauernhäusern besser an diesen Ort gepasst. Doch auch so war das Lokal noch voller Erinnerungen, soweit das Auge reichte…
„Ich finde das ehrlich gesagt etwas gruselig“, murrte Marnie. „Jedes Mal, wenn sich der letzte Mord jährt, lädst du mich wieder hierhin ein, das Ganze hat etwas Rituelles.“
Elias nickte. „Acht Jahre und seitdem ist keine einzige Frau mehr ermordet worden. Zehn Verbrechen in genauso vielen Jahren und dann mit einem Mal nichts mehr?“, fragte er rhetorisch, bevor er in einem väterlichen Tonfall fortfuhr. „Weisst du, Marnie, jeder Kriminalist hat den einen ungelösten Fall, der ihn für sein ganzes Leben nicht mehr loslässt, der an ihm nagt…“
„Das ist ein altes Klischee“, entgegnete der jüngere Mann überzeugt. „Du solltest doch wissen, was eine selbsterfüllende Prophezeiung ist, Elias. Du denkst so und nur darum lässt dir sie Sache keine Ruhe.“
„Das ist noch immer besser als die Faulheit der anderen Beamten in unserer Abteilung“, murrte Elias, als der Kellner auf ihren Tisch zukam und ihnen die dampfenden Teller hinstellte. Als er wieder verschwunden war, meinte der Forensiker: „Wo du Recht hast, hast du Recht. Trotzdem, wieso sollte ein Serienkiller damit aufhören zu töten?“
Elias griff nach den Gabel und sagte noch immer abwesend: „Die üblichen Gründe: er ist im Gefängnis, weggezogen oder tot.“
Marnie rollte die Spaghetti auf und biss hungrig zu. Mit vollem Mund fragte er: „Dann solltest du doch eigentlich den Kreis der Verdächtigen einengen können, oder?“
„Alles, was wir hatten, war der Plastiksplitter von einer PET-Flasche am dritten und am letzten Tatort“, entgegnete Elias und kaute lustlos auf den Makkaroni. „Das ist nicht viel, alle anderen Beweise sind todsicher ausgeschlossen.“
„Die Splitter waren auch keine Hilfe“, sagte Marnie entscheiden. „Irgendwann musst du die Sache abschliessen oder aufgeben, du machst dich noch wahnsinnig damit, immerhin ist das dein letztes Jahr vor dem Ruhestand.“
„Wo genau hast du den Splitter eigentlich gefunden?“, wollte Elias wissen. „In dem Report stand, dass er bei der Leiche gewesen sei.“
„Ja, an ihrem Kleid“, erklärte Marnie, der sich nicht von seiner Pasta ablenken lassen wollte. „Sie hatte aber in einer Recyclingfabrik gearbeitet, da gibt es solche Plastiksplitter zuhauf, darum ist der auch als irrelevant abgetan worden.“
„Und was ist dann mit demselben Splitter, den wir neben der dritten Leiche gefunden haben?“, wollte Elias wissen und erstarrte im selben Augenblick. „Oh, verdammte…“
„Was denn?“, fragte Marnie, der nun tatsächlich sein Besteck abgelegt hatte.
„Wie konnte ich das nur übersehen?“, fragte Elias und hätte sich ohrfeigen können. „Ich hatte die ganze Zeit über Recht.“
„Wie meinst du das?“, wollte sein Freund wissen, begierig darauf zu erfahren, was die grosse Erkenntnis sein mochte. Elias hätte beinahe laut losgelacht, nahm sich aber zusammen und erklärte schliesslich: „Natürlich konnte der Serienkiller nicht mehr Frauen vergiften nach der zehnten; es waren auch nicht zehn Morde, sondern nur neun, der letzte war ein Selbstmord.“ Elias fühlte sich so erleichtert, als hätte er gerade die grösste Bürde seines Lebens ablegen können. Er wusste, dass er es nie würde beweisen können, doch für ihn war der Fall ein- für allemal gelöst und er freute sich zum ersten Mal auf seinen nahen Ruhestand und konnte endlich seine Makkaroni geniessen.

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