Wer sich die Misosuppe einbrockt

(Im Wohnzimmer der Familie Eberhardt. Die Abendsonne steht direkt vor der Fensterfront und wirft lange Schatten durch den Raum. Vom Obergeschoss her ist leise Popmusik zu hören und Ernesto, der Kater, liegt vor der Balkontür auf dem Hochfloorteppich. Vater Erni Eberhardt sitzt auf der Couch, Ellenbogen auf die Knie und das Kinn auf den Handflächen abgestützt, vor dem Laptop. Er trägt ein Headset und telefoniert mit seiner ältesten Tochter, während seine Frau, Emilia Eberhardt, aufgebracht hin- und herwandert.)

Erni: (Gelassen) „M-hm, ich verstehe.“
Emilia: (Schnauft frustriert)
Erni: „Ja, Schätzchen.“
Emilia: (Leise, spöttisch nachäffend) „Ja, Schätzchen.“
Erni: „Sicher, sicher.“ (Pausiert) „Ich habe einen Vorschlag.“ (Pausiert erneut) „Du legst dich erst mal schlafen, okay? Wie spät ist es bei dir?“ (Blickt auf die Armbanduhr) „Viertel nach Eins. Es ist sinnlos sich mitten in der Nacht so aufzuregen, Liebes.“
Emilia: (Zischend) „Aufregen kann sie sich zu jeder Tageszeit.“
Erni: (Winkt seiner Frau ab, ohne sie anzusehen) „Was meinst du, Mäuschen? Wollen wir das morgen in Ruhe besprechen?“

(Ernesto steht auf, blickt der Dame des Hauses gelangweilt hinterher und kündet mit einem lauten Miauen an, dass er vor dem Abendessen unbedingt seine Runde durchs Quartier drehen will. Emilia funkelt das Tier böse an, bevor sie ihm die Tür öffnet und sich schließlich auf den Fernsehsessel fallen lässt.)

Erni: „Gut, das freut mich, Schätzchen.“ (Lächelt in die Kamera) „Ich wünsche dir trotz alledem eine gute Nacht und vielleicht sieht es dann schon ein wenig anders aus.“
Emilia: (Grunzt verächtlich)
Erni: „Bis morgen, Liebes. Schlaf gut.“ (Beugt sich vor und pustet seiner Tochter einen Kuss zu, ehe er den Skype-Anruf beendet und den Laptop zuklappt)
Emilia: (Giftig) „Und? Wann ist sie wieder hier?“
Erni: (Bleibt ruhig, streckt sich und schnappt sich ein Traubenzweiglein von der Fruchtschale auf dem Couchtisch) „Na na, keine Sorge. Sie hat sich bloß in die Sache reingesteigert. Du weißt, wie sie ist.“
Emilia: „Selbstverständlich weiß ich das!“ (Reibt sich die Nasenwurzel) „Dir ist klar, dass ich das Theater mit ihr seit bald fünf Jahren ertrage?! Scheiße!“
Erni: „M-hm. Natürlich, Emmi. Uns war allerdings auch bewusst, sie würde sich nicht von heute auf morgen ändern. Sie braucht Zeit, das ist irgendwie nachvollziehbar, gerade weil sich ihre Situation so drastisch verändert hat und sie …“
Emilia: (Unterbricht ihren Mann, wird laut) „Und was? Sie nicht mehr den ganzen Tag träge herumhängen und in ihrer Traumwelt leben kann?“ (Schnaubt sarkastisch) „Och, das arme Kind, wie konnte ich ihr das antun?! Dein Mitleid ist an ihr verschwendet, Erni. Sie hat sich die Suppe nun wirklich selbst eingebrockt!“
Erni: (Schaut betreten zu Boden, holt Luft und nickt anschließend lediglich kraftlos)
Emilia: „Sieh es ein, Erni. Unserer Tochter ist nicht geholfen, wenn wir sie weiter verhätscheln. Sie braucht keine Zeit, sondern einen ordentlichen Tritt in den Arsch!“ (Wird traurig) „Sonst vergeigt sie tatsächlich ihre ganze Zukunft und das allein, weil sie zu faul ist, zumindest das Minimum zu leisten.“
Erni: „Ach Emmi, sie tut mir halt leid. Heimweh ist keine schöne Sache.“
Emilia: „Pah, Heimweh. Genau das wollte sie doch, also was heult sie rum?“
Erni: „Ja schon, aber …“
Emilia: „Nichts mit aber, Erni.“ (Redet sich in Rage) „Jahrelang hängt sie mir in den Ohren, sie wolle unbedingt reisen, dann frisst sie den Narren an diesen verkackten Manga-Heften, klaut sogar Geld von dir, Erni, sie klaut Geld von dir, um sich noch mehr davon zu kaufen und bildet sich ein, in Japan sei alles viel besser und nun? Nun flennt sie mit ihren achtzehn Jahren wie ein Baby herum und schreit nach Papa. Mir reicht’s!“
Erni: „Ach, entspann dich, Emmi. Ich finde deine Idee, sie dorthin zu verfrachten, damit sie vom härteren Bildungssystem ein wenig zurechtgerückt wird, prinzipiell gar nicht schlecht. Dauert hat.“
Emilia: (Nuschelnd) „Wir hätten sie besser in eine Militärschule geschickt.“
Erni: (Lacht auf) „Du übertreibst.“
Emilia: (Lacht ebenfalls) „Jaja.“ (Wird leiser, nachdenklich) „Ich liebe Esther über alles, das weißt du, Erni. Nur könnte ich sie manchmal gegen eine Wand werfen.“
Erni: „Geht mir genauso. Kinder … Hoffentlich bleibt wenigstens Eva pflegeleicht.“

