Die Kreuzfahrt

SarahAutorin: Sarah
Setting: Rettungsboot
Clues: Enttäuschung, Prügel, Hochfinanz, Schwindel, Sturheit

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„Und nochmal von vorn“, rief Aaron demotiviert in die kleine Runde, während er die Pokerkarten mischte. Der Regen prasselte auf die Kunststoffplane, welche sie über das erstaunlich geräumige Rettungsboot gezogen hatten, während die drei Insassen im Schein einer kleinen Laterne Karten spielten.
„Die Kreuzfahrt ist sowieso todlangweilig gewesen“, murmelte Samantha und warf einen Blick zu dem Anwalt hinüber. Er zuckte vielsagend mit den Schultern und antwortete dann mit einem leichten Lächeln: „Es war deine Idee – und sind wir doch mal ehrlich, als Künstlerin musst du doch sowieso alles langweilig finden. Vor allem eine Kreuzfahrt, die du bloss machst, um einer Anklage wegen Körperverletzung zu entgehen.“
Samantha lachte leise. „Wie gut, dass ich einen Anwalt kenne, der wegen der Wirtschaftskrise seinen Job verloren hat und jetzt andauernd über die Hochfinanz wettert.“
Jane streckte sich und mischte sich in die Schäkerei ein. „Ich war ja erst auf dem Schiff zu eurer Verschwörung dazugekommen, aber glaubt ihr noch immer, dass die Sache mit dem Rettungsboot eine gute Idee war?“
Aaron verteile nun die Karten. „Ich laufe vor meinem alten Leben weg, Sam vor der Polizei und du hast eine Identitätskrise. Wenn du eine bessere Idee für unseren Neuanfang gehabt hättest, dann hättest du das aber früher sagen sollen.“
„Keine Ahnung“, murmelte Jane gedankenverloren. „Ich denke bloss, dass sich bald Enttäuschung über unseren Plan breitmachen wird. Der Boden der Tatsachen kann ziemlich hart sein.“
Samantha lachte rau. „Wir sind verdammte Idealisten, Kleines, find dich damit ab. Du darfst natürlich auch jederzeit aussteigen.“ Sie deutete mit einer einladenden Geste auf die Reling.
„Unsere Sturheit wird siegen“, erklärte Jane entschieden und warf ein Blick auf ihre Karten. Sie hatte begriffen, dass in Samanthas Witz ein gewisser Ernst verborgen gewesen war, immerhin war sie die einzige in der kleinen Reisegruppe, die wirklich vor einer realen Bedrohung flüchtete. Aaron versuchte die Situation zu retten, indem er Jane fragte: „Wieso bist du eigentlich auf diese Kreuzfahrt gegangen?“
„Wenn ich so zurückdenke, weiss ich es auch nicht – ich denke, ich wollte einfach mal wieder weg – alle paar Jahre flüchte ich vor meinem Alltag und fange irgendwo anders neu an.“
Samantha lachte trocken. „Das erklärt einiges.“ Auf Janes indigniertes Schweigen und Aarons Verblüffung hin fügte sie schliesslich leise hinzu: „Sorry, habe einen schlechten Tag.“
„Ganz unrecht hast du ja nicht“, murmelte Jane. „Ich denke, wir sind alle Feiglinge.“

