Mittwochabend

Rahel_HorrorAutorin: Rahel
Setting: Auf weiter Flur
Clues: Hausstaubmilbe, Penny, Loch, Nasenhaarentfernung, Wissen

Warnung: Diese Kurzgeschichte enthält Szenen, die auf einige Leser beunruhigend wirken könnten.

Henry war vor einer Stunde nach Hause gekommen, drei Tage früher als geplant. Die Konferenz war zu seinem Erstaunen nicht bloss besser als befürchtet vonstattengegangen, sondern hatte die Erwartungen aller Beteiligten um Längen übertroffen. Gut gelaunt hatte der Mittvierziger die Haustür aufgerissen, seinen Herbstmantel auf die Garderobe geworfen und den Inhalt seines Koffers im Wäschekorb verstaut. Nun sass er mit einer Tasse Kakao auf der Couch und wartete fernsehend auf die Rückkehr seiner Familie. Er war Mittwochabend, vermutlich waren seine vier Frauen, wie er seine Frau und Töchter gerne nannte, ins Kino gegangen oder genehmigten sich nach einem Ausflug im Shoppingcenter ein leckeres Abendessen bei ihrem Liebingsjapaner. Gähnend streckte er seinen Rücken durch und liess sich dann in die weichen Kissen fallen. Kurz überlegte er, wann die Polster zum letzten Mal gereinigt worden waren, da er allergisch auf Staub reagierte. Dem Gedanken an eine Hausstaubmilbe unter dem Mikroskop zum Trotz döste er innerhalb von Sekunden ein.

Als Henry aufwachte, hatte der Hauscomputer bereits das Ambientelicht im Wohnzimmer eingeschaltet. Er musste die Dämmerung verschlafen haben, denn im Panoramafenster konnte er nur sein eigenes Spiegelbild erspähen. Seufenz richtete er sich auf, strich sich mit den Handflächen übers Gesicht und warf einen Blick auf seinen Chopard Chronometer, welchen ihm Prudence zum fünfzehnten Hochzeitstag geschenkt hatte. Ein schönes Präsent, bestimmt ansehnlicher als das Gerät zur Nasenhaarentfernung, mit dem sie ihn an ihrem ersten gemeinsamen Weihnachten breit grinsend überrascht hatte. „Bald viertel vor zwölf“, murmelte er heiser und schmunzelte bei der Erinnerung an Prudences liebevolle Frechheit, die sie in all den Jahren nie verloren hatte. Der Fernseher hatte sich selbst ausgeschaltet, der Kakao war kalt geworden und es war totenstill im Haus. „Wo bleiben sie?“
Je mehr sich die Schläfrigkeit legte, desto besorgter wurde Henry. Es war ungewöhnlich, dass sie noch nicht zurück waren, schliesslich mussten die Kinder morgen in die Schule, die kleinste, Phoebe, lag normalerweise spätestens um halb neun im Bett. Sich einredend, er habe die Ankunft seiner Familie lediglich verschlafen, beschloss er, zuerst in den Kinderzimmern, anschliessend im Schlafzimmer nachzusehen, doch da fiel ihm auf: Pasta hatte ihn nicht begrüsst. Der alte Labrador Retriever war sonst stets sofort zur Stelle, wenn jemand den Schlüssel im Schloss drehte. Henry stand ruckartig auf und zog seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche. Eine weitere Erkenntnis durchzuckte ihn wie ein Blitzschlag: Die Haustür war nicht verschlossen gewesen, ansonsten hätte er seine Schlüssel an das Brett beim Eingang gehängt.

„Pasta“, versuchte er es erneut. Zumal er weder seine Frau noch die Kinder im Haus gefunden hatte, war er durch den Garten gewandert, ins Baumhaus geklettert und marschierte nun über das grosse Feld in Richtung des kleinen Forstes. Penny und Patricia spielten oft dort und Prudence hatte ihm vor seiner Abreise gesagt, dass sich die beiden am Waldrand aus Geäst sowie Laub eine Hütte gebaut haben. Vielleicht waren sie alle da, planten im Freien zu übernachten, so wie sie das damals oft gemacht hatten, bevor die Kinder kamen. Prudences Handy war aus, aber zumindest das alarmierte Henry kaum. Sie schaffte es regelmässig, ihr Telefon so lange zu ignorieren, bis der Akku leer war und war der Meinung, ständig erreichbar zu sein, wäre eine unnötige Geissel der heutigen Zeit. „Pasta, wo bist du, Junge?“ Es blieb still auf weiter Flur.
Seinen Schritt beschleunigend, wählte Henry die nächste Nummer auf seiner imaginären Liste. Es läutete ganze acht Mal, ehe seine Schwiegermutter den Hörer abhob und zischte: „Henry, weisst du wie spät es ist?!“
„Entschuldige, Portia. Ich wollte wissen, ob die Mädchen bei euch sind.“ Sie verstummte für ein Weilchen, bevor sie leise verneinte.
„Hast du bei Lili angerufen? Prudence hat mir neulich erzählt, sie wolle mit ihr und den Mädchen ins Spa-Wochenende. Allenfalls sind sie früher …“
„Habe ich. Lili hat sie auch nicht gesehen“, unterbrach er Portia. „Und morgen ist Schule, Prudence würde die … Oh mein Gott!“ Er liess sein Handy fallen und rannte auf das wimmernde Häufchen zu, das wenige Meter vor ihm im feuchten Gras lag.