(Die Popmusik aus dem oberen Stock wird abgestellt und Dielen knarzen.)

Emilia: „Wenn man vom Satansbrachten spricht …“

(Eva Eberhardt, das Nesthäkchen, betritt das Wohnzimmer.)

Eva: „Hat Esther angerufen?“
Erni: „M-hm.“
Eva: (Grinsend) „Und, was hat sie wieder?“
Emilia: (Lacht bitter auf) „Prima, Erni, selbst die Kleine hat es begriffen.“
Erni: (Räuspert sich erbost) „Das ist echt nicht notwendig, Emmi.“
Eva: „Ach, habe ich einen Nerv getroffen?“
Erni: „Eva, deine Schwester macht eine schwere Zeit durch. Das ist für Mama und mich auch schwierig, verstehst du?“
Emilia: „Himmelherrgott, Erni, sie ist elf! Glaubst du im Ernst, sie bekäme nicht mit, was hier vor sich geht?“
Eva: „Ja, Papa. Glaubst du das?“
Erni: (Atmet einige Male tief durch, schiebt seine Brille auf die Stirn und reibt sich die Augen) „Bitte. Emmi, Eva, ihr habt beide recht.“ (An seine Tochter gerichtet) „Du bist kein Kleinkind mehr“ (Dann an seine Frau gewandt) „und Esther benimmt sich wie eines. Trotzdem mag ich jetzt nicht schon wieder den ganzen Abend darüber diskutieren. Esther ist am anderen Ende der Welt und vielleicht sollten wir das ein kleines Bisschen genießen.“
Eva: (Feixend) „Jup, meine Rede. Seit sie weg ist gibt es viel weniger Geschrei.“
Emilia: (Drohend) „Pass bloß auf, du …!“
Eva: „Jaja, Mama. Ich bin still.“

(Eva Eberhardt plumpst neben ihren Vater auf die Couch und nimmt sich die Fernbedienung. Der Fernseher geht an, die Jüngste zappt ein Weilchen durchs Programm und bleibt dann bei einer Quizshow hängen.
Einige Minuten bleibt es im Wohnzimmer ruhig, Erni spielt abwesend auf seinem Handy und Emilia trinkt ihren bereits kalten Tee aus, bis Eva sich plötzlich gerade hinsetzt.)

Eva: „Du Mama, wie mies müssen meine Noten eigentlich werden, damit ich auch ein Austauschjahr machen kann? Statt nach Japan würde ich ja gerne in die USA, aber …“
Emilia: (Fällt ihr augenrollend ins Wort) „Noch so eine halte ich nicht aus.“

(Ernie Eberhardt ächzt verdrossen, klatscht sich auf die Schenkel und steht auf und geht in Richtung der Küche. Im Durchgang hält er inne.)

Ernie: „Ich mache uns Misosuppe.“
Eva: (Empört) „Iiih, den Mist könnt ihr selber auslöffeln.“

Autorin: Rahel
Titelvorgabe: Wer sich die Misosuppe einbrockt
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