Während wir leben

RahelAutorin: Rahel
Setting: Küste
Clues: Legosteinschranke, Blütenstaub, Süssstoffspender, Argusaugen, Schutzweste
Diese Story ist auch als Podcast-Episode erschienen.

„Mami! Beth hat schon wieder meine Legosteinschranke geklaut“ schrie Timmy wutentbrannt, als er mit grossen Schritten auf seine Mutter zulief und wild mit seinen dürren Ärmchen fuchtelte. „Ich brauche sie doch für mein Tor.“ Veronikas langes weisses Kleid flatterte verspielt im Wind, während sie sich zu ihrem aufgebrachten Sohn umdrehte und in die Hocke ging, um ihn in seinem Lauf auffangen zu können. „Ach Mäuschen“, sagte sie mit sanfter Stimme und der beruhigende Anblick ihrer feinen Lachfältchen vermochte es, Timmys Rage im Nu wegzuwischen. „Wie wäre es, wenn ihr beide eure Legos wegräumt und uns mit dem Picknick helft?“ Timmy schien einige Sekunden angestrengt über das Angebot nachzudenken, nicht sicher ob er seine beinahe fertiggestellte Burg wirklich zurücklassen wollte, nur um seinen Eltern beim Aufdecken zu helfen. „Okay Mami, aber nur weil du es bist“, verkündete er schliesslich mit einem schelmischen Zwinkern, löste sich aus ihrer Umarmung und stapfte zielstrebig zu dem grossen Korb, aus dem er sorgfältig, eines nach dem anderen, geblümte Picknickteller ausräumte. Veronika verharrte einige Sekunden und beobachtete ihren Ältesten mit Argusaugen, immer darum besorgt, Anzeichen eines erneuten Schwächeanfalls zu entdecken, doch heute schien glücklicherweise einer der wenigen guten Tage zu sein. Nachdem sie auch Beth davon überzeugt hatte ihre Legos wegzuräumen, gesellte sie sich zu ihren Männern, welche die karierte Decke bereits reich gedeckt hatten und schenkte Orangensaft in die Plastikbecher ein.

Simon versuchte vergebens den verschütteten Inhalt des Süssstoffspenders aufzuwischen; der Wind wehte kräftig über die See und erreichte landeinwärts eine beachtliche Geschwindigkeit. „Papa, der Wind ist viel zu schnell für dich“, lachte Tim amüsiert und Veronika liess sich von seiner dreisten Schadenfreude anstecken, so dass sie wegen all dem Kichern und Glucksen beinahe das Honigglas fallengelassen hätte. Gerade als sie sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel wischte, traf ihr Blick ihren Ehemann, der seine wirkungslosen Versuche, das süsse Pulver einzusammeln, nun endlich aufgegeben hatte. Ihre heitere Mine wich einem traurigen Ausdruck, als sie gedankenverloren nach Simons Hand griff, diese fest umschloss und sich darum bemühte sich nicht von dem tiefen Schmerz übermannen zu lassen, den sie beide in diesen dunklen Monaten verband. Simon senkte seine Lider und atmete einige Male tief durch, bevor er zärtlich über ihre Finger strich und sie aufmunternd und spielerisch auf seinen Schoss zog. „Nicht jetzt“, flüsterte er ihr zu und sie wusste, dass er Recht hatte – nicht jetzt, nicht an diesem perfekten Tag.

Die salzige Brise wurde kühler und je weiter der Nachmittag voranschritt, desto bewölkter und unheilvoller wurde der Himmel über dem kleinen Küstengebiet, doch die beiden Kinder liessen sich davon nicht abhalten und spielten ausgelassen miteinander, preschten so schnell sie ihre kurzen Beine trugen über den algenübersäten Strand und riefen einander fröhliche Reime zu. „As I was going to St. Ives“, schrie Beth ausser Atem mit ihrer hohen Kinderstimme und wartete darauf, dass Timmy sie einholen würde. Als dieser jedoch nicht sofort mit der nächsten Zeile antwortete, wurde sie nervös. „I met a man with seven wives“, kreischte er dann doch noch und zauberte damit ein befreites Lächeln auf die Lippen seiner jüngeren Schwester. Veronika und Simon sassen gemeinsam auf der verkrümelten Picknickdecke und beobachteten ihre Sprösslinge, beeindruckt davon, wie schnell diese das Gelernte aus dem Frühenglischunterricht in ihren Alltag aufgenommen hatten und sie wunderten sich, an wie viel davon sich Beth später würde erinnern können.

