Krieg und Frieden

SarahAutorin: Sarah
Setting: Vorratskammer
Clues: Gewalttätigkeit, Plastikpony, Berühmtheit, Vertrauen, Schweiz

„Wir müssen weiter“, sagte Gerhard überzeugt und sah sich in der chaotischen Vorratskammer um, die zum Lager der kleinen Gruppe umfunktioniert worden war. „Wir können nicht ewig hierbleiben.“
In der Sommerhitze roch es nach altem Käse, doch von den vier Reisenden schien das niemand mehr zu bemerken, zu lange waren sie schon in dem engen Raum, es musste beinahe eine Woche sein. Kassandra streckte sich auf ihrem Schlafsack und murmelte apathisch: „Wozu die Eile? Wir werden sowieso hier raus müssen, wenn wir nichts mehr zu essen haben.“
„Ich weiss nicht wie es euch geht, aber ich habe es satt, hier herumzusitzen“, wetterte Martin. „Nicht nur, dass ich glaube, dass wir weiter müssen, aber ich will schlicht und einfach nicht hier bleiben. Ausserdem habe ich genug davon, euch in der Nacht beim Sex zuhören zu müssen, wenn ihr glaubt, dass alle schlafen.“
Während Gerhard und Kassandra beschämt auf den Boden starrten, hob Kathrin, noch fast eine Teenagerin, ihren Kopf und schaute Martin mit geweiteten Augen an. „Die treiben es, wenn wir schlafen? Und was, wenn sie schwanger werden?“
„Keine Ahnung“, murrte Martin, bevor er hinzufügte: „Dann sind sie raus, ich lasse mich doch nicht von einer Schwangeren oder einem Baby aufhalten.“
„Dort drüben liegt noch ein Plastikpony, damit könnte dann ihr Kind spielen, wenn wir bis dann noch hier festsitzen“, schlug Kathrin grinsend vor. Martin schien die Angelegenheit nicht besonders lustig zu finden, denn er verdrehte die Augen und entgegnete: „Natürlich, mit einer langsamen Schwangeren oder einem schreienden Baby werden wir es sicher ohne Probleme bis in die Schweiz schaffen.“
„Jetzt mal halblang, niemand ist schwanger“, versuchte Gerhard den aufgebrachten Mann zu beschwichtigen. „Wir haben aufgepasst. Ausserdem, wer sagt dir, dass wir in der Schweiz sicher sind?“
„Ja, klar, weil das immer funktioniert“, schnaubte Martin. „Ich verstehe ja, dass wir nicht den Luxus haben, uns unsere Kameraden auszusuchen, aber in dieser Lage hätten wir es wesentlich besser treffen können, weil ihr ständig dumme Risiken eingeht. Und zu deinem zweiten Punkt: Wenn du etwas von Politik verstehen würdest, wüsstest du warum.“
Kassandra, die wieder desinteressiert gewesen war, meinte nun zusehends genervt: „Jetzt hör schon auf, meinen Gerhard zu beleidigen, du Trottel! Deine Berühmtheit bringt dir hier gar nichts, nur weil du mal Fernsehmoderator gewesen bist, heisst das noch lange nicht, dass du im Recht bist!“
„Fuck!“, rief Kathrin, die bisher geschwiegen hatte, mit einem Mal aus und sprang auf, bevor sie die anderen mit sich überschlagender Stimme anbrülle: „Hört verdammt nochmal endlich auf zu streiten, das ist ja nicht zum Aushalten!“
Niemand hätte im Nachhinein sagen können, wie eines zum anderen geführt hatte, vielleicht war das Mädchen etwas zu nahe vor Kassandra gestanden und sie hatte Panik bekommen, vielleicht war sie aber auch einfach zu wütend geworden, jedenfalls schlug die ältere Frau zu.
Kathrin schrie überrascht und schmerzerfüllt auf und fuhr zurück. Martin hastete zu ihr, um zu sehen, ob sie verletzt war. Hastig untersuchte er sie, schien jedoch nichts Bleibendes finden zu können. Mit einem Funkeln in den Augen, das mehr als tausend Bände sprach, fuhr er herum und gab Kassandra eine schallende Ohrfeige, bevor er kalt erklärte: „Wenn du nochmal meine Tochter schlägst, bringe ich dich um, du nutzloses Stück Dreck!“
„Sorry“, erwiderte Kassandra zitternd. „Ich wollte nicht…“ Sie unterbrach sich und begann von neuem: „Sie hat mir Angst gemacht, mir machen wütende Leute Angst und ich…“
„Bleiben wir doch alle ruhig“, warf Gerhard beschwichtigend ein. „Gewalttätigkeit bringt uns nur weiter auseinander.“
Kathrin nickte und fügte mit einer erstaunlichen Ruhe hinzu: „Wenn wir diesen Krieg überleben wollen, sollten wir zusammenhalten.“
Für einige Zeit herrschte bedrücktes Schweigen, das schliesslich von Martin gebrochen wurde. „Okay, dann brechen wir heute Abend auf, viele Vorräte sind ja nicht mehr übrig und wir können uns nicht ewig verstecken. In der Dunkelheit sollten wir mit etwas Glück nicht entdeckt werden.“
Kassandra hatte sich wieder hingelegt und nickte abwesend, während Gerhard entgegnete: „Gut, ich habe nämlich langsam das Gefühl, als ob mir gleich das Dach auf den Kopf fällt.“
„Sag mal“, begann Kathrin zögernd, stellte jedoch dann trotzdem ihre Frage: „Meinst du, wir werden es schaffen?“
„Natürlich“, entgegnete Martin mit einem Kampfwillen in der Stimme, den man ihm nicht mehr zugetraut hätte. „Der Rhein ist nicht mehr weit. Verlier jetzt nicht das Vertrauen in unser Glück, Kleine, wir schaffen das.“
„Hört mal“, flüsterte Kassandra plötzlich und alle verstummten alarmiert, bevor sie freudig erklärte: „Die Grillen zirpen wieder.“
Während sie den Geräuschen der Natur lauschten, erhob sich Kathrin leise, öffnete die Tür und trat durch den Gang des zerbombten Bauernhauses hinaus auf die Wiese. Die hohen Gräser reichten ihr bis zur Brust und sie schien darin unterzugehen. Sie sah sich um, lauschte dem Wind in den Bäumen und glaubte, ein fernes Donnergrollen zu hören. Sie ignorierte Martins unterdrückten Ruf, sofort zurückzukommen und genoss den friedlichen Augenblick inmitten des Chaos. Als sie das unverkennbare Klicken unter ihren Wanderschuhen hörte, war es bereits zu spät – sie hatte den Fuss schon von der Landmine gehoben.
Doch statt dem tiefen Knall einer Explosion erklang die Melodie des Songs „War“ und sie hielt für einen Moment verwirrt inne, bevor sie in schallendes, hemmungsloses Gelächter ausbrach.
„Noch einmal“, rief der Regisseur genervt, bevor er sich an den Beleuchter wandte: „Und mach das scheiss Handy aus, verdammt, du verdirbst uns den dritten Weltkrieg!“

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