Kopfkotzen

„Nein, Papa, ich bin schon da“, versuchte Luana ihren überfürsorglichen Vater abzuwimmeln, der sie sowie ihre Schwester trotz gehöriger Skepsis seitens seiner Familie alleine aufgezogen hatte – sehr gut, wie man hier anmerken könnte. „Ach was, es war ja nicht weit“, beruhigte sie seine Sorge, der kurze Fußmarsch von ihrer Stadtwohnung zur Notfallapotheke wäre für eine Vierundzwanzigjährige mit akutem Migräneanfall eine Zumutung gewesen. „Werde ich machen, ich versprech‘s dir.“ Sie trug eine große Sonnenbrille, sodass niemand ihr Augenrollen sehen konnte, als sie den Anruf beendete und ihr Smartphone zurück in die Tasche steckte. Allmählich wurde der grässliche Kopfschmerz eine dumpfe Hintergrundmusik zu Luanas Gedanken. Das brutale Hämmern, welches ein wenig an das Geräusch eines überdimensionalen Außenbordmotors erinnerte, war gnädigerweise vorübergehend verschwunden. Wahrscheinlich kann jeder Migränegeplagte selbst ein Lied davon singen, dass man sich irgendwann an die Schmerzen gewöhnt. Nun gut, zumindest lassen sie sich für einen kurzen Moment ausblenden. Dienstagnacht um halb drei war sogar in der großstädtischen Notapotheke kaum Betrieb, so saßen außer Luana lediglich vier Leute auf der langen Bank, die zur Erleichterung all der verletzen Besucher die gesamte Südwand der Apotheke säumte. Unnötig dicht neben ihr hockte eine alte Dame, deren Ausdünstungen alleine die Diagnose „Alkoholvergiftung“ zugelassen hätten. Sie atmete röchelnd. irgendwie saftig – schwer zu beschreiben, auf alle Fälle ekelerregend. Weiter hinten im Raum konnte sich eine Frau im Pelzmantel nicht entscheiden, ob sie sich an die Kante der Bank setzen, oder doch lieber zwei Schritte hin und zwei zurück tigern wollte – als wäre ihr abstoßender Kleidergeschmack nicht ausreichend nervtötend. Am äußersten Rand der Pritsche unterhielten sich zwei Teenagerinnen über jemanden mit dem Namen Alice. Auch in ihrem geschwächten Zustand hatte Luana keinerlei Schwierigkeiten auszumachen, dass die beiden Mädchen diese Alice wohl ganz und gar nicht mochten – genau das, was ihr jetzt noch gefehlt hatte, Tratschtanten.
„Entschuldigen Sie“, wurde Luana von einer schrillen Stimme aufgeschreckt. „Dürfte ich mich neben Sie setzen?“ Widerwillig blickte die Angesprochene hoch, blinzelte gequält in das grellweiße Licht der Leuchtstoffröhren und erkannte eine verzerrt-flauschige Silhouette direkt vor sich.
„Bitte?“, fragte sie verdattert, leider aber wurde dies sogleich als Aufforderung verstanden, denn die Pelzdame ließ sich mit einem freundlichen „Vielen Dank“ nieder. Die Kopfschmerzen wurden wie aufs Kommando wieder stärker, drohten Luana ein Loch in den Schädel zu schlagen. Unglück kommt selten alleine, dachte sie sich grimmig, als sie sich zwischen einer stinkenden Alkoholpfütze und einem konservierten toten Tier eingepfercht sah. Dennoch war sie zu faul, vor allem zu erschöpft, um aufzustehen und woanders hinzutorkeln, also gab sie ihr Bestes, die personifizierten Unannehmlichkeiten zu ihrer Rechten und Linken zu ignorieren – leider war ihr kein Erfolg vergönnt.
„Wissen Sie“, begann das Fellmonster im Flüsterton, „hier ist es mir nicht geheuer, aber Sie scheinen einen netten Eindruck zu machen.“
„Aha“, murmelte Luana gegen außen teilnahmslos, grübelte jedoch innerlich angestrengt, was sie falsch gemacht hatte, schließlich wollte sie auf eine wie die nicht unbedingt wohlgesonnen wirken – man sollte meinen, ihre fettigen Haare, die fahle Haut und gekrümmte Haltung wären genug, um vermeintlich feine Damen in Schach zu halten.