„Wir tun das Richtige“, begann Simon, wohl wissend, welche Frage seine Frau plagte. „Jeder Arzt hat uns dasselbe gesagt: Wir haben alles probiert und es gibt nichts, das wir noch tun können, ausser…“ Unfähig sich zu berühren ohne sofort in verzweifeltes Schluchzen zu verfallen, sassen die beiden jungen Eltern schweigend nebeneinander und sahen den schäumenden Wellen zu, deren beständigen und rhythmischen Bewegungen sie an die unaufhaltsame Natur der Dinge erinnerte. Veronika richtete sich abrupt auf und starrte bewegungslos auf einen abgerissenen und gestrandeten Algenhalm. Sie wusste, dass Simon den Satz genauso wenig beenden wollte wie sie, dennoch tat sie es: „Ausser ihn in Frieden sterben zu lassen.“

Es war bereits früher Abend, als Timmy und Beth endlich etwas ruhiger wurden, doch kaum hatten sie sich wieder hingesetzt, klagten sie schon wieder über Langeweile. Grinsend wuschelte ihnen Simon durch die Haare und verschwand kurz hinter einer der vielen Steinmauern, wahrscheinlich um etwas aus dem Wagen zu holen. Die Kinder kuschelten sich zufrieden und etwas schläfrig an ihre Mutter unter die bunt karierte Decke und lauschten der Brandung. „Was für ein schöner Tag“, murmelte Timmy, bevor er sich noch etwas fester an Veronika drückte und in diesem einen flüchtigen Moment fühlte sie nichts ausser Freude. Erst heute früh hatten sie sich dazu entschieden Timmys Behandlung abzubrechen, ihn nicht weiter mit aussichtslosen Therapien und Spitalaufenthalten zu quälen und ihm während den letzten Wochen, die er mit ihnen verbringen würde, das Geschenk der sorglosen Kindheit zu geben. Für sie und Simon war heute einer der dunkelsten Tage gewesen, der Tag an dem die Hoffnung starb, doch für Timmy war heute der Tag an dem er zum ersten Mal die Küste sehen durfte. „Ein wirklich schöner Tag“, bestätigte Veronika ihren Sohn und küsste ihn behutsam auf die Stirn. Ja, heute war der Tag, an dem Timmy und Beth das Meer kennenlernten, denn selbst an den schlimmsten Tagen besteht die Möglichkeit auf Glück.

Als Simon einige Minuten später mit einer Sporttasche wieder zurückkam, blieb er am Rand des Strandes kurz stehen und liess den Anblick seiner kleinen Familie, die eingepackt in die Picknickdecke vor den Wellen sass, auf sich wirken. Er liess es zu, sich vorzustellen wie sehr sich das Bild verändern wird, wenn Timmy nicht mehr bei ihnen sein würde und er musste gegen die Tränen ankämpfen, die seine so Augen brennen liessen, als hätte sich eine Wolke aus Blütenstaub hierhin verirrt. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder fangen konnte und das Leuchtorange seiner Schutzweste, welche er angezogen hatte, weil er Timmy sein Flanellhemd überlassen hatte, verfärbte sich dort dunkel, wo er seine Tränen abgewischt hatte. „Was sehe ich denn da? Ihr werdet doch wohl nicht einschlafen?“, sagte Simon belustigt, als er auf die gähnende Meute zuschritt, sich zu ihnen setzte und ein grosses Buch aus der Tasche zauberte. „Wie wäre es mit einem Märchen?“ Beth war sofort begeistert und stützte ihren Kopf auf die Handflächen, dazu bereit jedes fabelhafte Wort einzusaugen und in eine Fantasiewelt einzutauchen, Timmy hingegen verzog bloss das Gesicht und gab zu bedenken: „Ich mag Märchen nicht, die haben immer ein Happy End.“ Etwas irritiert und neugierig frage Veronika, was denn damit nicht in Ordnung wäre, woraufhin der Junge mit der bestimmten Selbstverständlichkeit eines Kindes antwortete: „Gute Geschichten enden nicht mit einem Happy End, sie enden mit einem To be continued.“

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