Meisterwerk

SarahAutorin: Sarah
Setting: Empire State Building
Clues: Pinsel, Kummerkasten, Sorgfaltspflicht, Brennholz, Fitnessstudio

Das Empire State Building erhob sich majestätisch im Smog der Grossstadt, als Carol den Platz vor dem Gebäude überquerte und entlang der Fassade nach oben blickte. Stockwerk über Stockwerk türmte sich das Hochhaus nur wenige Meter vor ihr gen Himmel, so als würde es nach den Nebelschwaden greifen, in welchen seine Spitze verschwand. Sie musste sich nach hinten lehnen, um ganz nach oben sehen zu können, oder zumindest so weit, wie sie durch die weissgraue Suppe über ihr etwas erspähen konnte. Sie seufzte zufrieden, als sie sich dem Eingang zuwandte und den letzten Schluck aus ihrem bereits beim Kauf dürftig gefüllten Kaffeebecher nahm. Ja, die Metropole hatte ihren eigenen Charme, eine etwas chaotisch anmutende Form der Schönheit, welche zugleich etwas Kühles und etwas Tröstliches an sich hatte; man konnte nicht bloss seine eigene Bedeutungslosigkeit in der schieren Masse erkennen, sondern auch wissen, dass man niemals alleine war, dass alles irgendwie verbunden schien. Verbunden mit allen Bewohnern der Stadt, verbunden mit den Sportlern, die sich an diesem noch jungen Morgen bereits kurz nach der hereingebrochenen Dämmerung im Fitnessstudio wundstrampelten, verbunden mit all den Einbrechern, die nun in diesem Moment Wohnungen leerräumten, gar verbunden mit all den Eltern, die just in diesem Moment ihre Sorgfaltspflicht verletzten und den Anwälten, die nur darauf brannten, sie dafür vor Gericht zu bringen.
Zufrieden trat Carol in die Lobby, die beinahe menschenleer war. Es war noch viel zu früh für alle Büroangestellten, bloss Johnny, der Mann vom Empfang, sass an seinem Tisch und schien auf seinem Tablet-PC mit einem verbissenen Gesichtsausdruck Früchte aufzuschlitzen oder mit wütenden Vögeln zu werfen. Als Carol an ihm vorüberging, ihre ganze Ausrüstung unter dem Arm schleppend, blickte er kurz auf und nickte ihr freundlich zu. Es hatte lange gedauert, bis sie es geschafft hatte, jederzeit das Empire State Building betreten zu dürfen und sie hatte sich dafür an viele Stellen wenden müssen, dass sie nicht einmal mehr wusste, wie viele es gewesen sein mochten. Doch nichtsdestotrotz hatten sich ihre Mühen gelohnt, denn nun konnte sie jederzeit auf die Dachterrasse des Turmes hochgehen, auch zu Zeiten, an denen keine Touristen im Weg standen und wenn sie wollte auch in der Nacht. Gemächlich trat sie in den Aufzug, der sich darauf mit einem sanften Ruckeln nach oben bewegte.

Die Aussicht von der Dachterrasse gab den Blick frei über die New Yorker Skyline, die zu grossen Teilen von Nebel verdeckt wurde, sodass bloss einzelne Fragmente der Wolkenkratzer aus den weissen, watteartigen Fetzen hervorschauten, die den Verkehrslärm von den darunterliegenden Strassen dämpften. Carol suchte sich einen guten Platz und begann damit, ihre Staffelei aufzustellen. Sie malte nicht die typischen Bilder, welche man in der Gegend überall kaufen konnte, die Touristenattraktionen oder gar die Touristen selbst zeigten, sondern versuchte, möglichst ungewohnte Stimmungen zu entdecken und die Aussicht vom Empire State Building bei Nebel war zweifellos etwas ganz besonderes. Sie liess ihren Blick langsam über das Panorama wandern, um die richtige Stelle zu finden und prägte sich die Szenerie gut ein, bevor sie schliesslich zum Pinsel griff und ihn beinahe zaghaft in die Farbe tauchte. Es war immer der erste Strich auf der Leinwand, welcher ihr grosse Mühe bereitete, der Anfang, der sie jedes Mal dazu brachte, kurz zu zögern; doch die Welt war nicht perfekt und so würde es auch ihr Bild nicht werden, deshalb liess sie sich schliesslich doch nie davon abbringen, anzufangen. Sie würde schnell arbeiten müssen, wenn sie den Nebel sehen wollte, den sie malte, denn in weniger als anderthalb Stunden wäre er ganz verflogen und ihr Stolz erlaubte es ihr nicht, mit ihrer Digitalkamera einige Fotos zu schiessen. Immerhin konnte sie den Rahmen der Leinwand, welcher schon in ihrem Atelier bereitstand, noch immer als Brennholz verkaufen, wenn etwas ganz und gar schief ginge. In der Rezession würde das wohl gar einige Dollar bringen, wenn auch viel weniger, als sie dafür bezahlt hatte, dachte sie leicht amüsiert.