Es war mitten in der Nacht als Samantha aufwachte. Ob es daran lag, dass sie fror oder weil sie das Gemurmel der anderen in ihrer Ruhe gestört hatte, hätte sie beim besten Willen nicht sagen können. Sie blieb ruhig in ihrem Schlafsack liegen und lauschte für einige Zeit der geflüsterten Unterhaltung zwischen Jane und Aaron, die über das konstante und monotone Prasseln des Regens kaum zu vernehmen war. Bald hatte sie begriffen, dass sich zwischen dem Anwalt und der Frau, von der sie noch immer nicht wusste, was sie eigentlich für einen Beruf hatte, irgendwas anzubahnen schien. Und mit jeder Minute wurde sich Samantha sicherer, dass es bloss noch eine Frage von Stunden oder Tagen war, bis die beiden sich dazu entscheiden würden, zurückzukehren und eine gemeinsame Existenz aufzubauen. Sie waren nicht die geborenen Flüchtlinge, sondern eher wie Kinder, die nach einer Tracht Prügel von Zuhause wegliefen und kurz darauf wieder zu ihren Rabeneltern zurückkehrten, weil sie sonst nirgendwo hinzugehen wussten. Beinahe musste sie losprusten als sie sich fragte, wie lange es dauern würde, bis Jane vom gemeinsamen Glück mit Aaron gelangweilt wäre und ihn verärgert zurücklassen würde – vielleicht zehn Jahre, vielleicht nur fünf? Komische Leute, dachte Sam und versuchte ruhig zu bleiben. Doch was war mit ihr, fragte sich die Künstlerin, während sie noch immer mit geschlossenen Augen auf ihrem Rücken lag. Sie fürchtete eigentlich gar nicht das Gefängnis, sondern die Vergessenheit, in die sie stürzen könnte, wenn sie für ein paar Jahre nicht in ihrem Atelier wäre – lachhaft! Dank dem Prozess würde ihre Bekanntheit wohl steigen und die in ihrem Atelier gestapelten Werke würden wie warme Semmeln weggehen. Nein, sie hatte nichts zu fürchten und trotzdem war sie, genau wie die beiden anderen, wie ein Kind vor etwas weggelaufen. Genau das begann ihnen allen je länger umso mehr zu dämmern, doch bisher hatte niemand den Mut gehabt es ganz offen zuzugeben und nicht bloss anzuspielen, wahrscheinlich aus purem Stolz. Samantha atmete tief durch, setzte sich ruckartig auf und sagte gut hörbar: „Die ganze Sache ist doch bloss ein Riesenschwindel.“ Während Aaron und Jane erschrocken herumfuhren, krabbelte sie unter der Plane durch und liess sich über die Reling fallen.

Einige Sekunden betrachteten sich die beiden Zurückgebliebenen gegenseitig, bis Jane etwas stutzig das Offensichtliche aussprach: „Sam ist weg.“
Aaron streckte seinen Kopf unter der Plane heraus in die regnerische Nacht, doch er konnte die Künstlerin nicht mehr erkennen. Nach einigen Augenblicken gab er auf und kroch wieder ans Trockene. „Das war’s dann wohl“, erklärte er ruhig. Er hatte das Gefühl als würde Jane ihn fragend ansehen, doch in der Dunkelheit, die auf dem Boot herrschte, konnte er es nicht erkennen. Schliesslich sagte er: „Schaut ganz so aus, als ob die grösste Spinnerin von uns als Erste zur Vernunft gekommen ist.“
Jane schwieg kurz, dann sagte sie: „Vielleicht hast du ja wirklich Recht. Trotzdem, mir ist nicht wohl bei dem Gedanken jetzt umzukehren.“
„Mir auch nicht, es ist inkonsequent“, sinnierte Aaron. „Aber wer ist schon so blöde, sich auf einer Kreuzfahrt in einem Rettungsboot zu verstecken und zu hoffen, dass da niemand nachsehen wird? Da können wir genausogut bei einem Glas Champagner am Pool bekloppte Fluchtpläne schmieden.“
Jane überlegte kurz, bevor sie etwas widerstrebend murmelte: „Okay, hast Recht. Lass uns aussteigen.“
Aaron zog die Plane weg und blickte auf das Deck des Kreuzfahrtschiffes hinunter, was für ihn wegen dem starken Seegang mit einem leichten Gefühl von Schwindel verbunden war. Diesmal hatte die Vernunft ziemlich lange gebraucht, um über die Sturheit zu siegen, dachte er, doch er konnte die leise Enttäuschung darüber nicht überwinden, dass ihr absurder Plan an der Realität gescheitert war. Janes Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, als sie hinter ihm rhetorisch fragte: „Wir sind schon ziemliche Vollidioten, was?“

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