Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor – Die Mansarde

RahelAutorin: Rahel
Setting: Mansarde
Clues: Haarbürste, Playboy, Hütchen, Putzmittel, Tuch

Dies ist der 1. Teil der Fortsetzungsgeschichte „Hoffe auf das Beste, aber bereite dich auf das Schlimmste vor“. Links zu den anderen Teilen findet ihr hier.

Selbstzufrieden stand sie in der Mitte ihres neuen Zuhauses und drehte sich langsam im Kreis. Die strahlend weissen Wände und die puristisch gehaltene Einrichtung aus weissem Leder, Aluminium und Glas setzten sich stark vom dunklen Eichenparkett ab, während die geometrischen Formen des Mansardendachs ein interessantes Schattenspiel boten. Erschöpft schloss sie für einige Sekunden die Augen und atmete tief durch, bevor sie zu der beinahe freischwebenden Wendeltreppe ging, um zu der Galerie zu gelangen, auf welcher sie sich ihr Schlafzimmer eingerichtet hatte. Schmunzelnd begutachtete sie das kleine Holzschild, welches sie von Freunden zum Einzug geschenkt bekommen hatte und auf dem in edlen Lettern ihr Motto eingraviert war; Spero optimus instruo pro pessimus. Nachdem sie die letzten zwei Tage mit Umzugskisten, Werkzeug und Putzmittel verbracht hatte, würde ihr etwas Schlaf jetzt sicherlich gut tun, also legte sie sich mitsamt ihrem schmutzigen Overall ins Bett und schlummerte sofort ein.

Währendem sie dem grauenhaften Geräusch der mahlenden Kaffeemaschine lauschte und gedankenverloren ihre Haare kämmte, verblassten die Erinnerungen an den wirren Traum, welcher sie unsanft aufgeweckt hatte. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete sie das Flackern des Fernsehers und gähnte ausgedehnt, bevor etwas Ungewöhnliches ihre verschlafene Aufmerksamkeit auf sich zog: Der Wetterfrosch, der vorhin noch monoton von Sturmfronten und Hochdruckgebieten erzählt hatte, sah sich aufgebracht im Studio um und übergab dann stammelnd an seine Kollegin, die mit aufgerissenen Augen ängstlich in die Kamera starrte, wie ein Reh ins Scheinwerferlicht. Instinktiv legte sie die Haarbürste auf den Küchentresen, wandte sich dem grossen Panoramafenster zu und beobachtete misstrauisch die friedlich dahinziehenden Wolken und kratzte sich dann, als sie keine Gefahr erkennen konnte, beschämt an der Schläfe.
„…nicht bestätigten Berichten hervor. Wir bitten Sie Ruhe zu bewahren, belebte Orte zu meiden und sich wenn möglich an einen sicheren Ort zu begeben. Verfolgen Sie die aktuellen Durchsagen auf…“ Wie in Trance setzte sie sich im wollweissen Bademantel, welchen sie bei ihrem letzten Hotelaufenthalt geklaut hatte, auf die Couch, stütze ihr Kinn auf ihre Hände und beobachtete abwesend, wie die Züge der Moderatorin immer mehr zu einer panischen Fratze mutierten. „Es ist also soweit“, dachte sie sich und trank ihren Kaffee aus.

Ein lautes Donnern hallte durch die Mansarde, als sie den letzten Riegel zuschob und der mächtige Bolzen in das selbstgebaute Schloss fiel. Es waren zwei Tage vergangen, seitdem die ersten Berichte über den Bildschirm geflimmert waren und sie hatte alle Vorräte aus dem Keller in ihre Wohnung getragen und fein säuberlich in Rationen aufgeteilt. So würde sie mindestens zwei Monate hier ausharren können, aber früher oder später würde sie sich auf die Suche nach Nahrung machen müssen. Ihr Herz begann bei dem Gedanken wie wild zu klopfen und sie war kurz vor einer Panikattacke, also griff sie nach einem Tuch und atmete in ihrem eintrainierten Rhythmus durch den kratzigen Stoff. „Ich schaffe das“, murmelte sie zu sich selbst und wartete insgeheim sehnsüchtig auf den Telefonanruf von Nick.

Die versteckte Tür in ihrem begehbaren Kleiderschrank stand weit offen und gab die Sicht frei auf das dahinterliegende Waffenlager. Drei Jahre lang hatte sie sich gerüstet, ihren Notfallplan perfektioniert und egal wie oft sie dafür belächelt oder gar verspottet worden war, sie würde der Apokalypse nicht blauäugig und unvorbereitet entgegentreten. Etwas verloren stand sie inmitten ihrer adretten Wohnung, kicherte unwillkürlich, als sie realisierte, wie unordentlich alles aussah und dachte sich, dass sie wohl oder übel würde aufräumen müssen, bevor Nick eintraf. Nick war ein schelmischer Playboy, den sie vor Jahren auf der Universität kennengelernt hatte und mit dem sie unter normalen Umständen nicht einmal dieselbe Tasse geteilt hätte. Aber Nick war auch der einzige gewesen, der ihre morbide Faszination am Weltuntergang teilte, mit dem sie all die Katastrophenszenarien hatte besprechen können und auch wenn er behauptet hatte, dass es für ihn nichts weiter als unterhaltende Gedankenspiele waren, so hatte er sich trotzdem dazu überreden lassen, einen konkreten Notfallplan auszuklügeln. Etwas gelangweilt trug sie einige Kartonschachteln mit unnützem Zeug, wie Silvester-Party-Hütchen und altem Geschirr, aus ihrem Zimmer und verbarrikadierte damit die kleine Plattform der Feuertreppe vor ihrem Fenster, bevor sie einen letzten, wehmütigen Blick auf die vom Regen glitzernden Strassen warf und die metallenen Jalousien herunterfahren liess.