Wie immer wenn Carol malte, versank sie ganz und gar in ihrer Arbeit und es gab für sie bloss noch den Pinsel, die Staffelei und die Nebelschwaden, welche vor den Gebäuden vorüberzogen. So konzentriert und in ihrer eigenen kleinen Welt, wie sie es nun war, bemerkte sie nichts mehr, was um sie herum geschah. So war ihr nicht aufgefallen, wie sich vereinzelte Menschen auf dem Dach bewegten und schliesslich, als sich der Nebel zu lichten begann und erste Touristen auftauchten und sich gar einige hinter ihr versammelt hatten, um ihr zuzusehen. Erst das laute Rufen mehrerer Anwesender riss sie abrupt aus ihrer Trance und sie sah sich verwirrt um, noch nicht in der Lage zu realisieren, was geschehen war. Erst konnte sie bloss die Schaulustigen erkennen, die am Geländer standen und nach unten blickten, dann den Polizisten gleich daneben, der ziemlich angespannt zu sein schien. Obwohl noch vor einigen Sekunden jemand geschrien haben musste, herrschte nun eine bedrückte Stille, die schon beinahe substantiell zu sein schien, ganz so als hätte sie von allen Anwesenden Besitz ergriffen. Carol traute sich nicht zu fragen, was gerade geschehen war, doch sie hatte ihre Vermutung und wusste, dass sie wahrscheinlich nicht falsch liegen würde. Sie musste an Johnny denken, der jetzt wohl den ganzen Dreck zu sehen bekam, in seiner ganzen detaillierten Abscheulichkeit, schonungslos und grausam. Soweit sie wusste, wäre dies nicht sein erstes Mal, doch ob dies für ihn die Sache besser machen würde, wagte sie zu bezweifeln. Langsam kam wieder Bewegung in die unfreiwilligen Zeugen auf dem Dach und sie begannen auch wieder miteinander zu sprechen, wobei sie ziemlich leise waren und schockiert klangen. Aus einigen Gesprächsfetzen, welche Carol aufschnappte, konnte sie schliessen, dass sie Recht gehabt hatte.
Etwas in ihr sträubte sich – nein, sie wollte sich nicht der Realität stellen, nicht weiter darüber nachdenken. Entschlossen nahm sie erneut den Pinsel zur Hand, wobei ihr Blick auf den bereits etwas abgenutzten Haaren haften blieb, an denen rote Farbe zu sehen war. Wozu habe ich denn ein so helles Rot gebraucht, fragte sie sich verwirrt und betrachtete das Bild. Ein kalter Schreck packte sie und ungläubig starrte sie auf die Szenerie von Wolkenkratzern, welche sich majestätisch aus dem morgendlichen Nebelmeer erhoben. Vor ihnen war ein Mann zu erkennen, welcher mit ausgestreckter Hand rückwärts vom Geländer stürzte. Er schien ziemlich detailliert geraten zu sein, man konnte die skurrile Mischung aus ungläubiger Angst und Verständnis erkennen, die sich nur wenige Augenblicke zuvor auf seinem Gesicht manifestiert haben musste, seine Lippen waren zu einem erschrockenen Schrei geöffnet und sein roter Pullover leuchtete beinahe, so stark hob er sich von dem Hintergrund ab.

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