Mörderspiele

SarahAutorin: Sarah
Setting: Strandbistro
Clues: Etui, Badewanne, Gehörlosigkeit, Mathematik, Kriminalgeographie

Unruhig wälzte Dulé sich auf dem billigen Liegestuhl hin und her, die Sonne brannte unangenehm auf seinen Füssen, die vom Schirm nicht mehr verdeckt wurden, und der Mojito, den er vor einigen Minuten an der Bar des nahegelegenen Strandbistros gekauft hatte, drohte überzuschwappen. Der Strand vor voller Menschen, lauten Kindern und noch lauteren alkoholisierten Eltern, die durchs Meer rannten und planschten und früher oder später würde wieder jemand hinfallen, wobei Dulé einen Lachanfall würde unterdrücken müssen. Er fand diesen Ort unerträglich, doch sein bester Freund, mit dem er schon seit mehreren Jahren zusammenarbeitete und der ihn angeblich immer wieder aus seiner Misanthropie befreien wollte, hatte ihn zu diesem Strandurlaub eingeladen und leider diktierten ihm nun die soziokulturellen Konventionen, an einem Strand auf Hawaii herumzuliegen, anstatt zuhause in seiner Badewanne zu entspannen. Er war erst zwei Tage hier und schon erschien ihm alles oberflächlich und langweilig. Doch auch wenn ihn die Menschen hier langweilten, so konnte er zu seiner Erheiterung wenigstens Mordfälle erfinden, in denen die Touristen sich gegenseitig auf absurde und brutale Weise umbrachten. Der Tod, oder besser, sein gewaltvoller, unnatürlicher kleiner Bruder namens Mord, war Dulés Welt; er arbeitete als Profiler für das FBI und war durch seine Spezialgebiete Mathematik, Psychologie und Kriminalgeographie eine hilfreiche Bereicherung für das Team, um Mordfälle zu lösen.

Unwohl setzte er sich auf; in der Hitze war es ja nicht zum Aushalten, da half auch der Alkohol nicht. Sein bester Freund lag im Hotel und machte seinen Mittagsschlaf und er würde noch für einige Zeit weg sein. „Schlafen ist was für Weicheier“, murmelte Dulé, während er sich erhob. Seine Freunde von der Sondereinheit hatten ihn zu diesem Urlaub überredet, wohl da sie es für eine notwendige Intervention hielten, ihn für einige Zeit von allen Gewaltverbrechen wegzubringen, weil diese sein ganzes Leben geworden zu sein scheinen. Er hatte eingewilligt, wusste jedoch selbst nicht genau, ob es war, weil er es wollte, oder weil es eine soziokulturelle Konvention zu sein schien, auf Hawaii am Strand Urlaub zu machen. Ein leises Lächeln flog über sein Gesicht – als ob er die Verbrechen in seinem Kopf nicht überallhin mitnehmen konnte! Der Kellner vom Strandbistro zum Beispiel, ein untersetzter Einheimischer, der in fast alles Shrimp mischte, wäre ein wahrscheinliches Opfer. An seinem Unterarm war ein hellerer Fleck zu sehen, wo vor kurzem wohl ein Gangtattoo entfernt worden war. Dann wäre da noch die elegante ältere Dame mit ihrem wesentlich jüngeren Lover dran, die von ihm wegen dem grosszügigen Testament ermordet werden würde.
Dulé lehnte sich mit einem Lächeln auf den Lippen zurück, bevor er seinen Drink leerte und kramte die Sonnenbrille aus ihrem Etui, um sie aufzusetzen. Ja, sein kleines Mordspiel war sehr entspannend – obwohl niemand um ihn herum dies zu verstehen schien, da alle dachten, er würde irgendwann durchdrehen und selbst Leute umbringen. Immerhin wünschte er sich im Moment nicht mehr, in seiner Badewanne unterzutauchen und sich der vermeintlichen Gehörlosigkeit unter Wasser hinzugeben. Mit einem leichten grinsen schlief er friedlich ein.