„Normalerweise wäre ich ja zu meinem Hausarzt gegangen, aber der ist im Urlaub“, fuhr Luanas Banknachbarin lauter fort, hatte augenscheinlich keinen Sinn für Takt – dass es ihr an Anstand fehlte, ließ ja schon der Mantel vermuten.
„Was fehlt Ihnen denn?“, mischte sich nun auch die Alte ein. Der Gestank nach Alkohol, Zigaretten und jahrelanger Zahnbürstenverweigerung erwischte Luana eiskalt. Sie musste mit dem letzten Rest an Energie an sich halten, sich nicht hier und gleich zu übergeben.
„Nun, das ist etwas peinlich“, hüstelte die stark Geschminkte, deren Gesicht an verkrustete Ölfarbe erinnerte, ehe sie sich zu der Fragestellerin, also über Luanas Schoß beugte und auf ihren Ring deutete. „Mein Gemahl hatte einen kleinen Unfall.“
„Was Sie nicht sagen!“ Die Fahne, gemischt mit den raspel-saftigen Worten dicht an ihrem Ohr und dem leblosen Vieh, dessen Härchen auf ihren Unterarmen kitzelten, ließen Luana alarmiert hochschrecken. Mit bolzengeradem Rücken sowie schmerzhaft weit aufgerissenen Lidern verharrte sie auf der Bank, schielte dann hilfesuchend zum Verkaufstresen. Die Apothekerinnen waren alle emsig beschäftigt, berieten Kunden oder huschten zwischen Regalen und Schubladen herum.
„Ja, er hat sich einen Hexenschuss zugezogen, als er einen Klienten im …“, die Trägerin der einstig wunderhübschen Nerze hielt einige Sekunden inne, schien zu überlegen, ob sie sich der Trinkerin anvertrauen wollte. Schließlich redete sie ungehemmt weiter: „Als er einen Klienten im Freudenhaus abgeholt hat.“ Aber sicher, flötete Luanas Gedankenstimme spöttisch, einen Klienten hat er dort abgeholt, bestimmt.
„Oh.“ Selbst die Alte war irritiert von dieser Offenbarung, nestelte betreten an ihrem Rock herum und schmatzte dann etwas Unverständliches. Man könnte nun meinen, die Unterhaltung hätte damit ihr unnatürliches Ende gefunden, leider aber war der migränegeplagten Luana diese Freude nicht gegönnt.
„Er ist Anwalt, mein Mann“, fügte das flaumige Krümelmonster für geistig Arme hinzu, worauf ein anerkennendes Raunen von der anderen folgte. „Das gehört eben zum Job“, meinte sie dann, ihren herumhurenden Gatten entschuldigend, „mit einigen Klienten geht er zum Angeln, mit anderen macht er Ausflüge mit dem Flussschiff und dann gibt es welche … Naja, Sie wissen ja, wie Männer sind.“ Es muss schon toll sein, sinnierte Luana, nunmehr gehässig als genervt, wenn man seine suboptimale Ehesituation gleich auf die Hälfte der Bevölkerung abwälzen kann – richtig bequem. Sie war nicht die einzige, die den Verlauf des Gesprächs lächerlich fand, denn die beiden Mädchen gafften erst verwundert, dann starrten sie kichernd zu den drei Frauen hinüber.
„Sind Sie sicher“, prustete die eine, die mit den langen Locken und der verlaufenen Mascara, „dass er wegen dem Klienten und nicht den Nutten dort war?“
So sehr sich Luana auch bemühte, sie konnte sich einfach nicht auf den rauschenden Puls konzentrieren, welcher durch ihren Kopf ballerte, wie ein gehirnamputierter Nazi im Stechschritt. Die nächtlichen Besucher der Notfallapotheke waren dermaßen laut, stinkend und haarig, dass sogar die schlimmste Migräne nicht in der Lage wäre, dieses Ungemach zu übertünchen – das wollte was heißen!
