Die Neugier des Misanthropen

Ein wenig Mut reichte nicht aus, selbst eine ganze Handvoll brachte ihn nur zum flüchtigen Versuch, jedoch nicht über die Türschwelle. Um die Wohnung nach Jahren endlich zu verlassen, eine Antwort auf die quälendste aller Fragen zu finden, brauchte er Hilfe und er fand sie zwischen den Seiten seiner treusten Begleiter. So saß er, Nacht für Nacht, in seinem Sessel und las von Wagemut, sammelte die Tapferkeit aus dem Erfahrungsschatz all derjenigen, die vor ihm zu Helden geworden sind. Doch je länger er dort verweilte, desto klarer wurde ihm, dass es nicht der Mut war, der ihn aus seiner selbstgewählten Misere würde führen können, nein, nur die größte aller Tugenden würde ihn dazu befähigen, sich seiner Angst zu entledigen. Das Potential zur Größe, davon war er mittlerweile überzeugt, wohnte in steter Neugier.

Bedachtsam säte er den Samen, nährte ihn mit all der Liebe, die seiner Melancholie standgehalten hatte und übte sich in Geduld. Aus Geschichten wurde Philosophie, bis schließlich aus der Metaphysik die Gier nach Naturwissenschaften aufkeimte. Der Mensch, so lernte er ruhelos, war kein schlechtes Tier, war nicht das Ungetüm, das ihn in seinen Träumen jagte, sondern bloß Projektionsfläche für sein eigenes Verständnis von Moral. Die Natur kannte keine Wertung, weder Schwarz noch Weiß noch Grau, sie kannte nur den Unterschied zwischen Funktionstüchtigkeit und Versagen. Die Erkenntnis sickerte nur langsam in sein Innerstes, blieb jedoch fest verankert haften und so, zum ersten Mal seit der längst vergessenen Zeit seiner Jugend, ging er hinaus in den Regen.

Die Straße war belebt, voller Menschen, die unter ihren Schirmen ziellos vorbeizogen und nur gelegentlich ans Ufer schwemmten. Einige Schritte nur, dann blieb er unter einem Baldachin stehen und ließ die Wellen der Panik an seiner ins Unbändige herangewachsenen Neugier branden. Das ist es also, sinnierte er, während die Welt sich ungerührt weiterdrehte, das Leben vor meinen Fenstern. Das Herz schlug hart und rhythmisch, doch er wollte seinen Körper nicht länger entscheiden lassen, wollte seine Instinkte neu erlernen und so zwang er sich zum Marsch hinaus in eine Welt, die ihm irgendwann fremd geworden war. Niemand beachtete ihn, er war zu einem von ihnen geworden, einer wandelnden Insel im Regenmeer der Straße und es war ihm, als wäre er der einzige, der seine Mitreisenden noch wahrnahm.

Sie schienen es nicht zu wissen oder aber sie verdrängten es, denn wie sonst konnten sie so unbeteiligt an einander vorübergehen, so als wären sie voneinander losgelöst, als würden sich ihre Leben nicht berühren. Eine Weile hielt er inne, ließ den Regen auf sich fallen, unentschlossen über sein nächstes Ziel. Vielleicht, so fiel ihm plötzlich ein, war es genau dieses Desinteresse, das es ihnen ermöglichte sich ohne Angst durch die sozialen Wogen zu bewegen. Widerwillig nur fragte er sich, ob er diesen Preis würde bezahlen wollen, was er verlieren und gewinne würde, wenn er seinem Gehirn Gleichgültigkeit beibrachte. Was würde auf dem Rücken seiner Angst verschwinden, welche Wunder würden ihm entgleiten?

Er hatte noch nie ein Schluchzen außer dem eigenen gehört, noch nie die Tränen eines anderen Menschen gesehen, doch da stand sie, direkt vor ihm und ihre milchig-grünen Augen weinten mit dem Regen. Überfordert trat er auf der Stelle, wollte helfen und fliehen zur selben Zeit, bis etwas tief in ihm vorwärts drängte. Er hielt das Taschentuch zitternd in ihre Richtung und fror für einen Augenblick ein, als sie es mit einem traurigen Lächeln annahm und er es erkannte. In ihren Zügen sprach lähmende Angst, er wusste nicht, woher sie kam, aber er konnte sie in seiner Kehle fühlen. „Danke“, flüsterte sie und nahm seine Hand, einfach so. Etwas flackerte auf, das Wissen darum, nicht allein zu sein und endlich, ohne Vorwarnung, begann die Panik in seinem Hinterkopf zu verblassen. Zurück blieb nur das Flackern der Menschlichkeit.

Autorin: Rahel
Setting: Unter einem Baldachin
Clues: Schluchzen, Desinteresse, Regen, Erfahrungsschatz, Misere
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