Lautes Rufen weckten Dulé unsanft aus seinem Nickerchen. Er öffnete die Augen und brauchte einige Augenblicke, bis sich seine Netzhaut an das grelle, dunkelgelbe Licht der über dem Meer untergehenden Sonne gewöhnt hatte. Dann konnte er eine Menschentraube erkennen, die sich um den Bereich der Strandbar gebildet hatte und die einen auf dem Boden liegenden Körper umringte. Jemand hat den Barmann umgebracht und ich wusste als Einziger schon zuvor, wer der Täter war, schoss es Dulé durch den Kopf, während er sich so rasch erhob, dass sein Brillenetui und sein leerer Drink zu Boden fielen. Als er zu der Menschenmenge hinüberhastete, erkannte er rasch, dass der leblose Körper, der wie ein erlegtes Tier auf dem Boden lag, nicht der füllige Barmann war, ja nicht einmal die reiche ältere Dame. Es war ein schlanker weisser Mann um die vierzig, dessen schwarze Kurzhaarfrisur Dulé an seinen Freund, Special Agent Hogan, erinnerte.
Er kniete sich neben der Leiche hin, während er den Umstehenden zurief, sie sollen den Notruf wählen. Hastig, beinahe schon fahrig, warf Dulé einen zweiten Blick auf die Leiche und erkannte, dass es tatsächlich Hogan war. Bei allen potentiellen Opern seines kleinen Mörderspiels war er nie auf die Idee gekommen, dass sein Freund ermordet werden könnte; Wer bringt denn schon einen FBI-Agent im Urlaub um?, fragte er sich noch immer ungläubig, bevor er erschrocken murmelte: „Ich habe versagt. Ich hätte es wissen müssen.“
Seine Freizeitbeschäftigung war eben zu bitterem Ernst geworden und Dulé begriff, dass er auch bei seiner Arbeit noch nie zuvor einen Mord derart ernst genommen hatte. Wahrscheinlich stehe ich noch unter Schock, dachte er, während er weiter auf dem leblosen Körper seines besten Freundes starrte, an dessen Hinterkopf ein Einschussloch klaffte. Es dauerte einige Sekunden, bevor sich der Profiler entschlossen erhob und die Umstehenden musterte. Wenn er den Drecksack finden wollte, der dies getan hatte, dann würde er schnell sein müssen und das ganze wieder als Spiel sehen, in dem er bloss seine Geschicklichkeit beweisen wollte. Er begann nachzudenken, auf was für eine Persönlichkeit die einzelnen Hinweise hindeuteten, die der Täter ihm hinterlassen hatte. Er würde den Mörder seines Freundes finden, egal was er dafür würde tun müssen. Dulé seufzte gequält auf, als er begriff, dass er seinen Urlaub auf dieser sonnenverbrannten Insel würde verlängern müssen.

Die Lagerhalle in der Nähe des Strandes war bis auf einige Kisten leer. Hogans Mörder war an einen alten Metallstuhl gebunden, der in der Mitte des Raumes stand und wohl auch schon bessere Tage gesehen hatte. Der Mann war um die vierzig Jahre alt und trug unauffällige Kleidung. Er war Familienvater und schien zusammen mit Frau und Kindern seinen Urlaub auf Hawaii zu verbringen, bis Dulé im leeren Gang des Hotels hinter ihn getreten war und ihn mit einem Taser ausser Gefecht gesetzt hatte und bevor er ihn schliesslich entführte. Eben trat der Profiler durch das grosse Tor in die Halle, eine 9mm-Automatik in der Hand. „Ich weiss jetzt, warum Sie meinen Freund ermordet haben“, erklärte er mit ruhiger Stimme.
Auf dem Gesicht des anderen Mannes konnte man Angst erkennen, doch auch Verwirrung. „Ich habe niemanden umgebracht! Und woher wollen Sie das wissen?“
„Ich weiss es von Ihnen“, erwiderte Dulé ruhig. „Man muss Menschen bloss lange genug beobachten und ihr Leben zerlegen, wenn man etwas über sie wissen will. Sie zu Beispiel haben mit ihrer Frau häufig Streit und eine Scheidung steht kurz bevor. Würde ihre Frau wissen, dass Sie eine Vorstrafe wegen pädophiler Handlungen haben, würde sie den Sorgerechtsstreit gewinnen. Irgendwie, ich habe keine Ahnung wie genau, haben sie Hogan als Gesetzeshüter erkannt und dachten sich, dass er wegen neuer Verbrechen gegen Sie ermittelt, darum haben Sie ihn von hinten erschossen.“
„Das ist eine schöne Theorie, und wie wollen Sie das beweisen?“, fragte sein Gefangener wütend. Er schien die Wut bloss vorzuschieben, um keine Angst zu zeigen.
„Gar nicht“, erklärte Dulé trocken, hob seine Waffe und schoss dem Mann in den Kopf. Während er auf den Leichnam vor sich blickte, begriff er endlich nicht mehr bloss theoretisch, warum jemanden einen Mord begehen konnte, ohne auch nur ein kleines Bisschen Reue zu empfinden.

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