„Ladies“, setzte Luana zaghaft an, während sie gegen Übelkeit vielerlei Ursprungs kämpfte und probierte, ob sie sich wohl einigermaßen geschickt zwischen ihren Sitznachbarn hindurchquetschen könnte. „Wäre es möglich, ein wenig ruhiger zu sein? Ich habe …“ Weiter kam sie nicht, denn das andere Mädchen wollte sich ihre Chance für eine kurze Stichelei nicht nehmen lassen und kreischte: „Me so horny!“
Später, wenn sie Freunden diese Geschichte erzählen wird, wird Luana nicht mit absoluter Gewissheit sagen können, aus welchem Grund sie urplötzlich ihre Manieren vergaß – das Blitzgewitter, welches bei jedem Geräusch vor ihren Augen flackerte, die nach und nach überufernde Übelkeit oder schlichtweg ihre eigenen Vorurteile, von denen sie auch später noch überzeugt wäre – zu Recht oder nicht sei dahingestellt. Auf jeden Fall geschah nun etwas, das so gar nicht dem guten Ton entsprach, den Luana von ihrem Vater beigebracht bekommen hatte – obwohl er ihr diesen Fauxpas geflissentlich verzeihen hätte.
„Haltet die Klappe!“ Tatsächlich, sie taten es. Ruckartig, die Schmerzen ob der Rage vergessend, erhob sich die Vierundzwanzigjährige, baute sich vor der Alten auf und donnerte: „Trinken Sie einen starken Kaffee und hören Sie auf zu saufen, dann stinken Sie auch nicht so widerlich, als wären Sie der verstopfte Ausguss einer Schweinetränke.“ Ein tiefer Atemzug, dann streckte sie ihren Zeigefinger in Richtung der Mädchen. „Ich habe keine Ahnung, wer Alice ist, aber ich bin mir sicher, dass sie nicht unter der Woche mitten in der Nacht durch die Stadt tingelt, ihre Zeit mit Lästern und Zickereien vergeudet. Wisst ihr, was das heißt? Huh?!“ Die Pause war rhetorisch, in erster Linie weil Luana sowieso nicht vor hatte, die beiden antworten zu lassen, aber auch, weil alle Anwesenden viel zu schockiert waren, um überhaupt etwas zu sagen. „Sie wird später nicht die verkackten Toiletten anderer putzen müssen, weil sie die Schule verpennt hat! Und Sie!“ Stockend, doch für einen von Kopfschmerz zerfressenen Körper gar behände, wandte sich Luana an die Dame mit Pelz, begutachtete sie durch ihre dunklen Brillengläser von oben bis unten, ehe sie mit unverkennbarer Verachtung ausspuckte, was sie schon immer, wirklich immer hatte sagen wollen: „Kaufen Sie sich einen Rasierer, denn falls Sie es noch nicht bemerkt haben, niemand will ihre Ganzkörperschambehaarung sehen.“
„Wie bitte?!“, empörte sich die Angekeifte. „Was erlauben Sie sich eigentlich, wissen Sie denn …“
„Ich bitte um Verzeihung, Gnädigste, das ist wohl ein Missverständnis.“, fuhr ihr Luana schelmisch-gemein grinsend ins Wort. „Ihnen fehlen vermutlich nur die Mittel, um Ihre Viecher zu füttern, deswegen tragen Sie diese verrottende Ausgeburt schlechten Geschmacks und fragwürdiger Wertvorstellungen durch die Gegend, die Sie aussehen lässt, als wären Sie ein fettes Karnickel. Hier, nehmen Sie“, spie sie aus, ehe sie der perplexen Frau eine Münze vor ihre Großmutterstöckelschuhe warf. „Mir reicht es jetzt, lieber Migräne ohne Medikamente als das hier!“
Ja, ihr Vater hatte Luana gut erzogen, hatte ihr beigebracht, höflich und nachsichtig mit Fremden umzugehen. Die Migräne allerdings, hatte anderes im Sinn und verlieh ihr, wenn auch nur in dieser Nacht, die Freiheit, alles, bis auf den Schmerz, aus ihrem Kopf auszukotzen.

Autorin: Rahel
Setting: Notfallapotheke
Clues: Nazi, Außenbordmotor, Flussschiff, Freudenhaus, Ring
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