Er sass auf dem Korbsessel und beobachtete stoisch die fest verschlossene Wohnungstür. Sie war den Tränen nahe gewesen, als sie ihn am vierten Tag nach dem Ausbruch durch den Türspion erspäht hatte, doch seit der überschwänglichen Begrüssung hatten sie kein Wort mehr miteinander gesprochen und wenn sie ehrlich war, so wollte sie gar nicht erfahren, was Nick alles erlebt hatte, bevor er ihren sicheren Hafen gefunden hatte. Sie hatte seine Wunden gereinigt und genäht, ihm den letzten frischen Apfel gegeben und trotz ihrer Müdigkeit die ersten Wachen gehalten, währendem er sich ausgeruht hatte –  viel mehr hatte sie nicht für ihn tun können. Der lederne Waffengurt der geladenen Winchester, die er neben sich an den Sessel gelehnt hatte, baumelte bei jeder seiner Bewegungen ruhig hin und her und gab ihr das flüchtige Gefühl von Sicherheit. „Hier“, hauchte sie heiser, als sie zu dem jungen Mann schlenderte und ihm ein Glas mit kalter Schokoladenmilch reichte. Sie hatte die angespannte Stille satt, ertrug sie einfach nicht mehr und setzte sich seufzend auf die unterste Stufe der Wendeltreppe, bevor sie sagte: „Es tut mir so unendlich leid!“
„Ach, halt die Klappe, Tess!“ Seine Worte klangen emotionslos und so, als hätte er sie sich schon vor Stunden zurechtgelegt. „Das ist doch genau das, was du wolltest: Die Welt geht unter, versinkt im Chaos und du sitzt in der ersten Reihe um zuzusehen.“

Es hatte vor über drei Tagen angefangen. Zuerst hatten sie noch gehofft, dass die Kreatur irgendwann aufgeben und weiterziehen würde, doch sie hatten sich geirrt und langsam aber sicher, trieb sie das immerwährende, brutale Klopfen in den Wahnsinn. „Wir müssen es erschiessen!“, rief Nick schlussendlich und schritt entschlossen zum Wandschrank, doch Tess stellte sich ihm in den Weg. „Und wie bitte willst du das machen? Du willst doch nicht allen Ernstes die Tür öffnen?“ Sie klang hysterisch und krallte sich an Nicks Unterarm fest, der sie vehement zur Seite schob und sich ein grosskalibriges Jagdgewehr griff. „Was ist, wenn die anderen den Schuss hören und zu uns hochrennen? Du kannst nicht alle erwischen, bevor sie uns überrennen.“ Verzweifelt versuchte sie an seine Vernunft zu appellieren und ihn von seinem gefährlichen Vorhaben abzubringen, ihn an ihren Plan zu erinnern. „Es wird besser werden, ich verspreche es dir.“
„Ach ja?“, gab er schnippisch zur Antwort, währendem er sorgfältig eine Patrone in die Kammer legte. „Und was bitteschön glaubst du, wird in einer Woche passiert? Oder in zwei? Wird es dann immer noch besser, wenn wir keine Vorräte mehr haben und geschwächt sind?“

Sie weinte leise, währendem sie sich im Spiegel betrachtete. Nach und nach legte sie überflüssige Munition ab, reduzierte den Inhalt ihres Rucksackes auf das Nötigste und schnürte ihre Wanderstiefel fest. Heute war der Tag der Abreise gekommen und obwohl sie die Route auswendig kannte, wusste sie nicht, ob sie den Flugplatz jemals erreichen würde, oder was sie dort erwarten würde. Und sogar wenn sie bis dorthin würde überleben können, würde ihr die grösste Prüfung noch bevorstehen. Nick hatte ihr in den letzten Wochen alles über das Fliegen beigebracht, doch seine Erklärungen, Zeichnungen und Simulationen würden die Tatsache nicht wettmachen können, dass sie die kleine Cessna seines Onkels noch nie selbst geflogen hatte. Sie hatte unheimliche Angst davor, die Jalousien hochzufahren, sich der neuen Welt alleine zu stellen, doch was blieb ihr anderes übrig? Nick war nicht mehr bei ihr und trotzdem wandte sie sich der an einen Stahlträger geketteten Gestalt noch einmal zu, um sich von dem, was noch von Nick übrig geblieben war zu verabschieden, bevor sie das kalte Gitter der Feuertreppe betrat. Widerwillig sah sie in seine leeren, blutunterlaufenen Augen und flüsterte ihm zu: „Du hattest Recht: Die Welt geht unter und ich will verdammt sein, wenn ich nicht lange genug lebe, um dabei zuzusehen!

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