Pasta schnaufte schwer, seine Augen waren nur einen winzigen Spalt geöffnet und in seiner Seite klaffte ein riesiges Loch, aus welchem stetig Blut floss. Henry kniete neben seinen nach Luft japsenden Hund, streichelte über dessen nasses Fell. Erschrocken fuhr er zusammen, als er mit seinen Fingern etwas Weiches hinter dem Ohr des Labradors ertastete. Die Dunkelheit erschwerte ihm die Sicht, daher beugte er sich über den hechelnden Körper und stiess sogleich einen entsetzten Schrei aus. Die rechte Seite von Pastas Hinterkopf war eingeschlagen, Teile des Schädelknochens klebten in Splittern an der aufgerissenen, zerschundenen Haut.
„Nein, nein, nein!“, keuchte Henry, während er sich hektisch aufrappelte und zu der Stelle rannte, wo er sein Handy vermutete. Er hatte keine Ahnung, was geschehen war, wer seinem geliebten Hund so eine Abscheulichkeit angetan haben konnte. Zittrig packte er das Telefon vom matschigen Boden, eilte wieder zu Pasta und hielt ihn mit einem Arm umschlungen. Er zögerte, war unsicher, ob er die Polizei oder den Rettungsdienst. Schlussendlich entschied er sich für seinen Freund Marcus, dieser war Tierarzt und wohnte nicht weit entfernt. Ohne ein Wort mit Portia zu wechseln, legte er auf und tippte auf Marcus‘ Telefonbucheintrag.
„Marcus! Schnell, du musst sofort herkommen. Pasta ist schwer verletzt. Ich bin auf dem Feld hinter dem Haus. Beeil dich!“, erklärte er aufgeregt in einem fort.
„Was? Henry, bist du das?“ Marcus klang verwirrt, fügte allerdings sofort hinzu: „Ich bin unterwegs.“

„Ach du Scheisse!“, fluchte Marcus bestürzt, nachdem er seine Taschenlampe auf Pasta gerichtet hatte. „Was zum Teufel ist passiert?“
„Ich weiss es nicht. Ich bin nach Hause gekommen, niemand war da. Ich wollte warten, bin eingeschlafen und habe …“, begann Henry nervös. „Bitte sag mir, dass du ihm helfen kannst! Ich muss die Mädchen suchen!“ Er sass noch immer bei Pasta, hatte dessen Kopf auf seine Knie gelegt und streichelte ihm fortwährend über die kalte Schnauze.
„Henry.“ Die Stimme des Veterinärs war belegt. „Es tut mir leid.“
„Was soll das heissen?“, fuhr ihn Henry wütend an uns blickte einige Male zwischen Marcus und seinem treuen Gefährten hin und her. „Du hast das Wissen, hilf ihm!“
„Henry, er atmet nicht mehr, es fliesst auch kein Blut. Verstehst du, was das bedeutet?“ Natürlich verstand Henry, er wollte es bloss nicht. Er erhob sich, ging auf Marcus zu, um ihn an die Brust zu boxen. „Du hilfst Pasta, ich suche die Mädchen!“ Dann lief er in die Richtung des Waldes los, wo er innständig hoffte, seine Familie aufzufinden. Sein Freund folgte ihm mit ein wenig Abstand, der tote Hund blieb im Gras zurück.

„Prudence, Patricia, Penny, Phoebe!“, riefen Henry und Marcus abwechselnd, als sie sich langsam dem Waldrand näherten. Henry hatte dem Tierarzt die Taschenlampe abgenommen und liess den Lichtkegel in raschen, wackeligen Bewegungen über das offene Gelände gleiten. „Prudence, Patricia, Penny, Phoebe! Wo seid ihr?“
„Ich rufe die Polizei“, meinte Marcus und blieb stehen. Henry liess sich davon nicht aufhalten, stapfte unbeirrt weiter, bis er plötzlich abrupt inne hielt, den Namen seiner Frau schrie, vorwärtshechtete und sich fallen liess. Marcus hastete ihm hinterher und stolperte direkt neben ihm über eine Erhöhung, sodass er vornüber stürzte und nahe dem anderen aufschlug. Es dauerte einige Augenblicke, in denen Henrys verzweifelte Schreie die Nacht durchschnitten, bis auch Marcus begriff, über welch grausigen Fund sie gestolpert waren.
Der grelle Schein der Taschenlampe erleuchtete die in einer Reihe ausgelegten Körper der vier Mädchen. Ihre Gliedmassen waren abgetrennt, neben den nackten, blutverschmierten Torsos drapiert worden. Phoebe, die Kleinste, war als einzige intakt, ihre schmächtige Kinderleiche zeigte keine Verletzungen, also kroch Marcus seinem Training gehorchend, ohne nachzudenken, zu ihr, um ihre Vitalzeichen zu überprüfen. Henry schluchzte, brüllte sich den Schock und seinen tiefen Schmerz vom Leib, indes wollte Marcus vergeblich das leblose Herz der Vierjährigen zum Schlagen bringen.
Blau-rote Blitze der herannahenden Polizeiautos wurden über den Nebel zu ihnen getragen, als Henry seine enthauptete Frau durch Tränen hindurch ansah und flüsterte: „Bitte, verlass mich nicht!“

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Titelvorgabe: Es waren viele – Es war einer

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